GietzeimZainilienbMer

________Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1958 5=== Montag, den 13. Juni

Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT don Maria Josepha Krück von poturzyn

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

5. Fortsetzung.

Tod für Trafalgar.

Allmählich erst, als das Jahr 1805 zu Ende ging, sickerten die authen­tischen Nachrichten durch bis London: Europa hatte sich nicht gerettet wie England, weil die Mächte des Kontinents um den Anteil an künf­tiger Beute feilschten zögerten, schwankten ... Indes französische Truppen vor Ulm über die Oesterreicher siegten, vor Austerlitz gegen zwei Kaiser der Korse selbst Wien besetzte und Preußen zu Schön­brunn mit ihm verhandelte um den Preis von Hannover!

Pitt war in Bath, ein schwerer Anfall von Gicht hatte ihn nieder- gestreckt, eine Kur schien unumgänglich für ihn für das Land ...

Aber er fuhr aus, empfing seine Minister, arbeitete bis in die Nacht wie in London ... Europa war verloren, wenn die Koalition nicht neu Zustande kam verloren an das Chaos durch die Völkergeißel Napo­leon! Fünfundsechzigtausend Mann hatte Pitt nach Hannover geschickt, das Erbland seines Königs zu verteidigen, nie hatte der Kontinent eine solche Anzahl englischer Streiter gesehen. Aber Friedrich Wilhelm ließ sich Hannover von Napoleon versprechen die Truppen Englands stan­den eingekeilt zwischen Franzosen, Preußen und der vereisten Weser. Jtütfberufung forderte König Georg ... Die Opposition des Parlaments verhöhnte Pitt.

Ein neuer Anfall von Gicht kam, heftiger als zuvor; er nicht mehr und lebte von Portwein.

Die Kur ist unnütz bei solcher Lebensweise! stöhnten die Aerzte.

Ihm war es recht, er fuhr nach Hause, in das kleine Besitztum von Puiney Heath, wo er Downingstreet nahe war und Hefter sich nach ihm sehnte.

Zwei Tage dauerte die Fahrt. Mechanisch griff er in die Bibliothek nach Büchern, die ihn unterwegs zerstreuen konnten die Kabinetts­geschichte Katharinas der Großen zog er heraus und die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges von dem Deutschen: Schiller ... Preußen! Da war wieder die Sorge um dieses Land, das die Zunge an der Waage blieb; er wollte Friedrich Wilhelm Holland und Belgien bieten, einen verbindenden Landstrich dahin und jährliche Subsidien für jeden Mann, Oer aus der Schule Friedrichs des Großen gegen Napoleon zu Felde stand ... Die Heilige Koalition mußte gelingen! Aber der Preußenkönig beharrte auf Hannover und König Georg hatte seinem Kanzler ver­boten, auch nur den Namen seines Stammlandes auszusprechen!

Als Pitt in London an kam und Hefter zur Treppe sprang, taumelte sie zurück, ehe er sie sehen konnte, schloß die Tür hinter sich und siel auf oie Knie ... Da war das Zeichen, riesengroß auf seiner Stirn ... Tod für Trafalgar! tönte es mit jedem Schlag ihres Herzens, und ein höhnendes Echo gab es zurück.

Die Heilige Koalition scheiterte an Hannover. Napoleons Niederlage zur See folgten Siege zu Lande. Am 19. Januar des neuen Jahres "Wen die englischen Truppen aus Hannover zurückberufen werden; lechzigtausend Soldaten waren umsonst auf den Kontinent geschickt; eine Million Sterling verloren an Oesterreich, dessen Kaiser auf der Flucht JJor dem Korsen in Preßburg saß; eine Million an Rußland, das nach ver Niederlage von Austerlitz seine Truppen abberief ...

Und die Parlamentseröffnung am 22. Januar stand vor der Tür!

Minister kamen und gingen in Putney Heath, holten Rat von einem Menschen, dessen Geist nur ein übermächtiger Wille noch auf Erden Heft. Pitt sprach über Indien, Preußen, die Whigs und Napoleon mit 6lner Heberschau und prophetischen Klarheit wie nur je. Zwischendurch, rcenn die Besuche das Zimmer verließen, schlich eine Frau zur Tür herein und kniete an seinem Lager.

.... --Du wirft zuletzt auf dem Kontinent gewinnen wie auf dem Meer!" ttusterte sie mit aller Inbrunst.

Wette:Ja Trafalgar ... Aber jetzt brauchst du nicht über Geschäfte zu sprechen es wird noch genug Zeit sein dafür ... Hefter,' nmd, erzähl mir von dir!"

Seine Stimme, die weiche, herrliche Stimme, aus der seine gaizze peele klqng, war gebrochen und seine Augen wußten um den Tod. Aber Hefter sprach so, wie er es liebte trotzdem in ihrer Brust eine Satte

Am Abend des 2. Januar 1806 war es. Sie legte die Lippen auf die feinen und fühlte die Hand auf ihrem Scheitel eine lange Weile.

