Im Osten galoppiert Bernd über Schlachtfelder, im Westen stegt Günter im Graben.
„Willst du deinen Sohn nicht taufe» lassen, Lexe?" fragt Irene.
„Wenn Bernd kommt."
„Wann wird er kommen?" Müder Zweifel ist in Irenes Stimme. Man kann schon müde werden, wenn man soviel trösten mutz, soviel mahnen muh, soviel aufrichten muß; immer Kraft haben für andere, die einfältiger denken, weil ihr schlichtes Hirn nicht begreifen kann, warum das da ist: Krieg und Tod, Entbehrung und Arbeit.
Aber Lexes Stimme ist noch hell und jung. „Einmal kommt er, einmal bestimmt." Liebe, Hoffnung und Glauben sind in den Worten, diese drei.
Andere Männer kommen auch auf Urlaub. Sie strecken sich am ersten Tag lang und sind faul, aber am zweiten ober spätestens dritten packen sie draußen mit an, auf dem Hof, im Stall oder auf dem Feld. Sie sind von bäuerlichem Blut, das keine Faulheit kennt.
„Das ist aber schön von Ihnen, Witiken, daß Sie Ihrer Frau so helfen", sagt Irene.
„Soll ich im Haus Pfeife rauchen, Frau Gräfin? Die Arbeit macht Spaß. Ist mal was anders. Faul kann ich draußen wieder sein. Gibt Langeweile genug im Graben."
„Aber die Granaten, Witiken .,."
Davon sprechen sie nicht gerne, sie, die von draußen kommen. „3ft man halb so schlimm, Frau Gräfin." Sie erzählen, daß sie Schafskopp spielen im Unterstand und daß einer seine Ziehharmonika bei sich hat unt> ihnen neue Lieder beibringt, sie haben gute Quartiere gehabt und schlechte, das Feldküchenessen hat sie sattgemacht, und manchmal haben sie auch hungern müssen; sie machen ihre Frauen eifersüchtig auf Französinnen oder Polackenmädels. Aber vom Krieg, vom eigentlichen Krieg sprechen sie nicht. Da soll niemand fragen, sie werden nur stumm
Einmal kommt einer und bringt Grüße von Pfarrer Müller. „Er ist unser Divisionspfarrer, Frau Gräfin. Er hat mich doch eingefegnet damals, bald nachdem der Herr Graf gestorben war. Er hat mich gleich erkannt, als er durch den Graben kam. Er ist ost vorne bei uns. Ein seiner Herr." ,
Müller, Peter Müller! Wie lange ist das her, daß er mit ihr hier über die Fel her ging und versuchte, sie Acker und Menschen kennen zu lehren. Der Krieg ist ein besserer Schulmeister und ein härterer. Lotte Müller wohnt noch immer in Potsdam nahe der Friedenskirche, drei Kinder sind da: zwei Jungen und ein Mädel. Lexe schnürt oft Pakete für sie: Butter, Mehl, Eier, Honig. In Potsdam ist manches schon knapp, und Kinder haben immer Hunger.
Im Oktober ist Bernd wirklich da. Auf zweimal vierundzwanzig Stunden.
Sein Korps wird vom Osten nach dem Westen befördert. Die Arbeit im Osten scheint abgeschlossen, aber der Westen flammt neu auf und stärker. Die Transportzüge fahren langsam, er holt sie wieder ein, wenn er O-Züge benutzt.
Irene wagt gar nicht in den ersten Stock des Schlosses zu gehen, wo Lexe und der Junge ihre Zimmer haben und wohin Bernd setzt zu- gezogen ist. Die beiden brauchen ja jede Minute für sich. Sie will sie nicht stören. Er sieht sein Kind zum erstenmal, und sie ist doch, seit er ging, eine wirkliche Frau geworden, ein ganz anderer Mensch, den er erst kennenlernen muß, neu lieben lernen. Er hat ein verliebtes törichtes Mädel verlassen und findet eine junge Mutter wieder. Das ist nicht so einfach. Und er ist auch anders geworden: älter, reifer. Seine Augen blicken ruhig, sie flackern nicht mehr wie früher, als sie alles erfassen, alles aufnehmen wollten.
Er hat den Tod gesehen, denkt Irene.
Sie geht nicht nach oben, sie setzt sich unten in die Halle. Der alte Joseph hat ein paar Buchenscheite in den Kamin gelegt. Das Feuer lodert. Draußen pfeift der Herbststurm. Und über ihr lachen zwei Menschen und vergessen den Krieg, weil sie ihre Liebe haben und ihr Kind.
Am zweiten Tag gehen sie in die Kirche mit dem Knaben auf dem Arm Den Berg hinunter, den vor zwölf Jahren die Träger hinaufstampften, die Alexanders Sarg trugen. Damals war die Last schwerer.
