August.

Bon Rudolf ®. Binding.

Ernster AugustI Verfingst du mit dörrenden Stürmen di« Liede?

Brechen Wellen des Meers ein in die Müde der Augen?

Zittert das Licht aus zu hoher Wölbung des Aethers?

oder wehrt sich das Herz übermächtiger Glut?

Nun sind die Felder geleert.

Die Wälder verdunkeln.

Lichter, süßer und liebender hat uns der Mai einst umarmt.

Wehre dich, HerzI

Sammle das Süße in dir.

Sammle es heimlich zum Süßesten.

Jetzt reist di« süßest« blutend reist die Brombeere unter dem Dornengerank.

^ch vergesse dich nicht, große Klußorgel!

Von Anton Schnack.

Dieser Tage fuhr der bekannte Kettenschlepper des Main- slusses, am obersränkischen MainMoikuh" genannt, in der Würzburger GegendMeekuh" und in der Frankfurter Land­schaftMaakuh" geheißen, zum letztenmal mainauswärts, um die Kette, die .ungefähr 314 Kilometer lang ist und aus 4 700 000 Gliedern besteht, aus dem Main herauszunehmen. Ueberall stand eine große Zahl Zuschauer an den Usern des Flusses, um dieses Schauspiel zu verfolgen. Ein herrliches Stück fränkischer Flutzpoesie ist damit beendet.

irklatschten Haaren von < .

i eusenfischer am Rockkragen gepackt und ......

k '-eerkübel geschleift wurde, bis das Wasser wieder aus der Knabengurgel 1 ("laufen war.

I Welche Ufer waren das? Weidenbuschumsäumte Ufer waren es bei < amberg und Haßfurt, wo, der Aussprache gemäß, der herrliche Schlep- | )cr dieMoikuh" hieß. Ein anderes Ufer gehörte der von Weinbergen starteten und Weizen und Korn durchdufteten Landschaft bei Dettei- *nd) am Main, das um die Jahrhundertwende noch wie eine von Merian zurllckgelassene Kupferstichstadt aussah, ein behäbiges fränkisches

I Müein, sonnenheiß in blauen und von heftigen Gewitterstohen abge- | Mossenen Sommerwochen, trauben- und mostsühgerüchig, wenn «ep- Miber und Oktober eine von Nebeln durchwehte Seidenluft über das Endliche Flußtal spannten. In den am rechten Flußuser angelegten Weinbergen waren wir dann bei fröhlicher Traubenlese. Tief unten -inkte uns die schmale ausstaubende Straße nach Mainstockheim und Ringen; wir aber, hoch droben in der Hügelwand, schnitten mit Reren und krummen Messern die Trauben von den Stocken oder S udeten Holzstöße aus dürren, verwetterten Weinbergslatten an, war- l*1 dazu dürres Gras, das unter den Schlehenbüschen wuchs, und die ° n steinigen, steilen, schmalen Pfad säumten, weiß und schaumend in dr frühlingsblühenden Zeit und nun im Herbst bläulich dunkelnd im nchen Behang von herben Schlehenkugeln. Und wahrend also die Feuer- 1ngen knisterten, lärmten die Handböller der be>m 9. Kgl. Bayer. 3n-

Jhm, dem Kettenschlepper, gebührt dieser von einer heimlichen Trauer eschattete Nachruf, es gebührt ihm gewiß dieser Nachruf, man läßt einen »lchen ja oftmals auch im Nachdenken für einen Menschen aufglänzen, !er den und jenen Eindruck gemacht hat, Eindruck durch Taten, durch Lühnheit oder Milde, durch Können oder Schönheit. Und wie die . Stimmen von großartigen Sängern und die Stimmen von liniendurch- urchten Schauspielergesichtern plötzlich erlöschen, süße oder erschütternde Stimmen, die bezwangen, wenn man sie hörte und noch lange in der I Seele nachzitterten, weil sie einmal Zauberhaftes ausstrahlten, Ver- Wenbes und Erregendes, so war mir, meinem Bruder und der mir in- snischen unbekannt gewordenen Schar von einstigen Schulkameraden, echen und behenden Franken, die dunkle und heulende Stimme des Schiffes, die Stimme über dem Mainwasser, die an die altertümlichen i enfterscheiben klirrende Stimme, die durch des kochenden Flußnebel «chende und warnende Stimme, die in den graublauen Abenddämme- I tungen unheimliche Stimme, die in den taublitzenden Sommermorgen I p Abenteuern und Knabenstreichen ausrufende Stimme, die Stimme, liie von Wasserreisen erzählte, von Flutzgeheimnissen, von musikdurch- I Lernten Hafenkneipen und von buntwirbelndem, gefährlichem Leben. I Diese Stimme hat eine an den Mainufern verspielte, vertobte und erträumte Kindheit begleitet, eine in Franken ausgewachsene Jugend, |l:e trotzig war und voll heimlicher Laster, die Mut hatte und Geheirn- k Life, und dieser Kindheit und Jugend hat das Schiffsgeheul in vielen I lcayren und an vielen Tagen zugerufen, Tage einer Jugend, der das 1 llußwasser geliebtes und vertrautes Element war, und aus dem der I! nabe des öfteren halberfosfen, triefend und verschlammt, Mund und j kaudj voll Wasser, herausgezogen wurde, an den nassen, zufammen- ! irklatschten Haaren von einem fluchenden Sandschöpfer ober von einem I s eusensischer am Rockkragen gepackt und ans User zu Fischlagel und

