heil verleiht.
Unter Pavianen.
herumstehen sollten, wird sie immer aufs Wasser hinausstarren müssen, ob da nicht auf einmal wieder so etwas Absonderliches und Schreckliches emvorsteiat. Schade! — Gibt es denn wohl etoasijcrrlicijercs, als am Ende eines recht heißen Tages seine Nase ins Wasser zu stecken und noch ein Weilchen am User zu rasten, während vorn nahen Fluß her eine wunderbar erquickende Kühle dringt, die einem durch den ganzen Körper zu ziehen scheint? Ja, es ist schon eine Lust, zu leben! Schon ist's, am kurzen Gras zu knabbern und dann unversehens an eine Stelle zu geraten, wo es ganz besonders saftig schmeckt. Schön ist s, mit Brudern und Schwestern lustig umherzuspringen und dann M den heißesten Stunden sich unter den Bäumen auszuruhen. Nur am Fluh gibt es so fürchterliche Dinge! An diesen scheußlichen Kopf mit der großen Schnauze muh sie immer wieder denken, manchmal mitten in der fröhlichsten Stimmung; dann fährt sie schaudernd zusammen, oder es geschieht, daß sie plötzlich mit einem Satz aus dem Schlaf aufspringi: dann halte ihr geträumt, sie habe nicht fortlaufen können, fei am Ufer stehen geblieben, bis das Ungeheuer ganz nah herangekommen war----
Die Zebras sind jetzt seitwärts abgeschwenkt und streben auf eine große Baumgruppe nahe am Flusse zu; die Pallahs aber haben es auf eine Stelle abgesehen, wo sie schon häufig in Gesellschaft einer kleinen Gazellenherde gerastet haben; eine Anzahl Akazien steht dort betfany men, die schönen Schatten werfen, und überdies ist der abgesonderte Platz wie geschaffen gegen plötzliche Ueberfälle. Der alte Le'.tbock hat alsbald festgestellt, daß der Platz heute leer ist; aber dte Gazellenherde kann noch nicht lange fort sein. Der Boden da ist schon fast ganz ab- qcgraft, aber das ist nicht von Bedeutung; der Ort lockt sie ja weniger des Futters wegen als um der Kühle und Ruhe willen, die er spendet. Der Alte hat seine Schützlinge jetzt Ms zu den Bäumen geleitet und da liegen sie nun alle um ihn herum.
Es mag wohl drei Stunden später sein, da fährt die kleine Pallah plötzlich mit dem seltsamen Gefühl, daß eine Gefahr in der Luft liegt, aus dem Schlaf hoch, springt auf die Füße und sichert unruhig umher; aber alles schlaft oder ruht in ungestörtem Frieden. Nur ein ganz junges Tier — ein Bock — ist bei ihrer Bewegung aufmerksam geworden, kommt auf sie zugetrottet und legt seinen Kopf an den ihren; so stehen sie wohl eine Minute lang beieinander. Dann trottet oas junge Bäckchen wieder zum Rande des Busches zurück. Die klein« Pallah folgt ihm; sie ist immer noch in Unruhe, obwohl sie sich gar nicht vorstellen kann, von was sie eigentlich wach geworden ist, noch woher ihr dies unbehagliche Gefühl kommt. Ganz ähnlich zumut ist ihr's wie vor kurzem, als das Krokodil aus dem Wasser auftauchte. Wieder ist die quälende Vorstellung da, daß sie weit, weit fortlaufen möchte und sich doch nicht vom Fleck rühren kann; Angst mahnt zur Flucht, Neugier heißt sie bleiben! Sie ist wenigstens nicht allein: der kleine Pallahbock neben ihr ist ihr Freund, und in seiner Nähe fühlt sie sich geborgen.
Nicht weit von der Akaziengruppe steht ein einzelner Baum mit weit ausladenden Aesten. Dorthin zieht es den kleinen Bock, der feiner Begleiterin jetzt einige Schritt vorausläuft. Ihn treibt feine Angst, nur eine gewiße Rastlosigkeit und dann der Wunsch, mit der kleinen Pallah, die da hinter ihm herfolgt, anzudändeln. Außerdem ist es heiß, und unter dem großen Baum gibt es noch besseren Schatten; dort könnten sie sich niederlegen. _ _ ,
Jetzt ist er gleich am Ziel; seine kleine Freundin ist noch einen Augenblick zurückgeblieben, um ein Büschel Gras abzubeißen. Da laßt ein plötzlicher Schrei des Entsetzens sie schnell aufbstcken; im nächsten Augenblick schon hat sie sich zur Flucht gewendet, sieht aber noch eine langgestreckte gelbe Gestatt auf dem Rücken des Böckchens landen, steht gewaltige Tatzen jein Fell straffen und fletschende Zähne sich in seinen Hals graben.
