Vergißmeinnicht.
Von Josef Weinheber.
O du leises Weh, o du kühler Schnee auf die schuldgebräunte Stirne Herr Wie ein Weinen blinkt, da er niedersinkt, dieses Himmels stille Wiederkehr.
Wie die Zeit verwich! Warum schaut ihr mich mit dem Kinderblick so traurig an? Letzten Schmetterling, den der Knabe fing:
Ach, ich wurde grau im Lebenswahn.
Ja, Vergißmeinnicht... Aber keine spricht, keine Stimme mir das liebe Wort. O, chr mahnt und klagt, aber ungefragt, ist das Licht im Herzen mir verdorrt.
Daß ich immer noch, daß ich nimmer doch wissen müßte um ein Kindheitsland! Längst nicht mehr gefühlt: Um so tiefer wühlt, daß ich wieder seine Sterne fand. O du leises Weh!
O du kühler Schnee
auf die schuldgebräunte Stirne her: wie ein Weinen blinkt, da er niedersinkt, dieses Himmels stille Wiederkehr.
Aus meinem Leben.
Don FriedrichBischoff.
Friedrich Bischoff, dessen schönes Gedichtbuch „Schlesischer Psalter" und dessen Romane „Die goldenen Schlösser" und „Der Wassermann" wir srllher besprachen, erzählt hier von seiner Jugend und seiner Heimat.
Die Vorfahren meiner Eltern sind Garnweber, Kretschamwirte, Kräuter- und Stellenbesitzersleute gewesen. Im Mittelschlesischen, dort, wo der Zobtenberg aufragt, und im Glatzer Bergland waren sie daheim, und mein Vater, wenngleich er sich das Leben sauer werden lassen muhte, hatte nicht viele Meilen weit zu wandern, da er daran ging, als der erste aus der Familie ein Kaufmann zu werden und das schlichte Handelshaus zu gründen, das noch heute unfern Namen trägt.
Er fand es in der kleinen Landstadt Neumarkt, deren Ruhm, eine der ältesten Städte Schlesiens zu sein, sie still und weltabgelegen zwischen Wäldern und Wiesen dahinträumen läßt, hinter denen der blaue Wall des Zobtengebirges aufragt. Hier, in einem alten Hause am Ring, wurde ich als das letzte von vier Kindern, von denen die beiden ersten frühzeitig starben, im flockenschüttelnden Monat Januar vier Jahre vor der Jahrhundertwende geboren. Die Hebamme legte mich erst einmal in das Ofenrohr, weil ich gar so winzig und schrumpelig wie ein Winterapfel ausgesehen haben soll und zunächst gar keine Anstalten traf, das Dasein mit lebenskräftigen Schreien zu begrüßen. Meine Mutter, die vorzeitig einem schweren Tode anheimfiel, hat mir noch von meiner wunderlichen Lebensankunft in der schwarzen Ofenröhre auf ihre innig heitere Art erzählen können, fo daß ich es nie mehr vergaß und von allem Anfang an zu dem großen Küchenofen mit seinem „Feuermanndl", welches mir seinen roten Flammenfunken eingeblasen, eine heimlich vertrauliche Freundschaft faßte. . „
Wenn ich es recht bedenke, waren es die Jahre meiner Kindheit und meiner Jugend, die cs mich traumhaft lehrten, in die Seelen der Menschen und der Dinge zu lauschen. Es muß so verstanden werden, daß ich es ganz unwissentlich tat. Aber alles, was ich damals aufnahm, wuchs mit mir, und der Zug der Gestalten, die durch meine Bücher wandern, beginnt in der Küche des Vaterhauses, wo sich zu den Wochenmärkten allerlei schlesisch sinnierliches Landvolk, Männer und Frauen, zusammenfand, um sich an einem Topf Kaffee die Hände zu wärmen. Die Geschichten, die dabei erzählt wurden, wozu unsere alte Köchin stets das Ihre hinzuzutun wußte, sind mir alle geblieben. Sie gingen mir damals so sehr im Kopf herum, daß ich nicht gerade der beste Schuler der Rektoratsschule meiner Heimatstadt wurde, von der ich nach dem Willen meines Vaters nach entsprechender Vorbereitung im Lateinischen mit zwölf Jahren in ein Breslauer Gymnasium übersiedeln sollte. Was aber fängt schon ein Junge mit dem Lateinischen an, wenn er in einem Hause wohnt, in dessen Kellern, der Sage nach, während der Schlacht bei Wahlstatt