Hofgarien im Frühling.
Von Lina Staab.
Der fremden Bäume leichte Schattenbilder, die zierlichen und schön gewundenen Zweige von erstem Grün nur spielend überhaucht —
Es flittern Blüten zwischen bronzenen Blättern, und Hinterm Perlenvorhang runder Knospen sprüht der Forsythien goldner Sternenfall.
Magnolien halten in den starren Händen, den bräunlichen, die kostbar seinen Schalen aus rosigem und dünnstem Porzellan.
Es steht ein fremder Trank darin bereit. Er atmet Düfte aus des fernen Landes, in dem die Sonne ihre Bahn beginnt, er hat den Garten hold berauscht, verzaubert zu einem Bild aus zarten bunten Tuschen — Es knistert, wenn der Wind darüber haucht.
Oie ewige Sehnsucht des Deutschen.
Von Wilhelm von Scholz.
Eichendorff hat die schöne Strophe gedichtet:
„— und mir ist so wohl zur Stunde:-
" denn hinab vom Felsenrande spür' ich Freiheit, uralt Sehnen, fromm zerbrechend alle Bande, über Wälder, Strom und Lande keck die großen Flügel dehnen - und die fast noch schöneren Verse, die aus deutschester Seelenstimmung stammen:
,I)u bist der, was wir bauen, mild über uns zerbricht, daß wir den Himmel schauen —" Das Gedicht von ihm, das beginnt „Es schienen so golden die Sterne", brauche ich doch nur zu erwähnen, so hat es sich längst ins Herz des Volkes gesungen mit dem Posthorn, das da im stillen Land erklingt, und den des Nachts sacht rauschenden Brunnen: „Sehnsucht".
Man kann gewiß aus dem Werk auch aller anderen deutschen Dichter, die für die deutsche Seele Wesentliches geschaffen haben, die stärkste Bekundung der Sehnsucht anrufen, ob die Droste ausspricht, daß nur die Sehnsucht poetisch sei und nicht der Besitz, oder ob Goethe Faust das Wort „er, unbefriedigt jeden Augenblick" sagen läßt. Wenn man mich fragte, welchen seelischen Wesenszug ich den in besonderem Maße deutschen nennen möchte, so würde ich ohne langes Bedenken antworten: ewige Sehnsucht! Sehnsucht im alltäglichen wie im höchsten Sinne.
Was uns als junge Menschen zum Wandern hinauslockt und dann auf unseren Wanderfahrten unsichtbar führt, ist Sehnsucht — das Vaterland kennenzulernen, seine Gebirge, Flüsse, Städte, seine Gaue und Stämme, seine Vergangenheit in erhaltenen Baudenkmälern, Burgen, Domen, Rathäusern; und doch mehr noch: Sehnsucht an sich, jene unbestimmte, im Innersten ziellose, sich kaum mehr als traumhafte Ziele setzende Seelenstimmung, die ein tiefes Glück ist, obschon sie nicht erfüllt, nie befriedigt wird, immer schwebend und weiterdrängend ist; die aber, wenn sie in Tätigkeit und Bewegung, wie namentlich beim Wandern, den Menschen überkommt, ihm doch trotz ihres Charakters von Unerfülltheit und Unerfüllbarkeit die vollsten möglichen Lebensgenüsse und das Bewußtsein alles Schönen auf der Erde gibt.
Es ist so, daß man wirklich nur in der Sehnsucht Im Innersten besitzt, am unvergänglichsten besitzt; denn in der Sehnsucht empfindet man die Dinge, nach denen man Verlangen trügt, so stark und lebendig wie nie sonst, wie nie, wenn man sie in grob materiellem Sinne hat, sie erreicht hat. Dann entgleiten sie, werden Enttäuschung, Ernüchterung und der Mensch muß sich nach anderen höheren Zielen sehnen, um wieder glücklich zu sein.
