Ausgabe 
9.9.1938
 
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zu khm hin. Auch Buck blieb stehen und blickte zurück. Sie sahen Tarlo zufrieden lächelnd mit einem Mädel dastehen, an dem beide nichts finden tonnten.

Oie Liebenden.

Von Ruth Schaumann. Deine Grenzen verschweben Zitternd in meine hinein. Aber der See ist das Leben, Liebe der sinkende Stein.

Deiner Freude Erbeben Dunkel die meine umschlang. Aber der Turm ist das Leben, Liebe der Glocke Gesang.

Deine Gedanken erheben Lächelnd die Milde zur Macht, Aber die Nacht ist das Leben, Liebe der Stern in der Nacht.

Familienrat über Heinrich von Kleist.

Von Walter von Molo.

Deinnächst erscheint im Verlag Holle & Co., Berlin, ein neuer Roman von Walter von Molo unter dem TitelG e« schichte einer Seel e". Wir veröffentlichen ein Kapitel aus diesem Wert.

Die Männer der Familie zeigten sich mit Gewicht, stirnrunzelnd, schnaufend und gut genährt. Sie traten zu der Beratung über den Bater- lofeu zusammen. Es muhte durchgegrisfen werden.

Den Vorsitz übernahm der Äelteste, der sich ganz besonders dazu eignete, weil er, in anderen Zeiten ausgewachsen, ohne ererbte oder er­worbene Seelenkunde, ohne jedes Verständnis für die Gegenwart war.

Der Osfiziersftand müsse, da ihn der Herr Neffe verlassen habe, aus dem Kreise ihrer Betrachtungen bleiben, damit begann er. Höchst be­dauerlich! Seine Studien habe der Herr Neffe nicht abgeschlossen, doch er könne immerhin noch ein niederer Beamter werden. Die höhere Lauf­bahn habe er sich durch seinen Dickkopf verkorkst. Ob Majestät freilich überhaupt noch einmal zu haben sein wird?

Es müsse versucht werden. Wenn es nicht gelänge, müsse ihn einer von ihnen auf fein Gut nehmen, als Eleve oder Förster oder so etwas Aehnliches. Was meinst du dazu, Heinrich?

Der junge Kleist erklärte bescheiden, daß er am meisten Lust hätte, Tischler zu werden.

Das sei ganz verrückt. Ob er es darauf anlege, sie zu ärgern?

In keiner Weise. Wo werde er denn? Die Arbeit im reinen Holze sei sehr sauber, ermüde nicht den Kopf und habe ihm Freude gemacht. Er verspräche, er würde ein tüchtiger Tischler werden!

Ein völlig duseliger Gedanke! Das sei gerade so ein Blech, wie seine Dämlichkeit, Verse machen zu wollen. Alles unmännliches, weibliches Zeugs. Junge, vergiß nicht, du halt dich bisher mächtig blamiert.

Er bäte gehorsamst, noch einmal zu überlegen. Das Beste in seinem Zustande sei für ihn ein Handwerk. Da bekäme er feine Aufträge vor- geschrteben und brauche nichts zu° erfinden.

Er habe 'n Vogel! Er dürfe sie nicht weiter in Verruf bringen. Alles, was recht fei! Er solle endlich daran denken, welcher Familie er an­gehöre.

Das sähe er ein. Zwei Generalfeldmarschälle, die gelehrten Kanzler Bogislav und Pribislav, achtzehn Generale ....

Mensch?! .

Sechsundzwanzig Pour le merite, der Erfinder der Leydener Flasche, unser bei Kunersdorf gefallener Held ...

Sie blickten ihn unsicher an.

Vielleicht kann er in einem Kontor bei einem Ellenreiter arbeiten, wurde nachdenklich vorgeschlagen. Er soll irgendwo Bücher führen.

Wie er zu rechnen versteht, hat er uns bewiesen. Uhrmacher? gab der Schwager zur Ueberlegung auf.

Das käme alles nicht in Frage! In jedem Handwerk müsse er erst ein paar Jahre lernen; wovon solle er in der Zwischenzeit leben? Er habe doch alles durchgebracht.

