GietzenerZamilienbMer
________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1958 ____________________Zreitag, den 9. Dezember Hummer 96
Der Kerzelmacher von M Stephan
ein heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka
Copyright by I. G. «rotta'fche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
6. Fortsetzung.
Brand schüttelte lachend den Kopf: „Was hast denn eigentlich. Wimmer? Erst halt mir den Kopf g'waschm, weil ich zu schnell ja g'sagt hab, und es ein Unglück geben könnt, und jetzt kannst es auf einmal nimmer erwarten—" Nach einer Weil« fügte er seufzend hinzu: „Was wohl morgen sein wird, Wimmer? Hast schon recht g'habt: ich hält nicht ß„sagen fallen — Aber weißt, fünfzigtausend Gulden sind halt ein önes Stück Geld. Ich hab ja nichts davon, aber di« List tät sich halt richtig in di« Wolle setzen — Ich weiß schon, was du sagen willst, Wimmer. Drum is ja so schwer."
Nachdenklich ging Matthias Wimmer neben Brand, der ihn bis zur Straße begleiten wollt«, über die Stiege hinunter. Der Kerzelmacher tat ihm leid. Würde morgen eine schöne Bescherung werden, wenn der Sranzl mit der List redete! Aber was war da zu machen! Unten im oben sagte er: „Fährst also morgen wirklich zum Kirndorfer, Brand? Schad! Hab mir dacht, wir könnten wieder einmal musizieren. Is bald zwei Wochen her seit dem letzten Mal—"
Katharina Vielgratterm, die gerade die Dielen von den Spuren von Wimmers Mandel säuberte, richtete sich ächzend auf: „Was, du fährst morgen nach Nußdorf? Seit wann machst denn du Landpartien, Brand?"
„Der Kirndorfer hat uns halt eing'laden zum Mittagessen —"
„Der Kirndorfer?!" Ein neues Rätsel stieg vor ihr auf Sie fragte verblüfft: „Ja, wieso kommt denn jetzt der Kirndorfer dazu?"
„Warum denn nicht? Oder vergönnst es mir nicht, daß ich einmal ausspann. Ich sitz doch eh das ganze Jahr in der Werkstatt. Grad daß ich am Abend einmal aufs Schanzl oder auf die Schlagbrucken komm — Und wer weiß, vielleicht is auch für di« List ganz gut — Meinst nit, Wimmer?"
Der Regenschori gab kein« Antwort. Er nickte nur leicht. Aufmerksam ah die Alte auf die beiden. Da stimmte was nicht. Aber Brand sprach chon weiter: „Brauchst also morgen nit kochen, Vielgratterin! Um elf holt uns der Kirndorfer ab mit sei'm Schlitten."
So in Gedanken versunken verließ Matthias Wimmer den Wachs- zicherladen, daß er zehn Schritt ^von der Tür« mit dem Kopf gegen den Bauch des Dragoners rannte, der gerade mit seinem Korbe um die Ecke trabt« und wie em Dutzend ungarischer Wachtmeister zu fluchen begann.
„ßeut gibt's!" sagte kopfschüttelnd der Soldat, als er feinen Korb auf di« Ladenpudel stellte. Dann griff er wieder nach Tüten und Schachteln.
Gutgelaunt sah ihm die Vielgratterin zu. Heute ärgerten sie nicht einmal die Kerzen, di« er in seinen Einkaufskorb packte. Sie glaubte, den Sinn der Worte des Brand erraten zu haben: „Vielleicht ist's auch für die List ganz gut." War gar nicht dumm vom Brand. Hübsch war ja die List. Könnt schon fein, daß der reiche Kirndorfer Franz auf sie fliegt. Einen solchen Plan hätte sie dem Kerzelmacher gar nicht zugetraut. War halt ein stilles Wasser, der Brand!
Da war der Dragoner mit seinem Einkauf fertig.- Er schob den Unken Arm unter den Henkel des Korbs, wischte sich mit dem Handrücken die Nase, fischte in der Hosentasche nach dem Gelde und meinte: „Morgen is Sonntag, Frau Vielgratterin, da komm ich gleich in aller Früh —*
Die Alte lachte: „Morgen sperr ich gar nicht erst auf Morgen machen wir eine Landpartie —"
„Was S' nit sagen, Frau Lebzelterin!" Der Soldat schmiß seinen Gulden hin und wandte sich zum Gehen.
„Ja, wir sind nämlich nach Nußdorf eing'laden —*
Dem Dragoner schien plötzlich etwas einzufallen. Er fuhr herum, als hätte fein Leutnant gerade „kehrt euch" kommandiert, und stellte den Korb wieder auf den Ladentisch: „Nach Nußdorf sagens? Zu wem denn?"
Die Alte berichtete: „Vom reichen Kirndorfer in Nußdorf habens doch g'wiß schon g'hört. Ist der größte Weinhändler von Wien. Der ladt uns oft ein. Is ein alter Freund vom Herrn Brand. Und da holt er uns halt morgen wieder ab mit dem Schlitten, den Herrn Brand, die Lisl und mich —"
„Wann denn, Frau Lebzelterin?" fragte der Dragoner unschuldsvoll und schnitt wieder fein Schafsgesicht.
„Nach der Kirchen halt — um elf."
„So, um elf!" Der Soldat unterdrückte einen Stegespfiff, riß den Korb von der Pudel, sagte „Gut Nacht, Frau Vielgratterin" und schoß zum Ladm hinaus.
Eine Stunde später meldete er dem Leutnant von Rabenau: „Morgen Ä Uhr Abfahrt der Demoisell« Brand samt Vatter im Schlitten vorn Weinhändler Johann Kirndorfer nach Nußdorf!"
