Spielzeug neben den Steg. Sie rief ihm zu, daß der Schubkarren nun ihm gehöre, sie schenke ihn dem Loisl.
Wie von einer Schnur gezogen kam der Bub näher heran/ seine großen Augen auf den bunten Schubkarren im grünen Gras gerichtet.
„Nimm es nur, Loisl", lockte das Mädchen, „nimm es nur, es gehört dir, du darfst es behalten." .
Und nun geschah etwas, was dem Mädchen auf dem Steg durch und durch ging. Hatte der Anruf und die Nennung des Namens den Knaben erwachen und seine Scheu überwinden lassen, sie hörte einen, sich selbst Überschlagenden gellenden Schrei aus dieser kleinen Brust aufsteigen, sie sah, wie sich das Kind auf das Spielzeug stürzte und es an feine Brust preßte, sie vernahm, wie es hervorstieß: „I hab's do gwußt, daß d' komm'» wirstl" Das war das einzige Wort, das an sie gerichtet war, denn nun sah das Büblein nur noch den bunten Schubkarren, den es unter Jauchzen, Lachen und Hüpfen vor sich her schob, vor dem es niederkniete, dessen bunte Blümlein es streichelte, dessen Rad es mit dem Finger herumtrieb, als wäre es eine Mühle des Glücks. Dann. sprang es auf, rollte den Schubkarren tanzend vor sich her und stieß kleine, schrille Schreie der Freude aus.
Das Mädchen wollte das Kind in seiner Freude nicht stören. Leise ging es an das Ende des Steges, band das Boot los, stieg ein und ruderte still fort, immer wieder das holde Jubslftimmchen hörend und das Büblein hinter dem Schubkarren springen und tanzen sehend, dieses Büblein aus der anderen, aus der einzig wahren Welt, die nie versinkt, die immer da ist, die wartet und hofft, auch dann,, wenn wir sie mit unseren blinden, törichten Augen nicht mehr sehen können.
Den Äärinern.
Von Friedrich Rückert. Ich zog eine Wind' am Zaune; Und was sich nicht wollte winden Von Ranken nach meiner Laune, Begann ich dann anzubinden, Und dachte, für meine Mühen Sollt' es nun sröhlich blühen.
. Doch bald hab' ich gefunden, Daß ich umsonst mich mühte; Nicht, was ich angebunden. War was am schönsten blühte, Sondern was ich ließ ranken Nach seinen eigenen Gedanken.
.ui höchsten Gipfel Großdeuischlan^.
Von Hermann Otto Vaubel.
Wir hatten uns den Großvenediger erkämpft und wollten nun auch noch auf den Großglockner. Wir waren von Windifch-Matret über das Kals-Matreier Törl hinübergestiegen nach Kals. Ein schweres Gewitter hing in den Bergen. Blitze zuckten um die wolkenoerhangenen kahlen Gipfel in der Runde. Träge dahinrollend folgte ihnen der Donner. In mehrere Teile zerstreut lag das Dorf mit seinen dunkelbraunen Holzhäusern auf dem Talboden. Wir schlossen gerade die Tür des Glockner- wirtshauses hinter uns, als der Regen mit aller Gewalt — wie er es nur in den Alpen vermag — niederzurauschen begann.
Der nächste Tag war als Ruhetag vorgesehen. Der Regen plätscherte lustig weiter auf die feuchte Welt. Eine bunte und vielseitige Gesellschaft uzar in unserem Hause versammelt. Ein junges Paar, das anscheinend noch nicht allzu lange verheiratet war, machte uns viel Spaß. Sie war eine rundliche und zärtliche Slawin, er lang, dunkel, mit großer Nase. Sie schmachtete ihn an, er ließ es sich, gerne gefallen. Um ihrer Tischgewohnheiten willen und weil wir von der Vision eines rosigen Marzipan-Schweinchens nicht loskamen, nannten wir sie nur das „Schweinchen". — Das Publikum wäre vielleicht noch vielseitiger gewesen, wenn das Postauto wie gewöhnlich nach Kals hinaufgekommen wäre. Das war aber in diesen Tagen nicht möglich. Das letzte Gewitter hatte mit seinen Regengüssen die Schutthalden an den Berghängen in Bewegung gesetzt. An drei Stellen hatten Muren die neue Autostraße vollkommen zugefchüttet.