Er sei in Mainz mit Hobel und Säge und einem Gesellen bereits in alle Häuser gegangen, in denen etwas zu reparieren war, versicherte der Angeklagte. Das fei schön gewesen, da sähe man, was man mache, vollbringe etwas.

Von diesem Geniestreich red' lieber nischt mehr. Schau deine arme Schwester an, wie die heute noch drunter leidet.

Verzeihung! Ersuchte er und zog sich zurück.

Doch nicht deswegen! verwahrte sich Ulrike, die als einziges weib- liches Wesen zuaelassen war. Ihr Bruder sah entsagend zu Boden.

Er soll Kanzlist werden. Da braucht er auch nischt zu denken und ist versorgt.

Da wolle er lieber auf ein Gut al; Viehhirtel

Ob er die Absicht habe, wieder mH seinen Schwachheiten anzu- fangen?

Ihm sei alles gleichgültig. Nur nicht nach Frankfurt, wenn er gehor­samst um dieses Entgegenkommen bitten dürfe.

Er solle seine jesuitischen Ausfälle gegen die Familie unterlassen. Er sähe wohl, sie helfe ihm. Oder meine er, daß sie nichts Besseres zu tun hätten, als hier seinetwegen, bei diesem schönen ijüradewetter, herumzusitzen und sich mit chm zu ärgern?

Das sähe er ein. Und er sei ihnen dafür auch aufrichtig dankbar. Sehr wohl.

Ekelhafte Sache, dieses Betteln, sprach der Schwager und kratzte sich aus dem Kopf, aber jut, ich liebe dir, sagte der Hund, als er den Hasen verspeiste. Ich werde mit dem Odersinanzrat und mit Vetter Christian sprechen, damit er Hardenberg veranlaßt, eine Kanzlistenstelle für ihn frei zu machen. Zuvor müssen wir aber wissen, wie es wahr­heitsgetreu in seinem Oberstübchen aussieht.

Ulrike entfaltete das bereit gehaltene Gutachten, das sie sich hatte ausstellen lassen, und las mit gepreßter Stimme, die sich oft irrte, was die Männer belustigte, halblaut vor: Der chemalige Leutnant, mit Namen so und so, geboren dann und dort, ist ein Mann von über­ragender Intelligenz, von starkem, sittlichem Gefühle ...

Sie senkte tief ihren Kops auf das Papier herab; die Männer hörten duldsam zu und rollten bloß, das ihre bedenkend, die Augen. Sie hatten andere Anschauungen.

Die Ursache des vorübergehenden Zusammenbruchs war über­reiche Veranlagung.

Na schön!

Der Arzt war offenbar auch überdreht. Sie ließen, obgleich es nicht zu ihrer Seligkeit nötig war, großzügig Ulrike ihren Salat zu Ende servieren, den sie feierlich ergriffen darbot.

Vom niederen Hügel überblickt sich eine Aussicht leicht, aber vom Hochgebirge bietet sich gewaltiger Ueberblick erst nach Ueberwindung zahlloser Hindernisse ...

Laß gut fein, Mächen, er is ooch verrückt; wir glauben dir. Sie blickten verzeihend und schmunzelten: Iotte doch, sie war seine Schwester und eine alte Jungfer! Sie entschieden: Dieses Dokument genügt!

Unter diesen Umständen dürfe er Majestät noch einmal gehorsamst um Verwendung in der niederen Beamtentarriere bitten. Aber ohne Floskeln und Phrasen! Sehr ehrerbietig. Arider; als bisher! Verstanden!

Er erhob sich ein wenig und verneigte sich und setzte sich wieder ge­horsam nieder.

Sein Gesuch würden sie einzureichen erlauben, wenn er es so ab« fasse, daß es ihnen entspräche; er habe es vorzulegen.

Der Onkel, in dessen Haus dieser Verbandplatz für die Gescheiterten aufgeschlagen war, tröstete: Die Krankheit erst bewährt den Gesunden, sagt Meister Goethe.

