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Und
Tu auf, o Himmel, wie du uns gesagt.
eines Hirten greife Rechte geigt,
eines Pilgers dünne Flöte klagt, eines Weibes klare Zähre tropft, Herz um Herz am Rand der Krippe klopft:
Und Und Und
wäre eigentlich schade um den Umläufer,
Ich schlug vor, wir könnten ja eben noch einmal zurückfahren ihn holen,
„Ne", sagte er und stakte weiter, „nu nicht mehr,"
Krippenrand.
Von Ruth Schaumann,
Der Stern, der uns das Kind im Stalle zeigt. Ist wieder hingetreten aus der Nacht, Bergmann der Engel, aus dem finstern Schacht, Demantbeladen steht er bleich und schweigt.
Und beide Tiere, warm zum Stroh geneigt, Daraus das Licht des kleinen Knaben lacht, Knien abermals, von Schindeln überdacht,
drehte» er den Ellbogen zur Seite, legte sich dann aus die rechte Huste, um den Arm aniüften zu können. Es gelang noch immer nicht. Er legte sich noch weiter herum. Da rutsche der Ellbogen herunter und bumste auf die Ducht. Im nächsten Augenblick strich das Entenpärchen ab. Als Schlobohm sich endlich aufraffte und aus beiden Rohren hinter ihm herschoß, war es schon io weit weg, daß ihm der Hagel nichts mehr tat. Poff, poff.
Ich atmete erleichtert auf. Aber was ging denn mit Schlobohm vor? Seine Augen traten aus dem Kopf heraus, er würgte und schlug sich heftig mit der Hand in den Nacken und sah alles in allem so aus, als wäre er am Ersticken. Gerade wollte ich ausspringen und ihm zu Hilfe eilen, als er das Kinn an die Brust legte und schluckte und noch ein-, mal schluckte und bann, nach einem keuchenden Atemzug, ein dumpfes ,Lotz bi den Sunnerteil!" hervorstieh.
„Was ist denn um Gottes willen los?" fragte ich.
„Twelfdufend Granaten und Bomben noch mol, jetzt hew eck ok noch min Zigarrn dolslucktl"
Glücklicherweise prasselten eben ein paar Bläßhühner mit herabgebogenem Kopf vorbei, die Schlobohm ablenkten, so daß er nicht merkte, wie ich die Schilfbecke bis über meine Nass hochzog, um meine unehrerbietige Gemütsbewegung zu verbergen.
„Hett ken Zweck mehr", sagte er hustend, „de Regen hett.allns ver-. durben, Möt bi lüttchen an denken, no Hus to fohrn. Verdammter Schietkrom!"
Ich versuchte, ihn ein bißchen zu trösten: „Na, Herr Schlobohm , sagte ich, „nun grämen Sie sich man nicht. Es war doch ein ganz schöner Morgen, so die Dämmerung, das Wasser, die verschiedenen Lichter am Horizont. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, daß Sie mich einmal mitgenommen habtn."
Aber Schlobohm wollte nichts davon wissen. Er schnaufte vor Wut, feine Augen sahen böse drein, die Adern an seinen Schläfen waren geschwollen „Qunge, Junge, wie is bat blot möglich! Da is blot dat verdammte Beest an schuld! Töv man, du verfluchtet Aas!"
Er trieb das Boot aus dem Schilf heraus auf die Lockente zu, die sich keines Unrechts bewußt war, ergriff sie, drehte ihr ohne weiteres den Hals um und warf sie mitsamt dem Umläufer und dem Ankerstein in hohem Bogen ins Schilf. „Verdammtet Himmelherrgottfakraments- beeft."
Ich sagte kein Wort. Ich rollte die Schilfdecke zusammen und setzte mich darauf. Schlobohm stakte los.
Als wir ein paar hundert Meter zurückgelegt hatten, meinte er, es
Weihnachten am Frauenplan.
Der Heilige Christ bringt Goethes Enkeln ein Puppentheater.
Von Ludwig Sternaux.
Der Alte hält im Diktieren inne. Draußen klirrt der Winter, die kleinen Fenster der Arbeitsstube tragen Eisblumen. Weihnachten? Goethes Gedanken weiten ganz woanders. Es ist Faust, der da am Ofen lehnt, versunken in die Welt faustischer Gesichte. Die großen dunklen Augen, blind für die wirkliche, schweifen in Mütter-Fernen ...
