Ausgabe 
12.12.1938
 
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Winter über bei der alten Wotf in dem Haus« neben dem Kerzelmacher roobnte. Hadik blieb auf dem ersten Treppenabsatz stehen. Die beiden Grenadiere unten am Tor. die schon »um Prasentierariss angesetzt Hutten, schulterten wieder ihre Gewehre. Bor dem Haus« neben dem Kerzelmacher stand doch der Rabenau alle Tage Posten. War s also am Ende doch wegen der Hartenberg und nicht wegen des Wachszieher- mädels? Halte die Kaiserin nicht gesagt:Wer weih, ob s ihm gar so contre coeur ging, dem Rabenau ..Aber warum hatte er danni IM Dienstreglement das KapitelHeiratskonsens für die kaiserlichen Ofti- »iere studiert? Wenns das Komtessel war, war ja der Konsens schon im voraus erteilt. Hadik beschloß, ihn selber »u fragen. Rascher ging er die weihe, schimmernde Treppe hinunter. Der Prästnliergnft der Gre­nadiere klirrte.

Hatte der Rabenau nicht heute wieder Wachtdienst? Oder war es gestern gewesen? Hadik schritt durch die hohe, hallende Torfahrt, in der die qualmenden Fackeln sich vor dem Schneewinde duckten, zur Wacht- stube hinüber. Er war ja nicht im Dienst. Er brauchte ja nicht weiter zu fragen, wenn der Leutnant sich wieder abfentiert haben sollte.

Der General hatte sich geirrt. Der Wachtdienst der Kompanie Bären­klau war zu Mittag abgelaufen. Da ging Hadik durch das milchige Dunkel der Durchgänge, Gäßchen und Torbogen, in denen nur da und dort das matte Licht einer Laterne im Schneetreiben schwankte, hinüber zur Himmelpfortgasse, zu dem kleinen Palais, in dem die Rabenau den Winter über zu wohnen pflegten. Mit dem alten Baron war er be­freundet. Sie hatten zusammen als Kornetts noch unter dem Prinzen Eugen am Rheine gedient. Die alte Rabin freilich mochte Hadik nicht. War ihm zu hochmütig, das Frauenzimmer, behandelte selbst Generale und Minister en Canaille, wenn sie nicht von hohem Adel waren. Aber man ah vorzüglich bei ihr. Und von der Michaelerkirche schlug es gerade sieben. Um halb acht wurde soupiert.

Nach dem Souper machten di« Rabenau mit zwei Gästen ihr Spiel­chen L'hombre. L'hombre konnte Hadik nicht leiden. Besonders nicht, wenn man um Kupfergroschen spielte. Wenn er schon hin und wieder in des Teufels Gebetbuch blätterte, in der Langweile schlechter Quar­tiere, im Zelte, dann sollten auch die Dukaten rollen. L'hombre erschien ihm langiweilig wie Zuckerwasser. Da war ihm der Karlowitzer schon lieber, der rubinrot in einer blitzenden Karaffe auf einem indianischen Tischchen stand.

Hadik schob das Tischchen samt Gläsern und Flasche näher an den Karnin heran. Dann rückte er Mei hohe, grüngepolsterte Sessel ans Feuer, dah die hohen Lehnen die Sicht gegen das Zimmer verdeckten, in dessen Mitte die Spielenden sahen. Es war überflüssige Vorsicht. Die einzige, die noch scharfe Augen hatte, war die dürre Rabin und die sah ohnehin mit dem Rücken zum Feuer. Neben dem alten, asthma­tischen Baron aber hätte man, wenn er Karten spielte, einen Sechgehn- pfünder abfeuern, können, ohne daß er es merkte.

Der General fetzte sich, stemmte die Beine in dem roten, goldver­schnürten Tuch und den blitzenden Tschismen behaglich gegen den Feuerrost, entzündete umständlich seine Tonpfeife auch der Holländer des alten Rabenau in dem bauchigen, weißblauen Topfe aus Delft war gut und winkte bann den Sohn des Haufes heran, der höflich, aber sichtlich gelangweilt als Kiebitz hinter einem der Gäste stand. Der Leutnant kam und wollte Haltung annehmen. Hadik winkte ab:Mach Er keine Sachen! Setz Er sich einmal da neben mich!" Er sah zu, wie der junge Rabenau das Glas füllte, tat einen Zug aus der Pfeife und sagte leise:Wir marschieren nämlich wieder, Rabenau!"

Schon, Jhro Exzellenz?" Sehr erfreut schien der Leutnant nicht zu sein. Er starrte ins Feuer. Das hatte sich Hadik gleich gedacht. Er sprach weiter: ,,©aa Er, Rabenau, Er kennt doch das Schloß Groß- Üaunitz?" Hadik lieh den Namen wie ein Stück Zucker auf der Zunge zergehen. Dann sah er den jungen Offizier erwartungsvoll an.

