Fische vernichtet, Hunderttausende von Fischen starben seitdem, und die Fischer von damals haben es vorausgesagt und haben um Brot und Verdienst gebangt, aber die „Maakuh" oder „Meekuh", Prachtstück aus einer Generation stählerner und eiserner Tiere, schwarz und ölbeschmutzt, schwerfällig und doch kraftgeladen, war nicht ausschlaggebend für da^ Massensterben von Fischen, die seitdem mit den Bäuchen nach oben, vergiftet von grünschillernden und violetten Abwässern und Schlammgasen, den Main hinunterschwammen und auch weiterhin hinunterschwimmen werden. Sie war auch nicht ausschlaggebend für den Schaden an den Weinbergen, für die man damals fürchtete, weil sich an feuchten Tagen, die den Rauch ins Tal drückten, der rußige Teufelsschwanz auf die gelb- und goldbäckigen Beeren schlug und einen schwarzen Ueberzug auf die saftigen Kugeln malte. Geschadet hat sie nur der Demut jener Manner, die, das Zugseil über der Schulter, die beladenen Kähne maincmfwarts zogen, Schritt für Schrit auf dem schönen Treitelweg, der von tausend Füßen ausgetretene Weg, um den die Weidenbüsche schwankten und das geknickte Schilf seine dürren Fahnen legte. Ein herrliches Stück uralter Fluhpoesie, das gleich einem Saum am Main sich hinzog und von den Schweißtropfen der Männer benäßt wurde, wie vom gewitterlichen Regen, wie vom morgendlichen Tau. Ihre Klage wurde von dem herrischen Brummen der Schleppermaschine verweht und zugedeckt; denn Stegeszüge sind grausam und kennen keine Gnade. Um so größer wurde bei ihrem Rus und Ton das Herz aller am Maine wohnenden Knaben geweitet und erregt und im Schaum, den die Schaufelräder schlugen, fanden sie badende und tauchende Lust.
An Belinden.
Von I. W. von Goethe.
Warum ziehst du mich unwiderstehlich, Ach, in jene Pracht?
War ich guter Junge nicht so selig
In der öden Nacht?
Heimlich in mein Zimmerchen verschlossen. Lag im Mondenschein, Ganz von seinem Schauerlicht umflossen. Und ich dämmert ein;
Träumte da von vollen goldnen Stunden Ungemischter Lust, Hatte schon dein liebes Bild empfunden Tief in meiner Brust.
Bin ich's noch, den du bei so viel Lichtern An dem Spieltisch hältst?
Oft so unerträglichen Gesichtern Gegenüber stellst?
Reizender ist mir des Frühlings Blüte
Nun nicht auf der Flur:
Wo du, Engel, bist, ist Lieb' und Güte, Wo du bist, Natur.
Das Gewitter.
Von Georg Britting.
Als Katharina nach dreioiertelstündiger Fahrt nachmittags um drei Uhr bei hellem Sonnenschein den kleinen verstaubten Bahnhof verließ, der trostlos allein neben der Straße stand, kein Haus sonst weit und breit, und sich anschickte, nach Pflengenreuth zu gehen, eine Stunde Wegs war wohl noch bis dorthin — oh, sie kannte den Weg wohl gut, wohl sehr gut, kannte wohl jeden Baum der hundert Bäume, die den Weg säumten, jeden Baum, im Sommer und im Winter, sie war ihn auch oft genug gegangen, diesen Weg, weiß Gott! oft genug, wohl zu oft, öfter als gut war, in den letzten zwei Jahren, bei jeder Witterung —, stand dort, wo Pslengenreuih lag, das von hier aus noch nicht zu sehen war, es war von einem flachen Höhenzug verdeckt, stand dort am blauen Himmel über Pflengenreuth eine düstere schwarze Rabenwolke, die ein Gewitter anzeigte.