Ich danke dir, Hefter, und ich segne dich"

Dann ging sie hinaus, ohne Wort, ohne Träne.

Die letzte Nacht, das wußte sie, gehörte England.

.."fester, liebe Seele ist sie schon weg ...? Wo ist Hefter?" flüsterte er.Ich weiß, sie liebt mich"

James Stanhope, der junge Neffe, wachte bei ihm. Er antwortete mast. Die Stimme wurde leiser. Die Frage erlosch

Woher kommt der Wind? Von Osten? ... Horch? Bringt er Nach- richt von Berlin?"

Bischof Tomiine, der alte Lehrer, kommt:Wollen Sie das Sakra­ment empfangen?"

,Lch habe so wenig gebetet im Leben soll ich jetzt damit be- ginnen? Ich werde nicht würdig sein ... Gott und der Menschheit habe ich dienen wollen wenn auch mit Fehlern ..."

Drei Stunden vor Sonnenaufgang, am Morgen des 23. Januar, als S)efter tranenlos und nur mehr halb bewußt in ihrem Zimmer lag, "orte James Stanhope die letzten Worte:Mein Land! Wie taffe ich mein Land zurück!" ... " *

*

Im eröffneten Parlament erhob sich Grenville zum Vorwurf gegen bie Regierung. Da brachte ein Bote die Todesnachricht aus Putney Heath Grenville stockte, schwieg und setzte sich. Heber seine Wange rollte eine Trane.

König Georg gewährte Pitts einzigen Wunsch an sein Land, für Hefter Stanhope zu sorgen.Man gebe ihr die höchste Pension, die eine Frau erhalten kann", schrieb er eigenhändig.

Fox aber, der zur Regierung kam, bat die Nichte des gestorbenen Gegners, ihr eine Jahresrente überweisen zu dürfen.

Hefter weinte nicht, als sie ihn mit königlichem Prunk in der West. mmster-Abte, beerdigten nicht, als sie feine und ihre Sachen in Downingstreet packte; auch nicht, als sie hörte, daß der Antrag auf Er- richtung eines Denkmals für den Helden ihrer Seele mit knapper Stirn- menmehrhett durchgegangen war ... Sie schien es zu übersehen, daß Menschen, die vorher bis zur Erde gedienert, jetzt an ihr vorüberfuhren.

(Erft nach Wochen, als sie Lord Melville wiedersah und gewahrte, daß die Brauen des harten Schotten weiß geworden, brach sie in Tranen aus. 1

Der Schiffbruch.

Zwei Jahre lang hatte Hefter Stanhopes Glück gedauert. Vier Jahrs von nun ab wußte England nicht viel mehr von ihr, als daß sie ihren Brüdern Charles und James das Haus führte, alte Freunde Pitts empfing, umgeben von Bildern des berühnsten Toten; Einladungen nach Irland ablehnte und sich im Sommer nach Wales vergrub. Geflissentlich mied sie die große Welt, die sich darin gefiel, nunmehr von der ,/armen Hefter Stanhope" zu sprechen, die schon zweiunddreißig Jahre alt war, keinen Mann und keinen eigenen Wagen hatte.

Schließlich, als Charles, der kleine hübsche Bruder, als Offizier in Spanien fiel und zugleich General Moore mit Hefter Stanhopes Namen auf den sterbenden Lippen beschloß sie, das Land zu fliehen, das für fte eine einzige schmerzhafte Erinnerung geworden, zu Ende getragenes Schicksal.

General Moores Tod ist schuld", wisperten jene, die immer alles wußten; ,^ewiß hätte er sie doch noch geheiratet."

Hefter hörte weniger denn je auf das, was jene Kreise sprachen, in deren Mitte sie einst gelebt. Eine bohrende Sehnsucht nach Freiheit trieb sie hinaus in die Welt, nach Süden, Osten, irgendwohin. Allzu groß konnte das Gefolge nicht fein mit ihren 1200 Pfund Pension im Jahr. Ein junger Arzt, Dr. Meryon, frisch von den Studien gekommen: Miß Williams, die treue Zofe aus den Tagen mit Pitt; ein paar Be­diente noch, das mußte genügen.

James, der Bruder, kam bis Gibraltar mit. Er war der einzige, der ihr geblieben aus der ganzen großen Familie. Denn Lord Stan­hope hielt die Tore von Chevening verschlossen für seine Kinder, die sich entschlossen hatten, auf öffentliche Kosten zu leben"; und Philipp Henry, dem Namensträger, konnte sie nicht vergeben, daß er, wenige Monate nach Pitts Tod, sich mit dessen Gegnern zu Tisch gesetzt.

Es war ein stürmischer Vorfrühlingstag, Februar 1810, als Eng­lands Küste in den grünen Wellen versank. Sollte sie trauern? Das Vaterland hatte ihr Pitt genommen, und Pitt war England gewesen für sie.

Drei Wochen schon dauerte die unruhige, oft unterbrochene Fahrt; der Abend sank über einem Märztag. Das Schiff stieß hart auf Grund, saß fest...