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Diese herumliebelnden jungen Pinguine wandern von Nistloch zu Hoch und schauen in jedes hinein um zu sehen, ob Aussicht auf eine
(Schluß folgt.)
Nistloch und schauen in jedes hinein um zu sehen, ob Aussicht auf eine freundschaftliche Annäherung vorhanden ist. Und da nicht nur das männliche Geschlecht solch jugendlichen Anwandlungen ausgesetzt ist, sind manche der Damen, während sie allein das -aus zu hüten haben, nur zu erfreut über eine kleine Abwechslung im Einerlei des oft etwas langweiligen Tageslaufs. Sobald sie sehen, daß sich ein Schnabel und ein Kopf über den Nestrand beugt, antworten sie, indem sie den Hals recken (was stets ein Zeichen der Erregung, wenn nicht gar der Leidenschaft zu sein scheint) und dem Besucher ins Auge blicken.
Als die Mutter endlich heimkehrte, herrschte eine Freude im Nest, die alle die Wartestunden vergessen lieh — denn sie galt nicht nur der Mutter, sondern zugleich dem guten Abendessen, das sie mitbrachte. Und doch konnte ich mich beim Anblick dieser Mutier nicht des Gefühls erwehren, dah hier eine wirkliche Tragödie bevorstand, wie sie nur zu oft die Nestlinge der Insel besällt. Trotz des trübseligen Daseins, zu dem sie sichtlich verdammt waren, waren beide Brüder wohlgenährt, und ich hatte daher angenommen, dah auch die Alte in guter Perfassung sein müsse. Doch als ich sie erblickte, sah ich, daß das nicht der Fall war. Im Gegenteil — sie stand unmittelbar vor dem Mausern.
Jedenfalls war der Bater erst ein oder zwei Tage vorher eingegangen
Doch obwohl ich gleich den böiden Kücken annahm, daß der näherkommende Pinguin die Mutter sei, zeigte es sich alsbald, dah wir uns alle drei geirrt hatten. Voller Zuversicht liefen schwarzer Bruder und weiher Bruder vorwärts, bis sie auf einmal zögerten und schließlich stehen blieben. Und der Pinguin, dem sie mit so ersichtlicher Willkommensfreude entgegengeeilt waren, wollte eben an ihnen oorbeistolzieren — da bemerkte er plötzlich das greuliche Weiß, machte Holt, und hackte isch mit dem Schnabel hin, ehe er weiterging.
Boll Schreck und Enttäuschung rannten die Kücken wieder nach Hause und mehrere Minuten verstrichen, ehe sie sich von neuem hervorntagten. Endlich aber tarnen sie doch wieder heraus, denn mittlerweile mußte ihre Angst wohl aufs höchste gestiegen sein. Wir wissen ja alle, was es für Kinder bedeutet, alleingelassen zu werden. Eine Zeitlang macht es richtigen Spaß. Dann aber, wenn Stunden verstrichen sind, ziehen die Minuten sich endlos hin und die Zeit scheint überhaupt nicht mehr vom Flick zu rücken. Sehnsüchtig spähen die Kleinen die Straße entlang und sehen in jeder nahenden Gestalt die heimkehrende Mutter. Genau so war es mit diesen beiden Pinguinkücken, nur daß für sie die Sache dadurch verschlimmert wurde, daß jedermann nach ihnen schnappte. Der kleine Albino hatte auf der ganzen Welt keinen Freund außer seiner Mutter und dem getreuen Bruder — der, wie ich bemerkte, immer als letzter ins Nistloch zurückging und als erster wieder hervorkam, ganz als wolle er jede drohende Gefahr erkunden und den kleinen Paria beschützen.
naturgeschichtlichen Ueberlieferung sozusagen „von Flosse bis Schnabel' s bestanden hätte, wäre wohl nirgends etwas von einem solchen Vorfall verzeichnet gewesen, denn während Generationen hatte die Insel Zweifel I los keinen andern Albino gesehen.
Wahrscheinlich hosften die Alten, nachdem sie ihren ersten schrecken überwunden hatten, daß sich die Sache mit der Zeit ausgle,chen und das Gesieder des Albinos zugleich mit dem braunen seines normalen Bruders ins Schwarzweiße übergehen würde. Dos aber geschah nicht. Weiß war er und weiß blieb er, und er wie seine Eltern mußten sich damit abfmden, daß er von allen andern Pinguinen verschieden war — ein Paria. /
Was das während der paar Monate seines 'Daseins für den armen Keinen Kerl bedeutet haben muß, wurde mir schon das erstemal klar, als ich ihm begegnete. ,, ., , ,
Zunächst hatte ich keine Ahnung, was mit ihm los war; uh sich nur von weitem ein kleines weißes Geschöpf, von dem ich nicht wußte, was es war. Bevor ich mich nähern konnte, war er verschwunden.-Erfolglos suchte ich ihn in sämtlichen Nistlöchern der Nachbarschaft und setzte mich bann hin in der Erwartung, er werde von selbst wieder aus irgendeinem besonders tiefen Nest hervorkommen, wo er sich >ebenfalls versteckt hatte. Nach zwanzig Minuten erschien ein zu drei Merteln ausgewachsenes Junges — ein in jeder Beziehung normaler Pinguin — und unmittelbar hinter ihm der kleine Albino. ... ~ t „
Er war schneeweiß — nicht eine einzige schwarze Feder sah ich an ihm — und nur aus feiner Körpergestalt ging hervor, daß er überhaupt ein Pinguin war. -.
