Mittelpunkt seiner Novellen. Die Erzählung, in der Herr Dusedann, der zweiunddreißigjährige Junggeselle, auf dem Wege über die bei ihm plötzlich erwachte Vogelliebhaberei sein« Braut findet, heißtRotkehl­chen".Der Neuntöter" (das ist der Titel einer der schönsten Seidelschen Novellen) gibt als frischgefangener Käfiginsasse durch die Sangeskunst seiner Kehle dem dahinsiechenden Malerfreund Böhlau erneute Schaffens­lust und verklärt ihm die letzten Lebenstage. S)ier ist der Ingenieur Sei­del als der Spender des Frühlingsboten der echte Vogelwirt vom alten Schrot und Korn.Odysseus" ist, wie der Untertitel selbst sagt,eine Bogel- und Menschengeschichte". Seidel war nicht nur Vogelliebhaber, sondern regelrechter Ornithologe. In seiner JugendgeschickteVon Perlin nach Berlin" hören wir, wie er in dergarten- und wasserreichen" Stadt Schwerin die Vogelstudien anfing. In seinen alten Tagen noch trieb es ihn,durch Büsche zu kriechen und auf Bäume zu klettern, um Vogelnester zu suchen, zur großen Verwunderung nüchterner und ver­ständiger Leute über solch kindliches Tun". Sein Lieblingsvogel war der Pirol. In seinem letzten BucheReinhard Flemmings Abenteuer" ist ganz besonders schön die Schilderung des von Pirolen wimmelnden Kirsch­gartens. Des Dichters ornithologische Neigungen waren so groß, daß er 1888 zu Vogelbildern von Giacomelli den Text (darunter auch mehr oder weniger gelungene Gedichte) schrieb. Das Buch es hat den Titel Natursänger" hat jedoch in der Fülle des ornithologischen Schrift­tums nur noch antiquarischen Reiz.

Unter unseren zeitgenössischen Dichtern ist Ernst W i e ch e r t ein ver­trauter Freund der heimischen Vogelwelt. Mit den Vögeln und den an­deren Tieren der ostpreußischen Landschaft ist der masurische Försterssohn ausgewachsen. Unter des Vaters Leitung lernte er mit sieben oder acht Jahren schon, den Haubentaucher mit der Kugel zu schießen. Wildenten, Sperber und Tauben holte er aus dem Fluge herunter. Der Hühner­habicht, der Milan, der Schreiadler, sie alle wurden seine Deute. Mit dem zahmen Kranich gar verknüpfte ihn aus dem elterlichen Hof für kurze Zeit ein rührendes Band von Liebe und Anhänglichkeit. Dem gereiften Manne erscheint es heute, als sei er dem Herzen Gottes niemals näher gewesen, als in den Stunden, in denen die kindliche Hand über das Ge­fieder dieses Kranichs glitt. Nur der königliche Fischadler, bei dessen schwermütigem Schrei sich zum erstenmal das ;,Unnennbare" in ihm rührte, blieb der Sehnsucht des jugendlichen Jägers versagt: dafür ist der Dichter dem großen Vogel heute noch dankbar. Denn er ist für ihn das Stolzeste und Unerreichbarste geblieben, was ihm die Heimat auf ein« gütige Weise vorenthielt,damit die Hand nicht entweihte, was nur der Seele gehören sollte". Wundersam sprechen diese Erinnerungen zu uns inWälder und Menschen". Daneben lasse man die Stelle in der .Hirtennovelle" auf sich wirken, wo ,cher Ruf des Pirols mit süßer Ein­tönigkeit über den Wald gefallen war", während das Kind Michael vor dem toten Vater und demSoldaten" unter den gesplitterten Besten des niedergebrochenen Baumes ftanb. Dann beachte man die Rolle, die der Wiesenschnarre (dem Wachtelkönig, crex, crex, d. Verf.) in derMajorin" zugedacht ist. Nicht weniger als llmal spricht der Dichter von dem ein­samen Vogel, der mit seinem unermüdlichen Rufüber der Ernte wacht": Auch er bindet den so unheilvoll verwirrten Jäger Michael, dieses Opfer des Krieges, und der afrikanischen Gefangenschaft, an die ostpreußische Heimat:Eine Wiesenschnarre ruft hinter dem Feld, und es ist gut, auch ihr zuzuhören, dem eintönigen und so einfachen Ruf, in dem alle leisen Geräusche der Nacht zusammenströmen als in einem Mittelpunkt, dem allein zu sprechen erlaubt ist, in dem großen Schweigen der Felder und Wiesen." Die Fülle des Vogelwissens, über die Wiechert ganz offen­bar verfügt, stellt das in den Schatten, was viele andere Dichter gelegent­lich über ihre Beziehungen zur Vvgelwelt durchsickern lassen.

