perlmufferfi’opf und Schnupfdöschen.
Einer wahren Begebenheit nacherzählt von HeinrichHauser.
Kapitän Fitz-Roy"-— seit 1830 Kommandant des Expeditionsschiffes „Beagle*1, seinerzeit auf einer Vermessungsreise um die Welt — war ein besonders vielseitig gebildeter Seeoffizier, ein wundervoller Optimist, ein unerschütterlicher Menschenfreund.
Im vierten Jahr der Expedition — sie dauerte insgesamt zehn Jahre — wurden die Küsten und Buchten des Feuerlandes vermessen, dieser tiefzerrissenen Inselwelt in dem vielleicht unwirtlichsten Klima der Welt.
Trotzdem lebten damals unb" (eben auch heute noch Eingeborene dort. Allerdings erheben sie sich nur wenig über den tierischen Zustand. Kapitän Fitz-Roy beschrieb sie, wie sie waren (und wie sie sind): „Ihre Leiber waren sehr lang, so daß sie in ihren Kanoes sitzend, den Eindruck riesenhafter Größe erweckten. Dagegen waren ihre Gliedmaßen sehr kurz, ja beinahe verkümmert. Die Stirn war niedrig, die Nase ziemlich groß mit weiten Nüstern, die Augen dunkel und vom Rauch der Herdfeuer entzündet, der Mund groß mit dicker Unterlippe, die Zähne mißfarbig. Ihr Gesichtsausdruck war roh und gefühllos. An Kleidung hatten sie nur ein Otter- oder Seehundsfell über die Schulter geworfen und vorn mit einer Sehne zusammengeschnürt: je nach der Windrichtung trugen sie es bald vorn, bald hinten, so daß die eine Körperhälfte immer nackt war.
Trotz seiner Liebe für Rousseau hatte der Kapitän den Eindruck eines tiefumnachteten, elenden Volkes, und er schrieb in jein Tagebuch: „Es ist doch gar nicht zu verstehen, daß man immer die gleichen Tauschwaren mitbekommt, wie Glasperlen, Medaillen, Pulver und Angelgerät, während doch in einer Gegend wie hier das dringendste Bedürfnis bei so peinlicher Nacktheit offenbar Kleidung ist."
Es sollte aber bald noch viel peinlicher werden: Nachdem nämlich die Wilden alle alten Lappen, alle Scherben und andere Geschenke eingeheimst hatten, nachdem sie ihre sämtlichen Bekleidungsfelle, Bogen, Pfeile und ihren Fischvorrat gegen solche Dinge eingetauscht hatten, verfielen sie — unersättlich wie sie waren — darauf, den Seeleuten auch ihre Weiber im Tausch gegen Knöpfe und Angelhaken anzubieten. Kapitän Fitz-Roy sah hier einen Fingerzeig des Himmels: es ließen sich vielleicht ein paar unerlöste Seelen reiten und mit dem Licht der Zivilisation erfüllen, indem man, wenigstens zum Schein, auf diesen unchristlichen Menschenhandel einging.
Bei erwachsenen Feuerländern allerdings schien die Zivilisierung selbst für seinen Optimismus hoffnungslos zu sein. Aber er erstand einen elfjährigen Jungen für den Preis eines glänzenden Perlmutterknopfs und ein etwa zehnjähriges Mädchen für eine Schnupftabaksdose. Natürlich tauften die Seeleute den Jungen sofort „Jimmy Perlmutterknopf" und das Mädchen „Fuegia Schnupfdöschen" — ber- aparte Vorname bezog sich auf die „Tierra del Fuego“ die Heimat dieser Wilden.
Es wird ausdrücklich erwähnt, daß die beiden die erste Bekanntschaft mit der Zivilisation durch ein gründliches Bad machten, zum Staunen und zum Schrecken des ganzen Stammes, der so etwas noch nie gesehen hatte. Im übrigen aber vollzog sich der Abschied von den Sieben und von der Heimat völlig unsentimental. Es folgte eine ebenso gründliche Bekleidung und dann, während der halbjährigen Heimreise, Unterricht im Gebrauch von Messer und Gabel und in den Änfangsgründen des christlichen Glaubens.
Unerschütterliche, immer gleichbleibende Freundlichkeit war das ganz moderne Erziehungsprinzip des Kapitän?: es.zeigte sich aber, daß die Kinder genau so mit ihm experimentierten, wie er mit ihnen. Allerdings nicht nach dem gleichen, menschenfreundlichen Prinzip. So spie ihm Fuegia eines Tages ins Gesicht, nur um zu probieren, was wohl die Wirkung sein würde, und der Knabe Jimmy feuerte eine Muskete auf einen Matrosen ab, auf den er wütend war, zum Glück ohne Schaden anzurichten.
