ntfr sehe — meine Mutter mit mir im Schimmelwagen ihres Bruders, der uns drunten im Glätzischen in glückselige Ferien einholte — meinen Vater, grübelnd vor den Kontobüchern in seinem Kontor am abgewetzten Tisch, an dem die Gutsbesitzer an Wochenmärkten ihren Portwein tranken bis spät in die Nacht — wenn ich alles mit einem Blick zu umfangen versuche, was bis zu diesem Tage am tiefsten mein Leben geführt hat: Immer war es die Heimat und das Heimweh nach ihr hinl
Alles, was mich von ihr trennte, ist mir, wie einst dem stadtverlorenen Schuljungen, zum Argen ausgeschlagen. Doch immer, wenn mein Herz mit dem ihren im Einklang schlug, fand ich den Grund, das Gesetz und die Kraft. Biele Jahre, Lehr-, Wander- und Notjahre, habe ich dazu gebraucht, ehe ich dieses Dreiklanges inne würde. Heute glaube ich ihn nimmer zu verlieren. Wie der alte Zauber- und Gedichtspruch meiner Kindheit, der erste frühe Glockenklang, schwebt er in mir, und immer wieder kommt er mit Hall und Schall und Widerhall und hält mein Leben iy seiner Gewalt.
Zimmerfreuden.
Von Christian Morgenstern.
Wenn ich mittags fenstersteh und die große Landschaft seh, dampft mir plötzlich Bratenrauch in den reinen Tannenhauch.
Regst umsonst vom Erdenjoch
Flügel der Ekstase — ,
Ochs und Hammel steigen noch
Göttern in die Nase.
Das Ning.
Eine Erzählung von Rudolf Schneider-Schelde.
Wir lagen im Wäldchen von Hadincourt und hatten die Nacht über nicht viel gefchlafen, wir lagen schon eine ganze Zeit hier, und es war ein schöner Fleck, wenn nichts los war, aber jetzt war immer viel los. Wir waren im vergangenen Sommer dagewesen, als es still gewesen war, und kannten jeden Grasbüschel und jeden Ast, aber als wir wieder- kamen, sah alles ganz anders aus. Es war viel geschossen worden den Winter über, die Linien hatten sich vorgerückt, und die Unfern hatten einen neuen Graben ausgehoben, weiter vorn am Rand des Waldes, und man sah von da über weites Feld, das sich langsam senkte, mit einer Straße dazwischen, die wie ein helles Band dahinlief, auf der aber nie jemand zu sehen war, weil sie zwischen den Stellungen lag. Man sah etwas weiter unten und linker Hand von der Straße einen Bauernhof, der kein Dach mehr hatte und sehr einsam aussah, und daneben einige Büsche und ein paar Baumstümpfe und noch weiter unten wieder den Wald beginnen, der sich wie eine Zunge ins Land vorschob, und wo die Franzosen saßen. Wir hatten die bessere Stellung. Wenn der Hof nicht gewesen wäre, wäre die Stellung ideal gewesen, aber so konnten wir nicht sehen, was dahinter vorging, und manchmal genierte es uns, aber es war trotzdem eine schöne Stellung.
In jener Nacht nun war viel losgewesen, die Franzosen hatten uns richtig zugedeckt, aber wir hatten sehr gute Gräben. Die Gräben waren sehr tief und schmal und eigentlich unbequem, wenn es still war, weil man sich aneinander vorbeiwinden mußte, aber um so besser, weun's losging. Es waren Stufen in die Grabenwand gehauen, um zu den Blenden hochzusteigen, und die Blenden waren tadellos eingebaut, und am Fuß der Gräben führten Stufen hinab in die Unterstände, die vier Meter unter dem Gras lagen, und alles war mit Holz sauber verstützt; es war eine sehr gute Stellung.
Als es nach dieser Nacht Morgen wurde, merkten wir, daß die Franzosen kommen wollten. Wir merkten es daran, daß das Schießen aufhörte, aber allerhand zu hören war, wenn der Wind grade gut herüberstand. Im übrigen war es still, sie warteten drüben auf ihren Befehl, und wir warteten, daß sie kamen. Es wurde langsam hell, und bei uns schoß es ab und zu.