Rabenau blickte aus, fchüttelte den Kopf:Groh-Jaunitz? Nein, öfjro Exzellenz, ich habe nie davon gehört."

So, ich dachte nur." Der General griff nach seinem Glase und trank. Dann sah er durch den Qualm seiner Pfeife auf die rötlichen Lichter, die über das Leder seiner Stiefel fpielten. Die Hartenberg war es also nicht. War alfo doch die Wachszieherin. Damit wurde der Kasus freilich nicht leichter. Hadik stellte das Glas hin und wischte sich den silbergrauen Schnurrbart:3d) brauche nämlich einen Offizier, der für mich in Groh-Jaunitz Quartiere macht und zugleich die Regimenter in Mähren und Schlesien alarmiert. Der Offizier M fchon übermorgen oder spätestens Dienstag reiten. Und ich weih mir keinen. Obwohl es doch von Offizieren wimmelt in Wien. Schade, Rabenau, daß Er noch Urlaub hat."

Der Leutnant von Rabenau richtete sich auf, es fiel ihm schwer, aber er sagte stramm:Wenn 3hro Exzellenz befehlen, reite ich natürlich!" Dann starrte er wieder ins Feuer. Dienst war Dienst. Was lieh sich da tun?

Hadik schmunzelt« und betrachtete wieder feine Stiefel am Feuer. Er dachte, wie doch soldatische Zucht und militärischer Komment selbst die Liebe zu bezwingen vermögen. Wenn einem diese Liebe auch gerade das Herz zerreiht, wie bet dem Rabenau da. Aber Hadik war nicht hart, wenn es nicht sein mußte. Er klopft« die Pfeife aus, goh fein Glas voll, legte die Hand auf den Arm des Leutnants und sagte lächelnd:'Ich weih, Rabenau. Aus Ihn kann ich mich verlassen. Aber es wird nicht nötig sein. Die Quartiere kann auch ein anderer machen. Er kommt uns nach, wenn der Fasching zu Ende ist. Nur halt Er's Maul darüber, dah wir marschieren, auch feinem Mädel gegenüber!" Leiser setzte er hinzu:Soll leben, sein Mädel!" und lieh das Glas an das (eines Leutnants klingen.

Hadiks Strenge war gefürchtet. Er konnte manchmal wie der Satan fein. Da halfen auch keine Beziehungen und keine Freundschaft der ter. Aber außer Dienst war er ein gütiger Mann und verstand einen Spaß. Er konnte sich denken, daß der Rabenau jetzt nicht gern« aus Wien ging. Jetzt, da doch das Mädel wahrhaftig den Schatz hatte,

den er ihm damals in der Antikamera der Kaiserin gewünscht. Ob es freilich noch fo ganz in Ehren war? Er war doch seiber einmal Leut- n<1 %erÖ6 Feldmar schalleutnant Andreas von Hadik war niA so leicht zu verblüffen. Davon konnten Freund und Feind manches Lied! singen. Aber vielleicht hätte er doch zum erstenmal In seinem Leden nicht den Mund aufgebracht vor Verwunderung, wenn er gewußt hätte, daß der Leutnant Ernst Christoph von Rabenau und die schone Elisabeth Brand noch kein üßort miteinander geredet hatten.

Himmel und Eide flammten in strahlender Helle. Jedes Schnee- kristall war eine Sonne für sich. Wie ein Bergesgipsel glitzernd in leuchtendem Weih, stand das hohe Dach von Sankt Stephan über fern Basteien und Mauern, über den Gaffen, Palästen und Bürgerhäusern.

Aus dem Hochamt strömten die Menschen, verweilten rwch ptau- beruh am Kirchentor ober strebten in sonntäglicher Gelassenheit allein, zu zweien oder dreien ihrem Festbraten zu. An den (onnenfhrrenben Buden an der Dommauer, um die sich kreuzenden ©änsten und Schlitten wogte es bunt und farbig wie auf der Brücke des Grohherrn zu Stambul über dem Goldenen Horn. Alle Völkerschaften aus den weiten Reichen der Kaiserin konnte man sehen und hören: Burger und Bürgerinnen, Kavaliere in roter und grüner und lichtblauer Seide, Damen des Adels und hohe Beamt«, ungarische Husaren, deutsche Dragoner, Zeitungsverkäufer und Bücherkrämer aus Augsburg und Leipzig, Händler mit böhmischem und venettanischem Glas, würdige Ratsherrn und Doktoren aus Wetzlar und Regensburg in schwarzen Talaren und weihen Perücken, slowakische Bäuerinnen, Deputierte und Senatoren aus Antwerpen, Brüssel und Bremen, walachische Hausierer, riesenhaft« Dalmatiner, Türken in gelbem und weißem Turban, deren Väter noch vor zwei Menschenaltern ihr Allahgeschrei vor den Mauern geheult, neapolitanische Dudelsackpfeifer, italienische AbbSs, Domherren aus Aachen und Trier, Tiroler in spitzen, grünen Hüten mit ihren Kräutern und Wurzeln, kurbayerifche und sächsische Offiziere, stutzerhafte Patrizierföhne aus Mainz und Köln, niederländische Spitzenhändler, welsch« Limoni- und Pomeranzenverkäufer, schwäbische und pfälzische Dauern, die auf Hungarn karrten, wallonische Reiter.