London machte durchaus nicht den überwältigenden Eindruck auf die Wilden, den sich der Kapitän versprochen hatte. Seine Schützlinge ließen sich im Wagen durch die Straßen fahren, weder verwundert, noch furcht- erfültt- sie sagten keinen Ton, nur vor einem großen steinernen Löwen erschraken sie sehr, offenbar, weil sie ihn für lebendig hielten. Das Staunen, bas die Feuerländer nicht empfanden, war ganz auf feiten der Engländer. Sogar der König (William IV.) empfing sie im St.-James-Palast, und die Königin Adelaide beschenkte das Mädchen Fuegia mit einem. Hut aus ihrer eigenen Garderobe und mit einer reichen Wäscheaussteuer.
Trotz dieser gesellschaftlichen Erfolge seiner Schützlinge war der Kapitän nur zu glücklich, als er sie einem Pastor aus dem Land in Pension geben konnte. Es fiel ihm ein Stein vom Herzen; Junggeselle, der er war, fühlte er sich der Erziehung an diesep Objekten immer weniger gewachsen. Inzwischen betrieb er mit der größten Energie die Ausrüstung einer zweiten Expedition; eine Haupttriebfeber war dabei der Wunsch, die beiden Feuerländer wieder in ihre Heimat zu bringen. Er war ein echter Menschenfreund, und er sah, daß sie in der Zivilisation verkümmerten. Im Dezember 1831 ging man in See, mit den mittlerweile herangewachsenen Feuerländern als Dolmetschern, mit Sämereien, Schafen und sogar mit einen» jungen Missionar, dem Bruder Matthews. Alles miteinander dazu bestimmt, bas Licht der Zivilisation und das Licht des Glaubens im „Ultima Thule" auszugießen.
Aber ach: Jimmy Perlmutterknopf und Fuegia Schnupfdöschen, die zur jungen Dame heranreiste, waren nicht nur zivilisiert, sie waren sogar „zu fein" geworben. Als man nämlich zum erstenmal wieder auf Feuerländer stieß, da riefen die beiden wie aus einem Mund: „Das sind ja Assen und keine Menschen".
„O pfui, die sind ja nackt", sagte Fuegia geschämig, und beide weigerten sich, die Sprache ihrer Landsleute zu verstehen ober zu übersetzen. Das sei alles so schrecklich gewöhnlich, erklärte« sie.
Nach Wochen onterfe man endlich in der „Woolya-Bucht", der eigentlichen Heimat der beiden, und natürlich war bas ganze Schiff gespannt auf das Wieberfehen.
Es war erschütternd nüchtern. Jimmys Mutter schaute kaum auf und fuhr fort, ihre Habe (Zunder, Feuerstein und ein Bündel Fische) in einen Korb zu verpacken, und Jimmys Brüder flauten ihm zunächst ein Taschenmesser.
Nun wurde Bruder Matthews, der Missionar, ernsthaft gefragt, ob er denn wirklich in diesem oben ßanb unb unter biefen Milben treiben wollte. Ohne zu zögern, sagte er ja, was ihm tatsächlich alle Ehre machte. Trotzdem beschloß Fitz-Roy nach Abschluß der Vermessung in diesem Teil der Welt, nochmals nach der Woolya-Bucht zu kommen und nach ihm zu sehen. Es wurde also eine Hütte unter den übrigen Hütten des Stammes für ihn erbaut, die Matrosen legten einen Garten an, Jimmys und Fue- gias Sachen wurden an Land geschafft, zusammen mit reichlichen Geschenken für den ganzen Stamm, unb man nahm Abschieb.
Das letzte, was man von Bord der „Beagle“ aus sah, war Jimmy, mit Holzhacken beschäftigt, Fuegia am Herdfeuer unb Bruber Matthews beim Umgraben im Garten; alle drei sauber, wohl und munter, ein freundliches, ein vielversprechendes Bild.
Als die „Beagle“ nach fünfmonatiger Abwesenheit in die Woolya-Bucht tjineinfteuerte, waren natürlich alle Fernrohre auf die Küste gerichtet, aber zunächst wollte sich kein Leben zeigen. Endlich stießen zwei Sanoes vom Ufer ab. Vergeblich suchten die Offiziere nach den bekannten Gesichtern ihrer Freunde.
Auf einmal rief der Kapitän ganz erschrocken aus: „Himmel, die tragen ja alle Fetzen von Fuegias Seibern."
„Somisch", meinte ein anberer, „da sind zwei Wilde im Boot, die rudern nicht mit. Ob das wohl unsere Freunde sind?"
