Ausgabe 
12.9.1938
 
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sie pflegt Ihre Rosenanlagen und sorgt sich um leben Stamm, der nlchl gedeihen will. Und der Mann, dessen Gesicht das bekannteste seiner Zeit geworden ist, teilt diese Neigungen: man könnte glauben, ein Dichter habe diesen Brief geschrieben, den der Siebzigjährige als Mitteilung an die Frau richtet:

Es ist sehr schön hier, wenn auch der Flieder drei und die Eichen hier sechs Tage gegen Berlin zurück sind. Die Dornblllte ist genau wie in Ber­lin. Keine Nachtigall, aber ungezählte Grasmücken, Stare und dergleichen, namentlich der Kuckuck, den ich in Berlin noch nicht hörte. Der Mühlenstau ist ein richtiger Reinsall, macht sich aber fürs Auge sehr schön. Der früher natürliche Sumps, Modder und Wasser gemischt, ist durch Kunst und Kosten um einige hundert Schritt nach oberhalb verschoben und das klare Wasser so viel größer. Die Mühle mahlt, regnet aber durch. Der Roggen steht etwas dünn und die Gerste braucht mehr Regen. Die Karpfenteiche sind sehr fein geworden; die neuen Pflanzungen wieder zu tief in der Erdet"

Verdrießen den Herrn Reichskanzler die Geschäfte einmal gar zu arg, dann erzählt er Keudell seine Wünsche:Ich möchte hier gern meinen Kohl bauen und ein volles Jahr keinen Menschen weiter sehen als meine Frau und meine Kinder."

Und wenn er an den Garten seiner Jugend zurückdenkt, so weiß er nach fünf Jahrzehnten noch, wieviel ihm der bedeutet hat:Wie klein ist doch der Garten, der meine ganze Welt war, und ich begreife nicht, wo der Raum geblieben ist, den ich so oft atemlos durchlaufen habe, und mein Gärtchen mit Kresse..." Nach der Entlassung wird er vollends zum Landmann, so wie er sich's immer erträumte:Es war das Ideal meiner jungen Jahre, mich als Greis im Garten mit dem Okuliermesser sorgenfrei vorzustellen."

Auf den täglichen weiten Spaziergängen nimmt er alles in sich auf: die Schwäne, Reiher und Enten auf den Teichen und Mooren, die hundert­jährigen Eichen. Er fragt nach dem Gemüseertrag, dem Wildbestand und überblickt die Schonungen. Büsche und Hecken blühen: die leuchtenden Farben der Stauden glühen hoch über den weiten Blumenteppichen. Und wo er hinblickt, in allem steckt ein Teil und nicht der schlechteste von seinem Wesen und seiner Art.

Gtorchenbotschaff.

Von Eduard Mörike.

Des Schäfers sein Haus und das steht auf zwei Rad, Steht hoch auf der Heiden, so frühe wie spat;

Und wenn nur ein mancher so'n Nachtquartier hättl Ein Schäfer tauscht nicht mit dem König sein Bett.

Und käm ihm zu Nacht auch was Seltsames vor. Er betet fein Sprüche! und legt sich aufs Ohr; Ein Geistlein, ein Hexlein, so luftige Wicht, Sie klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht.

Einmal doch, da ward es ihm wirklich zu bunt:

Es tnopert am Laden, es winselt der Hund; Nun ziehet mein Schäfer den Riegel et schau! Da stehen zwei Störche, der Mann und die Frau

Das Pärchen, es machet ein schön Kompliment, Es möchte gern reden, ach, wenn es nur könnt! Was will mir das Ziefer? Ist fo, was erhört? Doch mir ist wohl fröhliche Botschaft beschert.

Ihr seid wohl dahinten zu Hause am Rhein?

Ihr habt wohl mein Mädel gebissen ins Bein?

Nun weinet das Kind und die Mutter noch mehr, Sie roünfd)et den Herzallerliebsten sich her?

Und wünschet daneben die Taufe bestellt:

Ein Lämmlein, ein Würstlein, ein Beutelein Geld?

So sägt nur, ich käm in zwei Tag oder drei, Und grüßt mir mein Bübel und rührt ihm den Brei!

Doch halt! Warum stellt ihr zu zweien euch ein? Es werden doch, hoff ich, nicht Zwillinge fein?" Da klappern die Störche im lustigsten Ion, Sie nicken und knixen und fliegen davon.

Hoppe mit dem »graben Striche

Erzählung von Alfred Gehn er.

