Weyerberg entdeckten, da waren es nicht nur Vie Brucken und Torf- tchitfe, die Strohdächer und Eichengruppen, die Moorgräben und Birken- reihen, die ihnen immer neue Ueberraschungen bereiteten, sondern vor allem das unvergleichliche Glimmen und Glänzen, das sich vom J)un= mel auf dies Gebreit niedersenkte und es verklärte. Wie denn auch ihre Bilder, jedes auf seine Weise, davon erfüllt sind. Und wenn noch heute den guten und ehrlichen Kunstwerken, die von hier ausgehen, seien es, Bilder, Melodien, Photos, Gegenstände des Kunsthandwerks oder Dichtungen — auch jenen, die thematisch nichts mit Worpswede zu tun haben — ein feiner Duft anhastet, kaum spürbar oft, aber doch vorhanden, der sich draußen in der Fremde als etwas Besonderes eben als etwas Worpswedisches aus den sonstigen Arbeiten heraushebt, dann rührt auch das wohl von dem Weben und Walten der Atmosphäre her, die alles, was hierzulande entsteht, mit zarter Innigkeit durchdringt.
Besucher, die aus der lebhaften Formenwelt der Mittelgebirge oder der südlichen Gegenden des Vaterlandes nach Worpswede kommen, gestehen wohl zu, daß die Größe und Weite unserer Landschaft nicht ohne Wirkung auf sie bliebe, halten aber zuweilen mit der Befürchtung nicht zurück, diese einfachen Linien, diese waagerecht hintereinander geschichteten Farbstreifen, diese Ausblicke ins Ferne und Grenzenlose möchten, wenn sie einem Tag für Tag vor Augen stünden, doch an Reiz verlieren, ja geradezu langweilig werden. Nun, da frage man einmal diejenigen, die es wissen müssen, die Maler, die alten zuerst, die bereits ein Menschenalter hier verbracht haben! Sie werden sagen, daß sie noch nicht einmal an zwei Stunden die gleiche Landschaft erblickt hätten, geschweige denn Tag für Tag. Ehe man eine landschaftliche Stimmung auch nur skizzieren könnte, habe sie sich schon wieder in eine vollständig andere verwandelt.
Abermals liegt es am Licht. Anderswo ist das Landschaftsbitd fest gefügt, himmelan und ringsum. Da haben Fels und Kluft, Bergwand und Sturzbach, Waldtal und Landstraße, Kuppe und Wiesenhang ihre beherrschende Geltung. Bei uns indessen, wo das Licht, und noch einmal das Licht den Charakter der Landschaft hervorbringt, genügt an einem trüben Tag eine hellere Stelle im Gewölk, die an der Sonne vor- heizieht, um alles von Grund auf zu verändern, genügt, wenige Minuten später ein tieferer Schatten, um die Welt abermals umzufchaffen, genügt, wenn Narer Sonnenschein strahlt, ein Zirrusschleierchen, eine weiße Kette von Schäfchen, eine vorüberschwimmende Haufenwolke, um - drei verschiedenen Landschaften zu einem schwebenden Dasein zu verhelfen. Bon den Tagen gar nicht zu reden, an denen durcheinanderwogende Wolkenzüge mit Lichtbahnen, Rauchfetzen, Fallstreifen, feuchten Sonnenblicken und nachtschwarzen Regenwänden über die Ebene eilen. Eine solche Landschaft des ewigen Wechsels kann einfach nicht langweilig werden, zu keiner Stunde, in keiner Jahreszeit, unter keinen Umständen. Selbst nicht bei schlechtem Wetter. Denn es ist die Frage, ob sie nicht Kbe dann ihre äußersten und gewagtesten Schönheiten offenbart. Man jedenfalls darüber streiten, wann sie sich bewegender ausnimmt, in Bläue und Sonnenglast oder verschleiert vom matten Silber einer Hagelbö, hinter der die Ferne noch in goldenen Pastellfarben cmf- leuchtet, im graublauen Dunst eines Frühlingstages oder im aufreißenden und wieder zusammendampfenden Rebel eines Herbstmorgens mit der Totenstille und dem Betropfe von Baum und Strauch, im Frieden eines rosa überhauchten Abends oder im unvorstellbaren Getümmel eines dahinrasenden Nachtgewitters, wenn die Ebene weithin in blauen, Ala und rötlichem Geifterlicht aufflammt. Es ist eine unendliche Landschaft, unendlich im Raum und unendlich im zeitlichen Wandel der Erscheinungen.