Da packt sie eine ganz unbeschreibliche Angst; sie läuft, wie sie noch nie in ihrem Leben gelaufen ist — wohin? Sie weiß es nicht. Sie wird auch nicht gewahr, daß die ganze Herde in der entgegengesetzten Richtung flüchtet. Nur e i n Gedanke erfüllt sie: Fort von dieser unheimlichen Erscheinung mit dem gefleckten Fell und den furchtbaren Zähnen! Nichts mehr hören müssen von den kläglichen Todesschreien des armen Freundes.
Erst nach langer Zeit hält sie im Laufen ein und wagt zurückzu- fchauen. Kein Tier weit und breit! Nichts als offene Steppe, di« Berge in der Ferne und dort drüben der grüne Baumgürtel, der den Flußlauf begleitet. Da erst fällt ihr die Herde ein. Sehnsucht befällt sie. Sie fürchtet sich plötzlich, fo ganz allein zu fein. Ach, was gibt es doch auf der Welt für schreckliche Dinge! Da kommen sie aus dem Wasser herauf — da springen sie von den Bäumen herunter! Sie verficht ja noch nicht, was und wie das alles ist; aber eines weih sie jetzt: sie bringen den Tod! Und da steht sie nun und hat keine Freunde mehr, die sie beschützen und die sie lehren könnten, wann sie in Sicherheit und wann in Gesahr ist.
Während mehrerer Minuten ist sie völlig wie benommen durch dies Gefühl der Vereinsamung. Dann brennt ihr die Sonne so arg au den Rücken, daß sie beschließt, wieder zu den Akazien zurückzukehren; oenn sonst ist kein Schatten in erreichbarer Nähe zu entdecken. Vielleicht wird sie dort auch roieber auf die Gefährten stoßen. Ja, ganz gewiß sind auch sie wieder an den Platz zurückgekehrt und sie wird sie wiederfinden, vereint in friedlicher Gemeinschaft, die allein Schutz und Sicher-
Pallah aus der Suche — Di« fremde Herde.
Zug zur Tränke. — Die Lichtung. — Unter Pavianen.
Der rettende Warnruf. — Endlich in Sicherheit.
Der Felshügel.
Aber ach, sie find nicht da! Da mag die kleine Pallah auch nicht grasen. Suchend streift sie umher, unter den Bäumen — über sonnen- beschienene Flecken; aber so viele Tier« sie auch sieht, es ist keines von
ihrer Art darunter. In dem spärlichen Schatten der drei dünnen Akazien dort lagert eine Herde Gnus. Nicht weit davon haben sich an dunkler beschattetem Platz ungefähr fünfzig Zebras, ein paar Kuh- antilopen und einige Gazellen zufammengefunden. Halb versteckt hinter Akazien stehen vier Giraffen und rupfen an den obersten Blattern, während ein altes Nashorn den einen Baum dort ganz für sich allein beansprucht. „ , ... .. . .
Doch was hat die kleine Pallah von all den vielen Tieren, die dort auf verhältnismäßig kleinem Raum versammelt sind! Mutterseelenallein ist und bleibt sie trotzdem! Und der Schrecken, der sitzt ihr noch in allen Gliedern: beim leisesten Geräusch zuckt sie zusammen. Zwar braucht sie ja vor keinem der Tiere hier Angst zu haben, denn die beachten sie nicht — schenken ihr auch nicht die geringste Aufmerksamkeit; aber wenn o ein Gnu schnaubt, möchte sie immer gleich davonjagen, und wenn eine lebhaft« Gazelle plötzlich ausspringt, dann meint sie nicht anders, als daß ein Feind auf sie losftürzen wolle. All diefe Aengfte aber stehen zurück vor dem einen inbrünstigen Wunschgedanken: die eigene Herde wiederzufinden! — Einmal verraten ihr untrügliche Zeichen, daß hier noch vor kurzem Pallahs vorbeigekommen sind. Und sogleich macht sie ich auf, der Spur zu folgen. —
£i Freude! Sind denn das nicht die Vermißten, die da hinten frieM sich unter Bäumen grafen? Ach, es sind auch Pallahs, aber ihr gänzlich remd. Eine Weile hält sie sich noch in ihrer Nähe, hofft sie noch es !önnten am Ende doch die eigenen Gefährten dabei fein und sie wieder- erkennen. Als jedoch zwei von ihnen ganz dicht herankommen, um sie zu beschnüffeln, geben sie ihr kein Willkommszeichen und scheinen ebensowenig für sie übrig zu haben wie Zebras und Gnus. Auch ihnen ist der Fremdling, den man wohl dulden mag, solange er einem die faftigen Grasstücke und die schattigsten Ruheplätze nicht streitig macht, den man aber nicht in die Herde auszunehmen gesonnen ist.