Ein langer ^Sonntag ist um. Hoppe, der Reparaturschlosser vom Dienst, hat ein Tagewerk verrichtet, das trotz Del und Schmier eine durchaus sonntägliche Erscheinung zum Gegenstände hatte, eine fabrik­neue Lokomotive nämlich, so neu, daß die Laufräder noch zinnoverrot, die Flanken noch grün, das Gestänge noch blank und die Armaturen noch mit Holzwolle umwickelt sind. Hoppe mußte das neue Ding für den nächsten Tag betriebsfertig machen; er hat Gewinde gewaschen, Kurbeln und Hebel gängig gemacht, alles nochmal nachgesehen, hat dann den bunten Koloß unter Dampf gesetzt, hat ungeduldig das Ansteigen des Druckmessers verfolgt, bis er endlich, während ihm vor freudiger Span­nung das Herz klopfte, am Regulator rücken konnte und sich das eiserne Wunder von der Stelle bewegte. So ist er denn in allen Gangarten spazieren gefahren, ist über die hohe Straßenbrücke, dem Hauptgleis« folgend, bis an den fernen Berg gedampft, hat wie cm kleiner Junge mit der neuen Lokomotive gespielt und ausgiebig die Pfeife dazu er­schallen lassen.

Mer abends Ist Hoppe verärgert. Er steht In seiner Werkbude am Schraubstock und befeilt ein handbreites Eisenstück; tut weiter nichts, als eine spiegelglatte Fläche zu feilen. Unaufhörlich führt er das fein­geschuppte Werkzeug mit leichtem, ebnendem Strich über das einge» spannte Stück Eisen, aber immer wieder ist ihm die blanke Fläche nicht vollkommen winklig und eben. Er feilt, um zu feilen, müht sich mit end­loser Geduld, er übt die große Schlosserkunst, er feilt den graben Strich.

Er feilt, um feinen Aerger zu vergessen, nämlich darüber, daß er heute abend nicht ausgehen kann, denn sein Kollege, der ihn ablösen sollte, ist wohl pünktlich, aber singend und den Hut im Nacken aus der Stadt heimgekehrt und kann in diesem Zustand unmöglich den Nacht­dienst versehen. Hoppe feilt und feilt. Kurz vor neun Uhr spannt er das Eisenstllck aus, wirft es in die Ecke und fährt mit der Sonntagsloko- rnotive auf die hohe Gleisbrücke. Unten auf der Straße pendelt wartend ein Mädchen auf und ab. Hoppe wirft kleine Kohlenftücke hinunter, lang anhaltend zieht er die Dampfpfeife, bis das Mädchen endlich zu ihm herauf schaut und ihn erkennt.Kann nicht abkommen heute", brüllt er hinunter",ausgeschlossen, habe Dienst!" Das Mädchen antwortet etwas, aber Hoppe versteht hier oben nichts. Er winkt nochmal, dann fährt er weiter in der Richtung, in der die Dampfsteuerung eben steht, fährt langsam voran, immer weiter ...

Die gute Maschine ist ihm ein Trost, wie sie so gleichmäßig pulsiert. Nichts Nervöses ist in ihrem Takt und Atem. Sie rollt die Steigung hinaus, als wäre es nichts, die tausend Zentner, die sie wiegt, bergan zu bewegen. Hier auf der langen Geraden könnte er das Äenltl ein­mal ganz aufziehn, könnte den Dampfbullen einmal mit aller Kraft los- rennen (affen. Aber Hoppe tut es nicht, er hat keine Lust, er läßt di« sechshundert PS gehen und begnügt sich, mit Maßen über die lange Bahn zu ziehen, deren Schienen im Scheinwerferlicht weithin aufblinken und iließend unter ihm vergehen.

Nicht mehr weit von der Kurve entfernt, mit der das Gleis im stumpfen Winkel abbiegt und sich schräg voraus in das weite nachtblaue Gelände erstreckt, dorthinten aus dem dunklen Fahrdamm sieht Hopp« etwas, das sich bewegt. Genau ist es nicht zu erkennen; er kann nicht glauben, daß etwa ein Zug es sei, denn dann müßte er doch die Lichter sehen. Zudem fahren hier Sonntags überhaupt keine Züge und außer­dem bewegen sie sich bei weitem nicht so schnell wie das, was er da ankommen sieht.

Dennoch ist es ein Zug, Hoppe hört bereits das Rollen Auf der Abbaustelle hat sich ein ganzer Leerzug losgezerrt, ist ins Rollen ge­raten, jagt bereits die Förderstrecke hinunter, und zwar auf demjenigen der beiden Gleise, auf dem Hoppe mit seiner Maschine liegt.