Daraus besteht das Leben, und es mag den Menschen in anderen Völkern ebenso gehen. Dennoch ist sicher im deutschen Menschen mehr Sehnsucht als beispielsweise in romanischen Menschen. Zu unserem Glück und auch wieder zur härteren Prüfung für uns! Wenn der Künstler romanischen Stammes zum Beispiel eine gut brauchbare Art und Form gefunden hat für das, was er ausdrllcken will und was ihm gemäß seiner Persönlichkeit auszudrücken gegeben Ist, dann Ist er zufrieden, dann beginnt er sich zu wiederholen, einfach immer wieder, wenn auch mit zunehmender Vollkommenheit, anzuwenden, was er einmal gefunden und geschaffen hat. Darum erreicht der romanische Künstler leichter, wenn auch auf einer weniger hohen Stufe äußere Vollendung.
Der Deutsche ist unbefriedigt, sobald er eine Stufe erstiegen hat, sehnt sich sogleich nach der nächst höheren, wiederholt sich nicht, schasst lieber Neues und kann sich infolgedessen nicht so handwerklich vervollkommnen wie der Künstler aus romanischem Blut, den die unendliche Sehnsucht nach Höherem, Größerem nicht am Schopf hat und der deshalb behaglicher, ruhiger, ausgeglichener arbeiten kann
Unser, der germanischen Menschen, Weg führt wahrscheinlich weiter und höher als der der anderen, die vielleicht mit ausgeformten Schöp-
ßngen hlnker uns Zurückbleiben, während wir sie mlf den größeren tmS hner angelegten Entwürfen übertreffen.
Ein „Faust", eine Beethbvensche Sinfonie, ein Schubertlches Lied, das sind Werke, heroorgerufen aus der ewigen deutschen Sehnsucht. Die gleichmäßigere, aber schablonenartige Niveauhöhe der Italienischen Oper steht neben den um Unendliches ringenden Werken Wagners kennzeichnend da.
Aber nicht nur in der Kunst sind wir Deutschen das Sehnsuchtsvoll. Wir sind es wohl in allem. Das bestimmt unsere besondere Stellung unter den Völkern.
Man versteht es am besten, wenn man sich die „Dölkerfamilie" vorstellt. Dann ist der Deutsche der idealistische, hochstrebende, sich für alles, was ihn bewegt, ganz einsetzende und — wenn es um das ihn im Innersten packende, das Hohe, Große geht — niemals rechnende, sondern seiner Sehnsucht voll tiefen Vertrauens folgende Jüngling.
Die anderen Brüder sind praktischer, materieller, sind berechnend und verstehen kaum, wie man sich für ungreifbare Werte, für Dinge, die sich nicht in Preiszahlen ausdrücken lassen, mit solcher Hingebung ein- setzen, wie man seinen irdischen geldlichen Vorteil um noch jo schöner sehnsüchtiger Träume willen außer acht lassen kann.
Enttäuschungen bringt dies Leben, dies Wollen aus der Sehnsucht ins Unendliche hinaus gewiß manche. Und es ist uns gut — wir habens längst begonnenI — aus der Art der anderen manches für den Daseinskampf zu lernen. Aber in allem Wesentlichen wollen wir es doch nicht aufgeben, aus unserer ewigen, aus unserer schöpferischen Sehnsucht heraus zu leben, die allein uns wahre Befriedigung gibt. Weder als einzelner noch als VolkI Wir müssen uns sonst ja selbst aufgeben.
Was wir aber meiden wollen, weil es uns lähmen und niederziehen müßte, das ist die tatlose Sehnsucht, die immer von außen alles erwartet, den Menschen am Selbsttun hindert, und in leerer Unbefriedigung endet.
Unsere Sehnsucht sei die Begleitung ernster strenger Arbeit, sie umschwebe unseren werkerfüllten Tag mit allem Schönen des Lebens, ohne uns einen Augenblick untätig zu machen, ohne uns der harten Wirklichkeit zu entziehen, die sie nur verklären darf. Dann hat sie den rechten fruchtbaren Anteil an unserem Leben. .
Wiener Volkstheaier.
Von Walter Schwerdtseger
Im Gegensatz zu den Hofbühnen spielten schon zur Zeit Maria There« sias zahlreiche Truppen in Wien für die Volksmassen. Auf diesen Vor- stadüheatern regierte noch unumschränkt Hanswurst mit der hölzernen Pritsche, während die Hosbühnen längst von den derb-komischen Steg« reiskomödien abgekommen waren.