Wer dieses Großen und Himmlischen erst einmal so richtig innegeworden ist, der wird hinfort auch die Einzelheiten und kleinen Dinge nicht anders als eingebettet in den atmenden Rhythmus des Lichts sehen können: die gesammelte Kraft einer Eiche etwa, die rührende Anmut eines Wollgrasflöckchens, die Gewachfenheit und das Schweigen eines baumumraufchten Gehöfts, das seidige Fliehen des Wassers über ein Klappstau, die Blüten eines Baumgartens mit den absinkenden Weiden und Hecken dahinter, das Moos auf einer verwitterten Backsteinmauer, die düstere Fläche eines Torfstiches, den schwerem Flug eines Fischreihers durch den Abend, die luftumflossenen Gestalten der Moorbauern bei ihrer niederkrümmenden Arbeit und die ruhigen, hellen Augen der Kinder.
©er Apottofatter.
Von Rudol'f Kreutzer.
Als ich noch ein Knabe war und in die unteren Klassen der Lateinschule ging, wohnte in der Sendlingerstraße in einem schönen und vornehmen Hause der Herr Rackl, der Finanzrat Erwin Rackl, ein stattlicher, freundlicher Mann in mittleren Jahren, mit einem blonden, wehenden Vollbart und funkelnden Brillengläsern. Ich kam oft in sein Haus, denn er war ein Freund meines Vaters, und ich hatte zruveilen eine Bestellung auszurichten oder etwas zu ihm zu bringen, aber auch wenn ich nichts auszurichten oder zu bringen hatte, ging ich gern in fein Haus und erfand leicht irgendeinen Vorwand, denn die schöne und noch sehr junge Frau Rackl, hatte immer, wenn ich kam, ein kleines Geschenk, eine kleine Freude für mich bereit. Es war dies aber nicht etwa der einzige Grund für meine häufigen Besuche, sondern es gab im Hause Rockel eine Kostbarkeit, einen Schatz, wie es mich dünkte, eine Schmetterlingsfammlung, die ich nicht oft genug sehen und bestaunen konnte und vor der meine eigene bescheidene Sammlung allen Glanz verlor. Da staken in einem großen hölzernen Kasten unter dem blitzenden Glasdeckel, starr und reglos, mit vorgestreckten Fühlern, die vielen Falter, die schmalen Leiber van feinen, kaum sichtbaren Nadeln wie von hauchdünnen, silbernen Lanzen durchbohrt und breiteten die tote Pracht ihrer samtenen, goldgeschmückten Flügel wie schöne Sinnbilder des
Vergänglichen vor meinem staunenden Blick, die scheuen, lautlosen Gäste der Sommerwiesen, die unbegreiflichen Farben und Wunder meiner Knabenträume: Admirale, bunt und leuchtend wie die Flaggen der Schiffe auf dem Meere, Kaisermäntel, kostbar und prächtig wie Brokat, Perlmutterfalter mit Flügeln, die schimmerten wie von Juwelen, schwer- wütige Trauermäntel und lustig blitzende Bläulinge. Einer aber war unter ihnen, ein scheuer und fremder Gast, ein Niegesehener auf den Fluren der Heimat, der aus den einsamen Höhen der Berge kam, und der den Namen eines Gottes trug, ein Apollofalter, und ich wurde nicht müde, den Fremdling immer wieder anzuschauen, der mir schöner und lichter dünkte, als alle die Farbenwunder, die ihn umgaben. Da'spannten sich aus dem flaumigen Samt feines Leibes die glaszarten, zerbrechlichen Flügel und es war, als ginge keife noch der Atem über sie hinweg und bewegte zitternd die blutdunklen, rubinroten Kreise, die wie purpurne Monde an den Flügelrändern sünkelten und mitten durch Den kühlen, silbrigen Glanz der schöngerundeten Schwingen lief geheimnisvoll gläsern das unfaßbar zarte Geäst der Adern, ein unausdenkbares, traumhaftes Gewirr von hauchdünnen Linien und Figuren, die einander tastend suchten, sich ineinander verschlangen und wieder auseinander strebten. Ost faß ich, über den hölzernen Kasten gebeugt, reglos mit froh erschrockenem Atem und immer, wenn ich auf das gebreitete Flügelpaar des Apollofalters blickte, fo schien es mir, rote eine aufgetane stille Frage an meine Seele, auf die ich keine Antwort wußte, wie ein sichtbares Gleichnis eines unsagbar Schönen und Beglückenden, das wie ein Geheimnis in das ewige Leben der Schöpfung verwoben war und von dem ich fchaudernd ahnte, daß es ferne und noch unerkannt, auch in meiner Seele wohne.
