GiehenerKmiliendMer
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1938 Zreitag, den 8. Juli Nummer 52
Lady Hesier Stanhope
EINE FRAU OHNE FURCHT
Von Marla Josepha Krück von poturzyn
Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgart
12. Fortsetzung.
Das Felsenreich.
Jerge ziehen von Nord nach Süd. Senkrecht erheben sie sich über dem Meer, ihr Rücken hat die Zedern getragen, die Gott selbst einst gepflanzt hat, noch vor der Sintflut, damit sie das Holz liefern sllr Hiram, den Baumeister des Tempels.
Dunkelblau rollt das Meer in breiten Wogen heran, willig öffnen sich sonnige Buchten, in großen Melodien steigern sich die Gipfel bis zum ewigen Schnee. Feierlich ist der Name des ersten Berges, den Gott geschaffen: Libanon.
An den Hängen kleben Dörfer, Klöster, Minarette, Mauern der Römer, Araber und Kreuzritter — denn hier stiegen durch die Jahrtausende alle Götternamen zum heiteren Himmel.
Der Libanon ist eine Welt für sich, er trägt alle Gebiete der Erde verkleinert in seinem Schoß. In tausend Krümmungen unter gigantischen Masten kräuseln sich Meere von rötlichem Sand gleich der Wüste Aegyptens; Pinienwälder täuschen die süße Monotonie Italiens; in den düstern Schluchten gegen die Seite des Morgens, wo der Aar um die Kämme kreist, zeigt er die wilde Herrlichkeit der Alpen; und in ben Luchten, wo schmeichelnde Schlinggewächse die Mauern der Phönizier decken und der Hyazinthen brennendes Rot den Rasen durchhaucht, trägt die Erde zu Recht den Namen der Römer: Julia felix! —
Von Saida, der lachenden Oase, aufwärts türmen sich schwarze und Deiße Felsen; Erdbeben haben das Innere der Erde zutage gebracht, kahle, zerrissene Kreidehügel steigen in Stufen hinan, Berge schließen lich an Berge in dichten Ketten; Skelette sind es, seit Jahrtausenden an >er Sonne Asiens gebleicht. Plötzlich streben sie auseinander, geben dem trüncn Tale Raum, darin erhebt sich ein Felsenkegel wie ein mächtiger Eurm, und seine Spitze ist von Mauern umschlossen.
Sonderbarere Festung hat es nie gegeben; ein Labyrinth von Höu- !ern, Gängen, Mauern, Terrassen; dazwischen Ställe, Höfe, verhüllte Euren und Verliese. Alles überwuchert, umrahmt, verdeckt von wuchernden Blumenmassen. In tiefer Einsamkeit eine Burg, die feindlicher Be- ingerung trotzen und Hunderten von Menschen Obdach bieten kann: Där dschun, die Residenz von Lady Hefter Stanhope seit dem achten Jahr iEjrer asiatischen Wanderschaft. Das Ziel ist gefunden, das Reich ge- -ründet, die Proklamation erlassen. —
Längs der Höhen des Libanon kämpfen Türken gegen Drusen, Dörfer flammen auf, Bauern fliehen in die Felsenhöhlen, unbeerdigt liegen »erstümmelte Leichen Arabische Pferde hetzen sich zu Tod, über die Abgänge der Schluchten fliehen sie in roten, grünen, violetten Gewändern. Emir Beschir, der Drusenfürst von des Sultans Gnaden, ist dabei, sich zum alleinigen Oberhaupt der vielsprachigen, oielgläubigen Völker des Libanon zu machen. ,
Der Sultan ist weit; sein Arm durch Kriege geschwächt; und Mehemet tli, der türkische Vizekönig Aegyptens, unterstützt Emir Beschir mit zehntausend Mann. Den' stammeigenen Scheich der Drusen hat Emir beschir im Gefängnis erdrosseln lassen, sein Leib gehört Hunden und byänen. Sein Weib aber ist, mit dem jüngsten Sohn an der Brust, iber den blutigen Schnee in die Berge entflohen.
Emir Beschir, der sich Christ vor den Christen nennt und Moslem Mr den Mohammedanern, sitzt in seinem Mondpalast. Unter golddurch- »irktem Musselin sehen zwei helle Augen hervor, harte, helle, grausame Eugen wie die einer großen Katze. Der silbergraue Bart hängt über iie Jacke, fast bis zu den scharlachenen Hosen hinab. Seine kleine Hand lebkost den Diamanten auf dem goldenen Dolch.
„Hamaady!" sagt der Emir, „veranstalte eine Xreibjago nach der ?rau des Scheichs. Sie kann nicht entkommen! Und laß den Sohn vor 'Eren Augen zerreißen." t
Cs neigt sich ein knochiges Haupt, Hamaady, der Minister und Denker. —
Tieser. Winter. Die Berge voller Truppen. Jede Spur wird entdeckt.
Die Frau mit dem Knaben kann nicht entfliehen!
Die Spur wird gefunden ... sie führt nach Dar Dschun. Nach Dar ljd)un, wo die Flüchtlinge verschwinden. Verwundete genesen, wo
hinter befestigten Mauern, durch unterirdische Gänge, rebellische Drusen auf Schleichwegen entkommen — wo „die Silk", ein europäisches Weib, ganz allein mit farbiger Dienerschaft haust und dem Herrn des Libanon, Emir Beschir, zu trotzen wagt!
