Rückblick.
Don Edu.ard Mörike.
Bei jeder Wendung deiner Lebensbahn, Auch wenn sie glückverheißend sich erweitert Und du verlierst, um Gröhres zu gewinnen, — Betrofsen stehst du plötzlich still, den Blick Gedankenvoll auf das Vergangne heftend; Die Wehmut lehnt an deine Schulter sich Und wiederholt in deine Seele dir, Wie lieblich alles war, und daß es nun Damit vorbei auf immer seil — Auf immer! Ja, liebes Kind, und dir sei unverhohlen: Was vor dir liegt von künft'gem Jugendglück, Die Spanne mißt es einer Mädchenhand. Doch als ward des Lebens Ordnung uns Gesetzt von Gott; den schreckt sie nimmermehr, Der einmal recht in seinem Geist gefaßt, Was unser Dasein soll. Du freue dich Gehabter Freude; andre Freuden folgen, Den Ernst begleitend; dieser aber sei Der Kern und sei die Mitte deines Glücks.
Oer Iigeunerbaron.
Von Selma Lagerlöf.
Seit mehreren Tagen wütete ein fürchterliches Schneegestöber, und während sich seine kleine gelbe Schindmähre langsam durch die Schneewehen in der Allee, die zum Herrenhause von Hebeby führte, hmdurch- arbeitete, träumte sich der arme Zigeunerbaron vielleicht in feine Jugend zurück Vielleicht meinte er, wieder ein Junge auf dem Heimwege von der Schule in Karlstadt zu sein, und dachte, die beiden stattlichen Eltern wurden aus der Schwelle stehen, um ihn willkommen zu heißen. Er dachte, die Diener würden dahergestürzt kommen, um ihn von Fußsack und Schlittendecke zu befreien. Eifrige Hände würden ihm den Pelz abnehmen, ihm die Mütze vom Kopse ziehen und ihm die Gamaschen aufknopsen. Die Mutter würde ihn nicht rasch genug seines Mantels entledigt sehen, um ihn zu umarmen, ihn hinein an das im Kamin lodernde, wärmende Feuer zu führen, ihm brühheißen Kaffee einzuschenken, um schließlich, ihn nur mit den Augen verschlingend, ganz still bei ihm zu sitzen.
An solchen Tagen ist sogar die Ankunft eines Zigeunerbarons ein großes Ereignis, das von Zimmer zu Zimmer mitgeteilt wird, und schon während die kleine gelbe Schindmähre durch die Allee daherkroch, wurde Baron Adrian mitgeteilt, welch ein Gast sich seinem Hause näherte.
Doch — als Baron Adrian dann mit seiner abweisendsten Miene auf die Schwelle trat und sich darauf vorbereitete, seinem Bruder einen Empfang zuteil werden zu lassen, nach dem dieser weder einen Scherz noch einen Widerspruch wagen würde, sah er, daß Göran, dieser verachtete Tagedieb, dieser verlorene Sohn, der sein ganzes Leben lang nur Schande und Schmach über die Familie gebracht hatte, diesmal nicht in Gesellschaft von schwarzäugigen Zigeunerbälgen ober häßlichen Bettelweibern daher- aefahren kam, sondern gerade mit dem, was er, Baron Adnan, sich mehr als irgend sonst etwas auf der Welt wünschte, was ihm aber, ihm, dem Getreuen und Gerechten, versagt worden war. .
Und es war nicht etwa irgendein unterschobenes Kmd, das der zerlumpte Landstreicher mit dem zerrütteten Galgenvogelgesicht jetzt aus den Lumpenbündeln des Zigeunerschlittens herausholte, dazu glich es zu sehr dem Porträt des alten Barons, das über dem Sofa im Salon auf Hebeby thronte. Baron Adrian erkannte das freundliche, verfeinerte Antlitz nut den großen, träumerischen Augen, die er so oft bewundert hatte. Nicht genug, daß der Bruder einen Sohn hatte, nein, auch der von den Stammmüttern ererbten Schönheit, die keiner seiner Töchter zuteil geworden, konnte sich das Bettelkind rühmen! . „ . ...
Aber in diesem Augenblick war es nicht gut beschaffen mit dem letzten Löwensköld. Als ihn ber Vater jetzt aus dem Schlitten hob, hmg er ihm fast besinnungslos im Arm, die Augenlider sanken herab, Hande und Wangen waren blaugefroren. ... , ...
