Oie Mutter -ei der Wiege.
Von Matthias Claudius.
Schlaf, süßer Knabe, süß und mild!
Du deines Vaters Ebenbild!
Das bist du; zwar dein Vater spricht, Du habest' seine Nase nicht.
Nur eben itzo war er hier
Und sah dir ins Gesicht
Und sprach: Viel hat er zwar von mir, Doch meine Nase hat er nicht.
Mich dünkt es selbst, sie ist zu klein, Doch muß es seine Nase sein;
Denn wenn's nicht seine Nase wär, Wo hättest du denn die Nase her? Schlaf, Knabe; was dein Vater spricht. Spricht er wohl nur im Scherz;
-j)ab immer/seine Nase nicht Und habe nur sein Herz!
sammen trinken.
Im spanischen Hafen nachher begann ein mächtiges Aufrusten der Schiffe, mit denen nach den Molukken gesegelt werden sollte. An dieser Arbeit beteiligte sich der Loisl mit aller Emsigkeit. Und da das Geschäft sich unter unendlichen Schwierigkeiten und Behinderungen über zwei Jahre hinzog, erlernte er so viel von der Sprache des Landes, daß er seinen Spruch von Wasserburg zur Not auch auf Spanisch sagen konnte Die Spanier aber hatten noch weniger Verständnis für seine Gedanken als seine Landsleute, was nur ihn allein wunderte. Schließlich waren alle Vorbereitungen getroffen, und die kleine Flotte konnte den Hafen verlassen, mit lauter Spaniern bemannt, ausgenommen den Faktor und den Loisl. Wenn dieser dann am Mast sah und auf die hohe See hinausschaute, sagte er sich: „Ich bin mein Tag nur auf dem Inn gefahren, der zwar auch ein wildes Wasser ist, aber doch zu beiden Seiten nahes Land hat. Und fühl mich auch hier wohl und am Platz, • * jchts sieht als Wasser und noch einmal Wasser.
. Bloß daß wir kein Reich haben, das hinter
wo man rechts und links nichts sieht als Wasser und noch einmal Wasser. Wir habend doch in uns. Bloß daß wir kein Reich haben, das hinter uns steht, wenn wir die Welt gewinnen wollen — wie diese Spanier ""^VUle^^Monate dauerte die Fahrt, bis sie endlich bei den Molukken oder Gewürzinseln anlangten. Bei einer der größeren Inseln fanden sie eine treffliche Bucht. Dort ging der größte Teil der Besatzung an Land um mit den Eingeborenen Verbindung zu suchen. Die aber hatten sich ins Innere zurückgezogen, weshalb man zunächst ein Lager ausschlug und sich häuslich einrichtete. Ein paar Tage darauf aber war mit dem Morgengrauen plötzlich eine große Flotte der Portugiesen vor der Bucht, eröffnete das Feuer auf die spanischen Schiffe und nahm sie, da sie von Bemannung fast entblößt waren, leicht in Besitz. Zugleich drangen die Eingeborenen, die es mit den Portugiesen hielten, vom Land her gegen das Lager vor, so daß auch alle, die ausgeschifft worden waren, in Gefangenschaft gerieten. Die Spanier fanden nichts zu lachen, weil die Portugiesen ihnen jedes Recht zur Gewürzfahrt bestritten und sie um ihres Anspruchs willen haßten. Sie wurden in Ketten gelegt und ms Innere der Insel geschasst. Der Faktor Herr Hinzig hätte es besser haben
Oer Schiffmeister von Wasserburg.
Von Otto An th es.
In Wasserburg am Inn lebte ums Jahr 1520 ein Mann, der hieß Aloisius Sternhuber und war ein Schifsmeister. Er hatte in jungen Jahren noch die guten Zeiten gekannt, da Wasserburg ein wichtiger Hasen- und Handelsplatz war. Damals ging der Welthandel von Venedig Über die Alpen ins deutsche Land. Dort nahmen die Wasserburger Schiffer ihren Anteil in Empfang und brachten ihn auf dem Inn in ihre Vaterstadt, wo noch heute die großen, jetzt leeren Gewölbe unter den Häusern von dem einstigen Umfang des Betriebs künden. Denn von hier aus wurden dann die Gewürze, Spezereien, Seide und Baumwolle weiterverfrachtet und das ganze bayerische Oberland damit versorgt. Als Aloisius Sternhuber so weit gekommen war, daß er ein eigenes Schiff erworben und sich damit unter die Meister seines Fachs eingereiht hatte, lieh der Handel mehr und mehr nach. Immer weniger vom Reichtum des Ostens, der sonst seinen Weg auch nach Wasserburg gefunden hatte, kam Über die Alpen, und auf der Zunftstube, wo unendlich viel über die neue Lage gesprochen wurde, stellte man fest, daß alles Unglück von der Entdeckung des neuen Landes Amerika herrllhrte. Seit dieses ferne Wunderland gefunden war, hatte der Welthandel mit einemmal eine andere Richtung eingeschlagen und ging nicht mehr übers Mittelmeer nach den italienschen Seestädten, sondern Über die große See nach Portugal und Spanien. Die Wasserburger Schissmeister zogen allesamt, mit einer Ausnahme, aus dem 'Wandel der Dinge dem Schluß, daß es mit ihnen und ihren Fahrten auf dem Inn vorbei sei, legten ihre Schiffe auf und richteten sich darauf ein, das verdiente Geld zu Ende zu leben und dann still zu sterben.
