Ausgabe 
12.12.1938
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1938

Montag, den (2. Dezember

Nummer 97

Ner Korbmacher von Sankt Stephan

Lin heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka

Gopyrigfjt by J. G. Eotta'sche Buchhandlung Nachfolger, -Sttittgarl

1. Fortsetzung.

Vorhin, als sie Jyie Stimme des Hadik hinter dem Schimmer der Lichter erkannte, ist ihr etwas eingefallen. Hat doch einen Leutnant, der Hadik, den er adrniriert und der etwas für die Hartenberg wäre! Den könnte man doch nach Schlesien schicken! Wenn wieder niarschiert werden muff, brauchte man ohnehin einen Offizier, der die Regimenter alarmiert in Mähren, Böhmen und Schlesien. Da könnte er doch schon morgen retten, oder noch besser übermorgen gleich mit dem Postwagen der Hartenberg fahren.Rabenau" notiert die Kaiserin zwischen Geschütz unib Armeekorps.

Jetzt erst kommt der Kanzler $u Wort. Die Monarchin nickt. Dann faltet sie das Papier zusammen, erhebt sich. Es ist spät geworden. Sie will noch arbeiten und ihre Kinder sehen. Sie sagt tur,):In drei Tagen ist wieder Konferenz. Da will ich den Plan für den Fel'd.zug haben" Leiser fügt sie hinzu :Auch den Defensionsplan von Wien? Sie reicht dem Marschall die Hand zum Kusse. Tief neigen sich die Generale und Minister. Die Kaiserin geht. An der Tür bleibt sie noch einmal stehen, blickt über die sich neigenden Perücken und ruft freundlich:Komm Er dann noch in einer halben Stunde zu mir, Hadik!" Sein Kat, anzu- greifen, hat ihr gefallen. Wieder knallen am unteren Ende des Tisches die Tschismen und klirren die Sporen. Vom Staatskanzler Kaunitz ge­folgt, verläßt sie den Raum.

Der kleine, vierschrötige Panduren general Andreas von Hadik trat in das Arbeitskabinett der Kaiserin. Als er mit stampfendem Schlag an der Türe hielt, sah sie von ihrer Arbeit auf:Komm Er nur näher, mein lieber Hadik! Und steh Er bequem ich bin nicht der Daun" Sie lachte und lehnte sich in ihren Armstuhl zurück.. Der Lichtkreis der Kerzen, die auf ihrem Schreibtisch flammten, umschloß mit seinem wär­menden Schein General und Kaiserin.

Er ist also mit der Intention, erst bei Olrnütz zu defendieren, nicht einverstanden?"

Ich bin überhaupt gegen das Defendieren, Ihrs Majestät!"

Die Monarchin nickt zustimmend. Kaunitz mochte recht haben. Aber eigentlich schade, daß dieser Hadik kein Feldherr war. Immerhin konnte es nicht schaden, seinen Rat zu hören. Wegen der Disziplin und des Respekts war das vorhin im Beisein des Marschalls Daun wohl nicht gegangen. Die kleine dicke Exzellenz war ohnehin schon wild geworden. Die Kaiserin lächelte, als ihr einfiel, daß sie Daun im stillen den gleichen Namen gegeben, mit dem ihn der preußische König zu nennen liebte. Aber auch beim König entsprang dieses Scherzwort mehr der Achtung als dem Spott. Denn auch der König hielt viel von ihm. Rur fllriöser hätte Maria Theresia manchmal ihren Daun gewünscht, hart und zu­stoßend wie das alte Raubvogelgeschlecht der Wildgrafen bei Rhein, aus deren Sippe er stammte.

Sie fragte:Ueberhaupt nicht defendieren, Hadik? Also Angriff, aber wie?"

Ehe man angreift, muß man wissen, was der Feind tut, wo er steht, was er will. Das kann nur Reiterei. Reiterei ist das Auge des Feldherrn. Ein Kavalleriekorps, an die sechzig Schwadronen, nach Schlesien, dem König entgegen. Ein zweites über die Lausitz bis dicht an Berlin. Ein drittes über Polen in den Rücken des Feindes. Da­zwischen auf allen Straßen und Wegen, durch alle Brüche und Moore Patrouillen und Streifparteien" In kurzen, oft abgehackten Sätzen entwickelt der Feldmarschalleutnan-t seinen Plan.

Aufmerksam hört die Kaiserin zu. War nicht dumm, was der General da sagte. Bielleicht irrte sich Kaunitz doch! Prüfend glitt ihr Blick über die breite, untersetzte Gestalt des Generals, ruhte forschend auf seinem eckigen, schnauzbärtigen Antlitz, aus dem sich die Nase wie ein Geier­schnabel zwischen den Falkenaugen wölbte.

Hadik übte keine Kritik. Dazu war er zu sehr Soldat. Aber es war doch herauszuhören, daß er den Generalissimus für allzu bedächtig, für zu schwerfällig und vorsichtig hielt. Mochte schon so fein, wie Kaunitz sagte, daß man Daun einen General zur Seite stellen sollte, der den Teufel tm Blute hatte. Ob es nicht doch dieser Hadik war!