Baron Adrian kam nicht dazu, den Bruder mit einigen heftigen Worten vom Hofe zu weisen; denn als dieser mit dem Kinde auf dem Arm näher trat, las Baron Adrian eine zögernde Frage in dessen Blick, unb . da vergaß er alles, was er selbst des Bruders wegen zu leiden gehabt, er oergtif) auch alle bie Sorgen, bie ®öron ben Ellern bereitet ijctte, und er machte die Pforte des Hauses weit auf
Doch weiter als in die Halle ging Goran Lowenskold nicht. Als der Bruder auch die Saaltür ausmachte unb Göran das flackernde Feuer tm Komin, die Möbel unb Wanbbehänge sah, die er von seiner Kindheit her kannte, blieb er stehen "und schüttelte den Kopf.
„Nein", sagte er, „dies hier paßt nicht für mich. Ich gehe nur bis hierher. Aber vielleicht willst du dich um das Kind annehmen?
Baron Adrian nahm das Kind wie einen kostbaren Schatz in Empfang und begann sofort den kleinen Körper zu reiben unb zu kneten, um ihn warm zu bekommen. Er rief kein weibliches Wesen zur Hilfe herein Er wußte zwar, baß das später geschehen mußte, aber in diesen ersten Augenblicken wollte er das Kind für sich allein haben. Unb ganz hastig legte er seine bärtige Wange liebkosen!) an die kalte, schmutzige
Ext sieht unferm Vater so sehr ähnlich", sagte er mit etwas unsicherer Stimme. „Du b'ift glücklich, Göran, bu hast einen Sohn "
Als Baron Göran sah, wie sein Bruder das Kmd an sich druckte, hätte er wissen müssen, daß der Besitzer von Hedeby bereit war, ihm bis zu seiner letzten Stunde Nahrung unb Obbach zu gewahren, nur weil ber Brüber so glücklich war, einen Sohn zu besitzen. Unb uberbtes • hätte er wissen können, von nun an würbe sein vornehmer Bruber mit seinen Possenreißereien, seinem Leichtsinn, seinem Kartenspielen, seiner
bork ankam, um na<
geben Später am Vormittag jeboch kamen ein paar Bauern, oie nur dem Wegschaufeln bes Schnees auf ber Lanbstraße beschäftigt gewesen waren, nach Hebeby unb teilten Baron Abrian mit, baß man seinen Bruber, ben Lanbstreicher, in einem Straßengraben tot aufgefunben habe. Wahrscheinlich sei er in ber Dunkelheit in ben Graben hsnemgeraten, ber Zigeunerschlitten sei umgestürzt, und er habe wohl nicht die Kraft gehabt, sich von dem Schlitten zu befreien, sondern sei unter ihm im Graben liegengeblieben unb erfroren. „
Nirgends konnte es leichter geschehen, in Dunkelheit unb Schnee, qeftöber ben Weg zu verlieren, als auf ber gleichmäßigen Ebene um diö Bro er Kirche her. Es schien also burchaus nicht unmöglich, daß Goran Löwensköld, der Zigeunerbaron, durch einen Unglücksfall umgetom,
Trunksucht Nachsicht haben, ohne ihm je wieder esii vorwurfsvolkes Molch 3U Aber trotzdem schien Göran keine Lust zum Bleiben zu haben, sondern wendete sich dem Ausgange zu. ....
„Du wirst wohl begreifen, daß ich nicht hierhergekommen wäre, wenn mich nicht die Not dazu gezwungen hätte", sagte er. „Wir sind sh lange im Schneegestöber herumgefahren, daß er mir fast erfroren ist. Ich mußte hierher, sonst wäre er vollends umgekommen. Man erwartet mich in der Propstei, ich habe Arbeit dort und fahre jetzt dahin. Ich tomnr und hol' ihn wieder ab, sobald dieses schreckliche Wetter vorüber ist.
Als Göran dies sagte, hatte er schon die Hand auf die Türklinke gelegt. Boron Adrian gab nicht sofort Antwort. Vielleicht hatte er nicht einmal gehört, was der Bruder sagte, so vollständig war er von dem
Kinde hingenommen.
„Sieh doch, Göran, seine Hände sind ganz starr vor Kalte! Wik müssen ihn mit Schnee reiben. Hol' ein wenig herein!" .
Göran Löwensköld murmelte undeutlich etwas, das rote ein Dank und ein Abschiedsgruß klang, und öffnete die Tür. Baron Adrian glaubte, er werde Schnee holen, wie er zu ihm gesagt hatte. Doch nach em paar Augenblicken horte er Schellengeklingel, und als er hinausfchaute, sah er den Bruder auf und davon fahren. Er peitschte auf die gelbe Mahrö los, diese jagte in voller Fahrt dahin, und der leichte aufroirbelnbe Schnee umgab sie wie eine Staubwolke. .
