Ausgabe 
11.11.1938
 
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Aber der tat es nicht, sondern lag mit geschlossenen Augen: so blieb es: so mochte es in alber Ewigkeit fortbauern. Und der Fähnrich trat zu dem Ungarn hinüber und half ihm veim Knödelbacken.

Sie sprachen nicht. Clemens Weißgraf hatte erst in dieser Minute die ganze Tragweite dessen, was gestern heute geschehen war, ersaht, er begriff es an dem Benehmen dieses außerordentlichen Soldaten, von dem Sagen berichtet hatten, damals, als er noch in der Front stand; den die Soldaten der fremden Divisionen kannten, der nichts nie und nimmer Nichts gefürchtet hatte. , . .

Mehrl Mehr! Nichts aefllrchtet hatten viele. Tapferkeit war ringsum in voller Blüte gestanden." Hier aber, bei diesem Hauptmann Eggers kam noch ein zweites hinzu: er war ein Deutscher!

Ein Deutscher? Das waren auch sie, all die Tapferen!

Mehr! Mehr! Er trug das Deutsche in sich, wie es durch die Jahr­hunderte aus uns gekommen ist, wie es sich in den Besten dieses Bottes aeoffenbart hatte zu allen Zeiten. Er war nicht nur Soldat und Deutscher und aus einer alten Familie, die zu Goethes Zeit und früher mitten in den Wechselfällen deutscher Kultur und Geschichte gestanden hatte er war mehr. Immer noch mehr war dieser Mann mit dem schmalen Gesicht und den bernsteinfarbenen Augen

Um was aber war er mehr? Um was noch ragte er hervor?

Der Fähnrich fand auf diese Frage keine Antwort. Er buk brav seine Knödel fertig, und die zwei taten es immer noch ohne ein einziges Wort, der Bodor aus Budapest und der Weißgraf aus Niedersachsen. Und Weiß- graf hätte nicht einmal sagen können, woher dieser Hauptmann Eggers gebürtig war. Er stammte aus Deutschland, das war genug.

Das waren die halb verwirrten, halb übersichtigen und erhobenen Gedanken des jungen Deutschen beim Knödelbacken. Als er sie zu Ende gedacht hatte, überkam ihn eine rätselhafte Freude, eine Ruhe ohne Maß, ein lächelndes Erstaunen vor der Größe und Unsterblichkeit des Vater­landes. Er mußte an sich halten, um nicht vor Glück zu singen oder zu sprechen, oder hinzugehen zu jenem, der auf dem Bette lag und da war.

Jener aber, der dort lag und die Augen geschlossen hielt, er war so fern von der Freude, wie der Mond von der Erde ist. In feiner Tasche steckte eine Zeitung, und in dieser Zeitung war in Druckerschwärze ein Urteil über fein Volk gefällt worden. Wenn er in dieser Stunde nicht starb, so mußte er einen unsterblichen Kern haben. Ihm war es.aber so, als stürbe ^r.

Deutsche Musiker der Gegenwart.

Von Dr. Erwin Kroll*.

Hans Pfihner.

Dieser Meister ist der deutscheste unter den lebenden Komponisten seines Vaterlandes. Seine Werke und Schriften offenbaren ihn als Bannerträger einer Romantik, die der deutschen Musik bester Teil ist.

Will man Psitzners Künstlertum kurz beschreiben, so kann man sagen: es ist in allem, auch in der Wirkung auf die Welt, das gerade Gegenteil der Art des anderen großen Spätromantikers, Richard Straußens. Dieser vom Erfolg verwöhnte Klangzauberer haftet mit seiner Kunst am farbigen Abglanz des Lebens, Pfitzner dagegen, der stets um Anerkennung ringen mußte, ist weniger ein Meister der Farbe als der Zeichnung und möchte mit seinen Klängen zum Hintergründigen zum innersten Sinn der Zeit Vordringen. Nicht die Romantik Liszts, sondern die Webers, Schumanns und Brahms' klingt in seiner Musik weiter. Hier ist Singen, aber auch Sinnen, Suchen nach der blauen Blume, holdes Sehnen und Schwärmen, aber auch herbstliches Grübeln und ein Entrücktsein über den Tag hinaus. Der Meister spricht einmal von demNachdenklichen, Übermütigen, Tiefernsten, Zarten, Kräftigen und Heldischen" der deutschen Art. Dies alles ist nicht nur in feiner großen Kantate93 o n deutscher Seele" Klang geworden, auf die sich jene Worte zunächst beziehen, wir spüren es auch sonst in seinen Werken.