„Jürgen Alexander Conrad." Die Namen gibt der Pfarrer dem Jungen.
Jürgen heißt fein Großvater auf Dapper.
Alexander hieß fein Großvater hier, der in der Czehschen Gruft ruht für ewig.
Und Conrad? Bernd hat sich einen Feldgrauen, der feine Wunden in der Heimat heilt, aus dem Dorf geholt, damit er feinen Sohn an des Bruders Statt über die Taufe halte.
„Er ist ein Mann geworden", sagt er, „ein ganzer Mann, ein Bater seiner Leute. Wir können stolz auf ihn sein."
Schnee fällt und deckt die Saat zu, di« der Erde anoertraut ist.
Schnee schmilzt, und Grün bricht aus der Scholle.
Ein neuer Frühling kommt.
Hinter den Pslügen gehen Gestatten in grünbraunen Röcken. Russische Gefangene lösten die letzten Männer ab.
In den Ställen schütten Einbeinige Futter, und Blinde haben melken gelernt, und Einarmige legen Saaikartofseln.
Als die Veilchen blühen, kommt die Nachricht, daß Ferdinand Czeh gefallen ist. An der Jsonzosront. Irene fällt der Brief an Olli schwer. 'Bier Söhne ohne Vater, und die beiden Aeltesten auch schon draußen mit ihren neunzehn und siebzehn Jahren. „Wenn du nicht in Wien bleiben willst, komm zu uns, Olli, mit dem Franze! und dem kleinen Ferdi. Bei uns ist viel Platz..." Sie muß meinen, es klingt ihr immer Meder im Ohr, was Olli damals jagte in Wien: „Ich kann doch nichts dafür, daß ich ihn jo lieb hab', daß es immer Buben werden."
Der Tod nimmt keine Rücksicht auf Liebe, und fei sie noch so stark.
Einmal muß Irene nach Breslau. Sie sährt nicht gern in die Stadt. <Es gibt dort zuviel Frauen in Schwarz und zuviel mürrische Gesichter. 'S stehen Menschen an den Ecken und reden vom Wahnsinn von Verdun,
und In der Straßenbahn erzählt plötzsich ein Feldgrauer, den niemand gefragt hat, von Offizieren, die Fettlebe machten und ihre Leute h ungern ließen. Irene versteht die Menschen nicht, die solche Lügen glauben können, und versteht nicht, daß solche Lügner frei Herumlaufen dürfen. Sie trifft einen Herrn von der Regierung, den sie kennt, einen hohen Beamten, und berichtet ihm, was sie erlebt; der zuckt mit den Achseln. „Was sollen wir machen, das Gesetz gibt uns keine Handhabe gegen solche Kerle." — „Dann'müßte ein neues Gesetz geschossen werden." — „Der Reichstag würde eine solche Vorlage wohl kaum bewilligen." — „Dann muß es ohne Reichstag gehenl" — „Ich bitte Sie, Gräfin, die Verfassung!" —
Sie kommt auf ihre Bank. Ein neuer Beamter empfängt sie, ein junger, süßlicher, geschniegelter Herr. „Mein Vorgänger wurde eingezogech ich bin leider nicht felddienstsähig. Sie können aber volles Vertrauen zu mir haben, Frau Gräfin, ich habe. mich bereits eingehend mit Ihren Konten beschäftigt. Es liegen wieder erhebliche Summen verfügbaren Geldes vor, kein Wunder bei den hohen Preisen für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Ich würde Ihnen nicht raten, den ganzen Betrag wie das letzte Mal in Kriegsanleihe anzulegen." Irene läßt den Mann stehen und geht zum Direktor der Bank. „Wissen Sie, daß Ihr neuer Beamter Vaterlandsverrat treibt?" — „Ich versiebe Sie nicht, Frau Gräsin." — „Er "Tat von der Zeichnung von Kriegsanleihe ab." — „Das ist natürlich unmöglich. Ich werde den Fall sofort untersuchen."
Irene atmet auf, als sie wieder Felder sieht.
Im Mai trifft eine Karte von Günter ein. Sie ist aus Wiesbaden. „Liebe Mutter! Du darfst keinen Schreck bekommen, ich bin hier im Lazarett. Habe einen schönen Heimatschuß im rechten Unterschenkel, nicht mal der Knochen ist angeknackst, nur ein paar Sehnen sind hin. Könnt ihr nicht mal Herkommen, Lexe und du? Das wäre nett."
Lexe muß in Waldhausen bleiben, sie hat niemand, dem sie das Kind anoertrauen kann, das gerade die ersten Schritte tappelt.
So reift Irene allein.
