GietzenerKimilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1938 Zreitag, den 12. August Nummer 62
Pallaft
Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis.
Von Cherry Kearton.
Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
2. Fortsetzung.
Die Leopardin hat in ihrer ganzen Länge in der niedrigen Höhle neben ihren beiden Jungen gelegen: sie springt im Nu auf und antwortet mit einem kurzen schroffen Knurren: es liegt wie eine Frage darin und gleichzeitig die Versicherung, daß sie da ist und ihn gehört hat. Dann stellt sie sich in den, Eingang der Höhle und blickt in ängstlicher Spannung seitwärts den Hügel hinab.
Während der folgenden Tage bleibt der Leopard in seiner Höhle, wo die Jungen wie Kätzchen um ihn herumspielen, während „sie" auf die Jagd geht, von der sie das eine Mal ein Perlhuhn, das andre Mal eine kleine Antilope oder einen Pavian mitbringt. Die Wunde heilt nur langsam, und der Leopard verspürt auch keine Lust, sich Bewegung zu machen, es sei denn, daß er an seiner Pfote herumleckt, sich manchmal rastlos von einer Seite auf die andre wälzt oder gereizt auffährt, wenn eines der Kleinen ihm beim Fangballspielen mit einem Pallahbein zu nah kommt. Doch nach einer Woche ist er endlich wieder auf den Beinen. Da oben steht er auf dem Hügel, schaut hinab ins Tal und beobachtet die Antilopen- und Gazellenherden in der Ferne, an die er sich, wie er weiß, noch nicht heranmachen kann.
Es kommt der Tag, wo die Kleinen, die zusehends gewachsen sind, den Eltern schon bis zum Rand der Felsplatte folgen und zum erstenmal einen Blick in die Welt da draußen tun dürfen. Hoch oben über ihnen schweben in der Lust die Geier: die warten darauf, daß die Bahn für sie frei wird, um sich über die Reste der halbverzehrten Pallah dort hermachen zu können. Plötzlich streicht einer mit rauschendem Flügelschlag ganz niedrig über den Felsen hin, die Kleinen erschrecken und ducken sich ängstlich; aber sobald er hochsteigt, bekommen sie schnell wieder Mut, stellen sich nebeneinander hin und beobachten ihn, wie er da oben kreist. Wenn sie einmal größer sind, wird alle Geierangft von ihnen gewichen sein — ja, dann werden sie, den Bauch katzenhaft an den felsigen Boden geschmiegt, sehnlichst darauf warten, daß einer mal so ganz nahe heran- kommt; vorläufig aber machen einem diese blitzschnellen Geschöpfe, die so plötzlich vom Himmel herabgestürzt kommen, noch angst und bange, und man muß immer wieder schutzsuchend zur Mama laufen.
Uebrigens beherbergt der Hügel noch einen andern Bewohnern das ist das alte Nashorn. Noch nicht ganz hundert Meter weiter abseits haust es in einem Dickicht aus Büschen. Nashorn und Leopard sind sich weder Freund noch Feind. Sie leben wie Nachbarn, von denen der eine sich nicht in die Privatangelegenheiten des andern mischt. Jeder hält sich streng an seinen eigenen Wechsel hügelabwärts; mit geschmeidiger Anmut sucht der Leopard sich seinen Weg durch und über die Felsbrocken; mit weniger Anmut rutscht das Nashorn seinerseits einen steinigen Abhang hinunter. Außer der Nachbarschaft ihrer Behausungen haben sie tatsächlich nichts miteiander gemein. Der Leopard treibt sich weit umher, wenn er auf Raub ausgeht, und holt sich seine Beute, wo es ihm gut dünkt; das Nashorn nährt sich vom Gras und Blattwerk eines ganz bestimmten Streifens in der Steppe, dem es stets auf demselben Weg zustrebt, und den es stets, um am Fluß zu trinken, auf einem andern ganz bestimmten Weg wieder verläßt; es ist ein ausgesprochenes Gewohnheitstier, indes der Leopard sich ganz den gegebenen Umständen anpaßt.
Endlich ist es soweit, daß der Leopard wieder selber auf die Jagd gehen kann, solange er sich an niedere Grasstrecken hält; im Wald, oder wenn er zu springen versuchen wollte, würde es jedenfalls anders sein. Aber das ist eine Frage der Zukunft; zunächst hat er vor, die Beute, die er von seinem Hügel aus weit dort hinten erspäht hat, zu beschleichen. Mit leichtgleitenden Bewegungen verfolgt er die Richtung, die er sich eingeprägt hat und wendet sich von Wald und Fluß weg den fernen Bergen zu. Etwa anderthalb Kilometer weiter liegt eine kleine Mulde, in der eine Akaziengruppe steht. Dorthin kommt manchmal eine Gazellenherde zum Rasten, das weiß er; gerade heute früh, als er die Steppe von fern mit den Augen absuchte, hat er sie wieder dort gesehen. Wie manchesmal hat er sich dort seinen Tribut geholt! Warum sollte er heute nicht auch Glück haben? Schon sieht er, indem er eine leichte Bodenerhebung hinankriecht, die Bäume vor sich. Am äußersten Ende der Baumgruppe äsen dicht aneinander gedrängt die Gazellen; er wird sich also anschleichen müssen, daß die Bäume ihn verdecken und der Wind seine Witterung in eine Richtung trägt, wo keins der Tiere sie wahrnehmen und die andern warnen kann.