Einmal, an einem schulfreien Nachmittag, war ich wieder im Hause des Finanzrates. Ich saß, wie immer, über den Schmetterlingskasten gebeugt, versunken im Anblicke des schönen Falters, und plötzlich stand Frau Rackl neben mir, und indem sie mir die Hand leicht auf die Schulter legte, fragte sie mich, ob sie mir vielleicht den Apollosatter schenken sollte. Ich blickte verwundert und fast erschrocken in bas stille, gütige Gesicht, das sich zu mir niederbeugte, und wagte nicht zu antworten. Da ging Frau Rackl aus dem Zimmer, und als sie nach einer Weile zurückkam, da hatte sie eine schmale Schachtel in den Händen, auf deren Boden sie ein kleines Korkplättchen befestigt hatte. Dann hob sie den gläsernen Deckel des Kastens aus den Angeln, und mir war, als hätte sie mit einem Zauberschlüssel das Tor zu einem Geheimnisse geöffnet, ich sah ihre schönen, schmalen Hände behutsam nach dem Falter greifen und ihn aus dem bunten Kranze der übrigen Schmetterlinge lösen, und bann war er plötzlich aus bern Kasten unb in ben feinen behutsamen Hänben ber Frau Rackl, er blitzte unb funkelte im hellen Lichte der Sonne, das durch das offene Fenster fiel, unb es war, als rege er leise die scheuen, vorgestreckten Fühler, aber bas war wohl nur in meiner Einbilbung ober weil mein banger Atem sie bewegte. Auf einmal aber hielt ich bie kleine Schachtel in ben Händen, in die Frau Rockel den Falter gesteckt hatte, unb ich würgte einen ftammelnbcn Dank hervor unb lief ohne Gruß aus dem Zimmer, lief bie Treppe hinab ins Freie.
Als ich jedoch in bie nächste Straße einbog, ba staub an ber Ecke der Karl Haider, ein grober unb ungeschlachter Junge, ber mit mir in bie Volksschule gegangen war, unb mit bem ich manche Knabenrauferei zu bestehen gehabt hatte. Ich tat, als hätte ich ihn nicht gesehen unb versuchte an ihn vorbeizukommen, aber er hatte mir schon ben Weg verstellt unb begehrte zu wissen, was ich in ber Schachtel hätte, bie ich fo behutsam trage. Ob ich denn immer noch mit Maikäfern spiele, fragte er mich höhnisch, da ich die Schachtel zu verbergen suchte, und er wolle doch sehn, was ich ba Kostbares nach Hause trüge, unb babei griff er nach ber Schachtel unb versuchte, mir sie zu entreißen. Ein ohnmächtiger Zorn ergriff mich und zugleich eine heiße Angst um ben Besitz bes Falters, und plötzlich hob ich bie freie Hanb unb schlug mit ber Jaust mitten in bas Gesicht meines Peinigers unb bann lagen wir am Boben unb wälzten uns im Kampfe, unb als die Rauferei zu Ende war und ich verschmutzt und verstaubt aufftanb, ba lag bie kleine Schachtel zerbrückt unb zerbeult am Boben, und ich griff rasch noch ihr und lies mit keuchendem Atem davon unb wagte nicht, fie zu öffnen und hineinzusehen unb betete im Stillen, daß ein Wunber geschehen unb ber Apollofalter unversehrt fein möchte unb glaubte hoch nicht mehr daran unb hatte doch keine Hoffnung mehr. Als ich bann enblich zu Haufe war, schlich ich still in mein Zimmer und öffnete, indes mein Herz in bangen Schlägen pochte, bie Schachtel unb ba lag ber Apollo?, satter, ber schone Frembling mit dem Götternamen, ber lichteste unb zarteste seiner Brüher, mit zerbrochenen Flügeln unb wie kleine blitzenbe Scherben von Glas lagen verstreut die Reste seiner Schwingen umher, unb ich griff nach bem größten der funkelnden Stücke und betrachtete es lange mit tränenerfüllten Augen, unb als ich es bekümmert wieher zu ben anberen legte, ba sah ich, daß mir an ben Fingern ein feiner, golbener Staub zurückgeblieben war, wie von bem offenen Blütenkelche einer Blume.
Dies ist nun schon lange her, und wenn ich zurückdenke, so hat es in meinem Geben feither noch manches Zarte unb Schöne gegeben, an bas sich gerne meine Seele verloren hätte unb bas mir bann hoch wieder unter ben Hänben zerhrach. Manchmal aber will mir scheinen, als fei jenes frühe Erlebnis bes Knaben mir immer nahe geblieben unb als müßte ein ferner Glanz, ein leiser Nachhall baoon für immer in meinem Geben bleiben unb wenn mir je in ben Sorgen unb Wünschen unb Zielen, bie mich fortan umgaben, ein schöner unb lichter Traum verblaßte, ein halbes Bilb zerfiel, so brauchte ich nur zurückzuhenken an jenes Erlebnis aus ber Knabenzeit, ba mir zum erftenmale in meinem Geben bas Wissen von ber Vergänglichkeit alles Schönen von ben zerbrochenen Flügeln eines Slpollofalters zugekommen war, von deren holdem Glanz mir nur noch, wie eine letzte unb kostbare Erinnerung, ein feiner goldener Staub an ben Fingern zurückgeblieben ist.
Derantwortktch: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Berlag: Brühlsche Untverfitütsdruckeret 2t. Gange, Gießen.


