Johann Peter Hobels dem man ohne jebe Sachkenntnis Sympathien für französisches Wesen nachsagte. 'Zlls nämlich der damalige Karlsruher Lyzeumüirektor eine Inschrift für den letzten Triumphbogen bei Kehl auswählen sollte, durch den die Habsburgerin Maria Luise aus ihrer Brautreise 0em bonapartischen Ehebett entgegenzog, ließ er an der Ehrenpforte in großen Buchstaben die zwei Worte anschlagen: „Oer- maniae memorl" — Sei Deutschlands eingedenk!
Dieses Wort geht durch die ganze Geschichte der Alemannen bis 1806 und von dort an der Alemannen und der Rheinfranken der Pfalz und der Mainfranken des Taubergrundes und der Schwaben der Seegegend, die in kleinem Maßstab in überraschend kurzer Zeit durch die Zusammenfassung ungewöhnlich verschiedener Stammesarten das großdeutsche Problem auf schmalem Raum durch sich selbst gelöst haben. Das tolle Jahr 1848 war in Baden nur der romantisch bürgerliche Ausbruch großdeutscher Sehnsucht. Aber selbst im Jahre 1849, wo internationale Ideologien und ausländische Zuzügler die Reinheit der Belebung trübten, ja verpesteten, schrieb ein einwandfreier Zeuge, der Preuße Usedom, in seinen „Politischen Briefen und Charakterstudien" den folgenden knappen Satz: ,Jch bitte festzuhalten, daß die deutsche Einheitsidee in ihrem jetzigen Erwachen in den kleinen Staaten des Südwesten ihre Heimat hat." Die Mischung von vaterländischem Gefühl und Stammesbewußtsein war eben wurzelecht. Der junge Staat Baden hat auch nie Opfer gescheut, wenn es um den Nachweis ging, daß großdeutsche Forderungen vor eigenstaatlichen Interessen kamen. Aus der neuen Geschichte seit dem deutsch-französischen Krieg ist das eine große Beispiel dafür die preußisch-badische Militärkonvention von 1872, das andere die badisch-preußische Eisenbahngemeinschaft von 1901. Der erste Schritt zur heute nicht mehr wegzudenkenden Reichseisenbahn ist" im „Ländle" gemacht worden
Dieses großdeutsche Handeln entsprang dem gesunden Instinkt der in Baden zu einer herzlichen Volksgemeinschaft zusammengewachsenen besinnlichen Alemannen, der heiteren Pfälzer und der schweren Main- sranken nach Ergänzung durch preußische Tradition und Kraft. Zu den Pflichten jedes Vorpostens gehört, daß er sich immer wieder einer starken Rückendeckung versichert. Wir find hier im Südwesten Vorposten der deutschen Kultur, besonders seitdem durch den Ausgang des Weltkriegs das westliche alemannische Hinterland des Elsaß für uns verlorenge- gangen ist. Die geistige Haltung für solche seit Jahrhunderten schicksalsmäßig im spannungsaeladenen Raum zwischen Schwarzwald und Vogesen geleisteten Arbeit ist bei den Alemannen immer die gleiche gewesen. Adolf von Grolrnann hat sie in seinen Arbeiten über Wesen und Wort am Oberrhein mit dem Ausdruck „Statik" bezeichnet. Die einzelnen Züge dieser statischen Haltung hat ein Gelehrter eines anderen deutschen Stammes, der schlesische Psychologe Hellpach, gewissermaßen als Gegensatz zum fränkischen Gesicht, dem er eine große Untersuchung gewidmet hat, mit folgenden Worten bezeichnet: „Dieses Temperament (nämlich das alemannisch-schwäbische, wie er es nennt) zeigt überall langsames, zögerndes aber nachhaltiges und gründliches Aufnehmen und Beantworten aller Erlebnisse. Die Intensität der Verarbeitung geht bis zur Vergrübelung. Das Wesen dieser Menschen ist ernst, oft unbewegt (dadurch auch undurchsichtig), gemessen, reserviert, gebunden. Oie stark verhaltene Mimik kommt den gebundeneren Erscheinungsformen des Frohsinns, der Schalkhaftigkeit, der Beschaulichkeit und dem Humor am ehesten zugute, während Vorwitz und Schlagfertigkeit fehlen."
