Der Totentanz.
Von I. 2B. v o n Goethe.
Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht Hinab aus die Gräber in Lage;
Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht. Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann: Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann, In weißen und schleppenden Hemden.
Das reckt nun, es will sich ergötzen sogleich. Die Knöchel zur Runde, zum Kranze, So arm und so jung und so alt und so reich; Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut, So schütteln sich alle, da liegen zerstreut Die Hemdelein über den Hügeln.
Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein, Gebärden, da gibt es vertrackte;
Dann klipperts und klapperts mitunter hinein, Als schlüg man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr: «Gehl hole dir einen der Catenl"
Getan wie gedacht! Und er flüchtet sich schnell Nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond, und noch immer er scheinet so hell Zum Tanz, den sie schauderlich führen. Doch endlich verlieret sich dieser und der. Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher. Und husch I ist es unter dem Rasen.
Nur einer, d^r trippelt und stolpert zuletzt Und tappet und grapst an den Grüften; Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt, Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück, Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück; Sie blinkt von metallenen Kreuzen.
Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht. Da gilt auch kein langes Besinnen, Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht Und klettert von Zinne zu Zinnen.
Nun ist's um den armen, den Türmer getan! Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan. Langbeinigen Spinnen vergleichbar.
Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt. Gern gab er ihm wieder, den Laken.
Da häkelt — jetzt hat er am längsten gelebt — Den Zipfel ein eiserner Zacken.
,, Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins, Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins, Und unten zerschellt das Gerippe.
Die wahre Wett.
Eine Erzählung von Bruno Brehm.
Im ersten Sommer nach dem großen Kriege packte Susann«, ein Mädchen von zwanzig Jahren, den Rucksack prall voll mit gehamstertem, bröcklig-gelblichem Maisbrot und fuhr, auf dem Trittbrett eines überfüllten Zuges hockend, an den See chrer Kindheit ins Salzkammergut. Zwar hatte die Mutter nach des Vaters Tod das kleine Anwesen am See verkaufen müssen und wollte, da chr einziger Sohn am Jsonzo gefallen war, weder See noch Haus, die im Glück einst geliebten, wiedersehen. Aber dem von Sehnsucht ergriffenen Mädchen war weniger daran gelegen, die Stätten vergangenen Glückes zu meiden, als wieder einmal die Lust des Sees zu atmen und den Kranz der blauen Berge zu sehen.
Gegen Abend erst langte der Zug am Ziel der Fahrt an. Susanne eilte durch den langgestreckten Ort. Aus den beiden großen Gasthosen raunzte und dudelte die zerquetschte, alberne neue Musik. Sie fragte hier und fragte dort; aber alles war besetzt, nirgends ein Plätzchen frei. An ihrem einstigen Haus dort unten am See eilte sie rasch vorbei, aber sie hörte doch das Plätschern des Wassers, im Bootshaus und das leichte Klirren der Ketten. , .
Wohin sollte sie sich, da eine Rucksacktouristin un Ort kein Nachtlager bekam, nun wenden? Da entsann sich Susanne eines kleinen Gasthauses, ein wenig abseits, ein wenig bäuerlich und muffig, von wo sie als Kind öfters der Mutter Eier und Butter geholt hatte. Der Mond stand schon hoch. Die Wirtin erkannte Susanne gleich wieder, sie rönne keine Sommergäste nehmen, sie habe kein Geld, das Anwesen richten zu taffen, alles fei ein wenig zerfallen, der Mann fehle, er sei noch in Sibirien gefangen. Aber endlich gelang es Susanne doch, die sich sträubende Frau zu Überreden; sie wurde in eine kleine Kammer geführt, zur Schlafftatt der Haustochter, die im Kriege in eine Munitionsfabrik gelaufen unb dann in der Stadt geblieben war. Susanne reichte der Wirtin, die nun das Bett mit rotweißem Zeug Überzog; die Lebensmittelkarten, öffnete, um die schlechte Luft loszuwerden, das Fenster und blickte Über die dunklen Tannen hinweg auf den See. .
