Ausgabe 
8.7.1938
 
Einzelbild herunterladen

können, wenn er nicht das große Maul gehabt und allzu hitzig für die Fuggerfchen Belange eingetreten wäre. Er muhte mit den Spaniern wandern. Einzig an Loisl Sternhuber fanden die Portugiesen Gefallen, weil er in keinem Betracht für einen Spanier angesehen werden konnte und ruhig und gefaßt erwartete, was mit ihm geschehen würde. Als er ihnen zu erklären suchte, weshalb und wieso er nach den Molukken gekommen sei, hörten sie aus seinem Kauderwelsch nur das WortWas­serburg" heraus, das immer wieder vorkam. Und es klang ihnen Jo komisch, daß sie aus vollen Hälsen darüber lachten. Da lachte der Loisl auch, und es entwickelte sich aus gegenseitigem Unverstand eine herzliche Freundschaft, der es Loisl verdankte, daß er wohl behandelt wurde und so gut wie frei war. Und als nach einem halben Jahr ein portugiesisches Schiff in die Heimat segelte, durfte er darauf zurückkehren. Von Lissabon fuhr er mit einem Italiener nach Venedig und pürschte sich von da zu Fuß über den Brenner und den Inn hinab nach Wasserburg.

Rach mehr als fünfjähriger Abwesenheit trat er wieder zu seiner Frau Liesl in die Stube.

Sa so", sagte er. Und nach einer Weile:Da bin ich wieder." Ist gut", sagte die Frau.

Einen halben Tag später erst fragte sie:Hast was ausgericht?"

Nein", sagte er.Die Welt ist größer, als man sich in Wasserburg denkt. Und es sitzen viel Völker drin, von denen keins dem andern was gönnt. Und wer stark ist, kann zugreifen. Die Portugiesen haben einen König, der den ganzen Handel seines Landes in seiner eigenen Hand hält. Und die Spanier haben auch einen, der es ebenso macht. Was haben wir? Wir haben zwar einen Kaiser, der aber nicht einmal ein Deutscher ist. Und daneben haben wir Kurfürsten und Herzöge und Grasen und Ritter und Städte, die ebensoviel zu sagen hoben wie der Kaiser und vielleicht noch mehr. Und jeder will was anderes und jeder nur was für sich. Wenn wir einmal ein einig Haupt Hüsten, das nur ein Einiges dächt und wollt und fönnts auch durchsetzen, dann möcht Deutschland auch in der Welt sein Wörtletn mitreden. Und dann möcht auch für Wasserburg wieder bessere Zeit kommen."

Geb'? Gott!" sagte die Frau.

Erlebnisse in Saloniki.

Von Heinrich Hauser.

Saloniki ist heute eine Stadt von fast 300 000 Einwohnern, ein Halbmond weißer Häuser um die Bucht, landeinwärts bis zu der ersten Hügelkette reichend. Das Stadtbild ist ganz uneinheitlich: zwischen Villen­vierteln am Strand liegen alte Fischerdörfer, zwischen neuen Vorstädten große, unbebaute Flächen, vor allen Dingen jüdische Friedhöfe, weit, kahl und verfallen. Die byzanthinische Stadtmauer steigt vom Hasen zu den Bergen hinaus, folßt dem Hügelkamm und biegt zum Meer zurück. Sie ist stark verfallen, zeigt aber, wie groß die Stadt schon im Altertum gewesen ist.

Halb Saloniki ist Ausbau: Baugerüst, aufgeriffene Straße, Hoch­häuser, noch etwas gespenstisch mit Kalkflecken in den Fenstern und Zementstaub auf den Mauern. Hier tut ein starker Wille zum Modernen, zur Zivilisation sich künd.

Halb Saloniki ist Verfall, ist rostiges Wellblech, Baracke, Budenstadt, Quartier des Elends, ein trauriger, häßlicher Orient.

Anderthalb Millionen Flüchtlinge.

Im Jahre 1922, nach dem unglücklichen Krieg Griechenlands mit der Türkei, kamen aus Klein-Asien anderthalb Millionen griechische Flücht­linge. Sie kamen entblößt von fast allen äußeren Mitteln. Hunger und Seuchen wüteten unter ihnen. Anderthalb Millionen kamen in ein Land, das von Natur arm, vom Krieg ausgesogen war. Die viereinhalb Mil­lionen Einwohner dieses Landes wurden durch die anderthalb Millionen Flüchtlinge plötzlich um ein Drittel vermehrt. Das ist das große griechische Problem, auch heute noch. Und die Art, wie man mit ihm fertiggeworden ist, und wie man es heute Immer besser meistert, hat mir einen starken Eindruck von der Lebenskraft dieses Volkes gegeben.