Nicht so Aloisius Sternhuber. Er war ein versonnener Mann, der nicht viel sprach. Wenn er nach längerer Abwesenheit zu seiner Frau Liesl in die Stube-trat, sagte er nur: „So so!" und fügte erst nach einer größeren Pause noch hinzu: „Da bin ich wieder."
,Hst gut", sagte dann die Frau, die es von chrem Mann angenommen hatte, nicht viele Worte zu machen.
Aber hinter solcher Wortkargheit stand bei beiden ein treues Gemüt und ein fester Sinn, der sich nicht leicht mutlos machen ließ. So konnte Aloisius — Loisl nannte ihn seine Frau und alle Welt — sich nicht damit abfinben, daß alles aus und zu Ende sein solle. Er dachte auch gar nicht an sich selbst allein, sondern seine Sorge galt in gleichem Maße der Vaterstadt, die unter sotanen Umständen verarmen und verkümmern müßte, wenn nicht einer wäre, der neuen Rat schaffte. So sah er wochenlang über Büchern und Landkarten und sann darüber nach, wie man ein Stück des neuen Welthandels auch nach Wasserburg leiten könne. Als er damit ins Klare gekommen war, packte er eines Tages fein Felleisen und sagte zu seiner Frau: „So so!" und nach einer Weile: „Ich geh fort, Liesl."
,Lst gut, Loisl", sagte die Frau.
„Es kann lange dauern, bis ich wiederkomm.
,Zst gut", sagte sie. „Behüt dich Gott, Loisl!"
Und so ging er weg. Er fuhr mit dem Botenwagen nach München und suchte den Schreiberherren in der herzoglichen Kanzlei vorzustellen, was geschehen Grüßte, damit Wasserburg nicht in tödliche Armut falle. Aber sie hörten ihn gar nicht an. Sie hatten gerade zu viel daran zu denken, wie das Geld beschafft werden sollte, damit der Herzog auf dem Reichstage, der in diesem Jahr ftattfanb, glanzvoll und herrlich auftreten könnte. Was war ihnen' ba Wasserburg und seine Kümmernisse? Loisl Sternhuber machte sich also auf die Socken unnb lief zu Fuß naa) •Augsburg. Dort stand damals das Handelshaus der Fugger in seiner höchsten Blüte. Denn das war dem Schiffmeister klar, daß nur em Großer, der Macht und Geld in seinen Händen hielt, die Pläne verwirklichen konnte die er sich in versonnenen Tagen und schlaflosen Nachten ausgedacht ^atßoisl Sternhuber war in seiner Heimat ein angesehener Mann, dem jeder das Ohr gönnte, wenn er schon einmal reden wollte. Nun mußte er sich daran gewöhnen, daß man ihn kaum beachtete wenn er eintrat, und kaum anhörte, wenn er zu sprechen begann. Denn die „Schreibknechte im Fuggerhaus- waren ebenso großmachtig und hochnäsig wie in der herzoglichen Kanzlei zu München die Herren Aber ein ober- bayerischer Dickkopf ist nicht so leicht zu schlagen. Und wirklich gelang es dem Wasserburger Schiffmeister zuletzt doch, in der berühmten g - denen Schreibstube am Rindermarkt vor dem großen Jakob Fugger zu stehen, den man den. Neichen nannte, und der der größte Handelcherr der Zeit war, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Und Sternhuber fing alsbald an, dem gewaltigen Mann auseinander«
zusetzen, was man tun müsse, um Wasserburg zu helfen. Es fehle nur, daß man zu Schiff aus dem Main in die Donau gelangen könne. Zu dem Ende müsse ein Kanal gegraben werden, der die beiden Ströme verbinde, was mit Benützung der Seitenflosse wohl auszuführen sei. Dann könne man den neuen Handel aus der großen See über Rhein, Main und Donau leiten und auch den Wasserburger Schiffmeistern wieder ihren Teil daran geben.