Baron Adrian verstand den Bruder, in diesem Hause gab es so vieles, was chmerzlich für ihn war, und so verwunderte er sich nicht übet dessen Flucht. Im übrigen beschäftigten sich seine Gedanken nur mit dem Kinde. Er holte selbst Schnee herein, um in bas erfrorene Gesichtchen unb in bie Hänbe bas Leden zurückzurufen, unb schon währenb er biefes tat, fing er an, Pläne für die Zukunft zu schmieden.
Niemals sollte der letzte Löwensköld dem Bruder zuruckgegeben roert ben, um unter seinen wilden Kameraden aufzuwachsen!
Was Göran Löwensköld im Sinne hatte, als er von Hedeby fortfuhr, ist nicht leicht zu sagen. Möglicherweise wollte er in einigen Stunden roiebertommen, um bas Kind zu holen unb gleichzeitig Gelegenhett zu haben, sich an ber Wut feines Brubers zu ergötzen, weil bieser sich noch einmal hatte von ihm überlisten und betrügen lassen. Noch wahrens er vom Hofe weg fuhr, brach er in ein schallendes Gelächter aus bet bem Gedanken, wie ber Bruder seine Wange an die des Bettelkindes gelegt und wie stolz er den neuen Erhalter des Namens und des Geschlechts auf den Arm genommen hatte!
Aber woher es auch kommen mochte, Goran Lowenskolds Lachen hielt nicht lange an. Die schäbige Pelzmütze tief in die Stirne herein- gezogen, saß er auf seinem ärmlichen Schlitten und fuhr dahin, ohne darauf zu achten, wohin. Tiefe, sonderbare Gedanken stiegen in ihm auf, Gedanken, die sofort ins Werk gefetzt sein wollten.
In der Broer Propstei, die er als Reiseziel angegeben hatte, traf et jedenfalls nicht ein. Als am nächsten Morgen ein Bote von Hedeby
>ch ihm zu fragen, konnte niemand Auskunft über ihn Vormittag jedoch kamen ein paar Bauern, die mit
Man brauchte gewiß nicht zu glauben, er habe den Tod freiwillig gesucht, damit fein Kind in dem guten Zufluchtsort, ben er tym m einem Anfall feines gewohnten boshaften Humors verschafft hatte, bleibert
Er war ein nahezu verrückter Mensch, bieser Göran Löwenskölb, und es ist sicherlich nicht leicht, seine Hanblungsweise recht zu erklären. Aber man wußte ja, daß er mit einer geradezu rührenden Liebe dieses sein jüngstes Kind umfaßt hatte. In dessen Antlitz hatte er die ßoroenftoltb schen Familienzüge roiebergefunben, unb er bachte wohl, bieses Kmd gehöre ihm auf anbere Weise, als bie schwarzäugigen Zigeunerkinder, bie zuvor um ihn herangewachsen waren. So bürste es nicht ganz unmöglich sein, baß er sein Leben hingab, um biefes Kmb vor Armut und G1Cms5er 'nadj^bebi) fuhr, hatte er wohl an nichts anderes gedacht, als seinem vortrefflichen Bruder, der sich in Sehnsucht nach Söhnen verzehrte, einen lustigen Streich zu spielen. Als er sich aber bann innen hQ(b der Wänbe ber alten Heimat befanb, als er gesuhlt hatte, wie Rechtschaffenheit, Sicherheit unb Wohlwollen ihm entgegenftromten, ba hatte er sich gesagt, sein innigster Wunsch wäre erfüllt, wenn biefes sein jüngstes Kinb, bas einzige, bas so recht sein eigenes war, bableiben dürste, unb er müsse feine Reise so einrichten, baß er nie wieberzukom- mE aiber^eman'b weiß" wie es sich in Wirklichkeit verhielt. Das Leben beuchte ihm wohl kein so kostbares Gut, daß er zögern müßte, es von - sich zu werfen. Vielleicht war es ein langgenafjrter Wunsch, der setzt zur Ausführung kam. Vielleicht war er froh, einen endgültigen Vorwand für die Tat gefunden zu haben, die er bis jetzt aus Gleichgültigkeit oder
-? um »°ch im »u-.Mick d-- Todes, seinem einzigen Bruder, der es immer verstanden hatte, sich auf der rechten Seite des Lebens zu halten, einen neuen Po sen spielen zu können. Vielleicht bereitete es ihm Vergnügen, ihn em letztes Mal anzu- führen. Verzogen sich vielleicht seine Lippen zu einem letzten spöttischen Lächeln bei dem Gedanken, daß das Kind, das er dem Bruder m die Arme gelegt hatte, auch nur ein Mädelchen war, in einer Verkleidung, bie ihm bie Tür ber Elternheimat erschlossen hatte?


