Hefter ist bei dem großen Pitt in die Schule gegangen, sie interessiert sich nicht für ihre eigenen Finanzen, Bisher hat sie keinen Pfennig Schulden gemacht, das genügt. Sie unterschreibt, was sie verlangen, die Wechsler der Hafenstädte, es sind unzählige Fetzchen Papier, auf arabisch geschrieben, das sie spricht, aber nur mühsam lieft. — Der Pascha von Akkon bekommt sein Geld.
Aber einunddreihig Tage vergehen — niemand zahlt zurück. Die Bey- ruther Wechsler verlangen eine erste Rate — die Unverschämten! Bis zu hundert Prozent haben sie sich gesichert! Hefter lebt einen Monat lang ohne Geld, mit achtzig Flüchtlingen unter ihrem Dach. .Ihr Pelzmantel wandert nach Saida zur Bersteigerung, und die Vorräte, mühsam durch feindliche Soldaten hindurch mit Kamelen angeschleppt, gehen zur Neige; die letzten Guinees, die sie auf bloßer Haut im Schiffbruch vor Rhodos gerettet hat, wandern zu den Wechslern.,— Endlich kommt die neue Rate der Pension — wieviel davon bereits verschuldet ist: Mylady hat keine Zeit nachzurechnen. —
Inzwischen langt in Kairo Emir Beschirs Frage an, ob Großbritannien Lady Stanhopes eigenmächtigen Widerstand decke?
Der britische Generalkonsul für Aegypten und Syrien hat durch Hefter Stanhope mehr Unannehmlichkeiten gehabt als durch alle anderen Engländer feines G'ebiets zusammengenommen. Bereits hat Mehemet Ali, der ägyptische Vizekönig, angefragt, was geschehen könne, diese Dame seinem Günstling Emir Beschir geneigt zu machen? Aus England kommen Anweisungen, Mylady müsse unverzüglich ihren Widerstand aufgeben; der Konsul aus Saida meldet, Lady Stanhope fange an, für ihr Flüchtlingslager peinliche /Schulden zu machen, die Gläubiger bestürmten ihn und er wisse sich keinen Rat.
Der Generalkonsul schreibt nach Dar Dschun, Mylady hahe zum mindesten Namen und Nationalität derer anzugeben, die sich bei ihr verstecken.
.Konsuln sind für den Handel da und nicht für die Nobilität", lautet die Antwort.
Der Generalkonsul ergrimmt; in unbedachtsamer Rede läßt er die Offiziere Emir Beschirs wissen, daß Lady Stanhopes Vorgehen als eigenmächtig zu betrachten sei ...
„Sie hat keinen Freund auf Erden!" .interpretiert man vor Emir Beschir.
Am nächsten Tag, gegen Sonnenuntergang, im Frühling 1827, durchlaufen Boten des Emirs die Dörfer des Libanon, klettern, auf die Dächer und schreien:
„Alle Diener der Sitt haben chren Dienst zu verlassen! Niemand darf mehr Lebensmittel nach Dar Dschun bringen! Bei Todesfttafe!. Auf Befehl des Emirs!"
Ein Murmeln läuft durch die Dörfer, die durch Jahre Grauen und und Schrecken gesehen. Die Sitt ist in Gefahr! Was wird geschehen, wenn ihr Unheil droht?"
In der Felsenburg versammelt Hefter ihre dreißig Diener:
„Ihr habt gehört, was der Emir euch sagen läßt. Ich gebe euch die Freiheit, zu gehen!"
Ganz wenige nur, die jüngsten und schwächsten, fliehen in der Nacht. Alle andern bleiben. Sie stehlen Mar und betrügen — aber die Sitt verlassen — das werden sie nicht!
Um die Basis des Felsenkegels legt sich ein Ring von des Emirs Truppen. Die Festung ist belagert.
Dar Dschun hat wohl Vorräte, Mehl, Oel und Milchziegen. Aber Dar Dschun hat kein Wasser! Bis zum Fluß im Tal müssen die Maultiere Wasser holen ... Mylady, so flüstert die Dienerschaft, nimmt einen Dolch mit ins Bett — dann schläft sie so fest wie sonst.
Dreihundert Reiter sind in der Umgebung gesichtet worden, schon fallen die ersten Opfer ihrer Gewehre. Und das Wasser fehlt auf Dar Dschun!
„Sitt Mylady! Wir find verloren!" ruft es in der Festung.