Der Fugger hörte ihm aufmerksam zu, aber er lächelte dabei. Denn die Sorge um Wasserburg schien auch ihm klein neben den großen Sorgen, die die neue Weltlage nicht minder ihm selbst machte. Aber der Mann gefiel ihm. Drum ließ er ihn zu Ende reden. Dann sagte er: „Lieder Meister, Euer Plan ist nicht dumm, aber zur Zeit nicht auszuführen. Denkt nur daran, durch wie vieler Herren und Städte Gebiet solcher Kanal führen würde, die allesamt zu klug ober nicht klug genug find, um Euerm Plan dienstbar zu fein. Und wie viele Jahre sollte dieser Bau dauern? Inzwischen wären wir alle tot und unser Handel auch. Dies also schlagt Euch aus dem Sinn! Aber hört zu! Durch den neuen Weg sind die Portugiesen und die Spanier an die volle Krippe gekommen, daran vordem wir und die italienischen Städte saßen, und es besteht Gefahr, daß sie uns gänzlich an die Wand drücken, von wo aus mir,fein Krämlein Futters mehr erreichen können. Darauf alfo kommt es an, daß wir uns in ihr Geschäft hineinspielen. Die Portugiesen haben einen König, der alles Gewürz aus Indien in feiner Hand hält und es alleinig verkauft. Von ihm ist nichts zu hoffen. Dix Spanier aber haben auch einen König, der sogar zugleich unser Kaiser ist. Der macht auch Anspruch auf die Gewürzinseln, und auf ihn hab ich Einfluß, weil er mein Geld braucht. So hab ich von ihm schon die Zusage, daß ich mich an einer Flotte von sechs Schiffen beteiligen darf, die von Spanien abfegeln soll. Nur muh diese Flotte erst gerüstet werden. Darum geht dieser Tage ein Faktor meines Hauses in die Hansestädte an der See, um Kupfer, Mastholz, Teer, Pech und Werg dort einzukaufen, damit die Schiffe fegeifertig gemacht werden. Wollt Ihr mit ihm gehen? Ich hätte gern einen schiffskundigen Mann an seiner Seiko, der nur ein Kamf- mann ist."
Loisl Sternhuber bedachte sich eine ganze Zeit, ehe er seine Antwort gab. Denn von Wasserburg war in der ganzen langen Ansprache des großen Fugger nicht die Rede gewesen. Aber er sagte sich: wenn Deutschland einen Teil des neuen Handels an sich zieht, warum sollte bann nicht auch Wasserburg einen Teil des Teils für sich gewinnen?
„So so!" jagte er also schließlich. Und nach einer Weile: „Ich mache mit."
So reifte er denn mit dem Faktor Herrn Hinzig nach Hamburg und Lübeck und kaufte, was die im Entstehen begriffene Flotte noch zum Fertigwerben brauchte. Das heißt: Herr Hinzig kaufte, er aber besichtigte und prüfte zuvor die Ware. Dabei benutzte er jede Gelegenheit, auch den Hänfen barzustellen, was für Wasserburg von bem Gelingen der großen Fahrt abhinge. Die aber hatten den Namen der Stabt noch nie gehört, waren auch allzu beschäftigt mit ben Schwierigkeiten, die die Zeit ihnen selbst auferlegte, und nur daraus bedacht, recht hohe Preise für den benötigten Schiffsbedarf herauszuholen. Was ihnen Loisl Sternhuber indes, nicht nur zur Strafe für ihre Ahnungslosigkeit, hes öfteren vereitelte.
Darüber vergingen Wochen und Monate. Endlich aber fuhren acht vollbeladene Schiffe von Lübeck nach Spanien ab. Loisl war mit dem Faktor auf dem führenden Schiff untergebracht. Sie faßen auf der langen Fahrt oft mit bem lübeckfchen Kapitän in besten Kajüte zusammen. Wenn Loisl dann zum soundsovielten Male feine Pläne barlegte, sagte wohl der Faktor gelangweilt: „Meister, Ihr habt nicht den Blick ins Weite. Ihr hängt im Engen."
„So so", sagte bann der Sternhuber. Und nach einer Welle: „Ja, ich häng an meiner Stadt."
Der Kapitän aber meinte, sie sollten noch einen steifen Grog zu-


