GiehenerKmiilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1958 Hreitag, den lZ. Mai Nummer 37

Herz Im ÄW

Noman von ^ans-<Laspar von Zabeltitz

Eopyrlghl by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

23. Fortsetzung.

Aber schon streben vor ihnen neue Häuserwände empor; und plötzlich knattert es in der Ferne, ein Maschinengewehr tackt. Rur für Sekunden, dann ist alles wieder still. Sie schätzen mit dem Ohr ab, wie weit es »wch ist bis dahin, wo gekämpft wird, sie haben das draußen gelernt: zwei Kilometer, vielleicht auch drei.

Der Leutnant läßt halten. Er zeigt nach vorn.Weißensee". Er teilt eine Patrouille ein, die erkunden soll, wie man am besten an die bedrohte stelle herankommt. Bernd will mit, aber er wird abgewiesen:Zwei Mann genügen."

Sie setzen die Gewehre zusammen, hocken sich auf die Bordschwelle, tecken sich ihre Zigarren und Zigaretten an und beginnen zu schwatzen: »om Krieg natürlich, von Polen und von der Champagne, vom Ar- zonner Wald und von Verdun. Zwei stehen Posten: einer die Straße hinauf gegen Weißensee. Parole ist Heimat". Sie lachen darüber, denn klingt wie einst bei den Reservisten: Parole Heimat! Nur daß es ;etzt einen anderen Sinn hat, einen ganz anderen Sinn.

Bernd blickt zum Himmel. Sterne stehen dort oben, die gleichen Sterne, die über allen Gräben des Krieges leuchteten und zu denen so nele aufgeschaut haben: der Große Bär und die Waage, die Vega und er Orion. Noch sehr hoch am Himmel ist der Orion, es wird noch lange lauern, bis der Sommer wieder da ist, bis das Korn wächst und die kmte reift. Damit sie reifen kann, sind sie ja hier.

Fast eine Stunde vergeht; sie beginnen sich schon um die zwei zu tagen, die vorgeschickt sind. Aber dann tappen Schritte heran.Von Patrouille zurück", tönt die Meldung. Der Platz vor der Post sei zur ^eit frei, berichten sie, aber in den Straßen ständen und lägen starke -tupps, viele Hunderte wohl, genau seien sie in der Dunkelheit nicht ibzuschätzen. Eine freie Strecke hätten sie nicht gefunden, man müsse sich lurchschlagen, wenn man zu den Kameraden wolle.

Gut", sagt der Leutnant und läßt die Gewehre in die Hand ikhmen.

Die zwei von der Patrouille führen.

Wieder kommen Straßen, wieder ist die Enge der Mauerzeilen um fe. Wieder stehen Männer und Frauen in Toren und Türen.

Sie marschieren nicht mehr in Reih und Glied, sie gehen in einem Ungeordneten Haufen. So fallen sie weniger auf; alte Soldatenröcke 'logen ja auch die andern. Die Täuschung gelingt.Verstärkung?" fragt fr einer.Jawoll", rufen sie zurück. ,Hebt's den Hunden!" Machen wir."Beeilt euch man, gleich woll'n die Unfern nochmal (tarnen."

Da geht auch schon vor ihnen das Geschrei und Gejohle los, und ^eichzeitig fallen Schüsse, erst einzelne, dann viele; das Maschinengewehr b llt nun ganz nahe.

Marsch marsch!" schreit der Leutnant.

Die Morgendämmerung ist da. Sie sehen das Postgebäude, sehen eine Menschenmasse gegen es anrennen. In den Fenstern stehen Schützen und Wn verzweifelt, aber schon sind die Vordersten heran und schlagen mit <l-£ten gegen das Tor.

.Halt", ruft Bernd; er sieht, es hat keinen Sinn, blind in das Menschenknäuel hineinzulaufen. ,F)alt knien!" Er stellt sich weit vor- mit gebreiteten Armen vor die Kameraden und bringt sie so zum ?khen, zum Knien. Dann springt er wieder in ihre Reihe zurück. Er *tat und sie fühlen: er kann führen; sie gehorchen. ,Legt an!" kom- iinbiert er,Feuer!" Eine Salve fegt über den Platz, eine zweite Ute dritte.

Drüben stutzen sie, werfen sich zu Boden, fliehen.

Auf marsch, marsch!" schreit nun auch Bernd und stürmt vor.

® rmärts, vorwärts! Er reißt die anderen mit: achtzehn gegen Hun- er zwingt ihnen seinen Willen auf.

Sie hauen mit den Kolben um sich, sie bahnen sich einen Weg, werfen

11 Angreifer zurück: das Tor ist frei. Schützend stellen sie sich davor. I; Gewehr im Anschlag. Ihr Atem keucht, ihre Pulse schlagen. Sie sind Fei Stolz: das Ziel ist erreicht, das Gebäude kann nun gehalten werden. U. Der Platz vor ihnen ist leer; jenseits schleichen an den Mauern der |?'r<,Ben die Geschlagenen zurück und schleppen ihre Verwundeten mit K- Gewehr in Ruh! Auf Deutsche schießen sie nur in höchster Not. Sie Wlfen: die da drüben kommen sobald nicht wieder. Der letzte Will«

fehlt und die Führung, und das unbesiegbare Gefühl des Rechts. Sie hatten eine Führung und einen Willen und das Gefühl des Rechtes.

Bon innen wird das Tor der Post aufgerisfen.Kommt herein! Das wär Hilfe in letzter Minute!"

