Menschen geschart; mich hinderte geraume Zeit die Farbigkeit und schöne Faltung ihrer Gewänder, mich um das zu kümmern, was aus der Empore vor sich ging. Ich hatte aber noch kaum die Gestalt eines männlich mächtigen und ernsten Sängers erblickt, die Silberstimme einer Leier und erste halb gesungene, halb gesprochene Worte vernommen, so ließ ihre Süße mich bis in das Mark erschauern. Nach einer Weile des Zuhörens suhlte ich es über meine irdische Kraft gehen, und ich seufzte, mich windend: „Wie ist es möglich, daß diese hier es mit Gleichmut ertragen?"
Der Geist erwiderte: „Weil sie unschuldig sind."
Indem brach in meiner Nähe ein Mann durch hinter ihm Stehende sich in ungestümen Bewegungen Bahn. Mein Führer ergriff ihn am Kleide und fragte ihn, dessen Gesicht sich in heftiger Bestürzung und fast zum Weinen verzerrte: „Wohin so eilig?" Der versetzte, indem er sich losmachte, atemlos: „Ich hatte es vergessen, ich habe noch einen alten Feind meiner Jugend, der mir übel wollte. Ich will eilends hin und ihn bitten, mir zu vergeben, daß ich ihn unwollend reizte."
Er entfernte sich rasch, und ich rief zum zweiten Male aus: „Welche Stadt, mein Geist, wo Gesang imstande ist, die Gemüter zu guten Handlungen zu bewegen!"
Der Gänger hatte geendet, und ich folgte meinem Geist durch die Wunder der Straßen weiter, bis ich mich im -Schatten uralter Bäume eines Gartens befand, den ich für einen Gedächtnisort oder Friedhof hielt, weil an den Stämmen an goldenen Ketten marmorne Tafeln in zierlichem Oval hingen. Namen glänzten in Gold aus den Tafeln; ich hörte die Stimme eines unbekannten Vogelfängers in verträumtem Plauderge- sang, unendlich Frieden verbreitend, und ich las über jedem der Namen auf den Tafeln ein goldenes P. und ein T. Auf meine Frage nach der Bedeutung erwiderte mein Führer folgendes:
„Es ist", sagte er zu meiner Verwunderung, „lateinisch. Hier ruhen sie alle, deren Werke dein Erstaunen in dieser Stadt gebildet haben, Sänger und die Bildner in Stein und die Maler, die !8aumet|ter, Brückengründer und auch die Gärtner und Erfinder schöner Gewandung. Sie alle werden in dieser Stadt unter dem Namen begriffen, zu dem du die erste jener Settern ergänzen mußt: Poela."
„Und das T?" fragte ich wißbegierig.
„Es entspricht", erwiderte er, „dem laureatus, das ihr auf der Erde dem Poeta gesellt. Dies T heißt: Torquatus."
„Wie?", fragte ich erschrocken, „werden diese gequält, statt daß sie bekränzt würden?"
„So hast du noch nicht begriffen, daß hier alles anders ist als bei euch? Folge mir nach."
Wir gelangten in das Freie und vor ein riesiges und sehr ernstes Gebäude. Durch das Tor betraten wir eine niedrige Eingangshalle, von der Treppen ausgingen in einer außerordentlichen und nachdenklichen Stille. Gestalten tarnen und gingen, die mir infolge einer Gefaßtheit und Klarheit des Ausdrucks Pfleger von Kranken oder Aerzte zu fein schienen. Mein Begleiter fragte eine weibliche, die ein Brett voll edler Geschirre vorübertrug: „Darf man die Kammern sehen?" Sie erwiderte freundlich: „Hier steht alles offen für alle."
Eine Treppe emporgestiegen, fanden wir uns in einem Flur von unendlicher Länge und voller Türen. Mein Geleit öffnete die nächste und ließ mich eintreten. Hier sah ich einen Mann, dem von einigen jener gefaßten Gestalten die Haut vom Rücken geschält wurde, was sie mit ruhiger Emsigkeit besorgten. Ich sah seinen Mund von Knebeln verdeckt, seine quellenden Augen und gewann die Tür. Draußen sagte der Geist: „Die gelöste Haut wird wieder geheilt; dann folgt eine andere Stelle. Solches sieben Jahre lang." Ich schrie: „Das ist Wahnsinn!" ..Still!" sagte er, „wer wird hier Lärm machen! Tritt ein."
Er hatte eine andere Tür ausgeschlossen, und ich gewahrte in einem mächtigen Reifen, der durch eine mir verborgene Kraft in einer schleudernden Bewegung war, eine angefesselte gelbe Gestalt, die aus hochgeklappten Augenlidern stierte. Der Geist deutete auf eine Tafel an der Wand und sagte« „Eine Woche lang schlaflos; dann Ausruhen, wieder Schlaflosigkeit. 243mal, wie ich lese, hat dieser es schon Überstanden und wird in Bälde gesiegt haben."