Die beiden Brüder kletterten mit dem Rücken gegen mich aus dem Nest und blieben einen Augenblick auf dessen Rand stehen. Dann drehten sie sich um, sahen mich in der Nähe sitzen und flüchteten sofort wieder ins Nest zurück. Sie wagten sich nicht wieder hervor, solange ich sitze« blieb. So tat ich, was ich stets zu tun pflegte, wenn ich wild lebende Tiere beobachten wollte — nur auf der Insel der Pinguine war es noch nie nötig gewesen —: ich baute mir ein „Versteck". In der Hauptsache stellte ich es durch Ausheben einer Grube her; diese deckte ich dann mit Gesträuch und lieh nur gerade soviel Platz frei, daß ich mich hmein- tauern und durch die Zweige hindurchlugen konnte. Kurz darauf äugten die Pinguine wieder aus dem Nest hervor, blickten sich argwöhnisch um und gewahrten das Versteck. Etwa eine Minute-betrachteten sie es unverwandt, fanden aber wohl schließlich, dah es nichts Schlimmes damit auf sich habe und sie sich ruhig Hinausfrauen könnten.
Da standen sie nun, reckten ihre Flossen und schauten ängstlich rneer- roärts. Ersichtlich erwarteten sie von dorther jemand, und'ich begann zu ahnen, warum die Alten sie beide zugleich verlassen hatten. Wie sie so warteten, watschelten zwei ausgewachsene Pinguine vorbei, und wie m einer Art selbstverständlicher Aufwallung schnappten beide nach dem Albino. Noch mehr Pinguine kamen vorbei, alte, junge, auf der Suche nach Zweigen oder auf dem Weg zum Strande. Und jeder einzelne schnappte im Borübergehen nach dem Albino. Darin lag nicht nur fo was wie „Geh mir aus dem Weg, du!", sondern alle schienen es,als eine Art persönlicher Beleidigung zu empfinden, dah fo ein Paria sich erdreistete einen Platz auf der Erde ober doch jedenfalls in einem so auserlesenen Teil wie der Pinguininsel für sich in Anspruch zu nehmen.
Nach jedem Zuschnappen schnellten die beiden kleinen Pinguine nach dem Nest zurück. Der weiße schien überhaupt fast dauernd so dazustehe«, als wisse er genau, was ihn erwarte, und sei jeden Augenblick bereit, die Flucht zu ergreifen. Immer wieder aber kamen sie zurück, so sehnsüchtig verlangte es sie nach dem Anblick dessen, de« fie erwarteten.
Meine Ahnung, wer das sein mochte, wurde bald darauf bestätigt, als die zwei Kücken plötzlich auf ein ausgewachsenes Pinguinweibchen zurasten, das sie von weitem vom Meere heraufwatscheln sahen,
Die unglücklichen Tierchen waren vaterlose Waisen, und darum muhte die Mutter sie allein im Nest lassen, während sie auf Nahrungssuche ging.
und hatte BTs dahin für gehörige Ernährung der Kücken gesorgt. Bis wahrscheinlich ein Haifisch all seinem Mühen ein Ende bereitet hatte
Nun hing alles an der Mutter — und diese vermochte allem Augen- schein nach die beiden Jungen nicht mehr lange richtig zu ernähren. \ Nach wenigen Tagen bestand kein Zweifel mehr darüber, daß die Tragödie unabwendbar' war. Die zwei Nestlinge — vor allem der Albino — zeigten Symptome von Hunger: die kleinen Bauche waren bereits so eingezogen, daß die Beine der Vögel viel länger erschienen als gewöhnlich. Und was ich gesehen hatte, war auch von den Pinguinen der Nachbarschaft beobachtet worden, von denen die fauleren sofort bereit waren, fremdes Mißgeschick zum eigenen Vorteil auszunutzen Schon hielt sich ein anderes Pinguinpaar m der Nahe, um den Zeitpunkt abzupassen in-dem die Mutter das Nest nicht mehr benützen wurde, und es dann selbst in Besitz zu nehmen. Sicher würden sie gar nicht erst abwarten, dah die Jungen eingingen; das war ja nur eine Frage von .wenigen Tagen, und Nestlinge, die am Verhungern sind, können weder sich selber noch ihr Heim verteidigen. ■
Gerade um diese Zeit blieb der Mutteroogel etwas langer aus als gewöhnlich, und ich begann schon zu fürchten, er werde überhaupt nicht mehr zurückkehren. Dasselbe dachten die diebischen Nachbarn, und so wurden sie sehr geschäftig. Ich sah sie fast bis zum Rand des Nestes vor- stoßen — da griff ich ein, jagte sie davon und hielt sie m einiger Ent- fernunq Ich schien gut daran getan zu haben, denn an jenem Abend kam die Alle zurück und fütterte ihre Jungen — zwar war es kein üppiges Mahl, aber doch ausreichend, um den Tod noch em wenig länger in Schach zu halten. .