Durch das bunte Gewimmel bahnte sich der Schlitten des Johann Kirndorfer langsam feinen Weg zum Wachszieherhaus. Schon draußen, auf dem Glacis, hatte er die Pferde in Schritt fallen lassen. Auf der Heimfahrt wollte er der List zeigen, was fahren hieß. Er hatte es sich in den Kopf gefetzt, dah fein Franzi die schone Demoiselle Elisabeth Brand heiraten müsse. Doch auf die Reize seines Sohnes allein verlieh er sich nicht. Es konnte nicht schaden, ihr den Kirndorserschen Reichtum gleich beim erstenmal greifbar vor Augen zu führen. Darum blitzten und funkelten heute die seidig schimmernden Gäule auch im Parade­geschirr. Im Schlitten selber lagen zwei neue Fußsäcke aus Bärenfell und neue wollene Decken. Der Kirndorfer selbst prangte In seinem kostbarsten Pelz: russischer Zobel auf dunkelgrünem flandrischen Tuch. Gab nicht viele Magnaten, die einen schöneren hatten.

Den Kutscher, den Joseph, hatte er heute nicht mitgenommen. Im Schlitten konnte er ihn nachher nicht sitzen lassen, und auf dem schmalen Kutschbock war für Mei nicht Platz. Als die Pferde vor dem Wachs­zieherhause hielten, pfiff er durch die Finger zum Standplatz der Miet- fchlitten hinüber, an der Ecke des Grabens. Den Pfiff des reichen Kirn- dorfer kannten die Kutscher fchou. Dienstfertig kam einer gelaufen. Der Weinkönig warf ihm noch von der Höhe seines Bocks ein Geldstück zu und befahl:Halt mir derweil die Roh! Dein« Häuter gehen schon nit durch. Di« san froh, wanns stehen können. So zwei Roh wie die meinen solltst halt haben, was?" Umständlich kletterte er vom Bock, beruhigte sein Fettherz durch etliche rasselnde Atemzüge und schwankte ins Haus.

Aus der kleinen Türe, die vom Laden ins Treppenhaus führte, kam gerade pfeifend die List. Im Sonntagsstaat. So wie sie damals bei der Kaiserin gewesen war: in blauem Reifrock und rotem Schnürleib, dem pelzverbrämten Jäckchen und der schwarzen Haube keck überm Ohr. Das Verbot für den Laden galt heute nicht. Der war jo gesperrt.

Der Nußdorfer Weinkönig hielt ihr die Tatze hin:Was sagens zu dem Tag, Demoiselle List? Grad wie bestellt! Was? Oder warens heut noch gar nit auf der Straßen?"

Freilich, Herr Kirndorfer, grab sind der Vater, die Frau Taut und ich aus der Stephanskirchen kommen", antwortete die List vergnügt. Heute war sie guter Laune. Der Kirndorfer hatte fchon recht: Schlitten­fahren tat sie für ihr Leben gern. Und daß man am Abend so früh­zeitig zu Hause war, daß sie den Leutnant vor der Domkantorei nicht versäumte, dafür wollte sie schon sorgen. Auch hatte dieser Leutnant gestern, als er ging, noch einmal die rote Rose zum Munde geführt.

will überlegt fein!"

(Fortsetzung folgt.)

Grund genug,, daß ihr di« Wett heute gefiel.

Väterlich und fieaesgewih tätschelte Johannes Kirndorfer die Hand der Demoiselle:Js der Vatter auch schon so weit? Da können wir ja gleich fahren"

Aus dem ersten Stockwerk klang Flötenfpiel, womit Aloisius Brand di« Note seines Herzens zu verklären versuchte.

Die Lisi lachte:Freilich is er fertig, der Herr Vater. Tut sich nur die Zeit mit Musizieren vertreiben. Gehens nur naus zu ihm. Ich muß noch zur laut in die Küch."

Gebens nur acht, daß der Drack>en nit Feuer speit!"

Während Elisabeth Brand sich den Kops zerbrach, warum der Wein­protz heute so gnädig war, arbeitete sich Kirndorfer mühsam, aber voll Zuversicht die schmale hölzerne Treppe empor, die steil und fchnurgerade, ohne Absatz und Kehre zur Kerzelmacherwohnung führte.

Endlich stand er schnaubend im Wohnzimmer, rieb sich vergnügt die krebsroten Hände und sagte laut, unbekümmert darum, daß Aloisius Brand gerade eine süßeste Kanüle ne blies:Na, was sagst jetzt? Deine List lacht ja heut übers ganze G'sicht. Und da hast du gmeint, sowas