eine Taternfürstin zu Tode kam — wenn überdies von diesem Hause ein verruchter unterirdischer Gang zu dem verfallenen Minoritenklofter führen soll, das hinter unserm Garten aufragte und meinem Vater zum Lagerplatz für allerlei Waren diente! Nein, das Lateinische wollte mir damals gar nicht behagen, so sehr sich auch der zu meinem Lehrmeister bestellte Konrektor mit mir herumplagte: Das heimatlich Schlesische überwog alles. Und da zu allen übrigen die ins Ländliche träumende Ackerbürgerstadt noch mit Wall und Graben, in denen uralte Gärten wucherten, bewehrt war, spannen sich die erlauschten Geschichten und eigenen Phantasien in ein fchulfernes „Rüuberleben
fort, dem die Bänkelsänger mit ihren Moritaten zum Jahrmarkt odsS ■ beim Schützenfest immer gerade recht tarnen. Man fürchtete sich zwas immer ein wenig vor den reichlich mit gemaltem Blut versehenen Bild«, rollen und den näselnd gefühlvollen Stimmen der Sänger, aber es wall auch schrecklich schön, es sich ein bißchen gruseln zu lassen und das Er» lebte gemeinsam mit den Lehrjungen in einem dunklen Winkel detz würzig duftenden Warenremisen zu besprechen.
Zweimal bin ich, von trostlosem Heimweh geplagt, dem Breslauev Gymnasium entlaufen, in dem es nun mit dem Lateinischen und mit viel anderen Wissenschafts- und Lebenspflichten ernst wurde. Ich mar* fchierte einfach davon, indem ich mir den ferne aufragenden Zobtenberg als Wegezeichen nahm. Und da meines Vaters Handelshaus sich eines guten Ansehens erfreute, fand ich überall Gastfreundfchast. Ja, die Frachter, die unsere Warenballen aus Breslau auf ihren nach Kaffee, Zimt und Tran riechenden großen Rollwägen holten, kutschierten mich ehrerbietig heimwärts, nur daß die Ankunft zu Haufe.nicht so erbaulich war wie in den Wirtshäusern und kleinen Gütern, deren Besitzer, ohne viel zu fragen, den Sohn ihres Freundes und Kaufmanns bei sich aufgenommen hatten.
Mein Vater war ein herzensgütiger Mann, dessen Leben, verschattet durch den frühen Tod meiner Mutter, bis in die späte Nacht hinein seinem, einer vielfältigen Landkundschaft dienenden Handelsgeschäft gehörte. Was er sich selbst an Lebensstrenge und Pflichtgefühl abverlangte, wünschte er als Eifer und Ehrgeiz bei seinem jüngsten Sohne wieder». , zuerkennen, dessen Hang zu Büchern und allerlei ihm fremden Liebhabereien er gerne duldete, wenn nur die Schule dabei zu ihrem Rechts kam. An den Sonn- und Feiertagen, an denen stets die Commis — „die jungen Leute" genannt — bei uns zu Tisch saßen, wie sie auch ; nach altem Brauch im Hause wohnten und zur Familie gehörten — j an solchen Tagen liebte es mein Vater nach dem Essen aus seinen not* ’ vollen Lehr- und Wanderjahren zu erzählen, um uns allen dadurch einl Beispiel zu geben, wieviel leichter es doch unterdessen geworden sei, etwas Ordentliches zu werden. Ich gebe zu, es durchschauerte mich jedes- I mal dabei auf eigentümliche Weife Ich liebte, ja ich verehrte meinen Vater, aber ich hatte das dumpfe Gefühl, zu mindesten die Ahnung einer Vorstellung davon, daß ich ihm feine Liebe zu mir nur durch „bas Ordentliche", wie er es meinte, nicht fo leicht würde vergelten können- , Ich sah mich ohne es ausdrücken, geschweige denn beweisen zu können,s in eine andere, nicht durch „das Ordentliche" zu umschreibende Ordnung des Lebens verwiesen. Zwar wußte ich nicht, wie sie auszuschauen habe, und jede Frage danach mußte mit Recht meines Vaters Kopfschütteln erregen, der meine fahrige, träumerische Art gern einem klaren Ziel zu- gewandt gesehen hätte. Hinzu kamen die Wirrnisse, die mich stadtfremden Jungen in der Großstadt befielen, mich an mir selbst irre werden ließen und mir vollends jedes Ziel aus den Augen rückten.