Hans C a r o (fa erzählt inFührung und Geleit", daß er z. B. die Nonnenmeise, die Blaumeise und den Kleiber erst im Krankenftiibchen des langsam sterbenden und doch so glaubensstarken Goldschmieds kennen­lernte. Wenn er aber vom Schnabel der Nonnenmeise zu berichten weiß, daß ervon eifrigen Hämmern oft wie ein Meißel quer abgeschlisfen ist", und daß der Kleiber5, 6 Körnchen auf einmal nimmt, um seine heim­liche Vorratskammer zu bedenken", so zeugt das von einer überdurch­schnittlichen Beobachtungsgabe des Dichters. Den rotrückigen Würger lernt Angermann (Geheimnisse des reifen Lebens") kennen, als der In feinem Garten brütende Vogel eine Katze angreift. Er hört bei dieser Gelegenheit von dengrausamen Gewohnheiten", die man diesem Vogel nachsagt. Gerechterweise fügt er hinzu, daß er bzw. Cordula noch keine Untat ihm nachweisen könnten. Daß Earossa einen offenen Blick für Vorgänge in der Vogelwelt hat, beweist eine andere Stelle inGeheim­nisse des reifen Lebens". Dort erzählt er, wie durch mitleidige Menschen die am Fuße der Alpen von eisigen Herbststürmen auf dem Zuge über­raschten Schwalben planmäßig gesammelt werden, um mitgroßen Luft­schiffen" über das Gebirge nach Italien befördert zu werden.

Eine kleine anmutigeBetrachtung" über unsere Vögel, hak Otto G m e l i n geschrieben. Sie heißtWas da singt und klingt..." und ver­rät viel ornithologische Senntniffe. Sie ist so recht geeignet, in stillen Minuten im sommerlichen Garten gelesen zu werden, zur kurzen Unter­haltung und Belehrung, nicht zum Studium.

Auch in den Werken von Frauen stoßen wir auf oft recht deutliche Spuren von Vogelkenntnissen. So klingt Josefa Berens-Totenohl ImFemhos" das traurig-süße Lied des Kreuzschnabels aus dem Fichten­dickicht,als finge er fein eigen Herzeleid". Damit findet sie eine recht treffende Kennzeichnung dieses bescheidenen Gesanges, den die weitaus meisten unter uns noch nie gehört haben. Besonders gut beobachtet die Dichterin an der Stelle, wo sie den alten Müller erzählen läßt, daß das Spatzenweibchen innerhalb weniger Tage sich den dritten Gatten zu- gelegt hat. Die Wissenschaft weiß, daß es mit der f»genannten Gatten- treue bei unseren Vögeln nicht weit her ist, und daß, wenn während der Brutzeit ein Teil ausfällt, der überlebende schnell einen anderen Partner entnimmt: Der Vogel dient rein triebhaft der Arterhaltung. Josefa Berens- Totenohl zeigt hier jedenfalls, daß ihr die sentimentale, vermenschlichend« Tierbetrachtung fern liegt, di« mit ethischen und moralischen Werturteilen arbeitet.

Don Her Höhe Ihres Lebens hakt dl« Schwelzerkn Marko M afrv Rückschau auf das eigene Wachsen und Werden und nennt diese Arbeit voll reifer WeisheitSinnbild des Lebens". Mit besonderer Liebe gedenkt sie dabei des naturverbundenen Vaters. Das Allerschönste, so meint war es doch, wenn sie mit ihm im dämmernden Morgen auszog zum Frühgesang der Vögel. Seiner gütigen Führung gelang es in der Tat, sie mit all den Stimmen der kleinen Sänger vertraut zu machen:Nach und nach lernte ich sie alle kennen und auch den Gesang der Nahever­wandten unterscheiden, den männlich goldenen der Singdrossel vom weid« lichen dunkleren der Amsel, den flimmernden der Gartengrasmücke vom leuchtenden des Schwarzkopfes, lernte die zwitschernden schmelzenden Stimmen von Garten- und Hausrotschwänzchen trennen und die Ruf» der sieben Meisen und lernte hineinlauschen in das süße Geschwätz dev Laubsänger". Di« Dichterin verfügt aber nicht nur über ein ganz um gewöhnliches Maß von feldgrnithologischem Wissen. Sie lernte auch dis Pflege der einheimischen Käftgvögel, denn der Vater richtete sich in ihrem elften Jahre eine große Vogelstube ein. Ein ganzes Kapitel ,Käfige" widmete sie diesem Erlebnis. Allerdings darf nicht unerwähnt bleibe», daß die Dichterin gerade in diesem Abschnitt ihres Buches den Vögeln Empfindungen und Gemütsregungen zubilligt, die sie in Wirklichkeit nicht besitzen.