Wir blätterten im Kaiser Gästebuch. Da fanden wir auch eine schwarz eingerahmte Eintragung, bei der nachträglich drei Kreuze hinzugefügt waren. Sie enthielt die Namen der Männer, die von hier aus die erste Winterbesteigung des Großglockners versucht hatten. Darunter folgte der Bericht der Rettungsexpedition, die die Leichen zu Tal ge- vracht hatten.
Als ich am Abend noch einmal vor die Tür trat, hing der Nebel dicht über dem Talboden. In den höheren Lagen mußte dichter Neuschnee gefallen sein.
Am anderen Morgen waren die Wolken den Hängen entlang in die Höhe geglitten. Die Gipfel lagen unschuldig und weih in frischem Schnee. Während des Vormittags erschien ein paarmal die Sonne, zog sich aber immer wieder zurück. Wir entschlossen uns trotzdem, zum Glöckner aufzubrechen. — An diesem Tage stiegen wir noch das Ködnitztal aufwärts bis zur Lucknerhütte (2200 Meter). Diese große Almhlltte liegt unmittelbar am Fuße einer Talwand, die in riesigen Felsäbstürzen auf sie niederzukommen scheint. Gegenüber, aus der anderen Talseite, fanden wir an einer steilen Wand Edelweiß. Es war ein herrlicher klarer Abend, nur etwas kalt. Wie Zuckerhüte stachen die verschneiten Gipfelzacken ringsum in den leuchtenden Himmel. Kein Wälkcken war zu sehen.
So war es auch in der Frühe des nächsten Tages. Die Sonne wurde Ichon so stark durch den Neuschnee zurückgeworfen, daß wir bald die Schneebrille aufsetzen mußten. Bis zur Stüdlhütte (2800 Meter) brauch-
len wir nur kurze Zelt. Am Horizont breitete sich die ganze Kette der Dolomiten. Von hier aus stiegen wir über den untersten Teil des Teischnitz-Gletschers hinüber auf den Luisengrat, der vom Glöckner herunterkommt und über ihn hinüber auf den Ködnitz-Gletscher. Dort seilen wir uns an, obwohl der Gletscher im ganzen, wenn man die Route kennt, ungefährlich ist. Nun machte uns der Neuschnee zu schaffen. Die Sonne hatte ihn aufgeweicht und wir sanken tief, stellenweise bis über das Knie, ein. Es war ein mühseliges Schneestapfen; doch von eigener Schönheit war die Geschlossenheit des Bildes, das sich uns bot: Links von uns stieg steil der Glocknergipfel empor, schwarz und weiß sich abhebend von dem dunkelblauen Himmel. Vor uns war der Grat, auf dem die Adlersruhe liegt, hinter uns zog sich der Luisengrat zum Gipset. Dazwischen aber breitete sich das flimmernde, glänzende, weiche Weih des Ködnitz-Gletschers aus. Es war eine unendliche, kalte Ruhe über allem. Das Bild aus einem alten indischen Epos kam mir in den Sinn, wo die Gletscherpracht des Hochgebirges „das gefrorene Lachen des Gottes" genannt wird. Daran änderten auch nichts die starren Schneefahnen, die der Sturm von den Graten in die dunkele Himmelsbläue blies
Bald kamen wir mit ihnen in Berührung, als wir zur Adlersruhe hinaufkletterten. Der Schneestaub flog uns in dichten Massen ins Gesicht, der Sturm wehte uns beinahe vom Grat. Noch über ein paar Felsen empor, und wir standen vor der Erzherzog-Johann- Hütte auf der Adlersruhe (3465 Meter). Sie ist die höchste Hütte Oesterreichs. Der Blick war nach fast allen Seiten grenzenlos. Im Norden und Süden sah man bis über die Vorberge der Alpen hinaus. Bergkette reihte sich an Kette, Gletscher an Gletscher und Gipfel an Gipfel. Ueber die Gipfel in der Nähe hob sich stolz die spitze Pyramide des Miesbachhornes hinaus.
