Jahrgang 1938
Montag, den 8. August
Nummer 61
Gießener Zamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Wat)
Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis.
Von Cherry Kearton,
Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
1. Fortsetzung.
Voll steigender Ungeduld fährt der Riese auf dem User drüben unwirsch mit dem Schwanz herum. Von den dunklen Gestalten am Kopf der Brücks kann er nichts mehr entdecken, aber da — stromabwärts — schimmert etwas Weißes! Es kommt auf die Sandbank zu — das ist ja ein Strauß! Komisch, daß er nicht nach den Gräsern pickt, wie die Strauße es sonst immer tun, sondern Hals und Kopf ganz steif aufgerichtet hält. Zwar gibt so ein Strauß nur ein dürftiges Mahl ab; aber immerhin: in der Not frißt ein Krokodil auch Strauße! Schade, daß der Strom in seiner ganzen Breite zwischen ihnen liegt! Man hätte ihn sonst mal herankommen lassen können.
Dieser ungeschickte Umstand bildet für die beiden Krokodile, die unten im Wasser liegen, keinen Hinderungsgrund. Auch sie haben den Stra iß gesehen; auch sie sind der Ansicht, daß diese Beute bei aller voraussichtlichen Unzulänglichkeit immer noch besser ist als ein nutzlos verwarteter Tag. Ganz leise schwimmen sie zum Ufer, warten eine Sekunde, und dann schießen sie urplötzlich mit einer Geschwindigkeit aus dem Wasser, die bei Tieren von solcher Gröhe geradezu überraschend ist.
Das, was nun folgt, fetzt den vom andern Ufer herllberäugenden Riesen in höchstes Erstaunen: als die beiden Krokodile sich soweit genähert haben, daß ihre Zähne sich schon im nächsten Augenblick um die Straußenbeine schließen müssen, da scheint der Bogel plötzlich in die Lust zu Hüpfen. Der Hals biegt sich auf die Seite; die schwarzen Federn auf der Brust teilen sich und eine überraschende Verwandlung geht vor sich! Im Vogelleib erscheint ein Mensch! Er wirft das Federkleid von sich, daß es samt Hals und Kopf in einem wirren Knäuel neben ihm niederfällt. Dann springt er mit dem Speer in der Hand zurück. Im gleichen Augenblick brechen fünf andre Männer aus dem Hinterhalt zwischen den Bäumen hervor. Kaum beginnt es den Krokodilen zu dämmern, daß sie sich von einem Strauß, der gar kein richtiger Strauß war, sondern sie nur aus dem Wasser herauslocken sollte, haben täuschen lassen, als auch schon die Speere um sie herumschwirren. Und nun wandelt sich die Szene sofort in wüsten Tumult. Zwei Speere gehen fehl, streifen nur leicht vorbei. Aber die andern sitzen! Ein Speer saust dem einen Tier in den Rachen, wird aber sofort von ihm durch- een, ein andrer — wohlgezielt — bohrt sich dem zweiten Krokodil ins und verwundet es tödlich; aber ehe seine Muskeln im Tod erstarren, hat es noch die Kraft, seinen gewaltigen Schwanz hin und her zu schleudern und dabei einem der Eingeborenen, der sich näher herangewagt hat, um es vollends zu erledigen, beide Beine zu brechen. Währenddessen flüchtet das andre Krokodil, dem der zerbrochene Speerschaft noch aus dem Rachen ragt, zum Wasser; im Laufen peitscht es wild mit seinem Schwanz um sich, aber die Verfolger sind hinter ihm her, sie raffen ihre zu Boden gefallenen Speere auf und treiben sie ihm aus nächster Nähe in den Leib. Noch einem zweiten Eingeborenen, der sich in der Aufregung zu nah herangewagt, werden von dem mit der Wucht eines ungeheuren Dreschflegels zuschlagenden Schwanz beide Beine unter dem Körper zerbrochen. Aber die andern, die der Bestie ganz dicht an der Seite sind, treiben ihr die Speere wieder und wieder in die weicheren Körperteile. Noch hat das Krokodil den sicheren Port, den ihm der Fluß bedeutet, nicht völlig erreicht, da wird es vom Tod ereilt. Da liegt es nun verendet — ein drachenartiges Ungeheuer, besiegt und überwältigt, aber dennoch schrecklich und gefährlich bis zum letzten Augenblick seines Todeskampfes.
Das Krokodil wandert aus.
Die Marschroute. — Unbequeme Reise. — A m Ziel. Ein ideal.es Jagdrevier. — Gute Gesellschaft.
Was treibt denn da den Fluß herunter? Sieht es nicht aus wie ein Stück Treibholz? Halt! das ist ja das Riesenkrokodil. Dem ist es nämlich in der alten Heimat jetzt doch zu ungemütlich geworden. Erst waren die Tiere plötzlich einfach weggeblieben von ihrem gewohnten Trinkplatz, wo man so lange Zeit sein gutes Auskommen gehabt hatte; dann war die stille Hoffnung, in den neu aufgetauchten zweibeinigen Lebewesen ein passendes Ersatzfutter zu finden, zerplatzt; schließlich kam noch die Abschlachtung der beiden anderen Krokodile hinzu, um einem den Aufenthalt dort oben vollends zu verleiden. Man denke nur einmal, wie das ist, wenn man sich in einem ehemals idealen Jagdgelände
plötzlich der Gefahr gegenübersieht, mehr oder minder an Unterernährung einzugehen! Alle Uferhöhlungen, die sonst als Vorratskammern gedient hatten, leer und zu nichts mehr nütze! Die tiefen Tümpel, in denen man sich so gern mit den andern Krokodilen gesiehlt hatte, verödet und verlassen! Da war es wirklich an der Zeit, sich einen andern Wohnort zu suchen.