Am nächsten Tag muhte sich Susanne auf dem Gemeindeamt an« melden. Die Menschen, die sie auf der Straße am Ufer und in den
Gasthausgärten sah, nahmen sich aus, als hätte ein böser Spaßvogel st» aus Bars und Nachtcafes, aus Börsen und Banken zusammengetrieben, in seidene, übergrelle Dirndlkleider und krachneue Lederhose» gesteckt unb hier wieder ausgelassen. Hinter hastig geblätterten Zeitungen hervor lugten Geierschädel und Hyänenrachen, schwammiges Fleisch quoll unter Brusttüchern, schleimige Blicke krochen ihr nach; die Lemuren des Krieges, das furchtbare Gesindel der Zeit, hatten sich als biederes Landvolk verkleidet und diesen einst so stillen Ort mit ihrem Geld, ihrem Lärm unb ihrem Geschrei erobert.
Sie eilte, als brenne der Boden unter ihren Füßen, wieder in da» kleine Wirtshaus zurück, bat die Frau um das alte, morsche Boot und ruderte langsam in den See hinaus. Am anderen Ufer legte sie an einer verfallenen Landungsbrücke an. Hier war der Strand verschilft und »er« moost, hierher tarnen die Leute nicht, hier war west und breit teilt Badeort. Die Ruhe tat ihr wohl, sie setzte sich auf die warmen, grauen Bretter und lieh die Füße baumeln. Hier war sie in einer anderen Welt. Seltsam, dachte sie, mit den bloßen Füßen leicht über das Wasfer streichend, daß sie in der Zeit des Glücks mit ihrem Bruder niemals den Weg hierherüber gefunden hatte. Dieser alte Landungssteg mochte wohl zu dem unweit hinter einem Obstgarten gelegenen weißgetünchten Gehöft gehören, aus dem nun ein Heiner, etwa siebenjähriger Junge trat, und langfam auf Susanne zukam.
Es war ein weißblondes Kind mit großen Augen in dem blaffen, nicht gerade sauberen Gesicht, in einem zerrissenen Höschen, barfüßig und scheu, dem Sonnenlicht des Tages abgekehrt wie ein grauer, kleiner Nachtfalter.
Susanne erhob sich langsam, um sich dem Kind zu nähern und ihm mit der Hand leicht über das zerraufte Haar zu streicheln, aber der Bub ging, ohne ein Auge von ihr zu wenden, langsam, ohne sich umzusehen, die bloßen Füße geräuschlos in das feuchte Gras setzend, nach rückwärts, gab auf die Frage nach Namen und Alter keine Antwort, stand, wenn das Mädchen stehen blieb, und trat hinter sich, „wenn Susanne sich nähern wollte, immer die großen, grauen Augen unverwandt auf sie gerichtet.
Mit leichtem Schmerz in der Brust bestieg das Mädchen wieder ihr Boot, ruderte in die Mitte des Sees, ließ sich dort ins Wasser gleiten, schwemmte den sanften Kummer über das Mißtrauen des Kleinen fori, und dann sonnte sie sich im Boot. Die Wirtsfrau konnte über das Kind Auskunft geben, den kleinen Loisl kenne sie wohl, das fei ein schwacher Wurm, scheu wie eine Waldtaube, aber weder krank noch blöde. Am anderen Tag fuhr Susann« wieder zu dem einsamen Haus hinüber, diesmal aber, um den scheuen Buben zu locken mit einer Tüte Süßigkeiten. Das Kind mochte auch schon gewartet haben, denn von weitem sah sie es schon auf dem Steg stehen. Als sie aber näher kam, zog sich der Bub wieder wie am Tag vorher langsam zurück. Abermals wandte er seine großen Augen nicht von ihr, abermals ließ er sich weder durch Worte noch durch die auf den Steg gestellten Süßigkeiten bewegen, näher zu kommen. Wenn dieses kleine Leben'dort doch endlich näher käme! Das struppige Haar wollte sie ihm kämmen, das schmierige Gesichtlein ein wenig waschen, und in die Augen wollte sie ihm dabei sehen, o, ganz behutsam nur. Märchen wollte sie ihm erzählen, einen kleinen Freund wollte sie haben in ihrer Einsamkeit.