Parus major ist der wissenschaftliche Name für die Kohlmeise. Daher kommt der Titel von Ruth Schaumanns männlichem BuchDer Major". Der Kadett Jobst von Matchen (er fällt als Major im Weltkrieg) hat eines Tages diesen tiefsinnigen Spitznamen weg. Daß seine Kamera­den ihn so nennen, ehrt ihn. Als er mit Mumps schwer erkrankt bar- niederlag, rettete er eine Kohlmeise aus dem Schnee. Wir aber dürfen annehmen, daß die Dichterin nicht ohne vogelkundliche Kenntnisse ist« Sonst hätte sie kaum die Systematik der Ornithologie als Quelle benutzt, Ist es ein Wunder, wenn unter den vogelkundigen Dichterinnen last not least Ina Seidel zu nennen ist? Sie ist di« Nicht« und gleichzeitig Schwiegertochter Heinrich Seidels. Ihr Vater, Hermann Sei­del, der Braunschweiger Chirurg, war wie sein Bruder ein leidenschaft­licher Tier- und Vogelfreund. Als Kind las Ina Seidel im Elternhaus daher schon Brehms großesTierleben". Die Erinnerung an die Zeit, da sie die von der Persönlichkeit des Vaters bestimmten Eindrücke empfing, legt sie inMeine Kindheit und Jugend" nieder. Sie gedenkt in diesem Zusammenhang nicht nur der Vogelstuben in Haus und Gar­ten, sondern auch der Rotkehlchen, die in der Kinderstube überwinterten« Die in jungen Jahren geknüpften Beziehungen zur Vogelwelt spiegeln sich wider imWeg ohne Wahl". Merulas Vater war nicht nur Astronom und Meteorologe, sondern auch Zoologe. Und weil er unter den Vögel» bi« Singdrossel (Turdus musicus) wir nennen sie heute philomelos< i und die Schwarzdrossel (Turdus merula) besonders liebte, hatte er den beiden Kindern diese Namen gegeben. Unvergeßlich sind Merula die Waldspaziergänge mit dem verehrten Vater. Da sieht sie nicht nur den Fischadler, sie entdeckt auch das Nest der Beutelmeise. Wenn Ina Seidel sich gerade dieser, bei uns so überaus seltenen Meisenart entsinnt, bann dürfen wir wohl vermuten, daß hier di« Erinnerung an den eigene» Vater wirkt«: Hermann Seidel war nämlich in den 70er Jahren einmal . die Feststellung gelungen, bah dieser Vogel in seiner Heimat bei Güstrow i brütete. Das blieb bis heut« der einzige sichere Brutnachweis für Remia ! pendulinus in Mecklenburg.

Worpswede.

Landschaft aus Licht.

Don Manfred Hausmann.

Zwischen Bremen und der Nordsee, am Fuße des 52 Mele») hohen Weyerberges, der sich als einzige Höhe aus der ebenen Fläche des Teufelsmoores erhebt, liegt Worpswede, die alte Moorbauernsiedlung, das junge Künstlerdorf. Waren es um die Jahrhundertwende vornehmlich die Maler, bie ben Ruhm des weltverlorenen Dorfes in alle Fernen trugen, so haben sich ihnen in neuerer Zeit Schriftsteller, Musiker und Kunsthand­werker in ähnlicher Gesinnung beigesellt. Was sie, bei aller Verschiedenheit ihres Seins und Wollens, eint, ist bie Sieb« zu ber großen, wind- und lichttiberwehten Landschaft, in bet sie leben.

Eine Landschaft, die lediglich aus dem Zusammenklang von Hamm« Niederung, Weyerberg und Teufelsmoor besteht, würde gewiß als etwas Herrliches weit und breit gelten, aber bie Worpsweder Landschaft wäre sie nicht. Der wesentliche Bestandteil, ber Fluß und Weide, Hügel und Wald, Torfstich und Gehöft erst recht eigentlich zu dem macht, was man unterWorpsweder Landschaft" versteht, der allem miteinander erst ben ganzen Zauber, bie ganze Verzauberung, bie ganze Einzigartigkeit unter den sonstigen Gegenden, man darf wohl sagen ber Erde, mitteilt, fehlt ja noch: das Licht.

Nicht das Licht schlechthin, sondern das merkwürdig gebrochene, flimmernde, wehende, durcheinanderspielende Licht des Worpsweder Himmels, das bie Farben tiefer und dunkler aufglühen läßt und dis Welt, indem es den Dingen ihre Härte und Wirklichkeit nimmt, in einen schwebenden Traum verwandelt. Mag die Pariser Atmosphäre ihrs leichte und kühle Silbrigkeit, die Amsterdamer ihre schwermütige Feuchte, die Venezianische ihren geheimnisvollen Goldton haben, in dem Licht, mit dem Worpswede begnadet ist, strömen und sickern alle drei zu­sammen.

Woran es liegt, am Moor oder an der Nähe ber See, an bestimmte» Luftströmungen ober an Veränderungen des Dunstraumes, die ber Berg bewirkt, steht dahin. Es ist nun einmal so. Und dos soll uns genügen.

Kein Wunder, daß eine solche Landschaft schon seit langem die Künst­ler, die ja die Maler vor allem, aber auch, wenngleich verhüllter und weniger unmittelbar, die Musiker und Dichter daraus aus sind, den Traum der Welt am Abglanz ber Erscheinungen darzutun, angezogen hat und noch immer anzieht. Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts bie fünfAlten" die wundersame Schönheit der Landschaft rund um de»