Es wurde allmählich schon zu hell für sie. Wir hatten gar keine Angst und waren sicher, daß sie nicht herankommen konnten, sie hatten etwa zweihundert Meter über das freie Feld zu laufen, den Hang hinan: es war ausgefchlosfen, daß sie uns etwas anhatten, wir würden keinen Mann verlieren und sie alle. Wir überlegten, warum sie nicht kamen, und dachten, daß ihnen etwas dazwischen gekommen sei, und waren zufrieden damit, als wir plötzlich etwas hörten, es war wie das Rattern eines sehr schweren Motors, aber dumpfer und nicht so vertraut. Wir sahen in die Luft, well wir dachten, irgendeine Sorte Flieger sei es, aber die Luft war leer, und dann sahen wir hinunter zu ihnen, aber es war nichts zu sehen. Es wurde jetzt ganz hell, nur über den Wiesen lagen noch Nebelstreifen, und das sonderbare Geräusch hielt an. Dann schien es näher zu kommen, und wir vermuteten, daß es von irgendwo hinter dem zusammengeschosienen Hof herkam, aus der Ecke, wohin wir nicht sehen konnten. Wir warteten und waren nicht unruhig. Dann schien es uns, als käme auf der Seite des Hofs neben der Mauer langsam etwas heraus, es brauchte eine ganze Zett, ehe wir es wirklich sahen. Es war ein Ding wie eine Art Riesenkäfer, wenn es solche Käfer jemals gegeben hat, und schob sich langsam über die zerschossenen Aecker vor. Wir dachten, daß es ein Tank fei. Wir hakten nie einen Tank gesehen, aber davon gehört, daß es welche oben bei Arras gab, und stellten sie uns so ungefähr vor, wie das Ding aussah. Es sah nicht gemütlich aus. Cs sah so aus, als ob man nichts dagegen
machen könnte. Es war vollkommen geschlossen und gegen Sicht bemalt und bewegte sich auf Raupenbändern vorwärts.
Etwas sank in mir, als ich es sah, ich kam mir wrp in Oer Falle vor Ich sah meinen Unteroffizier an, der neben mir stand und neben der Blende hinaussah und bemerkte, daß er starre Augen hatte und auch das Ding ansah, das näherkroch, und daß fein Adamsapfel auf und ab ging wie beim Schlucken. Er stand da und sah auf das Sing. Es wurde ein schöner Morgen, die Sonne hob sich schon, und die Luft war sanft, und der Himmel wie ein seidenes Zelt, und vor uns auf der Erde, so braun wie sie, kroch das Ding, gegen das wahrscheinlich schwer etwas zu machen war, und kam allmählich immer näher heran. Es kroch sehr langsam vorwärts und senkte sich, wenn es in ein Granatloch kam, und hob sich wieder und kroch darüber hinweg. Es war sehr fein gemacht, wir mußten zugeben, daß es offenbar tadellos konstruiert war. Es kam an die Straße, die durch die Felder lief, und vorher an den Graben daneben und kroch darüber hinweg und schwankte ein wenig und kroch weiter, man sah kaum, wie es sich bewegte, aber es kam immer weiter vom Fleck. Es kroch über einen großen Trichter, und wir dachten, es fiele hinein, aber es kam auf der anderen Seite wieder hoch und kroch wieder weiter. Wir fingen wie wild zu schießen an, aber es tat ihm nichts, und selber tat es auch nichts, es kroch nur. Dann kam unser Major und stand eine Welle neben mir und sah durchs Glas hinaus auf das Ding, wie es sich vorwärtsfchob, und nahm das Glas nicht vom Auge und sagte nichts.
Es dauerte eine ganze Zeit, bis das Ding wie von selber stehen blieb. Drüben von den Franzosen war nichts zu sehen und zu hören, nur das Ding in der Mitte zwischen uns, und wir, die wir wie verrückt alles nach ihm hinüberwarfen, was es bet uns gab. Es schien ihm keinen Eindruck zu machen. Nach einer Weile fing es rückwärts zu kriechen an, ohne daß etwas geschehen war, und kroch ähnlich, wie es gekommen war, und fast denselben Weg davon. Es passierte überhaupt nichts an diesem Tag. Wir vermuteten, daß drüben irgend etwas nicht geklappt hatte oder daß sie uns das Ding hatten vorführen wollen, was aber nicht wahrscheinlich war. Wir krochen in unsre Unterstände zurück und überlegten, was für Mittel es dagegen gab. Vielleicht konnte ein Volltreffer es kaputt machen, wenn er es richtig traf. Aber folche Volltreffer waren selten.