John, der Schreiber, blickt auf. Seit erstem Morgenlicht schon fliegt seine Feder ohne Pause über das Papier, so unaufhaltsam strömen ihm aus seines Herrn Munde heute die Verse zu. Was hat der Alte, daß er plötzlich stockt? Fehlt ihm ein Reim?
Totenstille. Nur die Pendüle unter dem Pfeilerspiegel tickt.
Da ein Klopfen an der Tür. Goethe erwacht. „Genug für heute, John!" Und fragend zu der Tür hin, die lautlos sich mit schmalem Spalt geöffnet hat: Nun?"
Es ist Friedrich, der Diener, der zaghaft den Kopf hereinsteckt: „Exzellenz verzeihen ... aber der Herr Hafrat Kirms iasf-n sich nicht abweisen ... Exzellenz hätten ihn bestellt, es wäre dringlich!"
,Kirms ... natürlich!" Und als müßte er's dem Sekretär deuten: „John, warum hat Er mich nicht erinnert? Es ist ja Heiliger Christ heute! Auf morgen!"
Cs ist nicht Kirms allein, der vorn im Büstenzimmer wartet. Auch der alte Kulissenmeister vom Theater ist mttgekommen. Und Goethe ist auch gar nicht überrascht, daß ein paar Bühnenarbeiter da ein mächtiges, fast mannshohes Gestell anschleppen ... ach, schleppen ist zuviel dcfagt, im Gegenteil, es scheint so leicht und zerbrechlich daß sie sogar sehr behutsam damit umgehen müssen, und die weißen Götterbilder blicken verwundert aus ihren toten Augen auf das kunterbunte Etwas, das da in ihrer erlauchten Mitte steht.
„Kirms!" wiederhoU Goethe frohgelaunt. „Natürlich! Mit dem Theater für die Kinder!"
Das Puppentheater, das er für Walter und Wölfchen, die Enkel, die kleinen Theaterendhufiaften, auf Weihnacht in Auftrag gegeben, hier ist es, und da ist der Greis, der eben noch Faust war, auf einmal nur ein Großvater noch, der heißgeliebte „Apa", der mit dem Finger norm Mund besorgt „Pscht" macht und sich lauschend von Tür zu Tür vergewisfert, ob auch im Hause nichts bemerkt ist. Erst dann streckt er dankend den Männern die Hand hin, erst bann sieht er sich das Wunderwerk an, das sie gebracht haben.
lieber einem hohen Schranksockel, der mit Buntpapier tapeziert ist und. in Schubfächern die Dekorationen birgt, bas Theater selbst mit gemaltem Bühnenrahmen, mit Rampe und Souffleurmuschel, und zwischen Kulissen und vor einem Hintergrund, der den feuerspeienden Vesuv zeigt, stehen zierlich zwergenklein aus Pappe die Akteurs und Aktricen — das Spiel könnte sofort beginnen. Der Alte strahlt. Ja, ganz so hat er es sich gedacht, im kleinen ganz das Abbild von Cou- drays neuem Hoftheater, das der Enkel ganze Leidenschaft ist: sammelt der eine, Wolf, der auch schon Lustspiele schreibt, doch alle Komödien- izettel, komponiert der andere, Walter, doch gar richtige Dpernarien!
Beschäftigung über den Tag hin für den Apa — Ottilie wird geholt, gerührt küßt sie dem Schwiegervater die Hand, Tante Ulla, Frau von Goethes Schwester Ulrike, der gute Hausgeist am Frauenplan, muß das Zaubergerüst bestaunen, der brave Eckermann, mittags zu Tisch, darf es, mit freundlicher Einladung zur Einweihung am Abend, heimlich als Nachtisch genießen und macht nicht schlechte Äugen. „Haben Euer Exzellenz", so forscht er ehrerbietig, „nicht selbst als Kind mit so einem Theater gespielt?" Er weiß es ja, aus „Dichtung und Wahrheit", er will dem Älten auch nur die Zunge lösen. „Nein, mein Guter, mit so ;einem Theater denn doch nicht", ist die Antwort. Und in die frühe Dämmerung malt Goethe da noch einmal die Bilder seiner Jugend, Alf-Frankfurt mit der Kasperlebube vom Christmarkt, bas eigene «Puppentheater, bas letzte Christgeschenk der Großmutter, das mit Saul und David eingeweiht wurde, und leise schwebt durchs Zimmer Frau Ajas mütterliche Gestalt ...