Psitzners Wesen war von jeher abgestimmt auf eine romantische Mischung von Sehnsucht und Ironie, von Nach-innen-Hineinhorchen und Nach-auhen-sich-Abfinben. Den jungen, darbenden Musiklehrer, den spä­teren Kapellmeister, Komponisten und kampffreudigen Schriftsteller er­füllte je länger um so mehr das Gesühl des Unbefriedigtsein durch das Weltliche. Um so unbeirrbarer ging er seinen Weg; er glaubte an seine Sendung. So hat er, wie seine Opern, z. B. sein geniales Jugendwerk Der Arme Heinrich", vor allem aber die unvergängliche Be- kenntnisschöpsungPalestrina" beweisen, im Sinne des Wagne­rischen Weihespiels und mit deutlicher Hinneigung zu Schopenhauerscher Weltverneinung musikdramatisch gestaltet, aber die Gesetze dieses Gi stattens sind nicht so sehr ausdrucksbedingte als absolut musikalische, sinfonische, und das Orchester wurde dabei immer mehr linear ausge- lichtet. Wie der Komponist aber in einem Sonett vom Wagnererbe als derSelbstbesinnung auf das eigene Wesen" spricht, so fand er dieses Wesen auch in der Rückschau auf die früheren Romantiker wieder, deren begeisterter Herold er in Wort und Tat wurde. Der Musikschriststeller Psizner ist mehr als ein genialer musikalischer Denker, er wächst zum Se: inieister der Nation empor. Seine romantische Kunstlehre aber wur- zcl: .> im musikalischen Einfall, der, Geschenk schöpferischer Gnade, alles Foiinen, alle musikalische Arbeit möglichst in seinen Eingebungsbereich zti- e.i müsse.

..ach seine Lieder und reinen Instrumentalwerke sind lebendiger 93e= rovifür die persönliche Gültigkeit solcher Einfallsästhetik. In seinen Liedern hat er anders als der inhattsbeherrfchte Hugo Wolf dem aus der jeweiligen Gesamtstimmung des Gedichtes geschöpften Einfall

Vzl. den Einführungsaufsatz in Nr. 86 vom 4. November.

und fernen sormarganischen Möglichkeiten alle Einzelheiten des Textes unterzuordnen g-wußt. Seine Jnstrumentalwerke von der köstlich überschwenglichen Cellosonate an bis zu der leidenschaftlich kühnen, wundervoll geschloffenen Cis-moU-Ennfonic sind wahre Wunderge­bilde formorganifchen Verknüpfens und Aufbaues,

Nicht daß sich Psitzners Künstlertum in Weltflucht und Kampf er- chöpfte. Es gibt neben dem tragisch gespannten, demjenseittgen", auch einen weltlichen, diesseitigen, heiteren Pfitzner. Eines fehlt freilich auch diesem völlig: die (schon von Weber gerügte)verfluchte Sucht, zu ge« allen", und deshalb wird seiner Kunst denn auch der laute, lärmende Beifall niemals beschieden fein. Aber sie hat von jeher auf dieStillen im Lande" gewirkt, und auch unsere Jugend bemächtigt sich ihrer Immer mehr. Sie weiß, daß dieser so oft als rückschrittlich verschriene Spat­romantiker mehr als einmal zu Bindungen gelangt ist, deren anatole Kühnheit auchmodernstes" Erdreisten in den Schatten stellt. Sie be­greift an seiner Kunst, daß es auch in der Musik nicht so sehr auf den Buchstaben als auf den Geist ankommt. Sie ahnt, daß in Psitzners Tönen über alle zeltgebundene Romantik hinaus Zeitloses, Ewiges schwingt. Noch ein weiteres aber lehrt uns alte wie junge diese Kunst: daß Neues nicht ohne Bindung an das Alte geschaffen werden kann, und daß dieses Neue, um zu dauern, sich mit seinen Wurzeln stets in den Mutterboden des eigenen Volkstums senken müsse.

Wilhelm Furtwängler.

Dieser Künstler ist nicht nur der größte lebende Dirigent Deutsch­lands, er hat als Ausdeuter deutscher Musik auch jenseits der Grenzen höchste Anerkennung gefunden. Sein Name sagt uns: Furtwangen das anmutige Schwarzwaldstädtchen, ist die Heimat feiner Ahnen. lL_n.cn und Musikwerke haben sie gebaut und sind zum Wohlstand gekommen, fo daß Kt)on des Dirigenten Großvater Gymnastaldirektvr in Freiburg (Breisgau- wurde. Der Vater war Professor der Archäologie in Mün­chen und er-ntete als Ausgräber von Olympia Ruhm. Seine Gattin, die aus einem badischen Philologengeschlecht stammt, hat weitere künstle- rische Anlagen in die Familie gebracht.