Saloniki empfing die erste Welle des ungeheuren Flüchtlings-Elends. > lieber Nacht wurden Schule«, Kasernen, Banken zu Notquartieren. Im Theater hauste in jeder Loge eine Flüchtlingsfamilie (wohl nie haben sich dort ergreifendere Szenen abgespielt). Ader die Häuser reichten nicht. Man beschlagnahmte die öffentlichen Parks, Straßen, Höhlen in den Bergen. Man schlug Baracken auf, Zelte, Laubhütten, Buden.

Zwischen Elend und Ausbau.

Ja, und so, in Zelten, in Buden, in Baracken lebt ein Rest der Flüchtlinge auch heute noch, fünfzehn Jahre später. Ich fuhr zu den Flüchtlings-Stadtvierteln, sah, avas geleistet worden ist, aber auch, was noch zu leisten bleibt. Mein Führer war ein deutschsprechender Grieche, ein älterer, gebeugter Mann, feingebildet und von großer Zuverlässig­keit. Er war Kaufmann und arbeitslos.

Finden Sie denn keine Möglichkeit, in ihrem Beruf zu arbeiten?"

Wie kann ich? In Saloniki haben wir ungefähr 40 000 Juden.. Sie treiben saft alle Handel: wenige sind Handwerker und Arbeiter. Wir haben noch etwa 60 000 Flüchtlinge: Stadtbevölkerung, sie haben in Klein-Asien in den Städten gelebt und Handel getrieben. Sie wollen und können nicht Bauern werden. Mehr als die Hälfte von ihnen betreibt auch hier irgendeinen Handel. Nur ein kleiner Teil wendet sich dem Handwerk zu. Wie soll eine Stadt leben, wenn jeder nur Handel treiben will?"

Man brauchte nicht sehr lange im Flüchtlingsviertel zu weilen, um zu bemerken, daß es nichts gab, womit nicht gehandelt wurde; auch mit Dingen, die als heilig gelten sollten.

Wir sahen die neuen Quartiere, von der Regierung erbaut. Kleine, saubere Häuschen, sehr bescheiden, aber keineswegs schlecht gebaut. Sie hatten die Größe von Schrebergartenhäuschen.

Ein solches Haus kann man hier für 3040 000 Drachmen Herstellen." (Das sind 8001000 Mark.)

Aber es fiel mir auf, wie kahl und ungepflegt die kleinen ©arten waren. Daß man die Zäune aus alten Blechkanistern gemacht hatte, aus rostigem Wellblech, aus Stacheldraht noch aus dem Krieg. Sinn für das Schöne schien zu fehlen, das Streben, aus dem Gegebenen etwas zu machen. Es wollte mir fast scheinen, als gehöre ein gewisser Grad des Verfalls zum Wohlbefinden jener armen Menschen, die in einer Atmo­sphäre des Verfalls gelebt hatten seit vielen Generationen.

Dieneuen Wilden".

War immerhin in diesen neuen Vierteln ein Beispiel, eine Möglichkeit zum Ausstieg gegeben, so wirkten die Barackenviertel niederschmetternd trostlos.

In jeder Großstadt auf der ganzen Welt findet man einen gewissen , verkommenen Menschentyp, der auf den Schutthaufen dieser Städte fiedelt, der im Müll stochert und von Abfällen lebt. Dieser Typ ist der neue Wilde", ein Primitiver auf dem Rückzug aus dem Menschentum. Man stelle sich vor, wie ein ganzes Stadtviertel solcher Buden und ihrer Bewohner wirken muß. Der Anblick dieser eingesunkenen Baracken, dieser faulenden Bretter mit Zeitungsfetzen verklebt, diese» armen Weiber, Säuglinge an der schlossen Brust, dieser Kinder, die in schlammigen Pfützen mit Hündchen und Katzen spielten, die ebenso elend waren wie sie selbst dieser Anblick war so jammervoll, daß mir der Mut ver­jagte, die Kamera zu gebrauchen.

Im deutschen Klub.

Wir kauften Fische für wenige Drachmen und ließen sie uns braten imdeutschen Klub", der sehr schön am Strand liegt hinter der deutschen Schule und heben dem deutschen Konsulat. Sie schmeckten herrlich zu­sammen mit Tomatensalat, Weißbrot und leichtem Wein.

