SiehenerZamilienblätter

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Lady Hefter Stanhope

EINE FRAU OHNE FURCHT

don Maria Josepha Krück von Poturzyn

Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgatt

4. Fortsetzung.

Um dieHei 1! ge Al 1 ianz".

Was Pitt zu leisten hatte in diesen Monaten, der einzige Mann, der dem Tyrannen Napoleon gewachsen schien, das wußte niemand so gut wie Hefter. Geschickt arbeitete sie ihm in die Hände, nutzte die eigenen Erfolge unmerklich für ihn, strafte seine Widersacher durch dünn oer= ^le/erten Spott und begriff nicht, daß jene, die seine Freunds hießen, recht oft anders handelten.

Pitt hatte feinen Günstling Hanning ins Kabinett genommen und ihm 1 »ns Schatzmeisteramt für die Marine gegeben; sehr bald jedoch intri­gierte Hanning hinter des Lordkanzlers Rücken.

Vielleicht handelt er nur scheinbar so, vielleicht opfert er absichtlich k leine Meinungen, um dir irgendwie damit zu dienen", meinte Hefter.

Pitt hielt im Schreiben inne und sah sie mit seinen hellen Augen an: f . >'2ch lebe seit fünfundzwanzig Jahren inmitten von allen möglichen Individuen. Aber nur ein einziges Mal fand ich ein Menschenwesen, »as eines solchen Opfers fähig wäre, sich selbst und seinen Ruf zu opfern [ für einen Freund."

Das ist wohl der Herzog von Richmond?"

Nein.

Vielleicht Lord"

Jetzt erst gewahrte sie seinen Blick und verstummte.

,S>a, Hefter, das bist du! Nur du!"

Sie hörte seine Worte und senkte den Kopf. War das nicht mehr, als e wünschen konnte? Genug um glücklich zu sein?

Glücklich ... Hefter preßte die Hände an die Schläfen und sah zum zensier hinaus. Wie lange war es her, daß sie nichts verlangte, als treu m seiner Seite zu stehen, stolz und fraglos zu wachen Über dem Genius

\ tnes Wollens?

Längst schrieb er wieder, nur sie saß immer noch unbeweglich.

- Pitt war der Held ihrer Seele. Aber er stand über dem, was mensch­lich war ...

Au dieser Zeit flüsterte es laut durch London, Lord Granville Leve- fm-Gower, der schönste Kavalier der Hauptstadt, gebe vor, Pitts Nichte zu lieben und sie, die ungebärdige Amazone, die keinem noch verfallen, dkuge sich vor ihm und seiner dandyhaften Schönheit.

Wurde er Lady Hefters Mann oder gab es Skandal?

. Noch ehe die große Welt sich über diesen Punkt geeinigt, hatte Pitt bft Lord Granville als Botschafter nach Petersburg versetzt.

Ehe er ging, in einer stürmischen Nacht, als der Kanzler außer yruse war, plötzlich, unvermittelt, mit der sicheren Geste des Mannes, ?ir hie eine Frau umsonst gebeten, hatte er Hester Stanhope im Arm. S.r Stolz zerbrach. Die unterdrückte Kraft des jungen, unverbrauchten Mrpers stieg auf mit einer Maßlosigkeit, die Granville, den erfahrenen Liebhaber gesättigter Frauen, erschreckte.

Er war kein Held und kein normannischer Räuber. Diese sechs Fuß i W 5rau, die immer noch ein Mädchen war und den ersten Mann Mn England zum Onkel hatte, wurde ihm unheimlich. Als Diplomat Md leidenschaftlicher. Spieler brauchte er keine berühmte, aber eine Koje Frau. Freundinnen demütige, ungefährliche Geschöpfe, gab fs genug. Zum erstenmal im Leben wies Lord Granville zurück, was

Gunst der Siebe ihm bot.

-Ach liebe Sie!" hatte er oft an Hefters Ohr geflüstert eine Stunde

! "Ochdem er feine kluge Freundin Lady Beßborough verlassen.

; L --Ach liebe dich", sagte auch Hefter Stanhope in dieser Nacht und ihre

Sen wurden schwarz.

Granville, der vor ihr auf den Knien lag, preßte feine Lippen auf We Hand:

|Ii "®'e wäre es schön, dich Heben zu dürfen ... Aber da wir beide m an. Heirat denken, nicht wahr"

5 ..ßorfidjtig erhob er sich, strich über den Samt seines erlesenen Rockes bat, sich verabschieden zu dürfen für Petersburg.

. Lady Beßborough, die ihren Antinous wieder hatte, kam andern | spielte die mütterliche Vertraute und erlebte diese Frau, die wtöon meisterte, in einem wildrasenden, sinnbetäubenden Schmerz. Und T nachdem Hefter vor Lady Beßborough geweint und geklagt, flüsterten

ur William Pitt

Hr legte die Hand auf ihre Schulter, schweigend sahen sie sich an. An diesem einen Blick versank, was zwischen sie getreten.

Leidenschaftlicher, selbstloser als je, begann Hefter.