Die Umwege Bülows und Mucks sind Furtwängler erspart geblieben. Van Anfang an hatte seine Erziehung, so umfassend ihre Bil­dung waren, nur das eine Ziel: den Musiker. Wenn in dem mit einem erstaunlichen musikalischen Gedächtnis begabten Knaben, in dem Jüng­ling, der schon als Sechzehnjähriger in seiner Vaterstadt Berlin mit eigenen Werken hervortrat, Zweifel lebten, so galten sie der Frage: Dirigent ober Komponist? Zwar ist diese Frage bald zugunsten des Dirigenten entschieden worden, aber Furtwängler hat dem eigenen Schaffen nicht entsagt, und auch als Komponist stellt er die höchsten An­forderungen an sich. Das beweist die Tatsache, daß er seine Werke der Oeffentlichkeit zumeist vorenthielt. Die gewaltige SSiolinfonate, die wir jüngst kennenlernten, ein Werk schöpferischer Ekstase sowohl wie weitgespannten Formens, kommt bei all ihrer Gegenwartsnähe von der Welt eines Brahms her. Damit ist zugleich der Ausgangspunkt des Diri­genten bezeichnet. Wenn er von hier aus auch die ganze Welt der neueren Tonkunst meisterlich ausdeutend durchmessen hat, Brahms' Kunst bleibt seine musikalische Urheimat. Sie entspricht seinem männ­lichen Wesen am besten, denn Furtwängler geht es mehr um den Cha­rakter als um den schönen Schein der Musik. Weniger als Tänzer, denn als beschwörender, königlicher Priester steht er vor ihr.

Bei Schillings, Mottl und Pfitzner hat Furtwängler gelernt. Es galt, Schwierigkeiten des Handwerks, der Schlagtechnik zu überwinden, dämo­nisch ausbrechende Ausdrucksgebärden zum unfehlbar wirkenden lieber« tranungsmittel bes ausdeutenden Willens zu läutern. Lübeck und Mann­heim bringen die Vollendung. 1920 fällt dem jungen Meister ein reiches Erbe in den Schoß, die Konzerte der Berliner Staatskapelle, des Frank­furter Museums und des Wiener Tonkünstterorchesters. Der Tod Ni- kischs (im Januar 1922) schafft eine neue Lage: Furtwängler übernimmt den Taktstock der Berliner Philharmonie und des Leipziger Gewand­hauses. Seine Gastkonzerte im In- und Auslande mehren sich. Schließ­lich findet er den Mittelpunkt feines Wirkens im Berliner Philharmo- nijchen Orchester. Hier, wo Bülow und Nikisch unvergessen sind, führt der Nachfolger neue Glanzzeiten heraus. Die Auslandsreisen der Philhar­moniker werden immer wirksamere Werbungen für die deutsche Kunst. Auch die Berliner Siaatsoper und das Bayreuther Festspielhaus ver­sichern sich feines Namens, und dem Ehrendoktor der Heidelberger Uni­versität, dem Generalmusikdirektor der Stadt Berlin fällt die Würde eines preußischen Staatsrates zu.

Worauf gründet sich Furtwänglers Sonderrang unter den heutigen Dirigenten? Kurz gesagt: auf die unvergleichliche Weite und Tiefe seiner musikalischen Ausdeutungskunst. Ob Mozart ober Beethoven, Brahms ober Bruckner, Pfitzner ober Strauß, Tschaikowsky ober Debussy. es ist. als ob ihre Musik unter feiner Stabführung immer wieder neu geboren würde. Denn er hat (es sind feine eigenen Worte) stetsD i e Vision des Ganzen". Er kommt aus der Tiefe, er weiß um die Urgründe jeder Schöpfung, deshalb gibt es an ihrer Oberfläche für ihn kein Raten. Dierichtige" Auffassung ist für Furtwängler Selbstver­ständlichkeit, und sie teilt sich dem Hörer unzweideutig und zwingend mit. Das Geheimnis der unfehlbaren Wirkung liegt hier in einem tiefen, untrüglichen Wissen um die großen und kleinen musikalischen Zusammen­hänge, um die Bahnen der Melodie, den Zug des Rhychmus, die Be­sonderheiten jedweder Klangverbindung. Jeder Musik fühlt sich Furt­wängler nahe. Ob von heute, ob von gestern, es muß nur wirklich lebendige,große" Musik sein, und sie muß sich in denfruchtbaren Kontrast" feiner Programme (auch dies ein Wort von ihm) eingliedern lassen, die alles andere fein wollen, als Einheits- oder Stilprogramme. Wie er bann mit der Rechten überlegen führt, mit der linken unendlich beredt deutet und anfeuert, wie der ganze ragende Körper dieses Künst­lers in den Dienst bet Klangwerdung gestellt wird es find für jeden, der ihn gesehen und gehört hat, unvergeßliche Srtebniffe.

Der«ntwortlich: Dr. HanS Thhriot. Druck unö Drrlag: Brühlfche Universität-druckerei R.Lange, Gieße».