„Unsinn", erwiderte Fitz-Roy, „die beiden sind ja genau so nackt mie alle andern."
Aber die Gesichter tarnen der Mannschaft doch irgendwie bekannt.vor, unb als der eine Wilde grüßte, indem er so tat, als ob er die Hand an eine Mütze legte, da konnte kein Zweifel mehr bestehen: sie waren es: Jimmy und Fuegia.
Als sie an Bord kletterten, erwarteten die Offiziere sie bereits mit auf- gehaltenen Mänteln, um soviel schamvolle Blöße zu bedecken. Beide waren sehr mager, ihre Augen waren entzündet von Feuerqualm, unb Fuegia Schnupfböschen war deutlich anzusehen, daß sie inzwischen nicht nur Frau geworden war, sondern auch im Begriff stand, Mutter zu werden. Aber sie waren nicht krank und bedauernswert, o nein: beide strahlten; es ginge ihnen ausgezeichnet. „Niemals besser gefühlt und, nein, sie hätten nicht den geringsten Wunsch, sich zu verändern. Viel Jagd, massenhaft Vögel, im Winter Guanakos und „zuviel" Fisch. Unb: „Ja, ein Paar seien sie inzwischen auch geworden ..."
„Wo denn der Bruder Matthews sei?*
„Oh, der sei an Land und sähe auf seiner Seekiste."
„Warum er denn nicht mitgekommen wäre?"
„Das ginge nicht; einer müßte immer auf den Sachen fitzen, fönst würde alles geflaut."
Natürlich begab sich der Kapitän sofort an Land unb fand wirtlich den Bruder Matthews wie beschrieben auf feiner Seetifte sitzen, aber wie sah er aus: blaß, schmutzig, verhärmt, abgemagert, ein Bild des Jammers. Die Tränen liefen ihm über die Backen, als er ausrief: „Gottlob, daß ihr tommt, unb mich von diesem schrecklichen Heidenvolf erlöst."
Es war ein trauriger Bericht, den der Bruder Matthews zu geben hatte.
Saum war die „Beagle“ unterm Horizont verschwunden, da tarnen die Wilden, die sich bisher zurückgehalten hatten, in immer größerer Zahl in feine Hütte und machten aus ihm und feinen Sachen eine Art von permanenter Völterfchau. Zuerst faßten sie nur alles an, fragten nach allem und bettelten um alles, unb er gab, was er nur irgenb entbehren tonnte. Viele blieben den ganzen Tag in feinem Wigwam, und wenn er ihnen irgend etwas verweigerte, wurden sie wütend, sprangen auf, holten große Steine und schwangen sie drohend über seinem Sopf. Es war ein schreckliches Martyrium. Schließlich mußte er auf feinen Sachen sitzen, als einziges Mittel, damit sie nicht gestohlen,würden.
Ja, ob er denn gar feine Hilfe an Jimmy Perlmuttertnopf und Fuegia Schnupfdöschen gehabt hätte?
„Ach leider nein, ganz im Gegenteil." Sie waren zwar eine Weile bei ihm geblieben, aber wohl nur, weil seine Hütte die beste war.
Cs begann ein Flirt zwischen diesen beiden Kindern der Natur, ein Flirt, den der arme Missionar trotz aller christlichen Ermahnungen aus nächster Nähe miterleben muhte, so daß ihm schließlich feine andere Wahl blieb, als rasch sozusagen eine Nottrauung vorzunehmen. Ja, tatsächlich Tag und Nacht hatte der Aermste feine Ruhe gehabt. Unter diesen Umständen beschloß Kapitän Fitz-Roy natürlich, daß Bruder Matthews nicht bleiben sollte. Matrosen packten seine Seetifte auf unb brachen sich in raschem Lauf Bahn durch das Spalier der Wilden, ehe diese sich von ihrer Ueberraschung erholt hatten.
Der Abschied des Kapitäns von feinen Pflegefindern war entsagungsvoll. Immerhin schrieb Fitz-Roy in sein Tagebuch: „Vielleicht tommt doch etwas Gutes aus der Begegnung von Jimmy Perlmutterknopf und Fuegia Schnupfdöschen mit der Zivilisation. Vielleicht helfen einmal die Kinder meinet Schützlinge einem schiffbrüchigen Seemann aus der Not, weil sie von ihren Eltern gehört haben, daß die Weißen gute Menschen sind. Vielleicht bleibt doch in ihnen eine Ahnung von Gott unb von Menschlichkeit/ — Der Kapitän war eben ein unerschütterlicher Jbealist und Menschenfreund.
Derintwortlich: Df. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Drühlsche UniversitStSdruckerei A. Lauge, Dietzen.