Die Berge zittern vor der Rache des Emir. Er hat alle Drusen fürstlichen Blutes verschwinden lassen — nur die eine Frau lebt noch, mit dem jüngsten Prinzen — und sie wird von der „Sitt" beschützt!
Emir Beschir denkt der Tage, da Lady Stanhope mit kleinem Gefolge sein Gast gewesen. Wie? Dieses schwache Weib, allein in fremdem Land' soll ihm ein Hindernis (ein?
Er sendet einen Offizier nach Dar Dschun. Der- passiert die Tore der Felsenburg und wird von schlotternden Dienern in die Zimmer der Herrin geführt.
In verdunkeltem Raum empfängt sie, einen Berberschal um den roten Turban gewickelt, die Seide umrahmt königliche Zütze. Ihre Augen sind unerbittlich. Sie raucht.
Der Offizier legt Pistole und Säbel ab, von denen der Türke sich niemals trennt.
„Legen Sie sie wieder an"", befiehlt die Frau! „ich fürchte mich nicht vor Ihnen oder Ihrem Herrn!"
Der Türke verneigt sich:
„Seine Herrlichkeit, der sich in Freundschaft, deines Besuchs auf dem Mondpalast erinnert, läßt dir melden, du möchtest die Güte haben, die Witwe des drusischen Scheichs auszuliefern, samt ihrem Sohn!" .
Hefter raucht gemächlich weiter aus ihrer langen Pfeife.
„Läßt er mir noch etwas sagen?"
„Auch die Flüchtlinge sollst du wegjagen, die zu Dutzenden in deinen Häusern sind —"
„Noch etwas?"
„Wenn Mylady nicht Dar Dschun räumt ... besteht Gefahr für ihr Leben, spricht Seine Herrlichkeit!"
Mylady lacht (aut.
Gefahr für mein Leben? Du kannst deinem Herrn sagen, ich kümmere mich nicht so viel" — sie schnalzt mit den Fingern — „um feine Gifte! Ich weiß nicht, was Furcht ist. Geh! Sag ihm", ich wäre nicht die Nichte des großen Pitt, wenn ich mich beugte vor einem Untier, das die Augen auskratzt, Frauenbrüfte einklemmt und Kinder verstümmelt... Geh, melde es ihm!"
Der Offizier grüßt nicht mehr und stürzt hinaus. Am Abend, als Flüchtlinge, Verwundete und Kinder gespeist und Tiere gefüttert werden, finden die Diener den kleinsten Hund mit ausgebrannten Augen... Das war die Drohung Emir Beschirs für die Sitt. „Heute der Hund, morgen die Herrin", schluchzt es durch Dar Dschun.
„Der Dämon Emir Beschirs ist unter die Hunde gegangen", grollt Mylady.
Emir Beschir mit dem blaßblauen Raubtieraugen sendet Boten zum britischen Generalkonsul nach Aegypten: ob Großbritannien hinter Lady Stanhope stehe in ihrem Trotz gegen den Herrn des Libanon? — So lange, bis die Antwort kommt, will er sie schonen, nicht einen Tag länger.
Dar Dschun ist groß und hat Platz für alle. Immer hat Hefter gewußt, daß sie eines Tages für Hunderte von unglücklichen Menschen wird sorgen müssen. Bruce, Meryon, keiner der Europäer hat ihr geglaubt. „Ein Königreich? Königreiche liegen nicht mehr auf der Straße!" Aber sie hat recht behalten. Ihr Tag ist gekommen, die Aufgabe gestellt.
Mit 1200 Pfund Sterling im Jahr läßt sich viel Getreide, Oel und Fleisch kaufen. Ganze Magazine füllen sich mit Vorrat. Hefters Diener werden in der Nacht ausgeschickt, retten Verwundete, Erschöpfte vor den Augen der Soldaten des Emirs, bergen Frauen und Kinder. Ueberall hat sie ihre Hände, ihre Augen. Dar Dschun ist Festung und Friedensreich, hinter seinen Mauern erlöschen die Greuel des Krieges; in Dar Dschun wird gepflegt, gerettet und geschwiegen — unter dem Befehl einer Frau, die nicht nach Namen, Sprache, Geschlecht ober Glauben fragt, deren Mut und Kampfgeist für Hunderte reicht und die hilft bis zur letzten Matratze und letzten Münze in ihrem Haus.
Weit im Umkreis rufen alle Bedrängten zu ihr. Der Pascha von Sitton, der letzte, der noch bewaffneten Widerstand wagt, braucht Geld und sendet Boten zu „seiner Freundin". Ob sie ihm etwas leihen kann? In einunddreißig Tagen wird er zurückzahlen.
Hefter hat ihr Vierteljahrgeld aufgebraucht, auf der Bank von Konstantinopel liegt nichts mehr. Sie kann nicht leihen. Sie bedauert.
Die Wechsler von Beyruth hören davon. Was? Eine so große Frau soll sich mit Geldsorgen abgeben? Die hat doch anderes zu tun! Geld kann sie haben, soviel sie will, jeder leiht eine kleine Summe — einzig ihre Unterschrift braucht es.