Also verläßt di« kleine Pallah diese Herde wieder und wandert weiter; Augen und Nase suchen begierig das Gras nach Spuren ab, bie Aufschluß geben könnten über den Verbleib der Ihren; sie schnt sich *0 Wiedas Umherstreifen dürftig macht! Eine Spur, di« zum Fluß hinführt, macht sie sich gleich zunutze; bald trifft sie wieder auf eine Gnuherde, die auch dem Wasser zustrebt. Sie gesellt sich zu ihnen, auch wieder Fremdling unter etwa zwanzig Tieren, die gewohnt sind, unter sich zu leben. Zwischen den Bäumen und Büschen hindurch laufen noch andre Spuren in der gleichen Richtung, und auf diesen streben Strauße. Kuhantilopen, Gazellen und Wasserböcke herbei. Jetzt aber vereinigen sich alle diese schmalen Spuren zu einem einzigen breiten Pfad. Aus dem schiebt sich eine Herde Elefanten höchst geruhsam vorwärts, alles, was ihnen in den Wog kommt, eingehend mit den Rüffeln untersuchend; voran marschiert ein mächtiger Elefantenbulle, Kühe und Kälber im Ge- B. Hinter den Elefanten drängen sich all die andern Tiere, voller er, rasch ans Wasser zu kommen; aber ehe die Elefanten nicht abgezogen sind, trauen sie sich nicht vor. Dort, wo der breite Pfad aus dem Buschwerk herauskommt und sich in unzähligen kleinen Spuren über die Sandbank hin verzweigt, machen die Elefanten zunächst einmal halt; da wird erst einmal der Rüffel voll Sand genommen und der Sand über den eigenen Rücken gestäubt. Ungeduldig harren all die kleineren Tiere im Hintergrund. Nur die kleine Pallah trippelt beherzt links an den Elefanten vorbei, von denen einige schon anfangen, sich mit Wasser zu bespritzen; ganz allein wagt sie sich bis an den Rand der Sandbank vor. Als sie nun mit einemmal das Flußbecken fo offen vor sich liegen sieht, steht blitzartig wieder die Erinnerung auf an das letztemal, wo sie zum Trinken hier war, und furchtsam äugt sie nach dem User gegenüber: sollten da wieder diese grauenhaste Schnauze, diese kleinen lauernden Augen----? Aber nein! — glatt bleibt der Wasserspiegel, nur
dort leichtes Wellengekräusel, das di« Elefanten beim Trinken ver- Ursachen. Das gibt ihr wieder neuen Mut; fast möchte sie glauben, sie habe die schreckliche Erscheinung, die ihr da immer durch den Sinn spukt, in Wirklichkeit gar nicht gehabt. Ganz behutsam taucht sie die Schnauze ins Wasser und trinkt in langen Zügen. Ach, das erfrischt! Aber jetzt heißt es wieder zurück in den Busch! Wie beruhigt fühlt sie sich, daß sich nichts Schreckliches ereignet hat. Hat sie doch joden Augen.- blick gewähnt, es müßten diese starren Augen wieder auftauchen; aber nichts hat sich gerührt, in Muße hat sie sich satt trinfen können und ungefährdet ist sie durch das dichte Ufergobüsch bis zum nächsten Baum zurückgowandert. Doch wenn sie sich jetzt auch ruhiger und weniger von Gefahr bedroht fühlt als vorher — das beklemmende Bewußtsein völliger Einsamkeit bleibt.
Wieder wandert sie von Herde zu Herde, unbehelligt, aber auch nicht freundlich beroi(Kommt. Der Gedanke an die Nacht mit ihren vermehrten Gefahren steigert nur noch die Sehnsucht nach der tröstlichen Nähe ihrer Herde. Im Umherschweisen kommt sie jetzt über eine Lichtung, die sich durch ein Waldstück hinzieht. Da will sie etwas verweilen, um ein wenig zu grasen. Unter den Bäumen haben sich Paviane niedergelassen: die Paviankinder spielen, von ihren Müttern behütet; ein alter Pavian, der Führer der Schar, kauert auf einem hohen Ast und versieht sein Amt als Wächter. Bewegt sich da nicht etwas ganz heimlich zwischen den Büschen am Rand des Wäldchens? Die ruhig vor sich hingrasende Pallah dreht ihm gerade den Rücken zu, und so bemerkt sie nicht den Gepard, der geduckten Leibes herankriecht, bie funkelnden Lichter starr auf die erhofft« Beute gerichtet. Aber dem alten wachsamen Pavian auf feinem Ast entgeht es nicht, daß sich da hinter einem Busch — etwa vierzig Meter entfernt — etwas Gelb-Braunes bewegt. Schon schreit er los; es ist das kurze keisende Gebell, mit dem die Paviane höchste Gefahr an« melden. Da erheben die Jungen ein angstvolles Gezeter, huschen zu ihren Müttern, springen hoch an ihnen und klammem sich krampfhaft an ihrer Brust fest. Der Führer und die andern Männchen stellen sich wehrhaft mit gefletschten Zähnen auf; die kleine Pallah aber springt hurtig vor und ist im Nu außer Gefahr.
(Fortsetzung folgt.)


