Ausgabe 
9.9.1938
 
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siehenerZamilienbliiüer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1938

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Hreitag, den 9. September

Nummer 70

PMH

Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis.

Von Cherry Kearton.

Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart.

10. Fortsetzung.

Eines Tages die Leopardenjungen auf dem andern Teil des »ugels sind jetzt schon so groh, daß sie mit den Eltern auf die Jagd zehen können macht sich das Nashorn wieder wie gewöhnlich auf md legt den Weg zum Flusse in langsamen Etappen zurück In dem dickicht. nicht weit vom Flußbecken, kratzen Dornen seine Haut und iefhängende Zweige schlagen ihm um Kopf und Horn. Aber derlei Hindernisse stören es nicht; es trottet seinen altgewohnten Pfad weiter linab. Nur einmal verläßt es ihn vorübergehend, um sich durch niedriges Sestrllpp zu zwängen und mit dem Maul den Boden nach etwas : Schmackhaftem abzusuchen.

Endlich gelangt es so an den Rand der Sandbank. Hier sind erst ur einer kleinen Weile die Elefanten aufgebrochen; eine Zebra- und - ne Kuhantilopenherde ist nach ihnen gekommen und mitten im Trin- Im durch das Warngeschrei der Paviane zu eiligem Rückmarsch ange- hieben worden. Jetzt erst wenige Minuten danach liegt die Sand- hnt verödet da. Die Paviane hocken auf ihrem Gipfel und haben ihre bttden Kleinen nah zu sich herangeholt, denn sie sehen das Krokodil nur im paar Meter vom Ufer entfernt im Wasser liegen.

Kaum nähert sich das Nashorn der Sandbank, da geht das. gellende | Geschrei wieder los. Das alte Tier bleibt stehen, die kleinen Ohren di wegen sich lauschend nach vorn, dann aber beruhigt es sich wieder ob dr Tatsache, daß ja die Schmarotzervögel unbekümmert auf seinem stucken sitzen bleiben, und steuert aufs neue dem Wasser zu. Trinken rill es nun einmal, wie es seine tägliche Gewohnheit ist: immer um dieselbe Stunde und immer an derselben Stelle der Sandbank. »Die j Aufregung der Paviane, die das Krokodil lautlos immer näher und 's Nlhef herankommen sehen, vermag nicht, ihm seine Seelenruhe zu rurben. Tief streckt es jetzt den Kopf hinab, schon taucht das Maul ins Wasser--hahl wie da der heißhungrige Riese zuschnappt! Seine

ßirchterlichen Zähne dringen dem Nashorn durch die Haut, haken sich in seine Kinnlade fest und halten sie wie mit eisernen Klammern gepackt.

Der erschreckte Dickhäuter versucht, sich sogleich zurückzuziehen. Un- »»glich! Ja, er spürt bereits, wie er ein Stück weiter ins Wasser hin- Mgezerrt wird, preßt darauf seine Füße, so fest er kann, in den Sand - stemmt den Körper so weit nach hinten, daß er mit dem Hinter- M den Boden berührt, reißt und zerrt seinerseits aus Leibeskräften »d bekommt wenigstens sein Maul aus dem Wasser heraus. Der Riese ttt fest und zieht rückwärts, mit der aufs Aeußerfte angespannten Kraft Imes mächtigen Körpers, die Füße gegen das abschüssige Ufer der vindbank gestemmt; sein Schwanz peitscht ^as Wasser, die Zähne halten »«nachgiebig fest, wo sie zugebissen haben. Die Beine des Nashorns ienmen ins Rutschen, wobei sie vor sich im feuchten Sand kleine Wglle wiroerfen. Das Nashorn, das sich dem Tod wieder um einige Zentr­aler nähergerückt sieht, versucht nun mit erneuter Kraftausbietung, «ch einen Ruck nach seitwärts seine Kinnlade aus der eisernen Zange ||lösen; aber das ungeheure Gewicht des Riesen vereitelt diesen Plan, ll H bei seinem vergeblichen Bemühen, frei zu kommen, rutscht es nur ®f; weiter nach vorn. Jede Muskel bis zum Zerreißen gespannt, bäumt M sich noch einmal mit aller Gewalt zurück und die Füße graben sich r tot) tiefer in den Sand; der plötzliche Kraftaufwand läßt es wieder I Handbreit an Boden gewinnen,---um ihn sogleich wieder

| !f* verlieren; denn die Füße rutschen abermals nach vorn, und nun |Htes mit den Vorderbeinen schon im Wasser!

k sJn seiner Todesangst schnaubt das Nashorn wie wahnsinnig. Den Nbli merz in seiner zermalmten blutenden Kinnlade spürt es kaum, so |i kommen ist es von dem Anblick des Flußausschnitts gerade vor ihm |i<n) der Riesengestalt seines Angreifers mit dem hin- und herfchlagenden H^wanz, der das Wasser aufpeitscht, und den beiden kleinen Äugen, M unablässig in die feinen starren. Es spürt, wie es immer mehr ins M^ien kommt, und weiß: zwischen seinem Maul und der Wasser- Mye ist nur noch ein winziger Zwischenraum! In seiner Angst ge- |[ Rt es ihm noch einmal mit wilder Anstrengung, den Hinteren Teil ,,s Körpers so weit aufs Ufer zu schieben, daß die Hinterbeine wieder Jl perf;a(6 des Wassers Halt im Sande finden. Aber mag es in seiner b "Weiflung auch noch so reißen und zerren--es fühlt, rote auch

dieser Halt wieder nachgibt, wie die Füße wieder in die vorige Stellun­zurückrutschen. Die beiden Sandwülste schieben sich jetzt immer weiter vorwärts; es ist, als sollte ihm der Kopf von den Schultern gerissen werden; tiefer sinken die Vorderfüße ins Wasser. Unendlich langsam, ober unwiderstehlich fühlt sich das Nashorn ins Flußbecken hinab­gezogen.