Ein junger deutscher Lehrer war unser Gast. Er war erst seit kurzer Zeit an der Schule in Saloniki. Er war noch einigermaßen erschüttert über die Tatsache, daß er einen Schüler mit dem guten deutschen Namen Müller" hatte, der kein Deutsch verstand. Nachkommen von Deutschen, die Griechinnen heiraten, gehen dem-Deutschtum leicht verloren.

Diese deutsche Schule ist ein großer Erfolg, besonders in den letzten Jahren. Angesehene Griechen schicken ihre Kinder in schnell wachsender Zahl zur deutschen Schule: die Zahl der deutschen Kinder ist vergleichs­weise gering.

Der alte Grieche kochte uns selbst den Kaffee eigenen Fabrikats, wie er mit bescheidenem Stolz erzählte: seine Erfindung. Dieser Kaffee be­stand aus gemahlenen Rosinen: er schmeckte gar nicht schlecht. Er hoffte auf dieser Erfindung eine Fabrikation und eine neue Existenz aufzubauen.

Besuch in einer Katakombenkirche.

Wir besuchten eine Katakombenkirche, eine der ältesten christlichen Kirchen überhaupt. Man hatte sie entdeckt, als man die Fundamente eines großen Neubaus aushob. Es berührt sympathisch, daß man darauf­hin auf den Neubau verzichtet hat. Nun liegt diese Höhlenkirche in einem Hof, der etwa fünf Meter unter die Höhe der Straße versenkt ist. In den engen, niederen Gewölben, die an Grabkammern erinnern, steht das Grundwasser, es füllt auch das große Taufbecken. Man geht über schwankende Bretter; ich berührte einen Totenschädel, dessen Kinnbacken sofort zu Staub zerfiel.

Zum erstenmal wurde das Lebensgefühl der ersten Christen mir deutlich, ihr geheimes, unterirdisches Wesen, das den Machthabern so notwendig als verschwörerisch erscheinen mußte. Eine moderne Ver­schwörung müßte man, um sie wirksam geheimzuhalten, wahrscheinlich in vollster Oeffentlichkeit führen.

Odysseus ist nicht tot!

Auf einem Platz standen viele Dutzende von kleinen Autobussen; es war der Autobus-Bahnhof für das Landvolk, das in die Stadt zum Einkäufen kommt. Die Karosserien zeigten die gleiche Stellmacherarbeit wie die Pferdekarren. Die Fahrer, auf ihre Fahrgäste wartend, saßen vor den Kaffees oder sie flickten Reifen und schraubten an den Motoren herum. Die meisten der Wagen waren mit Paketen, Bündeln, Fässern, Kisten bis hoch übers Dach beloben. Vor dem Kühler war meist auch noch ein Bettgestell festgebunden, ein Hühnerstall oder eine Rolle Maschinen­draht.

Ich sah einen Chauffeur, der feinen ganzen Motor ausgebaut hatte. Der lag nun im Strafjenftaub, ziemlich wrack anzusehen. Einen anberen sah ich eine Benzinleitungreparieren". Er befeuchtete einfach ein Ziga­rettenpapier und wickelte es um die lecke Stelle. Es hielt tatsächlich dicht. Sie sind ein listenreiches Volk, die Griechen, Odysjeus lebt auch heute noch unter ihnen in vielerlei Gestalt. Von ihren Atttosahrten wären neue Odysseen zu erzählen.

Zwischen Orient und Okzident.

Es war mir aufgefallen, daß von den Flüchtlingen, auch von den Bauern auf dem Land, manch einer den Turban getragen hatte.

Bedeutet das nun. daß diese Menschen Mohammedaner sind?"

Nein, aber man hat solange mit den Tzirken zusammengelebt, jahr- junbertelang, daß man einiges von ihren Trachten und Eiltest angenom­men hat. Hören Sie die Musik aus dem Kaffeehaus dort drüben? Es ist türkische Musik."

Gibt es eigentlich noch einen Nationalhaß zwischen diesen beiden Völkern, die sich soviel Leid zugefügt haben?"

'Seltsamerweise durchaus nicht. Sie wissen, man hat einen Freund­schaftspakt geschlossen zwischen der Türkei und Griechenland. Das ist mehr als eine politische Geste. Es geht den Nationen, die jetzt sauber voneinander geschieden sind, wie den Partnern einer geschiedenen Ehe: nach der Scheidung^erinnert man sich wieder, daß man auch gute Zeiten miteinander gehabt hat. Die griechischen Flüchtlinge denken mit Senti­mentalität an Kleinasien, wo es ihnen wirtschaftlich besser ging, und umgekehrt auch die 300 000 Türken, die aus Griechenland weiche» mußten."

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei A. Lange. Gießen.