Ausgabe 
12.9.1938
 
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SietzenerKmiilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1958

Montag, den \1. September

Nummer 7|

Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis.

Von Cherry Kearton.

Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart.

(Schluß.)

Goliaths Ende.

Größenwahnsinn. Störende Nachbarn.

Di« Herausforderung. Gefährtin in Not. Der Angriff. David und Goliath. Der tote Riese.

Die Geier halten ein Fe st mahl.

Nach seinem Sieg über das Nashorn wuchs die Anmaßung des Riesen ins Ungemessene.

Jene Lanzenspitze, die ihn bei seinem ersten Zusammenstoß mit den Menschen getroffen hatte, hatte nätnlich ohne daß es ihm selber recht zum Bewußtsein gekommen wäre noch mehr zurückgelassen als eine Rarbe und steife Muskeln: sie hatte sein Selbstbewußtsein erschüttert! Bis dahin hatte er sich auf seine Riesengröße und Stärke, durch die er allüberall Schrecken verbreitete, nicht wenig zugute getan; und mit Ge­nugtuung erfüllte ihn die Tatsache, daß mochte auch manches Tier in übergroßer Scheu ihm davongehen kaum je eins ihm entwischte, wenn er einmal nach stillgeduldigem Lauern plötzlich zum Angriff vorging.

Damals noch ganz beseelt vom Vertrauen auf seine eigene Ueberlegen- fjeit, hatte er seinen Angriff auf jenes Eingeborenenweib unternommen, da» sich am Ufer bei der Brücke noch etwas verweilt hatte, und die Beute war ihm nicht nur dicht vor der Schnauze entwischt, nein, er hatte auch noch einen unangenehmen Denkzettel an diese Niederlage mit­bekommen, der ihm immer noch zu schaffen machte, obgleich schon Mo­nate darüber hingegangen waren. Die Wirkung, die die Wunde in seinem Unterbewußtsein gezeitigt hatte, zeigte sich alsbald: als er näm­lich mit den beiden andern Krokodilen einige Tage später auf die Rück­kehr der Eingeborenen lauerte, hatte er es doch für gut gehalten, seinen Platz in einer gewissen Entfernung zu wählen; er hatte sich nicht ge­traut, denStrauß" zu verfolgen, und als dann die Männer wieder- kamen und noch mehr von diesen Speeren mit den eisernen Spitzen mit­brachten, hatte er nicht nur die Flucht ergriffen, sondern auch auf der stelle beschlossen, sich anderswo anzusiedeln.

Im Flußbecken, seiner neuen Heimat, wo es friedlich zuging und das Jagen ein leichtes Spiel war, gewann er nach und nach fein altes Selbft- »ewußtfein teilweise zurück und betrachtete es als eine Selbftoerständ- ichkeit, daß die beiden kleineren Krokodile ihn fürchteten und ihm nach Möglichkeit auswichen. Aber auch da noch war er seiner selbst nicht »sehr so sicher wie einst, und als das Erscheinen der Paviane am Fluß

Jagd für ihn immer schwieriger gestaltete, wurde er unsicher und i-audernd, bis schließlich der grimmigste Hunger ihn zu kühnerem Vor­gehen zwang.

Aber jetztl Wie stand er jetzt da! Siegreich aus gigantischem Kamps woorgegangen, hatte er mit einem Schlage sein ganzes Selbstgefühl wieder. Welches von allen Tieren flußauf und flußab konnte wohl eine olche Tat oorzeigen? Wo war das Geschöpf, das sich vermessen hätte, mes der größten Landtiere anzugreifen, oder wenn ja das imstande Emesen wäre, die ungeheure Last dann noch in die Flut herunter- mziehen?

Außerdem war es gut, sich gemeinsam Mit der Gefährtin von diesem 'sstgen Leichnam zu nähren, der sie nun noch auf lange Zeit hinaus uit Futter versorgen würde und der so groß war, daß er aus der Ufer« ®<Mung ganz herausquoll; ein Teil tagte sogar über den Wasserspiegel '»naus, fo daß kleine Wellen sich daran brachen, wenn die Krokodile ^überschwammen. Immer wenn der Riese seine Bucht verließ, sah er en grauschwarzen Klumpen da liegen, und mit Stolz und Befriedigung 'Sie er sich, daß das alles fein unumstrittenes Eigentum fei, das er M niemand als mit der Gefährtin zu teilen brauchte.

Eines Morgens aber sah er die beiden andern Krokodile, die Mit- «swohner des Beckens, in verdächtiger Nähe feiner Vorratskammer; ? war kein Irrtum: sie richteten ihre kleinen Augen begehrlich auf fein - ashorn. Wenn die beiden chren Appetit auch teichter mit Fischnahrung HW» konnten, fo waren sie dennoch gewohnt, sich gelegentlich ein ^tU(f 8leif(f) von der Sandbank zu holen; aber durch die Wachsamkeit *r Paviane war die Jagd für sie nicht weniger schwierig geworden

al» für den Riesen, und der Gedanke, daß ein großer Kadaver freß fertig und leicht erreichbar da in der Nähe lag, verführte sie dazu, sich näher an des Riesen Bucht heranzuwagen, als sie es sonst zu tun pflegten.

Auf den Riesen in seinem Größenwahn wirkte diese Dreistigkeit wie eine unverschämte Herausforderung. Er schwamm sofort auf die Ein­dringlinge los, um sie zu vertreiben, und jagte sie, bis sie in den Schutz ihrer eigenen Bucht flüchteten.