Sie fitzt an Günters Bett. Sie beugt sich über ihn, er schlägt seine Arme, um ihren Hals. Ja, es ist noch ihr Junge, wenn er auch schon ein Mann scheint. „Hot es sehr weh getan, Günter?" — „Nicht der Rede wert, Mutter." — „Wird es wieder ganz gut werden?" — „Ein bißchen steif wird das Bein wohl bleiben. Aber das macht nichts. Dann humpele ich eben."
Plötzlich ist ein Gefühl heißen Glücks in Irene: ich bekomme ihn wieder. Sie beginnt von Waldhausen zu erzählen, von Prichterdors, von Ellgut und Merzbach, von den Feldern, vom Wald. „Fünf Mutterstuten sind auch noch da, Günter. Und uns werden noch mehr zur Nachzucht zugewiesen. Ausrangierte von der Front, verstehst du, die beinmüde sind wie du, aber sonst ganz gesund. Da kannst du mir gut Helsen. UeberaU kannst du mir Helsen." Sie spricht schnell, so schnell, wie sie seit langem nicht gesprochen hat.
Er hört ihr lächelnd zu, er läßt sie ausreden bis zum Ende.
Dann |agt er und lächelt immer weiter. „Aber, Mutter, was soll ich denn in Waldhausen? Das müßt ihr Frauen doch jetzt allein schassen. Ich gehe zu den Fliegern."
Ein zweites Kind ist in Waldhausen geboren worden, im Sommer 1917, ein Mädchen. Lexe hat es empfangen, als Bernd wenige kurze Urlaubstage in Waldhausen verbrachte; sie hat selig in seinen Armen gelegen, voll Glück, daß er bei ihr war und den Krieg für Stunden vergaß. Still und oerträumt hat sie das Kind unter ihrem Herzen getragen, es war nicht die jubelnde Freude in ihr wie damals, als sie Jürgen erwartete.
„Es sieht aus wie Mutter", hat sie an Bernd geschrieben, als es da war, „ganz lang und schmal und feingliederig. Die Augen sind lichtblau und die Haare wie blonde Seide. Wollen wir es Irene nennen?"
An dies Kind muh Bernd jetzt immer denken.
Er liegt in einem Trichter vorwärts Westrosebeke. Das ist das Land, das die Knabenregimenter im Herbst 1914 erobert haben. Sie haben sich gegenseitig an den Händen gehalten, als sie vorstürmten, und haben „Deutschland, Deutschland über alles" gesungen, weil sie nicht „Mutter — Mutter!" schreien wollten in ihrer Not. Und das Land wollen die Engländer jetzt zurückgewinnen nach drei Jahren.
Bernd führt ein Bataillon. Er weiß, daß diese Frontzeit nicht lange dauern wird. Bald wird er eine neue Generalstabsstellung haben, denn die Generalstäbler sind knapp. Es muhten viele Stäbe ausgestellt werden für die neuen Divisionen, die die Oberste Heeresleitung ständig braucht, um die zerschlagenen abzulösen. Der Materialkrieg zerquetscht oft ganze Regimenter an einem Tage zwischen seinen Todeshänden aus glühendem Stahl und berstendem Eisen.
Seit drei Tagen trommeln die Engländer auf den Südrand von West- rofebete. Es gibt keinen Graben mehr und keinen Unterstand, nur noch ein matschiges Trichterseid, Wasserloch neben Wasserloch.
Bernd weih jetzt, wie er sich hier verhalten muh; aber er hat es erst lernen müssen von den Offizieren und Leuten, die schon durch viele Großkampftage in vorderster Linie gegangen sind. Er hat sich anfangs geschämt, weil er so unerfahren war; er hat nach rechts blicken müssen und nach links, wie es die anderen machten, die den Tanz tonnten von Verdun her und von der Somme, von den Schlachtseldern Galiziens und aus Polen. „Ich halte es mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung", hat ihm der eine gesagt, „wo eben so ’n dickes Biest srisch hingeschlagen ist, leg’ ich mich in das noch warme Loch; auf die gleiche Stelle wird so bald nicht wieder ein Ding gesetzt werden." Ein anderer meint: „Ich bleib’ immer auf derselben Stelle und horche, und tnenn’s aus mich losbrummt, dann schnell zehn Schritt weg. Ich hab's im Ohr, wo es einschlägt." Und beide haben gelacht, als ob sie ein gutes Kochrezept verrieten.
Die Melder, die bei Bernd lagen, erkannten bald, daß er nicht Bescheid wußte hier vorn. Sie riefen: „Weg, Herr Hauptmann", oder sie faßten ihn einfach beim Arm und rissen ihn mit.
(Fortsetzung folgt.)