Aber wo? — Das war die Frage! Die gegebene „Marschroute" ist natürlich der Fluß. Und den schwimmt der Riese hinunter, das heißt, meist läßt er sich von der Strömung tragen. Manchmal wird auch eine kleine Fahrtunterbrechung gemacht; denn er muh doch auskundschaften, ob nicht irgendwo ein Plätzchen ist, wo es gut und reichlich zu fressen gibt. An einigen Stellen, wo das Wasser seicht ist, muß er wohl oder übel kriechen; nur bis an den Bauch im Wasser, arbeitet er sich mit einem watscheligen Gang langsam und schwerfällig vorwärts, indem er immer von einer Seite auf die andere sackt. Ein andermal muß er, um einige Stromschnellen zu vermeiden, sogar auch eine kurze Strecke über Land; meist aber treibt er mit der Strömung. Dabei dämmert er wohl schläfrig vor sich hin; dann aber ist er mit einem Male wieder lebhaft und schnappt flink nach Fischen, d.eren schimmernde Leiber verlockend im Wasser an ihm vorbeiflitzen.
Jetzt hört der dichte Baumbestand am Ufer auf einmal auf, und es kommt eine Strecke, wo der Fluß zwischen niedrigen bräunlichgrünen Ufern flieht, die nackt und kahl zu beiden Seiten hin leicht ansteigen. Wenn er da anvergangene Zeiten denkt! Wie gut hatte ihn doch immer dieser zweisache Blätterüberhang hüben und drüben vor den Blicken der Tiere am Ufer geschützt! Sein Nahen hatte kein Aufsehen erregt; kein? hatte ihn kommen sehen, um gleich darauf entsetzt durchzugehen. Dagegen hier! Von schützendem Laubgehänge keine Spur; offene Strecken bräunlichen Grases senken sich nur mählich dem Wasser zu; hier und da wächst ein einzelner Baum. Zwar trifft er ab und zu auf eine Sandbank, wo deutliche Spuren verraten, daß hier immer Tiere zum Trinken Herkommen. Aber was hat der Riese davon? Hier wird er immer sogleich entdeckt, und alles bringt sich jedesmal rechtzeitig in Sicherheit. Wasserböcke, Pallahs, Zebras und viele kleinere Tiere heben beim Trinken plötzlich den Kopf und entstürzen wie auf Kommando ins Unerreichbare. Affen, die schnatternd unter einer kleinen Baumgruppe spielen, richten sich auf, um nach ihm herzustarren; bann reißen sie Hals über Kopf aus — bis in die höchsten Wipfel, und da bleiben sie, da fühlen sie sich geborgen; aber zwischen den Blättern hindurch äugen sie nach unten, ganz stumm, mit großen schreckvollen Augen. Eine Herde Gnus, die, einen dünnen Baumrand hinter sich, zum Trinken auf eine Sandbank gekommen ist, ergreift bei seinem Anblick mit einem Schlage die Flucht und rast durch ein enges Loch hindurch, das sie und andere Tiere sich durch das dichte Unterholz gebahnt haben .Ja, selbst der gefleckte Königsfischer, der auf die Fische unter der heißen Oberfläche des Wassers niederstößt, nimmt beim Anblick des Riesenkrokodils Reißaus.
Der Riese schenkt diesen Tieren aber jetzt keine Beachtung mehr. Zu jeder andern Zeit würde er sich wohl auf einer der Sandbänke niedergelassen haben, um Jagd zu machen. Nun jedoch ist es ihm darum zu tun, möglichst bald eine neue Heimat ausfindig zu machen, wo er sorgenfrei leben kann, wo es Futter in Menge gibt und wo keine derartigen Zwischenfälle, ja Gefahren zu befürchten sind wie die, denen er unlängst entronnen ist. Hier sind die Sandbänke aber klein und versprechen keine ausreichende Versorgung für so einen Riesenkerl wie ihn. Auch ein Platz, wo der ihm so unentbehrliche Schatten und dann so etwas wie kleine, ins Ufer einschneidende Buchten ein Leben in Behagen gewährleistet hätten, ist noch nicht gefunden. Abwechselnd schwimmt und treibt er also in der Hitze des Tags immer weiter und weiter, ohne Aufenthalt. Schon will es Abend werden, da kommt er endlich an eine Stelle, wo sich der Fluß zu einem mächtigen Becken erweitert. Und blitzartig wird ihm bewußt: er ist am Ziel!
Denn auch hier ist eine Sandbank — groß und breit; zahlreiche Spuren, die aus dem Unterholz und zwischen den Bäumen herauskommen, durchkreuzen sie von der Landseite her; weiter abwärts an ihrem äußersten Ende zweigt ein schmaler Kanal ab, wie eine Art kleines Staubecken, untz scheidet den Sandboden von der festen Erde. In diesem Kanal wird er bequem liegen können, im Wasser verborgen und noch obendrein beschattet von den Bäumen am Ufer. Von dort aus kann er die Tiere, wenn sie zum Trinken kommen, mühelos überrumpeln; wenn sie in panischem Schrecken nach dem Land zu entkommen suchen, wird er sich ihnen mit seiner ganzen Länge in den Weg werfen und auf diese Weise den Rückzug abschneiden. Oh, es wird ein leichtes Jagen sein! Arn gegenüberliegenden User des Beckens, das stark von Busch- und Baumzweigen Überhängen ist, dürfte es jedenfalls auch eine Bucht geben, deren Eingang so im Schatten verborgen liegt und die so überwachsen ist, daß außer ihm kein Geschöpf sie ausfindig machen wird.
Im oberen Teil des Beckens liegen mehrere kleine Inseln. Manche sind kahl und ragen nur wenige Fuß über den Wasserspiegel heraus; andre