Ulrike rief ihm erbost in Gedanken zu, diese Erinnerung sei wirklich nicht nötig gewesen. Sie fand jedoch in dem bewegungslos gehaltenen Gesicht ihres Bruders keinerlei Veränderung oder Verftinrmung. Man verteile die Rollen: Du schreibst an den, du sprichst mit jenem, und du mußt dich an den wenden, ich rede mit dem.

Aber wo er doch so viele Sprachen kann? erinnerte beunruhigt die Stiefschwester; es ging immerhin um die Zukunft ihres Bruders. Es war ihr nicht vorstellbar, daß er als gewöhnlicher Kanzlist enden solle.

Na schön, ich will auch mit Peter Gualtieri sprechen, der geht als Gesandter nach Spanien ...

Das wäre doch etwas, nicht wahr, Heinrich? ermutigte sie und ver­suchte eine kleine, wenn auch nur noch recht wehmütige Parade mit ihm vorzureiten: Du kannst doch Spanisch?

Ja, gewiß, Cervantes, antwortete er vor sich hin. Sie wußte nicht, ob sie richtig gehört hatte, das war doch schon wieder der Name eines Dichters? ,

.Ich kenne einen Kabinettsrat, red' du dafür mit Minister Haugwitz, vielleicht geht das! Uebrigens kein übler Gedanke, den Jungen ins Ausland verschwinden zu lassen, bis über seine Verrücktheiten Gras ge­wachsen ist. Geh' auch zu Frau vorn Karneke, Heinrich. Die macht sich gern mit Wohltaten mausig. Vielleicht tut sie was für dich. Du mußt aber sehr ehrerbietig zu dem ollen Biest fein, nicht gleich wieder mit dem Kopf durch die Waird!

Fertig? fragte der Schwager und hob erwartungsvoll fein aus­giebiges Hinterteil hoch; er hatte Hunger und Durst.

Hakt! rief der Bruder, das Wichtigste! Die Geldfrage! Er hat doch nischt mehr zu beißen!

Richtig! Sie ließen sich seufzend wieder rückwärts niedersinken, nun kam das Schwierigste.

Das erledige ich! Bitte! benachrichtigte schnell Ulrike und wollte dar­über Hinwegehen.

Quatsch nich, Kind, wurde sie gutmütig verwiesen. Dich hat er schon bis aufs Hemdchen ausgeplündert. Ihr sechs Geschwister müßt das ge­meinsam machen. Fünfzig Taler im Monat, bis er wat außer seinen Diäten verdient? schlug einer vor.

Was kommt da auf jeden? wurde besorgt gefragt.

Na, acht Baler! errechnete Hans Jürgen auf Groß-Tychow. Das sind achtundoierzig Haler.

Menschenskinder! verwahrte sich der Schwager, meine Friederike wird nischt zahlen, die hat mich und bat Göhr. Er braucht doch nicht (Equipage zu fahren! Was, Heinrich, begütigte er, du brauchst doch keine Equipage?

Der Gefragte erhob sich und bestätigte bescheiden: Nein, er benötige keine Equipage. Dann setzte er sich wieder nieder.

Dreißig, schlug sein Bruder vor, dem fein Anteil vom Erbteil ab­gezogen wurde.

Jawoll, das ließe sich hären. Dreißig im Monat. Aber nicht mehr, Heinrich, nur so lange, bis du wat verdienst!

Dessen dürsten sie sich versichert halten.

Was kommt da auf jedes? wollte der Onkel, der die 6cole mililaire leitete, wissen.

Na, fünf, wenn du noch rechnen kannst! versetzte verdrießlich der Schwager, denn es war niemand darauf eingegangen, daß seine Frau nicht zahlen sollte.

In Iottes Namen! Bewilligt. Sie erhoben sich. Nu aber fix! Damit wir endlich zum Rotspon kommen!

Sie gingen zu Cutter und Wegener, bas war eine vornehme Wein­stube seitab den Linden; dort gab es die besten Austern in Berlin.

Der«ntwortlich: Dr. Hans Thyrtoi. Druck und Berlag: Brühlsche llnibetfttätäbrudetei R. Lange, Gieße».