Beim Morgengrauen klopft es an eines der versteckten Tore. Ein alter Bauer aus dem nächsten Dorf hat Mehl gebracht und zwei andere schleppen Wasser.
„Ihr riskiert euer Leben!" herrscht Hefter sie an.
,Kat die Sitt nicht oft schon-ihr Leben für uns gewagt?" antworten die Bauern. '
Eines Nachts läutet Hefter. Sie hat die strafbare Sitte der Glocken bis in den Libanon gebracht — mit besonderer Erlaubnis des Sultans, Jo meint man.
Keiner der Diener kommt. Nur Elisabeth Williams, die Treue aus dem Hause Pitts, die ihr übers Meer gefolgt ist, erscheint mit gesträubten Haaren ... Das Haus ist leer, niemand antwortet — nur der kleine Neger ... „Soll ich ihn nachsehen lassen, was ..
Hefter richtet sich auf. Es ist tiefe, mondlose Nacht. Da unten, sie weiß es. wachen die Soldaten des Feindes.
„Elifabeth", sagt sie und streichelt ihr das Haar, „schick ihn nicht auch noch fort — vielleicht ist eine List des Emirs dahinter — uns allein jju überraschen . "
Elisabeth Williams stöhnt. Aber die Hand der Herrin zittert nicht, ihre Stimme klingt fest wie immer: „Geh schlafen!" Der Morgen steigt — und Dar Dschun lebt noch!
Eine alte Bäuerin aber stellt sich auf den Dorfplatz und schreit:
„Der Fluch Allahs treffe Den Emir und alle Konsuln der Erde!"
Emir Beschir ruft feinen Henker:"
„Hamaady, ich kann sie nicht mehr dulden! Entledige mich Irgendwie von der Hexe."
Hamaady steht hinter dem Thron, unbeweglich wie aus Stein. Aber er spricht.
„Eure Herrlichkeit würden besser tun, sich nicht mit ihr zu beschäftigen. Ihr ist im Leben so geschmeichelt worden, daß kein Lob sie mehr erreicht. Geld kümmert sie nicht. Und was die Furcht betrifft — sie weiß nicht, was das ist. Ich, Herrlichkeit, möchte in diesem Fall meine Hände waschen."
Der Emir zog tief an seiner Pfeife, erhob sich und ging mit großen Schritten schweigend spazieren, während die Wolken seines Rauches ihn einhüllten wie einen Gott des Zornes.
„Gut, noch einmal will ich warten."
Tags darauf langt Nachricht aus Konstantinopel ein: der britische Gesandte bei der Pforte hat erklären lassen, Lady Stanhope — einerlei wie immer sie sich verhalte, fei Pitts Nichte und auch als solche von jenem Emir zu respektieren — der sich zum Herrn des Libanon gemacht.
Emir Beschir gab die Belagerung auf. Mochte Dar Dschun Asyl sein, mochte die Sitt tun, was sie wollte. Er hatte sich damit abgefunden.
Wenn es sich gelegentlich machte, trug er die angelegentlichsten Komplimente auf für „Ihre Herrlichkeit die Sitt". Sein Henker aber, Hamaady mit dem Geiergesicht, erschien zuweilen selbst in Dar Dschun; er schätzte den französischen Champagner aus Myladys Keller... Allerdings ging das in voller Verschwiegenheit vor sich, denn Hamaady betete zum Propheten. —
Hunderte von getrennten Köpfen hat sie auf ihr Schicksal genommen; Hunderte von geretteten Leben fallen in die andere Schale des wägenden Engels der Menschen.
Weit über Syrien hinweg, bis an den Euphrat, bringt Myladys Ruf, die Kunde von ihrem Sieg über Emir Beschir; Kinder kennen ringsum ihren Namen, ihre Briefe gelten als Freipaß. Denn übermenschlich ist der Mut dieser Frau; Gott ist mit ihr. Aus der Wüste kommt, in goldgestickten Umschlag verhüllt, ein Schreiben von Nasfr, der Mahannah in der Herrschaft gefolgt ist:
„Gruß von Nasfr, dem Löwen der Wüste,
An Hefter, den Stern des Morgens, Mit Liebe und Dienst!