Schweigend hörte Maria Theresia zu. Sie schob sogar gehorsam die Akten zur Seite, als der General jetzt, unbekümmert um alle Etikette, eine abgegriffene, von den Feldlagern schmierige Karte aus der Tasche seiner Reiterhase zog und sie bedächtig über den Schreibtisch der Kaiserin breitete. Ohne lange zu fragen, trat er neben die Monarchin, rückte den

hohen silbernen Leuchter in eine Ecke und begann, mit einer Art Zimmermannsblei Striche und Pfeile auf die Karte zu zeichnen: Auf­klärungsziele und Anmarschwege für Regimenter, Patrouillen und Streif­parteien. Er glühte förmlich, der General. Er sprach von Reiten und lieber» fall, von Radasdys und Zielens Husaren, von seinen eigenen Reitern und den Kürassieren des Seydlitz. Von feinen Feinden sprach er mit Wärme und Stolz. Aber was die Armee, was Daun tun sollte hinter diesem Schleier spähender, jagender, raufender Reiter, davon sprach er «ficht. Du Kaiserin fragte ihn auch nicht. Wieder einmal hatte dieser kühle, rechnende Kaunitz recht behalten: ein Feldherr war Andreas von Hadik nicht. Aber Maria Theresia genügte er . auch so. Rur den Namen Laudon", den ihr vorhin der Si-qaatskanzler genannt, unterstrich sie auf dem Zettel, auf dem schon der NameRabenau" stand.

Dann sagte sie:Magnifique, Hadik! Ich werd'» dem Daun sagen..< illnb wo wird Er sein Stabsquartier hoben?"

Hadik stieß den Finger in die Karte, nahe der preußischen Grenzet Vorerst in Groß-Jaunitz, Ihro Majestät ..."

Die Kaiserin sah betroffen auf. Iaunitz? Das war doch das Schloß vom alten Hartenberg? Dort sollte er ja hin, der Rabenau. Manche Ehen scheinen wahrhaftig im Himmel geschlossen zu werden. Maria Theresia lächelte.

Der General deutete dieses Lächeln anders:Halten zu Gnadem Ihro Majestät, es ist nicht wegen der brillanten Quartiere ..."

Die Monarchin schüttelte belustigt den Kopf: ,Lrh weiß, Hadik. Ich kenn Ihn doch .... Und das meine ich auch nicht. Mir ist nur etwas ein* gefallen ... Wann will Er reiten?"

Je eher, desto besser! Meine Reiter und Panduren müssen in Schlesien stehen, noch ehe der König in Berlin daran denkt .,."

Die Kaiserin runzelte die Stirn:Er weiß, daß ich seine Panduren nicht mag!"

Der König auch nicht, Ihro Majestät!" Seine Augen blitzten fröhlich.

würde sich über die

Majestät."'

Urlaub abgebrochen,

Maria Theresia lachte:Dann nehm Er sie halt in Gottes Namen mit!" Sie wurde wieder ernst:Ich werde Ihm die Befehle aurfertigen -lassen für die Regimenter in Mähren ... Hat er noch einen Wunsch?"

Wenn Ihro Majestät befehlen wollten, daß mir der Hofkriegsrat eine Stafette stellt, die die Regimenter alarmiert ..."

Schön! ... Das heißt .. Er weiß doch, Hadik, daß wir keinen Ueberfluß an Offizieren haben hier in Wien ... Und ein Offizier muß es wohl sein ... Schick Er doch den Rabenau! Er hat mir doch gejagt, er sei sein bester Offizier. Der könnte doch schon übermorgen reiten und auch gleich für seinen Stab die Quartiere machen. Oder hat der Rabenau hier keine Pferde? Dann soll er mit der Eilpost fahren!" Postsghrten sind langweilig. Die kleine Hartenberg ' ........

Gesellschaft freuen.Nun, was meint Er, Hadik?"

Der Leutnant von Rabenau hat Urlaub. Ihro

Urlaub? Hat Er in seinem Leben noch keinen Hadik?"

Halten zu Gnaden, aber Ihro Majestät haben dem Leutnant selbst den Urlaub bis über den Fasching zu verlängern geruht."

Die Kaiserin antwortete nicht gleich und spielte nachdenklich mit dem Krayon. Wenn der Rabenau bis über den Fasching in Wien blieb, würde das Stabsquartier des Hadik wohl längst nicht mehr in Groß- Jaunitz sein. Aber was war da zu tun? Urlaub von der Kaiserin selbst war eine zu hohe Gnade, als daß man ihn nehmen durfte. Aber viel­leicht ging es doch, daß der Rabenau ritt. Maria Theresia meinte:Wer weiß, obs dem Rabenau gar so contre coeur ging ... Töt nicht mehr viel versäumen, mein ich. In der Burg ist der Fasching ja doch zu Ende. Hab nach Leuthen die Lustbarkeiten ohnehin nur erlaubt, damit mir die Wiener nicht Trübsal blasen .. " Sie blickte nach der Uhr, die auf der spiegelnden Kommode zwschen den beiden Leuchtern stand, in denen noch die Kerzen steckten, die damals vor zwei Wochen das Mädel, die Brand, gebracht.Ich dank Ihm schön, Hadik. Das mit der Stafette vorn Hofkriegsrat will ich mir noch überlegen ..."

Als der General rückwärtsschreitend an der hohen,, weißen Türe noch einmal stramm steht und den roten, goldgeränderten Dreispitz seit­wärts schwingt, sieht sich die Kaiserin nach ihm um:Sag Er, hat der Rabenau am Ende eine Liaison hier in Wien?"

Der General denkt: wär kein Leutnant, wenn er sie nicht hätte. Laut aber tagt er:Ich weiß nicht, Ihro Majestät."

Maria Theresia droht ihm lachend mit dem Finger:In solchen Affären haltet Ihr Offiziere zusammen wta die Kletten ob General oder Leutnant ... Geh Er nur, Hadik! Und sag Er mir noch Adieu, ehe Er zu seinen Panduren nach Iaunitz reitet!"

Ueberlegend, langsam ging Hadik die Marschallsstiege hinunter. Was hatte die Kaiserin bloß mit dem Rabenau? Wollte wohl wieder einmal eine Ehe stiften? In Iaunitz lebte doch diese kleine Hartenberg, die den