Du bist ja verwundet", sagt einer.

Bernd merkt zuerst gar nicht, daß man ihn -meint. Dann sieht er, daß der linke Aermel seines Rockes zersetzt ist, und fühlt das warme Blut, das ihm den Unterarm hinabrinnt und über feine Hand läuft

Eine Schramme, nicht der Rede wert", erwidert er und lächelt.

Komm her, ich verbind' dich. Zieh den Rock aus."

Es ist wirklich nur eine Schramme, ein Streifschuß. Und doch: es ist viel, viel für Bernd. Während sie ihm das Verbandpäckchen auflegen, steht er auf das Blut, das immer noch langsam quillt und den Mull dex Binden rot färbt. Er hat sich draußen manchmal nach einer Wunde gesehnt; es waren so viele, die ihr Blut Hingaben, er schämte sich fast, daß er außerhalb ihrer Reihen stehen mußte. Nun ist er eingereiht, auch bei ihnen. Nur eine Schramme ist es, aber sie ist wie ein Geschenk. Wie eine Erfüllung.

Der Tag steigt auf, und seine Helle bringt Ruhe um das Gebäude der Weißenfeer Post, das ein Fort ist in den Linien der Verteidiger der Ordnung. Posten stehen, Gewehr im Arm, vor dem Tor und an den Fenstern; Ablösungen marschieren zur Gasanstalt und zu den Wasser­werken; Patrouillen durchstreifen die Straßen. Alles regelt sich mili­tärisch, und Bernd ist ein Rad in diesem Uhrwerk. Er sitzt mit den Kameraden in der Wachstube, schwatzt, spielt Mühle und Dame zwischen Kreidestrichen, die grob auf den Tisch gezeichnet sind, Patronen bilden die Steine; er schläft auf einer Strohschütte, die in einer Ecke aufgehäuft wurde, und ißt eine dünne Reissuppe aus einem Blechnapf, den ihm ein anderer halb voll zuschiebt. Nur auf Poften kann er noch nicht ziehen, er hat ja nur einen Arm frei.

Sie wissen natürlich: er ist Offizier. Das gute Tuch seines Rockes sagt es ihnen und feine Art. Einmal fragt einer nach feinem Rang. Laß man", antwortet er,das ist doch ganz gleichgültig hier."

Am Nachmittag werden Meldegänger zum Kommando des Schutz­regiments geschickt; sie nehmen auch Nachrichten für die Angehörigen derer mit, die hier liegen. Im Innern der Stadt sind Post und Fern­sprecher ja noch in Ordnung. Bernd schreibt seine Telephonnummer auf und bittet den Boten:Sage nur, sie sollten sich nicht duftigen, es ginge mir gut."

Er muß lächeln, als er den Auftrag gibt, er mag für andere wie eine Lüge klingen, für ihn ist er Wahrheit: es geht ihm gut. Er ist ganz ruhig, ganz ausgeglichen, so, wie er es lange nicht war. Wie lange nicht? Seit er draußen stand im Feld.

Als es dämmert, bringt eine Patrouille einen Gefangenen ein. Der Mann hat sich am Hintertor des Gebäudes zu schaffen gemacht. Sie sperren ihn in den Keller, und der Wachhabende geht hinunter, ihn vernehmen. Sie wollen wissen, ob sie für die Nacht wieder einen Angriff der Kommunisten zu erwarten haben. Nach einer Weile kommt der Wach­habende zurück.Nichts 'rauszukriegen aus dem Kerl."

,Hch werde mit ihm reden!" sagt Bernd.

Der Mann trägt eine alte Feldbluse und auf ihr das schwarzweiße Band des Eisernen Kreuzes.

Wollt ihr mich jetzt gegen die Wand stellen?" fragt er, als Bernd zu ihm eintritt.Man immer los. Ich sag' auch dann nichts."

Sie wissen ja noch gar nicht, was ich fragen will."

Ich sag' nichts. Ich bin kein Verräter."

Das wäre auch schlimm. Wer 's Eiserne Kreuz trägt, muß gelernt haben, den Mund zu halten. Wo haben Sie sich denn das Kreuz geholt?"

Auf so was fall' ich nicht, 'rein."

Aber Sie sind doch stolz auf Ihr Kreuz?"

Ich sag' nichts!"

Bernd zeigt auf seinen linken Arm, den sie ihm in einen Träger gelegt haben.Waren Sie auch verwundet draußen?" '

Zweimal."

Das ist meine erste Verwundung", sagt Bernd.Draußen habe ich nichts abbekommen, und das hier ist auch nur ein Streifschuß. Wird bald wieder heil sein."

Eine Weile ist es dann still zwischen den beiden. Im Kellerraum ist Holz aufgestapelt. Auf einem Holzstoß sitzt der Mann, und Bernd setzt sich ihm gegenüber. Er überlegt, wie er an diesen Menschen herankom­men kann, an diesen Menschen, der Soldat war wie er, und sicher ein guter Soldat. Er will ihn nicht ausfragen, was draußen vorgegangen ist oder heute nacht vor sich gehen soll, er möchte etwas ganz anderes wissen: warum dieser Mann sich zu den Kommunisten geschlagen hat und warum er kämpft. Er betrachtet ihn lange.

Endlich sagt er:Aengstigt sich Ihre Frau nicht um Sie?" Woher wissen Sie denn, daß ich ein« Frau habe?"