Damals machte ich die Beobachtung, daß der schüchterne Albino, der stets vor seinen unfreundlichen Nachbarn gleich dgs Hasenpanier ergriff, wenn er sich mit seinem Bruder allein wußte, ganz keck und verwegen wurde, sobald die Alte im Nest war. Er schnappte sogar zuruck, wenn andere Pinguine im Vorbeigehen voll Verachtung nach ihm ^schnappten.
Wagt mit nur nicht nahe zu kommen, Mutter ist zuhause , schien er bann zu lagen, während er mutmaßliche Diebe und andere schwankende Gestalten 'tapfer von der Nisthöhle zurückschlug.
Am nächsten Morgen schien das Tierchen etwas kräftiger, und ich sah, wie es aus dem Nistloch hervor einen Schmetterling öst erhaschen suchte. Und es war angesichts der drohenden-Katastrophe wirklich rührend mit anzusehen, wie treue Freundschaft der braune und der weiße Nest-
I ling miteinander hielten, jo dah ich aufrichtig wünschte, he mochten am Leben bleiben und aufwachsen.
Dazu aber war eigentlich von Anfang an keine Hoffnung. Die Kucken schwanden einsach langsam dahin. Schließlich blieb ihre Mutter so lange aus daß ich sicher war, das Mausern verhinderte ihre Rückkehr Und nach einer Weile wackelte der Albino ohne seinen Bruder, der wohl schon zu schwach war, mitzukommen, zum Meere hinab, um sie zu suchen.
Wäre er kein Albino gewesen, so hätte vielleicht noch ein leiser Hoffnungsschimmer für ihn geblinkt; er hätte sich vielleicht einer andern ■ Familie anschliehen und etwas Nahrung erhaschen können. Doch für einen Albino war das aussichtslos. Ich fand ihn an seinem Sterbetage am Strande — bis zum letzten Atemzug ein Paria, den alle anstarrten und nach dem jeder Vorüberkommende feindselig schnappte.
In der Erwägung, daß es besser für ihn wäre, zuhause zu sein, im Fall die Alle doch noch zurückkehrte, ergriff ich den ausgehungerten kleinen Kerl, der fast gar nichts mehr wog, trug ihn zum Nest zurück und legte ihn neben den toten Körper seines Bruders.
Doch das war umsonst. Als der Morgen kam, war er verschwunden. Er hatte sich wohl noch einmal aufgemacht, die verlorene Mutter zu suchen, und in der Hoffnung auf Nahrung der allgemeinen Verachtung Trotz geboten. Er kam nicht mehr zurück. z
Sechzehntes Kapitel.
Don Juans und Gecken. — Ein Schwerenöter.
Percy der Unwiderstehliche. — Eine Tracht Prügel.
Schon in einem früheren Kapitel erwähnte ich einen Typ unter den Pinguinen, dem die rechte Achtung vor der Unverletzlichkeit der Ehe abgeht und der kein Bedenken trägt, das Glück eines friedlichen Heims zu gefährden. Er ist nicht sehr häufig auf der Insel der Pinguine. Ehescheidungen (ober der damit vergleichbare Vorgang) scheinen selten vorzukommen, und wo sie drohen, wird der Streitfall auf die gute alte Art ausgetragen — bas heißt durch einen Zweikampf, als dessen Preis di« Gunst der Dame winkt.
Doch genau wie bei uns gibt es neben solchen, die dem Trieb ihres Herzens folgend alles auf eine Karte fetzen, auch männliche Wesen auf der Insel, die sich gern ein wenig mit der Frauenwelt vergnügen, aber geschwind den Rückzug ergreifen, sobald die Sache anfänat, brenzlich zu werden. Wir kennen ja alle die jungen Männer, die das Londoner West- enb unb bie Bummelstraßen jeder Großstadt zieren, an den Ecken herum- lungern und jedem Mädel, das nicht ausgesprochen häßlich ift verliebte Augen machen. Ganz ebenso schneiden auf der Pinguininsel manche Vögel jeder Dame, die sich vielleicht zeitweilig ein wenig vereinsamt suhlt und daher einer Annäherung zugänglich ist, ohne ernstere Absichten die Cour.


