Ausgabe 
10.1.1938
 
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Gießener ZanMenblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1938 Montag, den 10. Januar Nummer 3

Die Insel öer fünf Millionen Pinguine

Von Lhercg Kearton

Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten

10. Fortsetzung.

An so etwas aber dachte ich gar nicht. Ich beobachtete Pinguine und machte Kinoaufnahmen. Meine Frau, die weiter landeinwärts stand, konnte die Pinguine auch sehen, nicht aber, wie schmal das Riff war, auf dem ich stand: auch wußte sie das nicht. In ihrer Aufregung, daß wir nun Gelegenheit fanden, eine Aufnahme zu machen, aus die wir tagelang gewartet hatten, rief sie mir aufmunternde Worte zu, die ich kaum nötig hatte und die ich im übrigen inmitten des Wogengebrauses gar nicht hörte. Ich stand mit dem Rücken gegen das Meer, meine ganze Aufmerksamkeit einzig auf mein Bild gerichtet und ohne im geringsten an die nahende Flut zu denken. m

Ich war ja an das Brüllen jener zornigen Wasser gewöhnt, und wenn es sich mit dem Steigen der Flut verstärkte, kam mir das jedenfalls nicht zum Bewußtsein. Doch als ich einem instinktiven Gefühl gehorchend, das ich nicht erklären kann, meinen Kopf endlich wandte, sah ich, daß die See mir schon fast über die Schuhe leckte und eine fürchterliche Meereswoge über mir stand.

Verschiedene Begebenheiten in meinem Leben haben mich wohl ge­lehrt, rasch zu denken. Ich bin von Löwe und Elefant angegriffen wor­den und entkommen. Dieser Woge aber wäre ich sicherlich nicht ent­kommen, wenn ich auch nur den Bruchteil eine Sekunde gezögert hätte. Sie würde mich von dem schmalen Riff hinunter geradeswegs in die tolle Brandung hineingeschwemmt haben...

Wenn ich jetzt auf dieses Abenteuer zurückblicke, sage ich mir, daß cs nur die letzte Form eines Vorgangs ist, wie er einem jeden am Meeres-- strande begegnet. Doch mit welchem Unterschied! Dies war keine der sogenanntenhohen" Wellen, die man an unfern Küsten an Sturm- bagen sieht: es war ein wahrer Wasserberg, dem nichts als starrer Felsen Trotz bieten konnte.

Ich habe vom Fischsang zurückkehrende Pinguine bei der Landung in stürmischem Seegang wenn auch nicht in einem Seegang wie dem eben beschriebenen beobachtet und mich stets aufs höchste verwundert, daß sie nicht in Stücke zerschmettert wurden. Ja mehr als das: niemals sah ich einen, der den geringsten Schaden dabei genommen hätte. Selbst­verständlich gingen die Krüppel die beim Zusammentreffen mit einem Haifisch ein Bein hatten lassen müssen nur an der sandigen Küste an Land, wo es nicht sehr schwierig war. In der Gegend vonCornwall" aber landeten die Vögel direkt vor den Felsstürzen. Aus den Wellen reitend, ließen sie eine um die andere vorbei, bis sie fanden, nun sei diejenige gekommen, die sie an Land heben würde und in dieser Be­urteilung irrten sie nach meinen Beobachtungen kein einziges Mal. Auf dem Kamm der erkorenen Woge schossen sie vorwärts, packten mit dem merkwürdig gekrümmten Schnabel den Felsrand und schafften sich durch die Flossen eine weitere Stütze. Während die Welle die sie hoch oben im Trockenen abgesetzt hatte, absloß, klammerten sie sich fest an den Stein und kletterten dann in aller Ruhe an Land. Jedes einzelne Mal er­wischten sie unfehlbar jene sprichwörtliche siebente Welle, die weiter­gelangte als die anderen, und schienen damit dann nicht im mindesten zu fürchten, daß auch die nächste sie erreichen könnte ein weiteres selt­sames Beispiel von derwissenschaftlichen Bildung" dieser außerordent­lichen Geschöpfe, wie man meinen möchte.

Fünfzehntes Kapitel.

Parias. Schwarzkopf und Weißkopf. Ein kleiner Albino. Die grausame Natur. Ein tragisches Ende.

Jeder, der ein englisches Knabeninternat alten Stils kennt, weiß, wie schlimm es dort kleinen Jungens erging, die nicht alles und jedes genau so machten wie alle andern zum Beispiel tinem musikalischen Kind in einer Schule, wo nur Fußball- und Kricketspieler etwas galten, oder einer Leserätte, die nichts Besseres wußte, als in der Ecke zu sitzen und Gedichte zu lesen, während alle anderen nur daran dachten,Betrieb zu machen". Der Kerl war natürlich einKaffer" und wurde wahrscheinlich links liegen gelassen"; wenn man sich auch in der Hauptsache nicht an ihn kehrte, war es doch an der Tagesordnung, chn $u foppen und zu

schikanieren. In den heutigen Schulen soll es allerdings anders fein, wie ich höre; die Jungens sind jetzt vernünftiger. Auf der Insel der Pinguine aber, wo der moderne Geist wenig Fortschritte gemacht hat, sind auch jetzt noch Ausnahmen von der allgemeinen Pinguinregel genau so verpönt wie jene vom geheiligten Muster abweichenden kleinen Jun­gens in der Schule unserer Jugend. Das heißt, sie werden gemieden, sind freundlos, und jeder kühlt sein Mütchen an ihnen.