Wie sollte es mein guter Vater verstehen, warum mir das Lernen so schwer fiel! Wie sollte ich es ihm begreiflich machen, daß ich, kaum des Morgens in der Klaffe angekommen, störrisch, unter dem herzlosen Fuchtelgeist, wie er dazumal herrschte, zu leiden begann und alsbald vor unerträglichem Heimweh alles vergessen hatte, was ich tags zuvor fleißig geübt und gelernt! Meine Klaffengenoffen waren mir überdies an Witz 1 und ausgebildeten Verstandeskräften weit überlegen. Ich galt ihnen als ein Tölpel und den Lehrern, wenigstens in den ersten schweren Jahren, nicht minder. Keiner von diesen Pensummagistern kam auf die Idee, i mir einmal ein freundliches Wort zu sagen. Alle wohnten sie in olympischen Höhen und. pflegten ihre kleinen Sonderheiten, die nur die Behenden in der Klasse auszunützen verstanden. Ich will nicht ungerecht fein. Ich weih, daß sie es fo schwer mit mir hatten wie ich mit mir selbst. Aber es war nun einmal so, daß die Verlorenheit, in welche ich immer mehr hineingeriet und die mit Dummköpfigkeit zu bezeichnen ihnen selbst nicht geheuer schien, nichts als ihren Hohn heraussorberte. Ich wehrte mich nicht, ich dachte an meinen Vater, und daß ich ihm keine Schande machen dürfe. In der Pension, in der ich untergebracht war, hielt ich mich still für mich. Die Pensionsmutter war eine kluge, weltgewandte Frau. Ihr verdanke ich es, wenn ich die Schulguälerei der ersten Jahre, ohne Schaden an Herz und Seele zu nehmen, überstand.
Es muß in dieser Zeit gewesen sein, daß mir das Heimweh die ersten unbeholfenen Verse zusprach. Ein wunderliches Glück durchrauschte mich, als ich die kindlichen Strophen in bas kleine Kalenderbuch ein» trug, darin ich stets die Tage bis zu den jeweiligen Ferien abstrich. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich das Erstaunen ergriff, in Worten den Wäldern und Wiesen, dem sonst gar nicht zu Umfassenden nahe sein zu können, aus dem ich mich wie aus einem Paradiese aus» gefloßen fühlte. Das kleine Gedicht blieb mein Zauberspruch. Ich hatte plötzlich etwas, an bas ich mich halten konnte in der großen fremden Stabt. Eine tröstende Stimme ging durch mich hin, eine Stimme, sanft und gut wie die der zu früh verstorbenen Mutter, die mir manchmal noch nahe war. Vielleicht war bas doch etwas, wenn ich schon ansonsten ein linkischer Tölpelhans war. Es mußte etwas fein, denn wir beschäftigten uns ja mit dergleichen auch in der Schule. Ich behielt das Reimund Zauberkunststück, welches mir da zugeflogen war, ganz für mich. Niemand durfte davon wissen. Aber es hat mich wie nichts in der Welt damals zu trösten vermocht. Da- Eigentümliche blieb nur, daß ich es nie mehr versuchte, die tröstende Stimme noch einmal Herbeizurusen, bas Wunder aufs neue wirksam werden zu lassen. So blieb es ein erster, aus verwirrtem Gefühl schüchtern hervortönender schöpferischer Glockenklang, dessen Hall und Widerhall erst viele Jahre später zu mir zurück- schwingen sollte. Wieder war es das Heimweh, das ihn unverhofft her- oorrief. Aber dazwischen lag ein schweres, immer wieder im Unter« ftrömigen verbleibendes Wachstum, das sich endlich in seiner zwischen Stadt und Land wechselnden Umwelt zurecht finden lernte, lag vor allem der Krieg, der mit einem schrillen Hornsignal mich von der Jugend trennte und den Knaben, der mit achtzehn Jahren ein Leutnant dieses großen Krieges wurde, ehern zum Manne schlug ...
Wenn ich zurückdenke: Die ehrwürdigen Bilder meinet Eltern vor