Abspringen und davonstürzen!" denkt er im ersten Schreck. Aber nur der Schreck springt ab. Hoppe selbst könnte nun erst recht abspringen, aber er kann es doch nicht, jedenfalls tut er es nicht; er tut etwas ganz anderes, ja er hat bereits, ohne zu überlegen, etwas ganz anderes ge­tan: er hat umgesteuert und die Maschine fährt nun aus Leibeskräften rückwärts, sie nimmt Reißaus vor der Katastrophe.

Sie ist keine O-Zug-, sondern eine Güterlokomotioe, der entfesselt« Zug ist erheblich schneller. Zunehmend wird der Abstand kleiner; lauter, wilder wird das Rollen, schlingernd und gefährlich, wackelnd rast der Wagenstrom hinter der slüchtenden Lokomotwe her, kommt immer näher, ist schon da und stößt sie an. Die Feuertür fliegt auf, Kohlen stürzen zwischen Hoppes Beine, Hoppe glaubt, mit seiner gerammten Maschine durch die Luft zu torkeln, aber es ist diesmal noch gut gegangen, die Maschine ist zurückgeprallt, ist nicht entgleist, aber auch dem Zug hat es nichts getan, er ist schon wieder da, rennt schon wieder gegen di« Maschine an, die zwar wiederum einen Luftsprung zu machen scheint, aber an Geschwindigkeit gewonnen hat, wie anderseits der rasende Geg­ner infolge der wiederholten Nasenstüber von seiner Wucht etwas ein- büßte. Damit saßt Hoppe auch schon den Entschluß zum Sieg! er will versuchen, die schier unwiderstehlichen Energien, mit denen die blinde Wagenmasse sich angeladen hat, aufzufangen und allmählich abzuwür­gen. Der Zug rast, seine schweren Eisenglieder donnern im Dunkel, Hoppe gibt Gegendampf, es Hilst nichts, gibt vollen Gegendampf, so daß das Maschinengeläus vorwärts dreht, schleift, sich fängt und wieder schleift. An jedem Schienenstoß kann die Maschine herausfliegen, kann das Unglück geschehen, kann sich ein Berg, ein Schrotthaufen aus Wagen­kasten und -achsen über ihr auftürmen. Weiter geht das Treiben und Wehren, es rast bereits über die Straßenbrücke und nähert sich schon be­drohlich dem Ende, dem Ende des Schienenstranges.

Wie ein Stier, der überwältigt werden soll, bockt und stemmt sich die massige Maschine, immer noch getrieben mit aller Kraft gegen die Ver­nichtung. Das Tempo läßt nach, die Gewalt des Ansturmes löst sich auf, es wird stiller, ruhig wird das Rollen, der Ausbrecher hat sich fügen müssen. Hoppe kann jetzt mit ihm machen, was er will, er zieht die Bremse, der Zug steht. Hoppe steigt aus.

Ich habe den Hoppe gut gekannt. Wieso das Mädchen dazu kam, sich In ihn zu verlieben, ist mir nicht ganz klar, denn er war häßlich und außerdem langweilig; man konnte gar nicht mit ihm reden. Es ist ihm aber nachzusagen, daß er ein vortrefflicher Schlosser war, so seyr ein Schlosser, daß es ihm wohl nicht sonderlich erschienen wäre, wenn er eines Morgens beim Wachwerden Hände aus Eisen, statt aus Fleisch und Knochen gehabt hätte. Seine Pfoten sahen ohnehin wie Schraub- S'tfe aus, und überhaupt war der ganze Kerl eine Art menschlicher erkzeugmaschine, oder ein lebendiges System aus Hebeln, Zangen und Schraubenschlüsseln, je nach der Beanspruchung, und war dieserart mit allen technischen Dingen leibhaftig verwachsen, wie er es ja in diesem Falle als Maschinist bewies. Er roch dauernd nach Stauferfett oder Petroleum, und sein Gesicht glühte, aus Zorn oder Eifer, wenn er, wie oft, am Schraubstock stand und den graSen Strich, nämlich das Fein­gefühl der werkenden Hand schweigend übte, eine sehr unscheinbare Sache, unscheinbar wie Hoppe selbst und wie so viele seinesgleichen.

Derantwortltch: Dr. Hans Thyrtot. Druck und Verlag: Vrühlfche Univerfttätsdruckeret «.Lange, Gießen.