santerieregiment in Würzburg gedienten Knechte und Gesellen, breit­mäulig waren die Schüsse, angeschwärzte Papiersetzen ringsum streuend, und dreifach gebrochen rollte das Echo durch die Schlucht und beschleu­nigte die Hasenflucht, Schüsse, die bann in dem plötzlich um die Flutz- kehre kommenden und langezogenen Geheul derMeekuh", so hieß nun der Schlepper im Herzen von Franken, verschluckt und verdrängt wur­den. Der dumpfe Ton, der einen brummenden und summenden Hummel­klang halte, dann wieder aussetzte, um wieder, aber schon näher, unter Kettengerassel und Schaufelwirbel zu lärmen und zu dröhnen, war ein wunderbarer Ton, der in die dahinsterbende Demut der fränkischen Herbstlandschaft paßte, der schon oft gehört worden war, aber immer wieder von klangbegierigen Knabenohren mit Herzklopfen und heim­lichem Schauer vernommen wurde, Stimme eines vorweltlichen Riesen­tieres, Stimme eines Ungeheuers, die, wenn sie breit und gewalttätig brüllte, die Schulbuben in der Volksschule zu Dettelbach am Main be­unruhigte, und es war eine größere Gewalt in der Stimme derMee­kuh" als in der Stimme des Lehrers, der ans Fenster trat und eine Weile mit verklärtem und verwandeltem Gesicht hinauslaufchte, und wir alle, die eng und muffig in den Bänken faßen, wo die biegsamen jungen Rücken gekrümmt wurden, hätten ebenfalls verklärte Gesichter und die Gedanken derer waren allesamt am Mainufer als aufgeregter und kribbelnder Haufen oerfammelt, der dem auf dem Verdeck hin- und herfchiehenden Hund, einem Spitz, heiseres Gekläff zubellte, ganz nach Knabenart, und dabei den Gang der Kette beobachtete, di« wasier- iropfend aus dem Mainspiegel herauskam und bann von den eisernen Trommeln auf dem Schiff aufgewickelt wurde und am Ende des Schiffes wieder in den Fluß hinunterrasselte, um aus die Sohl«, aus den Grund zu sinken. Und wenn wir der Schule entronnen waren, die sich in dem berühmten spätgotischen Dettelbacher Rathaus besand, verziert von einem wunderbaren Erkerchörlein und versehen mit einer stolzen und prächtigen Freitreppe, ja, nach Schulschluß und zur Ferienzeit schwammen wir wie junge Hund« hinter derMeekuh" her, um einen Glanz, einen Fetzen des Glanzes zu erhaschen, der im Kielwasser des Schleppers glitzerte; denn dort, woher der dustere und lärmende Schlepper kam, war nicht ein verwinkeltes und enges Frankenstädtchen, sondern die unendliche und abenteuerreiche Welt, die Ferne war dort, es waren dort die üppigen Städte, der Rhein, das ebene Holland und das Meer. Und wir hielten bei diesem Wort den Atem an Meer war das Ungeheuerste, was es für uns gab.