Da das Wetter gut war, entschlossen wir uns, noch an demselben Nachnnltag den Glocknergipfel zu besteigen. Eine Kette von Menschen stieg gleichzeitig mit uns hinauf. Es waren mindestens dreihig, davon der größte Teil nur wenig — oder gar nicht — geübt und ohne Führer. Zuerst bis zum Grat hinauf ging alles sehr schön. In dem tiefen Schnee zog sich eine breit ausgetretene Spur in Serpentinen hinauf. Oben auf dem Vorgipfel aber, dem Klein-Glockner, wo vereister Fels, der selbst dem Steigeisen kaum Halt bot, und ein überhängender Wüchtengrat miteinander abwechselten, wurden die Leute nervös. Denn sie klebten an dem schmalen Grat und sahen rechts über den Rand der Mächte hinab auf das 1500 Meter tiefer liegende breite Gletscherfeld der Posterze, während links 1000 Meter tief in unschuldigem Weiß der Schnee des Ködnitz-Gletschers heraufleuchtete. Die Angst erreichte ihren Höhepunkt, wenn eine solche Partie — zu Heil oder Unheil durch das Seil verbunden — die Glocknerscharte (zwischen Klein- und Großglockner) passierte. Es ist nur ein kleines Wegstück, diese berüchtigte Scharte, je nach den Schneeverhältnissen 4 bis 6 Meter lang,- aber nur 20 bis 30 Zentimeter breit. Das Drahtseil, das dort angebracht ist, lag abermals mehrere Meter tief im Neuschnee.
Uns wurde das Ueberschreiten dieser Stelle etwas erleichtert durch eine Fllhrerpartie hinter uns, vor der wir „Führerlosen" uns nicht blamieren wollten. Wir hatten dafür bann bas Vergnügen, vom G'ock- nerkreuz (3800 Meter) aus zuzusehen, wie ber Führer seinen Schützling sorgsam festbanb, dann ein Seitgelänber herstellte unb ihn am Seit um bie Brust langsam hinüberzog. Lange konnten wir auf bem Gipsel nicht b(eiben, benn unterhalb warteten schon anbere auf unseren Ab- ftXf bem Rückweg machte bie Scharte gar keinen Einbruck mehr auf uns. Inzwischen waren an den Gipfeln des Horizonts verschiedentlich Wolken aufgezogen. Schlechtes Wetter schien beoorzustehen. In langer Reihe klebten nun vor unb hinter uns die Partien am Grat des Kleinglockners. Alle wollten so schnell wie möglich bie Hütte erreichen. Minutenlang, fa viertelstunbenlang mußten wir an manchen Stellen warten, bis es ben Vorausgehenden gelungen war, irgendeine, ihnen gefährlich erscheinende Stelle zu überwinden. Manchmal machte eine Partie den Versuch, die anderen zu überholen. Das hatte nur den Erfolg, daß die Seile sich verwirrten unb bann erst roieber entknotet werben mußten. Das verlangsamte bas Tempo natürlich nur noch mehr. Die Leute wurden immer nervöser. Es war ja auch nicht schön, auf einer Schneewächte zu stehen, durch deren Spalten man auf bie Pasterze hinuntersah unb bie {eben Augenblick mit allen Menschen darauf in die Tiefe stürzen konnte. Es war beinahe unglaublich, daß an diesem Tage auf bem Glöckner kein Unglück geschah. Als wir endlich wieder vor ber Hütte waren, hatten wir bie dreifache Zeit wie gewöhnlich gebraucht.
Von Westen her zogen dunkle Wolkenmassen heran. Der Großvenediger mit seinen Gletschern lag in schwefelgelbem Lichte. Um bie bieten Mauern ber Hütte heulte ber Wind. An unserem Schlaframn bedeckte ber Schnee außeii bie Fenster bis zur halben Höhe. Durch die offen gebliebene Hälfte konnte man auch nichts mehr erkennen. Dichter Nebel hüllte alles ein. Unser Atem rauchte.
Auch am nächsten Tage war das Wetter noch gleich schlecht, aber es hatte wenigstens nicht über Nacht geschneit. So' konnten wir trotz des brauenden Nebels den Abstieg über Hofmanngletscher unb Pasterze wagen. Wir konnten uns auf bie Spur verlassen, die unsere Vorgänger an ben vorhergehenden Tagen getreten hatten.
Als wir an die Pasterze tarnen, war der Nebel so weit gestiegen, daß wir gerade bis zu bem anberen Ufer dieses größten Eisströmes ber Ostalpen sehen konnten. Es war ein arktisches Landschaftsbild: Eine weite, kilometerbreite, fast ebene Eisfläche, über die die Schmelzbö-be kmbin- ftossen, ber Nebel barüber unb bie schwarzgrauen Ansätze ber Felsw inde an beiben Ufern. Es war bie grenzenloseste, göttlichste Einsamkeit, bie bentbar ist.
Wir stiegen nach Heiligenblut ab. Fern, verhüllt unb nur vom Wls- senben geahnt, lag ber Glöckner Im Nebel.
Verantwortlich: vr.-Hans Thhriot. — Druck unb Verlag: Brühlsche UniversttätSbruckerei R.Lange, Gießen.