So ist es. Genau so. Man braucht nur Emil Strauß, Hermann B u r t e, Emil Gö11 zu nennen, oder unter den Malern alle von Martin Schongauer bis Hans Adolf Bühler oder von den Musikern von Karl Maria von Weber, der mütterlicherseits Wiesentäler war, bis Julius W e i s m a n n , um zu wissen, daß das wahr ist. Wenn man noch hinzufügen darf, daß nach den neuen Forschungen alemannisches Land mit Sicherheit als der deutsche Gau anzusprechen ist, in dem zuerst der Tannenbaum aus den dunkeln Wäldern, mit Lichtern besteckt, Zum Weihnachtssymbol erhoben wurde, bann wird man dem deutschen Stamm im Südwesten des Reiches nicht gerade den geringsten Platz anweifen.
Spiel an Bord.
Von Ernst Kreuder.
In der Frühe ließ sich Bluun von dem Kammersteward den Weg zum Tauchbecken im A=Oetf zeigen, das unter dem Promenadendeck lag. Die ßuft toar noch füfyl, über dem dunkelblauen Meer wehte leichter grauer Dunst. Es war ein herrlicher, frischer Adriamorgen. Als Bluun im Bademantel zwischen dem großen weißlackierten Rettungsboot und der Badeveranda durchging, hörte er vor sich jemand ins Wasser springen. Nun war ihm also doch einer zuvorgekommen. Vorsichtig näherte er sich dem Tauchbecken und wartete hinter einem Mäst auf das Auftauchen des frühen Schwimmers. Etwas Helles kam hoch und bann stieg am unteren ®nbe eine große junge Same mit weißer Babemütze und weißem Schwimmonzug aus dem Wasser.
Sie wähnte sich allein. Bluun merkte es an ben Bewegungen, wie fie bie glatten brauen Arme hob und die schwarzen Haarsträhnen unter tue »nbefappe schob, worauf sie nachdenklich an sich herunter sah. Dann machte sie einige Kniebeugen, streckte die Arme vor und sprang aus der Kniebeuge — wie ein Frosch, dachte Bluun — ins Bassin. Während -öluun noch darüber nachdachte, ob Fröschen wohl Kniebeugen gelänge, rief jemonb in der Nähe plötzlich: „Hallo! Hilde!"
Bluun verzog sich nunmehr unauffällig hinauf in die Gaube, wo er einstweilen ungesehen abwarten konnte.
Der junge Mann, der hallo Hilde gerufen hatte, schien auf ziemlich vertrautem Fuße mit dem großen, langgtiebrigen Mädchen zu stehen Er gab ihr bei der Begrüßung einen allerdings schon wieder mehr flüchügen Kuß und hielt ihr eine Stoppuhr unter die Nase.
„Wunderbar!" sagte das Mädchen, „wo hast du die her, Hänschen?" „Frag nicht", sagte Hänschen, ,xt((o du zuerst. Bei .Achtung' springst du!"
Es war jetzt so still an Deck, daß Bluun das tiefe Summen und Zit- lern der riesigen Molare wie einen fernen Sturm vernehmen konnte, der aus dem Meere selbst zu kommen schien.
„Achtung!" rief der Jüngling, und das Mädchen sprang und tauchte unter. Hänschen, ein blonder, etwas unter Mittelgröße bleibender, wichtig blickender junger Mann, starrte abwechselnd auf das Wasser und auf die Stoppuhr. Da tauchte Hilde schon wieder auf.
„40 Sekunden!" schrie er dem erschöpften Mädchen entgegen. Sie sagte etwas von „scheußlich" und legte sich längs auf die Planken, das Gesicht vor dem Wasserbecken, es tropfte noch von ihrem hübschen schmalen Kinn. Hänschen übergab ihr die Stoppuhr.
„Laß mich erst noch verschnaufen", bat sie. Der Jüngling brummte etwas und machte noch einige Atemübungen.
„Los jetzt!" sagte er bann. Das Mädchen blickte auf die Stoppuhr, Hänschen starrte aufs Wasser, sprungbereit, und in dem Augenblick, da das Mädchen den Mund öffnete, um Achtung zu sagen, geschah etwas Unerwartetes. Blitzschnell flog ein Mann vor ihnen durch die Luft, als er mit Wucht ins Wasser sauste.
Automatisch hatte das Mädchen die Stoppuhr gedrückt.
„Verdammt!" sagte Hänschen, der schon zum Sprung angesetzt hatte und sich nun verblüfft balancierend zurückbog. Dann war es wieder still.
„35", sagte nach einer Weile das Mädchen. Dann blickten sie beide wieder aufs Wasser.
„Nanu?" sagte der Jüngling ungeduldig, „wieviel?"
„47", sagte das Mädchen.
„50", sagte der Jüngling, der ihr die Stoppuhr abgenommen hatte.
„60!"
„Da stimmt doch was nicht, Hans!" sagte das Mädchen.