Ich sah noch viele Kammern. Einen sah ich in völliger Finsternis gefesselt, geknebelt, versiegelter Augen und Ohren, stumm, taub, blind, 3 Jahre lang. Ich sah die Marterungen der Wollust, des Hungerns und Dürstens, sah Gebrannte, Gesottene und Erfrierende, und ich sah solche, die auf mir geheimnisvolle Weife seelisch gefoltert wurden. Als es mir unerträglich wurde, führte der Geist mich auf einen »Altan hinaus, wo ich mich zitternd und schweißgebadet in der Nachtkühle und dem gewaltigen Firmament gegenübersand.
Er sagte: „So ist es bei euch Einem jeden, ob echt ober unecht, bemüht ober nicht bemüht, ob er Dieb, Heuchler, Betrüger, Schlemmer, Hanswurst ober Unzüchtiger sei, ist es erlaubt, seine Gemachte der Oessentlichkeit seilzubieten, wovon sie nimmt, was ihr beliebt, die sie behält oder vergißt, und wofür sie nach Gefallen gewährt: Ehre, Gut, Geld, Grabsteine, Nachruhm.
„So ist cs hier: Wer sich dem hohen Rate zur Uebemahme einer Dichterschaft ankündigt, wird zunächst aus seine Fähigkeiten der Enthaltsamkeit und des Ertragens auf eine Weife geprüft, die kein Irdischer überstünde. Alsdann darf er in eine jener Zellen, und die Marter beginnt, die seiner Anlage entspricht, will sagen: die härteste für ihn ist. In Pausen von Jahren erhält er so viel Freiheit, um ein Werk ferner Kunst zu schassen, das darauf geprüft wird auf feine Wirkung. Wer keine Fortschritte macht, wird verstoßen. Nun lasse dir sagen, daß von allen, die sich zur Marter anbieten, die Hälfte nach kurzer Zeit erliegt, sei es dem Tode, fei es der Schwäche des Verzichts, lieber der verbleibenden Hälfte liegt ein Gesetz, das verbietet bie Schwelle anbers als tot ober siegreich zu verlassen, unb von ihr bleibt abermals bie Hälfte auf dem Platz. Der Rest —" . ,
„Geist, Geist!" beschwor ich ihn schaubernd, „willst du sagen, daß Hunderte, Tausende sich zu dem Unerträglichen drängen?"
„Der Rest , fuhr er fort, „der Unzählbaren auf diesem Stern, welche brunftig sind nach dem Verrichten der höchsten Kunst, die Herzen ihrer Brüder und Schwestern zur Wandlung und zur Handlung zu bewegen: dieser Rest erlangt bas Heil. Er übt seine Kunst, für feine Notdurft ist gesorgt, er heißt Torquatus; niemand, der ihm begegnet, barf es wagen, den Blick in seinen schmerzlos geworbenen zu tauchen. Dich, wenn du ihrer einen getroffen hättest, würbe fein Auge sinnlos gemacht haben. Endlich erreichten sie bie ewige Ruhestatt in jenem Hain, ihr Name und ihr Werk bie ewige Lebendigkeit im Herzen ihres Volkes."
Der Geist schwieg. Ich blickte aus schwerer Beklommenheit zu den Scharen der Sterne auf, die bas unendliche Dunkel umher mit strahlender Sicherheit erfüllten, unb es kam, daß ich fragte: „Kannst du mir bie Erbe zeigen, mein Geist, bah ich sie sehe unter diesen Sternen?"
Er verneinte. „Sie ist zu fern unb zu klein, unb überdies hat sie kein eigenes Licht."
„Zu klein", murmelte ich, „zu fern, und kein eigenes Licht ..."
Zum erstenmal muhte ich da begreifen, daß meine Erde nicht wirklich ist, und mir sank das Herz.
Frontsoldaten hinter Stacheldraht.
Von Georg von der Bring.
Während der fchicksalsschweren Novembertage des Jahres 1918 kommt ein deutscher Hauptmann, aus der Flucht aus der französischen Gefangenschaft, in ein schweizerisches Barackenlager. Inzwischen ist nach den unendlichen Leiden und Opfern der Waffenstillstand geschlossen worden. Die folgende Darstellung, die wir mit Genehmigung des Verlags Gerhard Stalling, Oldenburg i. O. / Berlin, veröffentlichen, ist dem Buch „D e r Goldhelm" von Georg von der Bring, das wir früher besprochen haben, entnommen. Die Bitterkeit jener Tage wird hier in gleicher Weise offenbar wie der trotz allem unbesiegte Glaube an die Größe und Unsterblichkeit des deutschen Volkes«
Und — schon gut, schon gut! Das Herz des Fähnrichs schlug einen Trommelwirbel. Er tat einen Sprung von der Schwelle der Baracke auf den Laufsteg hinüber und schrie:
„Herr Hauptmann! Donnerwetter noch mal!"