Zwei Tage spater kamen sie dann wirklich, und wir (ernten das Ding kennen. Militärisch betrachtet, war es eine feine Sache. Der Soldat mußte sich darüber freuen, wenn er es sah. Der Nichtsoldat in jedem freute sich nicht dran. Aber jetzt, als sie ankamen, konnten wir nur den Soldaten in uns gebrauchen. Zwei Tage vorher noch, als sie von uns auf den Aeckern herumgeschaukelt waren, hatten wir alles mögliche gedacht, des Liebhabers, des Vaters, des Sohnes Herz in uns hatte gedacht und gefürchtet, aber jetzt, als das Ding kam, schickten wir alles in uns auf Urlaub. Der Liebhaber, der Vater, der Sohn und der Angstmeier in uns versanken, und übrig blieb nur der Soldat. Wir sahen sehr genau hin. Wir fanden, daß es nicht ganz so schlimm fei, wie wir's uns vorgestellt hatten, man mußte die Sache von der technischen Seite nehmen. Das Ding kroch so langsam, daß man sehr genau hinzielen konnte. Das war ein Vorteil. Als es nah genug war und wir die Schießlöcher sahen, schossen wir drauf. Wir schossen in Salven und immer auf dasselbe Schießloch. Das Ding schien aus gutem Stahl gemacht zu sein, aber die Massage war ihm zu hart. Wir schossen ihm das Schießloch kaputt, und sein Maschinengewehr, das es dahinter hatte, schwieg. Dann hatten wir Glück und warfen ihm eine Mine so vor die Füße in einen alten Trichter, daß sie unter ihm hochging. Wir sahen, daß es heftig ruckte, und merkten, daß etwas dran in Unordnung geraten war. Es schien, daß fein linkes Raupenband nicht mehr richtig arbeitete, das rechte drebte sich schneller, und dadurch kam es nach links ab.
Wir sahen, daß man dem Ding vielleicht standhalten konnte. Es war zwar aus Eisen, aber wir hatten Eisen dagegen, wir durften nur keine Gefühle ober Gedanken dagegen setzen, das war die Hauptsache. Als es so weit links abgekommen war, daß es uns fast die Breitseite bot und aus feinem zerschossenen Schießloch nicht auf uns feuern konnte, fliegen wir an der Grabenwand hoch und gaben ihm eine Handgranate um die andre. Es stand jetzt etwa zwölf Meter schräg vor uns und hatte sich in unferm Stacheldraht verheddert, und links von uns ging der Angriff weiter, aber vor uns stand er, weil da unsere Maschinengewehre das Feld rasierten und von dem Ding nicht gehindert wurden, das auf dieser Seite nicht schießen konnte. Die Sache sah gar nicht schlecht für uns aus. Wir warfen Handgranaten hin wie Bälle und das Ding vor uns ruckte und zerrte und suchte wieder in flotte Fahrt zu kommen, aber plötzlich brach es mit dem ganzen Vorderbau fast einen Meter tief in die Ende hinein: wir stellten später fest, daß es in einen alten, unverschalten Minengang eingebrochen war. Damit war Schluß für das Ding. Es erhalte sich nicht mehr und kam nicht mehr heraus. Damit war auch Schluß für den Angriff.
Am Abend krochen wir durch den Minengang und buddelten uns zu dem Ding durch, das so in der Erde eingeklemmt war, daß man die Türen nicht öffnen konnte. Es faßen drei Engländer drin, die alle drei rauchten und grinsten, als sie uns ankommen sahen. Der eine redete uns deutsch an, er hatte in Bonn studiert. Es waren junge Kerle wie wir, es waren tadellose Jungens, der eine hatte einen Schuß im Arm, den andern fehlte nichts. Sie gaben uns von ihrem Tabak, und wir machten ihnen einen Kaffee mit Kirsch, als wir sie in unferm Unterstand drin hatten, und es war eine famose Unterhaltung mit Gedanken und Gefühlen und mancherlei, wofür jetzt Zeit war. Als' sie nach hinten geholt wurden, gab jeder von ihnen uns die Hand.
Später, als wir die Gräben vorlegten, gruben wir das Ding aus und brachten es zurück, und es wurde hinten angeftaunt, und viele sagten, es fei unwiderstehlich. Aber das war nicht wahr. Es war ein Ding, eine Sache, eine tadellose Sache zwar, militärisch gesehen, aber es mußte den kürzeren gegen den Menschen ziehen, wenn der Mensch nur hart genug war, wenn er das war, was er im Krieg sein sollte, ein Soldat.
Derontwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