Katharina mochte wohl hoffen, noch vor Ausbruch des Unwetters das Dorf zu erreichen, und sie war durchaus in der Stimmung, auch ein Gewitter, das sie zu überraschen käme, nicht zu scheuen, war durchaus in der Stimmung, ein solches sogar herbeizusehnen, und so ging sie festen Schrittes dahin, mitten aus der Landstraße, mitten in der prallen Sonne, nicht am Rand der Straße, links oder rechts, wo Baumschatten gewesen wäre, links und rechts, ging gerade, als sei sie Jfjr Ziel, auf die große schwarze Rabenwolke los. Der Wolkenvogel wuchs rasch, seine Flügel, gelb und weißlich gerändert, schwangen immer breiter im Himmel, und bald wohl war seine licsschwarze, ungeheuer gewölbte Kehle über ihr, und der Vogel flog weiter fort und über sie hinweg, dahin, wo sie herkam, ins Sonnige, ins Blaue, und wer weiß wohin rauschend und dunkeldrohend zu fliegen ihm der Wind befahl!
Katharina, die Lehrerin, ging nach Pflengenreuth zu dem Mann, den sie liebte, und sie hatte nie zuvor einen anderen Mann geliebt, sie ging
zu dem Lehrer von Pflengenreuth, den sie liebte, der sie aber nicht mehr liebte, und sie ging zu einer letzten Unterredung mit ihm, die herbeizuführen wohl sinnlos war, ganz und gar sinnlos, vor der er sich fürchtete, er hatte es ihr geschrieben, die auch sie fürchtete, das hatte sie ihm geschrieben, die sie aber als notwendig empfand, die aber unbedingt statt- finden mußte, auch wenn sie sich beide davor bangten, und wenn sie sich fragte, was sie ihm wohl jagen wollte, ihm, dem Geliebten, der es noch immer und auf immer war, wenn sie ihn auch nicht mehr so nennen durfte, künftighin, so fiel ihr nichts weiter ein als dies: Ich möchte jetzt sterben!
Sie ging unter der dunklen Wolke dahin, die Straße lag im Wolken- schatten jetzt, aber wenn sie nach linkshin blickte, war über einem fernen Nadelwald noch Sonne, lag über dem Wald ein unwirkliches, gläsernes Licht, ein Vogelpaar hob sich jetzt aus dem Wald empor, hing unbeweglich in der Luft, kurze Zeit, und machte sich in schönen Schwüngen dann eilig davon. In die Bäume an der Straße war jetzt der Wind eingefallen, er drehte kleine Wirbel aus dem Straßenftaub, die fauchend um ihre Füße quirlten; sie ging, es fielen die ersten Tropfen, und aus dem Schwarz der Wolke leuchteten schweflige Lichter entfernter Blitze. Der Regen wurde stärker, ein Knurren lief über den Himmel, Donnerfchläge schallten jetzt, nun rauschte der Regen herab, Katharina war bald ganz und gar durchnäßt, aber sie ging, sie ging.
Der Lehrer von Plengenreuth, der unruhig am offenen Fenster dar heraufziehende Unwetter beobachtet hatte, schloß das Fenster, als die ersten stürmischen Tropfen ihm ins Zimmer sprangen, und war unschlüssig, ob er Katharina, die ihm ihr Kommen angezeigt hatte, mit einem Schirm entgegengehen sollte, und ging einmal vorerst nicht, weil sie vielleicht doch klug genug gewesen war, im Bahnhof unter Dach und Fach das Gewitterende abzuwarten.
Aber sie war nicht klug, Katharina, die Lehrerin, sie ging mitten auf der Straße, es war auch keine Möglichkeit, sich zu schützen vor dem Regen. Auch wenn sie am Straßenrand unter den Bäumen gegangen wäre, hätte das wenig geholfen, dick troff das Wasser von den Blättern, aber sie suchte auch gar keinen Schutz, sie hätte jeden Schutz verschmäht. Sie ging, sie ging im Schwarzen und Wehenden und Nassen, und die Blitze waren jetzt näher und waren über ihr, Wasser schwamm über ihr Gesicht, vielleicht waren auch Tränen dabei, das meiste aber war Hegen» wasser, sie ging, und wenn sie dem Geliebten dort in Pflengenreuth dem geliebten Lehrer von Pflengenreuth doch nur sagen wollte, daß sie zu sterben begehre, so konnte ein Blitz sie daran hindern, es ihm zu sagen, indem er ihr diesen Wunsch rasch und feurig erfüllte, und so schloß sie die Augen, faltete die Hände vor dem Leib und ging, ging wie eine Blinde, mit den suchenden Tritten einer Blinden, und sagte inbrünstig und laut und in dem Ton, wie Wallfahrer beten, sprach schluchzend das gotteslästerliche Gebet: „Komm, Blitz! Komm, Tod, Komm Sarg!" Noch durch die herabgelassenen Lider ahnte sie den grellen Schimmer der Blitze, die sie umzuckten, aber sie öffnete die Augen nicht, ging und ging, der Donner dröhnte in ihren Ohren, und sie betete immerfort und immer lauter und lauter wertend, um durch den Donner die eigene tröstende Stimme zu hören, lallte und rief und schrie ihre böse Litanei: „Komm, Blitz! Komm, Tod! Komm, Sarg!"