Und schon war er bei ihm unb hielt die Schultern des großen Mannes gepackt und suchte nach Worten und fand keines und konnte nur immer wiederholen, was er schon gesagt hatte:
„Donnerwetter noch mal! Donnennetter!"
Dieser Mann im dunklen Zivilanzug war der Hauptmann Eggers. Nun war er doch noch gekommen. Aber auch jetzt, da er ihn erkannt hatte, muhte der Fähnrich in seinem Gesicht suchen; es war ein beinahe fremdes Gesicht, das er sah; es schien älter, viel älter, ernster, sehr ernst, kaum glaublich verändert. Es war, nach einer Trennung von zwölf Tagen, wie ein Wiedersehen nach Jahren.
Und der Hauptmann? Empfand er bas gleiche?
Er gab Weihgraf kurz die Hano, drückte sie fest unb sagte:
„Da ist der Fähnrich! Wohlbehalten, gut! Zwar habe ich ihn trotz allem schon in Deutschland vermutet.“
„Unb ich den Herrn Hauptyrann ebenfalls!" rief Weihgraf. „Ich ebenfalls! Aber so, wie es gekommen ist —"
„Na also, Fähnrich . sagte ber Hauptmann. Er schob den begeisterten Jüngling zur Seite unb betrat die Kopfstube. Weihgraf folgte unb schloß bie Tür.
Oberleutnant Bobor ftanb beim Knödelbacken. Eben wischte er sich die Hänbe an einem Tuche ab. Seine schwarzen Augen ruhten auf dem Ankömmling, unb sie lächelten, sie grühien ihn schon jetzt.
Der Fähnrich stellte vor. Der Hauptmann nickte kurz. Er sah sich um. Dann sagte er:
„Eine Baracke, wie ich sehe."
„Wie in ber Sologne", ergänzte Weißgraf betlommennen Herzens. Er hatte gut verstauben, was es heißen sollte, baß bies „eine Baracke" fei. Eine Baracke innerhalb eines Drahtzaunes, bas war für einen Hauptmann Eggers so etwas wie ein Weltuntergang. Unb ber Fähnrich ftanb ratlos ba unb erwartete in biefer Minute „bas Schlimmste"; was er erwartete, wußte er zwar nicht.
Aber noch ereignete sich nichts Derartiges. Der Hauptmann ließ sich von ihm bas Bett zeigen — bas vierte in ber Kopfftube, bas einzige, bas noch frei war — zog sich Mantel unb Jacke aus, bajib ben verdrückten Kragen ab unb legte sich auf bie Decken. Das geschah unter völligem Schweigen. Der Fähnrich stand neben dem Bett und schaute zu. Ihm zitterten die Knie. Er wagte kein Wort zu sagen.
Der Hauptmann schob die Arme unter den Kops unb lieh ben Blick auf bem Gesichte bes jungen Soldaten ruhen. Und dieser erwiderte den Blick des Mannes, und er dachte nach, ob ihm nicht ein echtes Wort einfiele, das jetzt am Platz fein möchte. Und während er feinen Kopf quälte, merkte er, daß der Mund des Hauptmanns zu zucken begann. Jeder Zug im Gesicht dieses Mannes war gespannt, und alles hielt er in feiner Gewalt, sogar die Augen, die nicht unfreundlich schauten — aber bas, was er nicht in ber Gewalt hatte, waren bie Lippen, so schmal er sie auch machte. Die Lippen waren es, bie ihn verrieten, sie zuckten in Unmut unb Zorn.
Unb plötzlich sagte er eisig:
„Was schauen Sie mich benn so entsetzlich unschulbig an! Gehen Sie boch!"
Bobor, ber sich roieber an sein Geschäft begeben hatte, hörte es; er hob den Kopf ufib starrte erschrocken gegen bie Wanb.
Auch der Fähnrich erschrak zunächst. Aber bann verstaub er unb dachte: Da zeigt es sich schon, was biefem Mangel an Herzlichkeit zugrunbe liegt — es ist bie volle Hingabe an bas, was man liebt. So finb mir Deutschen.
Noch ftanb er vor feinem Hauptmann, eingehüllt unb umglüht von solcher Gewißheit. Mochte Eggers ihn aufsuchen, soviel er wollte; es war genau richtig