Die welche dem Säbel Naffrs gehorchen, halten die ganze Wüste in ihrer Hand, wie ein Ring den Finger umschließt, Krieger ohne Zahl, Pferde, Kamele, Pulver und Blei wie was zur Nahrung nötig — alles ist bereit, du haft nur Befehl zu senden
Deinem treuen Freunde
Nassr."
Und auch auf jenen Wegen, die ein aufgeklärtes Jahrhundert nicht müde wird zu leugnen, verbreitete sich ihr Ruf. Ein ärmlich gekleideter Beduine ritt zur Zeit des Aufstandes gegen Emir Beschir durch di« Küstenstadt Saida.
„Wo ist die Straße nach dem Libanon?" fragt er.
Der Muselman, den er anredet, betrachtet die Züge des Mannes, feine Hände und Füße, dann sagt er:
„Du bist ein vornehmer Fremder und kannst nur zur Sitt wollen, nach Dar Dschun."
Der Fremde lächelt und folgt dem deutenden Finger über die Felsen- grate.
Es ist nicht leicht, Einlaß zu gewinnen in die Burg Dar Dschun. Der Fremde nennt feinen Namen: Gras Rewiczky. Daraufhin öffnen sich die Tore der Sitt.
Rewiczky beugt sich über ihre Hand, küßt sie lange und innig in der warmen, verehrungsvollen Art des Polen. Er sieht nicht das kahle Gemach und verstaubte Sofa, die Fensternische voll Spinnweb, Kram und gehäuften Briefen.
Er sieht nur die Frau, die gegenüber sitzt, das schöne, leise welkende Antlitz und die Lohe einer brennenden Sehnsucht darin.
„Endlich bin ich gekommen Mylady." >
Hefters roitbe'blaue Augen senken sich voll Freude in die seinen:
„Wir kennen uns schon lange, auch wenn wir uns zum erstenmal sehen."
Rewiczky preßt die nervigen Hände zusammen:
„Darf ich erzählen feit wann? Vor zwei Jahren verlangte der Zar von. mir eine Handlung, die ich nicht vor meinem Gewissen verteidigen konnte. -Ich bat um Frist für eine Nacht. Mylady — ich habe Familie, ich wußte, es drohte Sibirien, wenn ich widerstand. Mein Schlaf mag unruhig gewesen sein. Ich träumte deutlich von einer Frau, sie stand vor mir, mit einem Stern auf der Stirn, und sagte: ,Folge dem Weg, den dein Gewissen dir zeigt, und fürchte nichts!' — Der Zar empfing mich am folgenden Morgen: ,Nun, ich hoffe, Sie haben Vernunft angenommen...' Ich zögerte mit der Antwort — da zerstreute sich plötzlich sein Blick, er wechselte die Stimme und fragte leichthin nach einem Pferd, das ich kürzlich geritten. Er kam nicht mehr auf die Forderung zurück. Später, viel später, sah ich zufällig, ein Bild von der Nichte des großen Pitt — und erkannte die Frau, die mir im Traum, geholfen hat... Ich schrieb Ihnen. Und nun bin ich hier. Ihr Stern hat mein Schicksal geführt."
Rewiczky blieb durch drei Tage Gast von Dar Dschun, und Mylady sprach zu dem Menschen, der aus Polen kam, um sie nach Gott zu fragen, durch alle Stunden, die der Dienst an den Flüchtlingen ihr übrig ließ — während der schweigsamen Nächte in den Felsen des Libanon.
Europa.
Und Europa?
Europa war neugierig geworden auf eine Frau, die als Lady Stanhope in einem Bergschloß unter Wilden lebte, gefürchtet vorn Sultan, von Arabern als Königin geehrt, durch ganz Syrien mit allen Scheichs vertraut; von der es hieß, sie glaube an den Einfluß der Sterne, an- Wiederverkörperung der Seelen; bestimme die Politik Englands in der asiatischen Türkei und sei wahrscheinlich Agentin einer gewissen geheimen Bruderschaft...
Wie muhte man sich solche Frau vorstellen? War sie noch schön? Wie stand ihr dos gestutzte Haar? Rauchte sie wirklich aus einer langen Pfeife? Und — war nicht doch ein Mann dahinter — jener Beduinenhäuptling vielleicht, mit dem sie nach Palmyra gezogen?!
Für Orientfahrer wurde es Reisepflicht, sich Lady Stanhope anzusehen — genau wie die Pyramiden in Aegypten oder die Hagia Sophia zu Konstantinopel.
(Fortsetzung folgt.)