Da brach ein Krachen nieder, Schmettern, daß sie wankte, schon glaubte, das Schicksal habe ihr den Willen getan, ihr das tötende Feuer geschickt, aber das Schicksal hatte keinen Blitz für sie, mußte sie erkennen, das Schicksal gab ihr nicht, noch nicht, mußte sie verspüren, den Tod, den sie begehrte; daß sie lebte, noch lebte, mußte- sie verspüren, und so gab es ihr wohl auch nicht den Sarg, den sie herbeibetete und herbeischrie. Sie öffnete die Augen, öffnete sie gerade jetzt, als sie in ihrem eintönigen Singsang bei den Worten war: „Komm, Sarg!" und da lag vor ihr am Straßenrand ein weißer Sarg, ein weißer Halzsarg, das Wasser lief an ihm herab, es war ein schöner gelblichweißer Holzsarg, ein Sarg für einen erwachsenen Menschen, nicht vielleicht ein Kindersarg. Da lag am Straßenrand also der Sarg, den sie herbeigefleht hatte, und jetzt hob sich der Sargdeckel langsam und verschob sich, und ein blasses Gesicht sah aus dem Sarg, und ein Gesicht erhob sich weih über den Sarg; der im Sarg lag, hatte sich erhoben, und er rührte die Lippen, der Tote, denn in Särgen liegen doch nur Tote, aber was der Tote ihr zurief, verstand si« nicht, und vielleicht nahm sie an, der Tote wollte ihr Platz machen, weil sie so inbrünstig nach einem Sarg gerufen hatte. Der im Sarg lag, ging vielleicht gern wieder zurück ins Leben, während sie doch gern an seine Stelle wollte, vielleicht tauschte der Tote ganz gern mit ihr! „Komm, Sarg!" sagte sie noch, als ihr Herz aussetzte, als sie umsank gegen einen Baum, tief fiel, sehr tief fiel, und im bodenlosen Schwarzen unendlich und auf immer versank, die gefalteten Hände noch vor dem Leib, ein schwaches Lächeln noch auf den Lippen, weil der Sarg und mit dem Sarg der Tod nun doch noch zu ihr gekommen waren.
Der Schreiner von Pflengenreuth, der den von ihm gehobelten Sarg zur Bahn hatte bringen wollen und vor dem Regen Schutz in dem Holz» gehäuse gesucht hatte und erschrocken war von dem gewaltigen Donner- schlag und aus dem Sarg gespäht hatte, bleich, und mit bleichen Lippen ihr zugerufen hatte: Der Blitz muß aber eingefdjlagen haben!
Der Schreiner van Pflengenreuth stieg nun vollends aus der bleichen Kiste, stand nun doch auf der Straße im Regen, im nachlassenden Regen, blickte zum Himmel auf, wo die Walken durcheinander drängten und schon wieder Blaues sehen ließen, sah vom Sarg, neben dem der Sargdeckel lag, wie em zweiter Sarg, auf feinen kleinen zweirädrigen Karren hin und vom Karren weg verständnislos zu der hingesunkenen Frau im Straßengraben, und sah von Pflengenreuth her einen Mann mit aufge» fpanntem Regenschirm sich nähern, und war feinem Schicksal nun doch nicht entkommen, das es gewollt hatte, daß er an diesem Sommernadj- mittag vom Gewitterregen eisig durchnäßt werde.
Deranlwörtlich; vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