Wie eine Patroullienmeldung gibt er das wieder. Dann schichtet er di« Lebkuchen und Kerzen zu einem neuen Turme im Schranke des Leutnants.
Maria Theresia stiftete für ihr toben gern Ehen. Vielleicht well chre eigene so wohl geraten war. Wmn der Kaiser Franz diese Ehe auch manchmal auf eine harte Probe stellte, weil seine angeboren« Milde schonen Frauen gegenüber oft noch ein übriges tat. Vielleicht weil sie meinte, daß der Mensch nicht früh genug in dm Ehestand' kommen könne, da er sonst auf allerlei Allotria verfalle, di« sich für ein geordnetes Hauswesen nicht gehörten, als das sie ihr riesenhaftes Reich im Herzen Europas führte, zwischen dem Nordmeer und Sizilien, zwischen den österreichischen Niederlanden und den Sergen des Balkan.
Sie wußte wohl, daß vor solchem Unfug und Allotria auch der Ehe- stand nicht immer bewahre. Das hatte ihr Gemahl ihr in dm zwanzig Jahren ihres eigenm schon vordemonstriert. Auch sonst hatte Maria Theresia in ihrem Hofstaat, im Adel, in der reichen Bürgerschaft davon schon allerlei Eremplare gesehen. Aber immerhin führten, wie sie meint«, diese Seitenpfade und -sprünge. für gewöhnlich, wmn auch auf allerlei Umwegen, wieder zu der von Gesetz und Moral gewollttn Straße zurück. So fügte sie ihren vielen landesmütterlichen Pflichten noch eine weiter« hmzu, und verhalf jungen Leuten, die ihrer Meinung nach nicht rasch genug ins Ehebett fanden, gerne zur Hochzeit.
Keiner der jungen Kavalier« an ihrem Hof, in der Armee, auf den Landsitzen des Adels war vor dieser ehestistertschen Leidenschaft der Kaiserin sicher. Das war oft kein Spaß. Denn je weniger begehrenswert eine war, um so erpichter war die Monarchin darauf, sie unter dl« Haube zu bringen. Die Hübschen brachten ja das Heiratm schon von selber zuwege. Wenn sie irgendwo, beim Hofball, bei Audienzen, auf den adeligen Schlössern, die sie bei Festen, Jagden oder Revuen besuchte, ein Mädel sah, von dem sie fürchtete, daß es eine alte Jungfer werden könnte, begann sie schon ihr« Fädm zu spinnen. Was manchen jungen Kavalier vor die Entscheidung stellte, mit einem Frauenzimmer, das nicht gerade ein Meisterstück des Schöpfers war, den tobmsbunb zu schließen ober, wmn auch nicht gleich die Gnade, so doch das Wohl- wollm der Monarchin zu verlieren.
Von dieser Leidenschaft des Ehefttftens ließ sie nicht mehr. Mitten in ihrer fleißigen Arbeit, zwischm zwei Akten, deren Inhalt sie verwarf oder auf di« sie ihr „placet“ schrieb, zwischen dem Kommen und Gehm zweier Minister, die einander die Türklinke ihres Arbeiis,Zimmers reichtm, zerbrach sie sich oft den Kopf, wer diese und jene heiratm, oder welches Fräulein der richtig« Chegespons fein könnte für dm jungen Dietrichstein, Auersperg oder Haugwitz.
Auch heute tn der großen Konferenz geht chr in den Pausen der Reden und Gegenreden ein Komtessel durch den Kopf. Freilich nur wie ein rasch verwehender Klang. Denn um nichts geringeres handelt es sich heute, als wie man dem Potsdamer König tm kommenden Feldzug den Weg nach Wim verlegm solle. Darum kam sie heute selber, die Kaiserin.
Ernst, aber Immer noch stattlich und schön, lehnt sie in spitzen- verziertem, silbergrauem Kleide in dem hohen Armsessel, der die Kaiserkrone trägt, am obersten Ende des langgestreckten Tisches, um den auf rotsamtmm Stühlen unter dem nach dunklen Kronleuchter in weißen, roten und grünen Röcken, tn Silber und Gold, di« hohm Generale sitzen: dazwischen in nüchternem Schwarz die Minister Letztes Tageslicht fällt durch di« hohm Fenster in dm weißgetäfelten, nur mit schmalen Goldleisten geschmückten Raum. Manchmal spiegelt sich eine weiße Perücke, ein sich neigendes Gesicht, ein funkelnder Ordensstern oder eine sich bewegend« Hand in der blitzenden Fläche des Tisches.
Zur Rechten der Kaiserin sitzt in schlichtem, schwarzem Samt auf dem gokdm nur di« Kanzlerkette und das Goldene Vli«s funkeln von Burgund, der Staatskanzler Kaunitz. Hart ist fern schmales, scharfgeschnittenes Antlitz. Seine kalten, stahlblauen Augen sind rn di« Fern« gerichtet, rühm nur scheinbar auf dem verschnörkelten, weißschirmn-rnden Ofm in der Mitte der Wand, dessen krönmde Schale zwei Putten tragen. Zu ihrer tonten sitzt der ein wenig zu behäbige Marschall Daun, der Sieger von Kottn, Generalissimus ihrer Armem, feit sie nach Lmthm ihrem Schwager, dem Herrn Brüder Kari von Lothringen, das Kommando hat nehmen müssm.
Der Winter geht zur Neige, wmn auch draußen zwischm dem grauen, lichtlosen Gemäuer des Burghofs noch die Flockm wirbeln.