Darüber wird die Frau Kammerrätin mit der Bescherung fertig, Herr von Goethe, obwohl in feierlichem Frack schon, um an Hof zu gehen, wie es fein Dienst als Kammerherr erfordert, zündet rasch noch die Lichter an, zarter Glockenton, an Tante Ullas Hand springen Walter -und Wölfchen herein. Auch Alma erscheint, ein rosiges Baby, auf dem Arm der Wärterin.
Und dann nur ein heller Doppelfchrei „Apa". Sie haben das Theater entdeckt, die Knaben, sie wissen, nur der Großvater kann es ihnen auf- gebaut haben, nur er ja spricht mit ihnen von derlei Dingen, er ist der große, große Zauberer, der alles vermag. Juno iu ihrer Fensterecke lächelt. Der Mann, in dessen Hirn das ganze große Welttheater Platz hat, wird mit Kindern nun für eine kurze Stunde Glück zum Kind« wieder. Er zeigt den Enkeln, wie an ihrem kleinen Theater der Vorhang auf- und niederschnurrt, wie die Kulissen auszuwechseln, die -Figürchen hin und her zu schieben sind, er kramt mit ihnen in den Dekorationen, die der gute Hofrat Kirms schier in Ueberfüüe von seinen Leuten hat malen lassen . ., der Sockel ist wahrhaft ein Kulissenhaus! Wölfchen glüht, Walter pfeift selig eine seiner Arien vor sich hin. „Und was gibt es zur Eröffnung?" fragt Dr. Eckermann neugierig dazwischen ... „Den Oberon? Die Stumme? Die Zauberflöte?" Die «Knaben klatschen in die Hände, sie sind für Mozart. „Mit den neuen Dekorationen von Schinkel!" scherzt Goethe. Und schon klingen und singen lauter Mozart-Melodien durch das Zimmer.
Aber jetzt protestiert Frau von Goethe. .Heute nicht mehr, Väterchen! Die Kinder müssen zu Bett. Morgen ist auch noch ein Tag!" Ein schwerer Abschied. Wie betrunken und taumelnd trollen sich die Knaben ibie Taschen vollgestopft mit Pfeffernüssen, in ihre Mansarde hinauf, Ulrike bläst die Kerzen aus, Friedrich reicht am runden Tisch im Urbino-Zimmer Rotwein und kalten Braten/ wie es der Hausherr «abends liebt. Und nun wird Goethe wieder Goethe. Spricht von Büchern, «von der Farbenlehre, von neuen Kupfern, die aus England gekommen find, lieft einen Brief von Zelter vor, der eine frische Sendung märkischer Rübchen anfünbigt. „Wo mir ber August bleibt?" seufzt Ottilie. Das ist Flor um diese stille Stunde, die Schellengeläut vom Frauen- plan herauf noch stiller macht, und Eckermann, Trübes ahnend, ne’-ib« «schiedet sich. Doch noch im H-nausgehen begegnet ihm Herr von Goethe, ,es war sein Schlitten. Groß, strahlend, wirklich: ein schöner Mann, «so steht er, das weite Cape mit den goldenen Troddeln halb noch um die Schultern, plötzlich in ber Tür, und Ottilie fliegt ihm an den Hals, zieht ihn aufs Kanapee, fcfientt ihm ein. Er berichtet, wie gnädig wieder Serenissimi Gnaden und Jhro Kaiserliche Hoheit, die Frau Großherzogin, gewesen sind, während er sich selbst berichten läßt, was «die Kinder zu ihrem Puppentheater angegeben haben. Friedlich rinnen «die Minuten, wie draußen friedlich der Schnee fällt.
„Geben und Nehmen", murmelt Goethe leise vor sich hin, „Hoffen und Empfangen!" Fragende Augen. „Hast du etwas gesagt, Vater?," «Der Alte schüttelt nur, schwerfällig ausstehend, den Kopf: Gute Nacht, Kinder!" Aber noch norm Schlafengehen schreibt er drüben an seinem «Stehpult die gleichen Worte in das Tagebuch. Und der Mond, der über «sein Bett wandert, läßt wieder das Antlitz Fausts leuchtem
Verontwvrtlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei A. Lange,Gießen.