Tiefgeduckt gleitet er im Grase, das ihm zum größten Teil über den Rücken reicht, weiter vor; in seiner Erregung denkt er nicht mehr an die Schmerzen, die ihn vierzehn Tage lang gepeinigt haben. Er hat schon ein einzelnes Tier aufs Korn genommen — es ist ein Bock mit herrlich gebogenen Hörnern, der ihm von der ganzen Herde am nächsten steht. Jetzt nur noch unbemerkt bis zum letzten Baum kommen; dann wird er springen! Die Gazelle zeigt keine Spur von Argwohn. Friedlich knabbert sie an dem kurzen Gras, das sie im Verein mit ihren Stammesangehörigen im Lause einer Woche schon fast ganz abgeäst hat. Manchmal schnuppert sie in der Richtung, aus der der Wind kommt, aber mehr gewohnheitsmäßig als mißtrauisch; dann senkt sie ihren Kopf wieder, um weiterzufressen. Und immer näher und näher rückt der Leopard heran — jetzt ist er schon am ersten Baum vorbei, Stückchen um Stückchen schiebt er sich vorsichtig und lautlos vorwärts, den Blick fest auf die Beute geheftet. Da! Jetzt hat er den Fuß des letzten Baumes erreicht! Zitternd vor Mordgier will er vor dem Sprung noch einmal feine ganze Kraft zusammenraffen: die Muskeln spannen sich, die Klauen pressen sich dicht an den Boden, der Leib bebt in unbezähmbarer Erregung, die Augen starren geradeaus. Und jetzt springt er los! Aber da fährt ihm plötzlich ein schmerzhafter Stich durch die Tatze —
Für den Bruchteil einer Sekunde wird fein Blick von der Gazelle abgelenkt und in eben diesem Augenblick schaut das Tier auf und macht einen großen Satz. Zeit zum Davonlaufen war keine mehr, der reine Schreck ließ es zur Seite springen, und dieser Satz hat es aus der Sprung- richtung des Feindes und in Sicherheit gebracht. Nun aber ist kein Halten mehr; in dem Augenblick, wo der Leopard an der Stelle landet, an der gerade vorher noch die Gazelle gestanden hat, ist die ganze Herde schon auf und davon und jagt durch die Steppe ins Weite.
Und der Leopard? Er denkt nicht an Verfolgung. Seine Art zu jagen besteht in einem Uebertiften des ahnungslosen Wildes; entweder beschleicht er es, ober er lauert ihm im Hinterhalt auf, bis es, nichts Böses ahnend, nah genug herangekommen ist. Nicht einmal im Vollbesitz seiner Kräfte würde es ihm einfallen, einem Tier nachzusetzen, das er einmal im Sprunge verfehlt hat; geschweige jetzt, wo er merkt, daß mit verwundeter Pfote selbst das Anschleichen nicht so einfach ist.
Aber abseits der Akaziengruppe weiß er einen dicken Baum mit einem ganz besonders starken Ast. Auf dem hat er schon oft gelegen und vorbeikommenden Tieren aufgelauert. Dahin macht er sich nun auf; angelangt, setzt er mit einem Sprung hinauf und beachtet nicht weiter den abermaligen stechenden Schmerz, der ihm das Bein heraufschießt. Die Klauen fest an den Ast gedrückt, die Schnauze auf die Tatze gelegt, so liegt er der Länge nach ausgestreckt da oben und harrt der Dinge, die da kommen sollen.
Die reizende kleine pallah.
Die Jüngste der Herde. — Erste „Gefah r".
Eine Lust zu (eben. — Ihr Freund. — Innere Warnung. Der gelbe Blitz. — Einsam und allein.
Wenn der Tag vorrückt und es immer heißer wird, ziehen Herden von Antilopen und Gazellen langsam, aus die Bäume zu, die mit ihrem Schatten locken. Sieh, da kommen vierzig Zebras grasend über die Ebene. Ein Dutzend Pallahs, voran ein alter Back als Führer, hält sich nah zusammengedrängt dicht hinter ihnen. Die schwerfälligen Zebras bringen die Schnauzen gar nicht weg vom Boden. Außer zweien, die in einem gewissen Abstand — eins rechts, das andre links — mit der Herde gleichen Schritt halten; es sind die Wachen, die ununterbrochen nach drohender Gefahr Ausschau halten müssen. Die Pallahs haben keine eigenen Wachttiere ausgestellt, sie verlassen sich auf die größere Herde vor ihnen; wenn diese unruhig wird, dann wissen sie schon, daß etwas lös ist. Daß sie während des Fressens ständig auf ihrer Hut sein müssen, stört sie nicht ein bißchen in ihrer fröhlichen Laune. Im Weiterwandern springen sie munter und lustig vor und zurück, wie es ihnen gefällt.
Die Jüngste in der Herde ist erst ein paar Wochen alt. Ganz besonders anmutig ist sie mit ihren schlanken Beinen, dem zierlichen Hals, der lichten Streifung ihres Fells und den hauchzarten großen Ohren am feingeformten schmalen Kopf. So jung ist sie noch, daß es erst gestern war, wo sie zum erstenmal einen Begriff davon bekommen hat, was „Gefahr" ist. Mit andern Tieren aus ihrer Herde war sie zum Trinken auf die Sandbank gekommen; dort hatte sie, wie von einer inneren Stimm? gewarnt, plötzlich den Kopf gehoben und aufs Wasser hinausgeblickt. Und was mußte sie sehen? Eine ganz abscheuliche Gestalt war aus der Flut ausgetaucht und mit kleinen, boshaft funkelnden Augen unaufhaltsam auf sie zugekommen. Sie — zu Tode erschrocken — war geschwind fort- gesprungen, die Gefährten gleich hinter ihr drein.
Genau weiß fie’s ja nicht, worin nun eigentlich die Gefahr bestanden hat; aber eins ist sicher: nie wird sie sich allein ans Flußbecken wagen — nie! Und auch bann, wenn die andern rings um sie