Nun schlug der Hund an der Kette an. Eine große, knochige Fran kam durch den Obstgarten, sah das Mädchen, sah das Zuckerwerk vorn« auf dem Steg, lachte, grüßte Susanne, nahm die Süßigkeiten auf und wollte sie dem Buben reichen, aber der wurde über und über rot, flitzt» wie ein Echslein an der Mutter vorbei hinter das Haus und war weder durch Rufe noch durch Schelte hervorzulocken. .
Als das Mädchen diesmal in der Mitte des Sees kopfüber m das Waffer sprang, linderte die Kühl« ihren Kummer nicht. Em Stachel sah in ihrem Herzen, sie legte sich mit ausgebreiteten Armen, nur hi« und wieder die Beine regend, stach aufs Wasser und schloß die Augen. Am gleichen Abend lernte sie einen jungen Mann kennen, der zwar nicht zu den Geiern und Hyänen unten im Orte gehörte, aber doch mit ihnen Frieden geschlossen oder sich wenigstens mit der Zeit und ihrem Schick« [al abgefunden zu haben schien. So sei es nun einmal, sagte der jung« Mann es werde sich sobald nicht ändern. Es sei nicht so arg. Man tonn« sich an diese Musik ebenso gewöhnen als wie an die Schieber. Eines Abends gab es eine Tombola; draußen auf dem See stiegen aus tarn» pionqeschmückten Booten leuchtende Raketen auf, Gäste und Einheimisch« drängten sich auf den Tanzboden. Susanne flog, alles vergessend, vv« Arm zu Arm und ließ sich bewundern. . , . .
Aus dem Heimweg begleitete sie der junge Mann und trug chr bea Heinen, in der Tombola gewonnenen, buntbemalten Schubkarren nach, ein lustiges, mit Alpenrosen, Enzian und Edelweiß bemaltes Kindersahr« zeug, wie es die Bauern dort in der langen Winterzeit schnitzen, bemalen und auf den Jahrmärkten verkaufen. , , o . _
Die Nacht mar mild, vom See herauf klang das hohe, schrille Lachen von Frauenstimmen, weiter draußen spielte eine Ziehharmonika. Der junge Mann ließ ihre heiße Hand nicht mehr los und schlang seinen Arm um ihre Hüfte. Nein, nein, nicht heute, nicht jetzt, sträubte sich Susanne morgen werde man sich wiedersehen, und nun gute Nacht!
Als sie am nächsten Morgen spät und mit wirrem Kops erwacht«, fiel ihr Blick auf den kleinen, bunten, neben der Türe lehnenden Schub« ^sJe kleidete sich an, nahm den bunten Schubkarren, schöpfte das Wasser aus dem Boot und ruderte mit kräftigen Zügen hinüber zu dem einsamen Haus. Als sie näher kam, traute sie ihren Augen nicht. Dort, auf dem Stege stand, di« Augen mit der Hand schirmend, mit dieser kleinen, schmierigen Hand, das Büblein, das sich nun, mit jedem Ruder- schlag langsam zurückzog. Das mußte ein Zufall sein Das Kind durste doch nicht all die vielen, vielen Tage hier auf sie gewartet haben. Das konnte sie dem Kinde doch nicht angetan haben.
Sie legte an, sie stieg aus, der Bub wich vom Steg zurück, sie hob den Schubkarren hoch, drehte das Rad mit dem Finger und stellte das