Die Vorstadttheater, die bald in der Wiener Ueberlieferung verwurzeln sollten, waren aus Wanderbühnen hervorgegangen. Man spielte In den Tanzfälen und Scheunen von Einkehrgasthäusern, auf wackligen Brettergerüsten, mit dürftigen Requisiten, bei dürftigen Requisiten, bei qualmenden Talgkerzen. Freilich, auch hier verflieg man sich zuweilen bis zu Schiller, wenn man auch den Leuten In Hietzing die „Räuber" als „großes romantisches Spektakelstück mit Gefechten und Tableaux" schmackhaft machen mußte.
An der Jägerzeile in der Leopoldstadt wurde 1781 das erste ständige Theater errichtet. Hier entzückte der Wiener Johann Laroche, ein kleiner dicker Mann „mit einer Stimme, die für einen Hausknecht, Mandolettikrämer und Nachtwächter getaugt hätte". Keine Aufführung, bei der er nicht mit feinem stadtbekannten Jammeruf: „Auwedll Auwedll" schlotternd aus den Kulissen trat. Der Typ des „Kasperl", des verschmitzten Dummkopfs, den er geschaffen hat, war jo volkstümlich, daß die Siebzehnkreuzerstücke — soviel kostete ein Platz im Theater im Volksmund „Kasperln" hießen. Während des Wiener Kongresses drängten sich auch Fürsten und Diplomaten in den kleinen Logen. Der zweite große Komiker des Theaters war Anton Hasenhut mit feiner quäkenden Kindertrompetenstimme. Er schuf den wienerischen Typ des „Thaddädl", des gutmütigen Tölpels.
Diese Nachkommen des unsterblichen Hanswurst, zu denen auch noch Raimunds Barometermacher Quecksilber zu zählen ist, diese Lippert, Klappert, Kratzerl, Zweckerl, Gisperl und Fisperl, Purzerl und Pauxert, haben jahrzehntelang die Wiener Lokalposse beherrscht. Der Bedeutendste unter ihnen ist wohl der Parapluiemcher „Staberl", der dem Leben abgeiauschte geschwätzige und selbstgefällige Wiener Kleinbürger, welcher zuerst in Bäuerles Stück „ Der Berliner in Wien" auftrat.
Seit 1817 gehörte Ferdinand Raimund, der große österreichische Volksdichter, zum Ensemble des Theaters in der Leopoldstadt. Seine Stücke, zart, poetisch und gemüwoll, ganz aus dem Geiste der Donaustadt geboren, sind noch heute unvergessen. Die berühmte Darstellerin feiner „Jugend" aus „Bauer und Millionär", war Therese Kranes, das Urbild der graziösen Soubrette. Ihr Lied vom „Brüder- tein fein" entfesselte Beifallsstürme; und welches Wiener Herz konnte widerstehen, wenn sie ihr Couplet sang: „'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien!" In jenen Jahren ist das Kapitel Wiener Volkskunst entstanden, von dem bis in unsere Tage Film- und Operettenfabrikanten gezehrt und Prater, Grinzing und Stesansdom in der ganzen Welt zu festen Begriffen gemacht haben.
Vor hundert Jahren, 1838, brach das Theater zusammen. Der neue Pächter verwandelte das trauliche Kasperltheater in das eleganteste Schauspielhaus Wiens. Nestroys „Schlimme Buden" wurden bei der Eröffnung gespielt. Mit N e st r o y beginnt die zweite große Epoche des Wiener Volksschauspiels. Es hat von seiner Sentimentalität, seiner Gutmütigkeit eingebüßt, ist schneidender, boshafter, witziger geworden. Während ganz Wien über das liederliche Kleeblatt lachte, starrte Raimund auf den Theaterzettel des ,Lumpacivaaabundus" und sagte: „So einen gemeinen Titel hätte ich niemals schreiben können". Nestroy selbst, der lange, dürre Baßbuffo, und der feiste Komiker Wenzel Scholz, der nach zeitgenö'sischem Urteil ein Wahrzeichen Wiens war.