Mit innigem Vergnügen hatte er beobachtet, wie sie bei seinem Er­scheinen auf dem Schwänze kehrt machten es war ihm eine neue Bestätigung seiner Macht; mit wahrem Genuß nahm er die Verfolgung auf. Kleinigkeit, sie zu kriegen, wenn er nur wollte!

Von da ab jagte er sie kreuz und quer durchs Becken, wo immer er sie sah. Er erlaubte ihnen auch nicht mehr, die Insel zum Sonnenbaden zu benutzen, sondern trieb sie in ihren Schlupfwinkel hinein, wobei er von sich aus kaum die Hälfte seiner ihm verliehenen Geschwindigkeit an­zuwenden brauchte. Manchmal, wenn er sich die Jagd besonders -reizvoll gestalten wollte, schnitt er ihnen den Weg zu ihrer Bucht einfach ab und hetzte sie zweimal um das ganze Becken herum, ehe er ihnen er­laubte zu entschlüpfen. Und einmal, als sie fei es durch einen glück­lichen Zufall, fei es durch eigene Geschicklichkeit die Paviane über­listet und eine junge Kuhantilope auf der Sandbank erbeutet hatten, bedrängte er sie so lange, bis sie sich genötigt sahen, ihr Opfer preis­zugeben-, das nun er heimschleppte, um es in seiner ohnedies schon über­füllten Vorratskammer zu verstauen.

Durch solche Gebarung des Riesen wurde das Leben für die beiden Krokodile bald unerträglich. Ihre ganze Existenz, stand auf dem Spiel. Auf die Dauer konnten sie unmöglich nur in ihrer Bucht bleiben, denn ihre Vorratskammern waren bald leer, und es war einfach eine Lebens­notwendigkeit für sie, entweder im Becken nach Fischen zu jagen oder bei der Sandbank auf ein Stück Wild zu lauern. Da ihre Bucht in einer Uferbiegung lag, wo das Wasser besonders seicht war, mußten sie allein schon wegen der Fische bis zur Mitte des Beckens vorschwimmen. Wenn dann eins von ihnen einen großen Fisch sichtete und sofort darauf zu« stoßen wollte, quirlte es plötzlich im Wasser, und noch ehe es zuschnappen konnte, erschien der Riese von der andern Seite der Insel her, als sei er allein befugt, in diesem Teil des Wassers zu jagen und zu schwimmen.

Oder folgendes begab sich: die beiden Krokodile kamen vorsichtig quer durchs Becken und glitten lautlos zur Sandbank hin in der Hoff­nung, ganz unauffällig in den Kanal schlüpfen zu können. Manchmal mißlang dies; der Riefe entdeckte sie und trieb sie zurück. Manchmal aber konnten sie ihren Plan ausführen; aber dann waren es jedesmal die Paviane, die ihnen mit ihrem verwünschten Geschrei das Spiel ver­darben. Gelang es ihnen dennoch, bei Gelegenheit Beute zu machen so hinderte wieder der Riese sie daran, das Opfer in ihre Bucht zu schleppen. Zwar wählten sie immer den wenn auch längeren so doch schattigeren Weg am Rande des Beckens entlang und hielten sich, soviel sie konnten, dicht unter dem überhängenden Gezweig; ober dann kam eine Stelle, wo das Ufer kahl war und wo sie sich wohl oder übel blicken lassen mußten. Da verfehlte der Riese denn auch nicht, jedesmal mit seiner plumpen über den Wasserspiegel herausragenden Schnauze geradewegs auf sie zuzusteuern. Was blieb ihnen anders übrig, als weiterzuschwimmen, wenn sie auch genau wußten, daß der Riese als der Stärkere sie einholen würde, selbst wenn sie nicht durch das Gewicht eines schwer zu befördernden Kadavers behindert wären. Einmal wichen sie seitwärts in eine kleine Bucht hinein, die nicht weit von der ihren tag, und warteten dort, bis der Riese sich wieder verzogen hatte, worauf sie immer noch in ihr Opfer verbissen in heimlichem Triumph den Heimweg antraten. Ein andres Mal dagegen, als der Hunger sie besonders kühn machte, hielten sie ihr Opfer sogar bann noch fest, als der Riese danach schnappte; leider mußten sie ihm den größeren Anteil überlassen und sich selbst mit den weniger nahrhaften Kopf- und Schul­terteilen begnügen.

Diese beiden Teilsiege hatten ihren Mut gestärkt und ihnen die Zu­versicht gegeben, daß sie mit etwas mehr Wagemut und Geschick ihrem Feind doch durchzugehen vermöchten. In der Folge gingen sie listig und verschlagen zu Werke: hatten sie mit Erfolg gejagt, so schleppte eins von ihnen die Beute am tiefbeschatteten Uferrand entlang, während das andre sich ohne Scheu zeigte und den Riesen in die entgegengesetzte Richtung lockte.

Eine Zeitlang hatten sie auch mit dieser Taktik Erfolg. Der Riese jagte durch das Becken hinter dem Weibchen her, während das Männ­chen sich unauffällig mit der Beute auf den Heimweg machte. Aber mit der Zeit schöpfte der Riese doch Verdacht; er wurde stutzig ob der Sorg­losigkeit, mit der sich jetzt immer eins der Krokodile sehen ließ; ferner fiel es ihm auf, daß scheinbar immer nur eines von der Sandbank zu­rückkehrte. Da stimmte etwas nicht. Der Argwohn, daß er allem An­schein nach zum Narren gehalten wurde, entflammte feinen Rachedurst. Bisher hatte es ihm genügt, die beiden herumzuhetzen und zu jagen,