3U (argem nicht mehr wie bisher verbarg sie die heiße Bewunderung für den Mann, der groß und gütig war wie keiner. Zwar, noch einmal, ?ei? untV. Menschen die Besinnung verlor und ein andermal ofme Schminke erschien, wollte man wissen, mit Pitts Nichte sei dennoch nicht alles geheuer Aber bald daraus sah London, daß Sidney Smith m,Ln°VnaCf,r' !?' raJ? der Anwärter auf die französische Krone ich ausfallend um sie bemühte, wahrend der Kanzler selb t laut erklärte- feine Nichte werde niemals heiraten, aus dem eins ' Mann klüger fei als " ' ~ mit Lord G

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sie! Damit verlor das Thema der Liebesgeschichte ranvllles Heldenschaft an Reiz.

W/eder flogen, hinter geschlossenen Türen, zwischen Englands Kanzler und seiner Nichte jene kleinen Späße hin und her, geistreiche Ueber- namen für berühmte Männer, kindlich unsinnige Worte, die niemand «Eerstand Wieder lachte der Lordkanzler ein feines und gütiges Lächeln über Hefters besondere Freude, mit den vornehmsten und ver­wöhntesten Herzogen ganz gewöhnliche Untergebene an den gleichen Tisch zu setzen. ' '

Keiner sah auch der Onkel nicht, daß hinter Hefters lachender Miene eine dumpfe Angst sich verbarg. Sie als erste gewahrte, daß Pitt an ferne Grenze kam. D v

Immer unmenschlicher wurde die Arbeitsleistung, kaum daß er zwl- (chendurch einen Bissen, ein paar Stunden schlief. Die europäischen Machte streckten die Hande aus nach Englands Geld im eigenen Par­lament machte Fox Opposition, weil der König ihn feiner privaten Sün- öen wegen nicht tn die Regierung nehmen wollte; Preußen mit feinem Heer aus der Schule Friedrichs des Großen verlangte als Preis für ein öunöms Hannover! Hannover aber war das Stammland König Georgs, und eher wurde er krank, als daß er sich davon trennte. Preu­ßen! Es war die Zunge an der Waage der Koalition. Das letzte Glied in der Kette um Napoleons gierige Hände. Pitt versprach Ostende, Ant­werpen, Brüssel! Aber Friedrich Wilhelm verlangte Hannover ...

Harrowby, Englands Abgesandter in Berlin, bekam nervöse Anfälle von dem Hin und Her der Verhandlungen, bat Pitt vertraulich ein öttjiff an die Eldmündung zu senden um feinen Sarg abzuholen!

Das nächste Kriegsbudget fällt durch, wenn wir. nicht Fox in die Regierung nehmen!" erklärte Rose vor dem König.

Sie wagen es, mir den Verführer meines Sohnes vorzufchlaqen?" Majestät, auf Pitts Schultern allein steht die Regierung, er führt das Außen- und Innenministerium, hat zum großen Teil die Marine- und Heeresleitung"

--Was wollen Sie er hat doch Rußland und Oesterreich ge­wonnen

Majestät, er schläft drei Stunden jede Nacht und sieht aus wie ein Kranker ... Wenn er zusammenbricht dann Gnade uns Gott!"

»Lieber Bürgerkrieg als Fox!" schreit der König; und Pitt wird es schon machen."

In den wenigen Stunden, die übrig blieben, deren Verwendung nie­mand kannte, hatte Englands Premierminister die Angelegenheiten des königlichen Hauses in Ordnung zu bringen. Den Prinzen von Wales davon abzuhalten, daß er in Salons über die Verrücktheiten seines Vaters Bericht erstattete; seiner Frau, die längst getrennt von dem

itjr gute Freunde zu, daß Lady Beßborough seit Jahren schon, unver­ändert durch die ganzen letzten Wochen, Granvilles Freundin gewesen...

So stolz Lady Hester Stanhope bisher gelebt, so elend brach sie letzt zusammen und eifrig wurde die Nachricht von Müttern erwachsener Tochter, beleibtgten Ladys und zurückgewiesenen Verehrern, mühsam nur durch die Furcht vor Englands Kanzler verdeckt, von Salon zu $eftor sei häßlich und hysterisch geworden, in einer Gesellschaft ohnmächtig umgefallen; zweifellos könne man auf andere Umstande schließen. 1

»an allen Menschen aber stand einer an ihrer Seite wortlos

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Sorge stieg in seinen Augen auf, als sie eines Tages bat: tragen" Walmer gehen, ich kann London nicht mehr er-

Hester war krank, und er allein wußte, daß sie versucht hatte, sich das Leoen zu nehme» Wenn sie ging, verschwand alle Helligkeit aus seinem Haus Aber nicht an sich durfte er denken, denn immer weniger Zeit blieb ihm für alles, was nicht England hieß, - heilige Koalition gegen den Tyrannen des Kontinents u

r S° er sie ziehen; durch Wochen horte er nichts von ihr. Dann als es Frühling wurde kehrte Hefter nach Bond Street zurück, blaß noch und nut umdunkelten Augen, , aber den alten Stolz auf dem klaren