Natürlich besteht bei den Pinguinen splch verbotene Abnormität nicht in einer besonderen Geistesrichtung, sondern in körperlichen Abweichungen; gewöhnlich ist sie eine Frage der Färbung

Die Zeichnung der normalen Pinguine ist fast durchweg dieselbe. Die hochgegllrtete schwarze Schärpe", die unter den Flossen durch und über die Brust läuft, ist zwar in manchen Fällen breiter als in andern: zu­weilen geht sie gerade querdurch, zuweilen macht sie einen Bogen nach oben ober nach unten. In der Kopfzeichnung machen sich gleichfalls Ver­schiedenheiten bemerkbar, doch sind sie meist so geringfügig, daß es sozu­sagen unmöglich ist, lediglich danach zwei Vögel zu unterscheiden. Und auch gegen Phantasiewesten bestehen keinerlei Elnwände; dieser Brust- schmuck wird von schwarzen Flecken gebildet, die unregelmäßig über das weiße Gefieder verstreut sind. Abgesehen von diesen drei individuellen Merkmalen aber entspricht so gut wie jeder Pinguin auf der Insel dem einen Modell.

Man darf sich daher wohl nicht gar so sehr wundern, daß die, wenigen Vögel, die eine Ausnahme bilden, allgemein unbeliebt sind.

Drei solcherParias" waren zu meiner Zeit auf der Insel, ein Vogel, der in jeder Hinsicht ganz normal war, nur daß ihm die weißen Federn zu beiden Seiten des Kopfes fehlten; ein zweiter, dessen schwarzer Rock am Genick plötzlich wie abgeschnitten war und einen schneeweißen Kopf freiließ; und schließlich auffallender als diese beiden ein reiner Albino.

Sowohl der Schwarzkopf wie der Weißkopf hatten tatsächlich wenig von ihrem Leben. Keiner von beiden fand eine Ehegenossin; jedenfalls hätte keine Pinguindawe sich so vergessen, einen Mann zu nehmen, der von vornherein aus der guten Gesellschaft ausgeschlossen war. Denn über diese Vögel war ein für allemal der Bann verhängt. Ihre unmittelbaren Nachbarn schienen sie zwar mehr oder weniger zu dulden was kann man auch anderes gegenüber etwas anrüchigen Nachbarn tun, die sich weigern, aus der Gegend fortzuziehen? Sobald sie jedoch unter Fremde tarnen, mar die Sache anders. Ich sah, wie der unselige weißköpfige Vogel sich nicht mehr als hundert Meter weit von zuhause entfernte und sogleich wie ein Aussätziger behandelt wurde. Die andern Vögelschnitten" ihn ganz einfach; die roher veranlagten, indem sie ihm schroff den Rücken wandten und wegstolzierten wie die Damen zu Queen Bictorias Zeiten, die ihre Röcke zusammenrafften, wenn sie an den Kindern der Gosse vor­beikamen, und die besser erzogenen, indem sie den Kopf so drehten, daß sie ihn einfach nicht sahen. Und dann und wann eröffneten ein paar unge­zogene Junge eine offene Hetze gegen den armen Tropf und liefen ihm überallhin nach.

Noch schlimmer wurde die Sache für ihn durch den Umstand, daß er ein ausnahmsweise großer Vogel war; inmitten einer Menge würde er sich in gewisser Weise durch vornehmes Aussehen ausgezeichnet haben, so allein aber und als Zielscheibe des allgemeinen Spottes sah er wie ein rechter Trottel aus. Auch gab ihm feine große Blässe, für menschliche Augen wenigstens, ein etwas blödes Aussehen. Er pflegte ganz allein umherzustolzieren, den Kopf in seinen langen Nacken zurückgeworfen, als wollte er sagen:Ach, ich bin gar nicht so dumm, wie ich aussehe wirklich nicht!" Dann schlossen sich ihm gewöhnlich ein paar Junge an und folgten ihm überallhin, genau wie Bauernlümmel, die den Dorftrottel hänseln bis er sich schließlich, jedenfalls weil er es nicht länger aus­halten konnte, plötzlich umdrehte und ihnen die Stirn bot. Dann schloffen sich meist noch ein paar Vögel der Verfolgung an, indem sie im Halbkreis um das unglückliche Opfer Aufstellung nahmen und es anstarrten, bis es nicht mehr aus noch ein wußte.

War aber schon das Dasein des weißköpfigen Pinguins wenig be­neidenswert, so erging es dem Albino noch schlimmer.

Albinopinguine kommen so selten vor, daß man sie eigentlich als un­bekannt bezeichnen kann. Ich jedenfalls habe nie von einem zweiten solchen Vogel gehört. Und nun war hier dieses unglückselige Geschöpf, das von anscheinend normalen Eltern stammte und ein Gegensatz, der alles nur noch viel schlimmer machte einen vollkommen normalen Bruder hatte! , .

Man kann sich die Bestürzung vorstellen, die seine Ankunft hervorrief. Da lagen nun zwei Eier nebeneinander, die aussahen wie alle andern Eier und von denen das eine ordnungsgemäß ein hübsches graubraunes Kücken ans Tageslicht entließ und dann brach drei Tage später das zweite Ei entzwei und enthüllte dieses unerhörte kleine Wesen in seiner fleckenlosen Weiße! Sicherlich konnten sich seine Eltern keinen Vers auf die Sache mache». Selbst wenn bet den Pinguine» die Möglichkeit einer