Eine Sekunde später sah Bluun, der schräg unter den beiden am Grunde des Tauchbeckens lag, daß er im Wasser Besuch bekam. Offenbar machte aber Hänschen unter Wasser die Augen nicht auf, denn Bluun sah ihn nur immer mit den Armen herumfahren, so daß er ihm bequem ausweichen konnte. Darüber hätte Bluun beinahe versäumt, rechtzeitig hvchzugehen, denn sein ßuftvorrat war längst zu Ende.
Bluun tauchte unmittelbar vor dem blassen, erschrockenen Gesicht des großen Mädchens auf. Wieder drückte sie automatisch die Stoppuhr, während sie mit geöffneten Lippen Bluun erstaunt ansah.
„Wieviel?" fragte Bluun, tief einatmend, in das hübsche, nahe, klare Gesicht blickend, vor dem er sich mit einem Male unendlich still werden fühlte.
„78", sagte der Jüngling, der wieder oben war und dem Mädchen die Stoppuhr aus der Hand nahm. Jetzt erschienen schon die ersten Bade- lustigen unter der Veranda. Bluun stellte sich im Wasser dem Jüngling vor.
„Lang", entgegnete der Jüngling, „Herr Bluun — Fräulein Lang."
„Kommen Sie mit uns frühstücken?" sagte Fräulein Lang.
„Natürlich", sagte an Bluuns Stelle ihr eifriger Bruder.
Sie nannte ihn eine Zeitlang „Herr 78". Als die „Milwaukee" auf der Hohe der Ionischen Inseln schwamm, war das kühle Wetter vorbei. Nun erst, schien es Bluun, bekamen sie einen Begriff von einer Frühlingsfahrt im Mittelmeer.
Nach der Hauptmahlzeit, die er mit den Geschwistern zusammen eingenommen hatte, lag Bluun im Deckstuhl zwischen den beiden auf dem geschützten Promenadendeck und blickte aufs Meer, diese immer frische, unergründliche blaue Wüste: Hänschen sagte fortwährend, er sei todmüde, könne aber wegen der Hitze nicht schlafen. Ob Bluun nicht die Geschichte von dem Schiffbrüchigen erzählen wolle, der seinen Koffer auf einer Insel im Stillen Ozean wiederfand?
Din ich Ihr Erzähler, Herr? dachte Bluun ärgerlich und wünschte den unentwegten Begleiter seiner Schwester ins Bordspital, aber dann stand Bluun plötzlich auf und sagte, daß er einen Brief zu schreiben hätte.
Er ging am Promenadenshop vorbei in das stille, leere Schreibzimmer. Vor einem Lesetischchen ließ er sich in einem Sessel nieder und versuchte, sich auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren. Endlich wußte er esl Er würde dem großen, dunkelhaarigen stillen Mädchen, das draußen im Bordstuhl lag, einen Brief schreiben. Bluun ging in die Schreibtischecke, legte sich einen Briefbogen vor und schrieb:
„Liebes Fräulein Gang!" Aber dann zerriß er den Bogen und schrieb:
„Giebe Freundin im Kretischen Meer! Wenn ich ein Gedicht schreiben konnte, würde ich Sie darin in das Gieb des kretischen Frühlings verwandeln, und dann dürfte ich Sie immer auf den Gippen..."
In diesem Augenblick hatte das Mädchen, lautlos auf den Fußspitzen durch den Schreibraum kommend, unbemerkt die Nähe des Schreibtisches erreicht. Ihre Ueberraschung mußte glücken. Sie trat einen großen Schritt vor und fragte, warum er sie so lange allein ließe. Bluun wandte sich völlig überrascht um. Sie stand so, daß ihr der Briefumschlag unbeabsichtigt in den Blick kam. Ohne daß sie es wollte, hatte sie hingesehen.
Er ahnte, daß sie gelesen hatte. Etwas atemlos stand er auf. Sie blickte ihn einen Augenblick aufs Aeußerste erschrocken an, ihre Oberlippe hob sich unruhig, da begriff er, daß sie noch nicht wußte, daß der Brief für sie war. Erst als er lächelte, gab sie ihm aufatmend die Hand.
„Wirklich?" fragte fie, als fie den Briefanfang gelesen hatte.
„Die Guten sind oft viel allein", sagte Bluun. Er strich ihr fest über öas dunkle, weiche Haar, mit wachsendem Entzücken schauten sie sich an.
„Hallo, Hilde, gibt es was Neues?" rief der unentwegte Bruder, quer durch den Schreibraum kommend.
„Ich glaube“, begann das Mädchen.
„ . . . daß wir uns demnächst beehren werden. Sie zu einer Feier im kleinen Kreise einzuladen", vollendete Bluun den Satz.
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