Noch eine volle Minute, während sein Maul schon unter Wasser ist. wehrt es sich. Einmal noch in der Qual des Erstickens bäumt sich der Kopf aus dem Wasser und verschafft sich durch ein hastiges Luftschnappen noch eine kurze Wohltat; dann aber ist des Nashorns Schicksal besiegelt: langsam wird es hineingezogen, langsam wird es hinuntergezogen dann schließt sich die Flut über ihm.

Die kleine Pallah im Glück.

Bei den Gazellen. Ruhelosigkeit. (Ein wieder­gefundener Freund. D i e wiedergefundene Herde.

Als die kleine Pallah sich den Gazellen am Flußufer angeschlossen hatte, fühlte sie eine wunderbare Ruhe bei sich einkehren. War sie doch endlich wieder bei Geschöpfen, die ihrer eigenen Rasse angehörtenl Nichts Gemeinsames verband sie mit Pavianen, Elefanten und Zebras. Mochten die ihr auch in Gefahr Schutz bieten die Affen mit der Tat, die Elefanten durch ihr bloßes Vorhandensein so waren ihre Instinkte doch so ganz andre, und das Gefühl innerster Verbundenheit konnte nie und nimmer zwischen ihr und ihnen aufkommen.

Bei den Zebras freilich, da hatte sie dies Gefühl wohl.gehabt, dank ihrer Freundschaft mit dem einen in feinem Mangel an Erfahrung noch ganz unbefangenen Zebrajüngling. Aber trotz der tröstlichen Wärme, die ihr von seiner Seite zugeflossen war, trotz der wachsenden Fürsorge, die ihr die Zebramutter hatte angedeihen lassen, war sie sich in der großen Masse der Herde doch immer als ein Fremdling vorgekommen. Die Tiere hatten ihre Anwesenheit geduldet, und zuweilen fühlte sie sich auch wohl ganz heimisch bei ihnen; aber dennoch hatten sie sie nie als ihresgleichen betrachtet.

Da war es doch bet den Gazellen anders! War doch sie selbst auch eine Gazelle, wenn auch von einer andern Art. Sie besaß nicht die gleichen Merkmale wie sie und hatte ihre besonderen Eigentümlichkeiten; so sprang sie oft hoch in die Luft, sei es aus Freude, sei es im Schreck,' indessen die Gazellen genau wie die Zebras nur einen Satz machten, wenn sie plötzlich durch eine Schlange oder ein andres am Boden krie­chendes Tier aufgescheucht wurden. Dennoch hatten sie sie freundlich in ihrer Mitte empfangen. Wie mürrisch war ihr doch damals der Zebra- Alte in seiner Wißbegier entgegengekommen, hatte sie mit der Schnauze geknufft, als wolle er sie in hochfahrender Weise verhören, was und roe?-. sie denn eigentlich sei. Aber der alte Gazellenbock, der sich ihr zuerst genähert halte, war ihr in freundlicher Haltung begegnet, begierig, ihre Geschichte zu erfahren, und offensichtlich erfreut über ihr Erscheinen!

So lebte sie eine Woche lang in Zufriedenheit dahin. Die Gazellen waren scheu und überaus vorsichtig und ihre Wachen jederzeit bereit, beim leisesten Argwohn die ganze Herde zur Flucht anzutreiben. Der Umstand, daß das Wasser des Flußbeckens mit vorrückender Jahreszeit immer mehr zurückging, ließ sie nur noch größere Vorsicht üben, wenn sie zur Tränke gingen. Wenn auch einmal eine Kuhantilope vom Kro­kodil geschnappt wurde, als sie alle auf der Sandbank versammelt waren in wildem Durcheinander waren sie damals mit.vielen andern Tieren daoongestoben so erlitten sie selbst doch keine Verluste. An der Tränke, beim Weiden, in der Rast und im Schlaf vertrauten sie auf die Wach­samkeit ihrer zuverlässigen Hüter, und wie die Tage so dahinflossen, wuchs dies Vertrauen auch in der kleinen Pallah und sie ließ alle Aengste fahren.

Aber mit dem Wagemut kehrte auch ihre Ruhelosigkeit wieder. Wohl pries sie sich glücklich, bei den Gazellen zu fein; aber wieviel schöner mußte es doch sein, wieder in der eigenen Herde leben zu dürfen! Oft, mitten im Weiden, lief sie plötzlich ein Stück abseits, stand da und starrte ins Weite; oder Spuren im Gras, die von andern hier vorbeigewan­derten Tieren stammten, erregten ihre Aufmerksamkeit und sie lief ganz für sich dahin, um sie näher zu prüfen. Vermied sie es auch, weit von der Herde fortzuwandern wie damals an dem Tage, wo die wilden Hunde hinter ihr her waren, fo wagte sie sich doch immerhin aus dem Um­kreis der Herde heraus, um In geringer Entfernung ganz für sich allein hn freien Grasgelände zu verweilen,

Eines Tages, als sie wieder so ganz für sich stand, verrieten ihr bestimmte Zeichen auf dem Boden, daß noch vor kurzem an dieser Stelle eine Zebraherde oorheigekommen fein mußte. Sie wurde aufmerksam und folgte der unregelmäßigen Spur, die mit dem Weg der Gazellen in gleicher Richtung lief. Ja, es wurde ihr immer gewisser, daß sie dies« Zebras kannte. Wie, wenn sie versuchte, sie einzuholen? Gewiß würde sie ihren junge» Freund unter ihnen sindenl