Für die Knaben der Gegenwart ist allerdings nun die große Flutz- orgel erloschen, endgültig und immerdar; zum letztenmal fuhr der rasselnde Schlepper mainaufwärts, zum letztenmal war seine dumpfe Stimme zu hören, zum letztenmal rasselten eisern die Ketten, Ketten von dreihundertvierzehn Kilometer und noch mehr Länge und aus vier Millionen siebenhunderttausend Kettengliedern bestehend. Jahrzehntelang lagen diese Millionen von Gliedern auf dem Grunde des Mains, und cs rauschte das lehmgelbe, die Wsesen überflutende Frühlingshochwasser darüber, kalte, frostige Winter schleiften klirrende Eisschollen vorbei und die Schatten der Frankenwaldflöße ,trieben zur Sommerzeit über sie weg. Schlüpfrige Aale gr^ndelten an der Kette, Flußmuscheln klebten am Metall, und auch das^rtrunkene Mädchen ruhte bet ihr von vielen Kümmernissen aus, weil es, Tod suchend, ins Wasser sprang, um bei dem Manne nicht ein ganzes Leben zu vertrauern, den die Eltern, verbohrte, engstirnige, und an Geld und Gut klebende Eltern, für fein Frauenleben bestimmten. Das ist diese Kette, ein wasserumströmte, sisch- schwanzumspülte, fanbumtnifterte Kette, und ich wieberhole es noch ein­mal, weil es so groß und verwirrend klingt, viermillionensiebenhundert- tausenb Glieder zählend, englisches Erzeugnis, weil damals, als die Kette aus Geheiß des bayerischen Königs, des Ludwigs, gelegt wurde, die deutsche Industrie solche Ketten noch nicht herstellten konnte; und damals waren noch die Wasserwesen im Fluß, der schmerzlich singende Wasser­mann und die fischschuppige Nixe, und ihnen war die Kette glitzerndes Spielzeug, und auch für uns, für die Knaben, war es größtes Aben­teuer, die eiserne Schlange beim Wassertauchen zu sehen und mit zag­hafter Fingerspitze zu berühren. Und nun wird die Kette Kilometer nach Kilometer heraufgehoft und Kilometer für Kilometer begleite ich sie, und an den von Wasser und Schlamm angegriffenen Gliedern erhasche ich Vielfaches von ihrem geheimnisvollen Leben unter Wasser, von Felsenschnellen und strudelnden Sandstrecken, von chrem Weg unter Brückenbogen, von untergegangenen verfaulten Schelchen und hängen­gebliebenen Fischnetzen, von römischen Stechgabeln, schwedischen Reiter­pistolen und rostzerfressenen Hellebarden aus dem Bauernkriege. Aber bas ist noch nicht alles, das sind Beigaben auf irgendwelchen zufälligen Wegen und bei irgendwelchen zufälligen Begebenheiten hinunter zu ihr auf die Sohle des Maines gesunken, das andere, was noch an ihr hängt, ist Menschenhatz, heißer, fast aufrührerischer Menschenhatz, zwar schon lange her, aber doch einmal blutgiftig, herzecht und lebendigschwärend gewesen, wie nur Hatz gegen ein neues Ding, einen neuen Weg, einen neuen Gedanken, eine neue Erfindung fein kann. Es war der Hatz der damaligen Schiffer, Fährleute, Sandschöpfer, Häcker, der Holländer- flöher und der nur bis Aschaffenburg fahrenden Weitzflöher, und noch vieler anderer mit eingeschlossen. Es war ein Hatz, der sich in Ein­sprüchen an den König Luft machte, in Verwünschungen und Flüchen, in erregten Versammlungen, in Steinwürfen und in geballten Fäusten. Man hat den Rauch des Schleppers für die Ursache von Viehseuchen gehalten; man beschuldigte ihn, wenn ein Kind in den Main fiel und ertrank ober ein Flöher vom Floß ober ein Fischer vom Kohn, Teufelswerk wurde dieMeekuh" genannt und für die Verhängnisse, die ein Fluh bringt, verantwortlich gemacht. Es ging auch das Gerücht von der Ueberflüffig- keit der Eisenbahn, weil der Schlepper die Frachten billiger und schneller nach Würzburg und Bamberg bringen würde. Wie so manche vorgefaßte Meinung, war auch die Meinung von der Schädlichkeit des Mainschlep­pers und seiner Kett« falsch. Es steht fest, dah die Technik manche Kreaturen und allerhand Natur zerstört hat, sie hat vor allen Dingen das Wasser des Flusses zerstört, das wiesengrüne, dunkelsamtene Wasser, sie hat die Tiere vertrieben, den Fischreiher, den Kolkraben und viele