Oie Trommel.
Von Josef Weinheber.
Im Traum ein dröhnender Trommelton erreichte rufend das Ohr.
Die da ruhig gehn, die da fromm verwehn, blieben taub, mich riß es empor.
Und die Trommel dröhnt in der anderen Ruhn, und sie treibt und sie trifft mir das Herz.
Was ich tat, ist vertan, und ich mußte es tun, daß der Turm sich vollende dem Schmerz.
Und die Trommel dröhnt, und sie tönt von Gott, und Gott ist noch namenlos weit.
Durch die Nacht, durch die Not, in den Heldentod dröhnt es, schreit, durch die Zeit, durch die Zeit!
Oie Wache in Howli.
Eine Geschichte aus Indien von Rudyard Kipling.
Als Bote, wenn das Herz Euer Gnaden mir es gönnen will. Und für sechs Rupien. Ja, Sahib, denn ich habe drei ganz, ganz kleine Kinder, deren Mägen immer leer sind, und es gibt jetzt nur vierzig Pfund Korn für eine Rupie. Ich will ein so kluger Bote fein, daß Ihr den ganzen Tag mit mir zufrieden sein und mir am Ende des Jahres einen Turban schenken sollt. Ich kenne alle Wege um die Station und viele andere Dinge. Ach, Sahib! Ich bin klug. Gebt mir einen Dienst. Ich bin früher bei der Polizei gewesen. Ein schlechter Charakter? Das Märchen hat sicher ein Feind erzählt. Ich bin nie ein Gauner gewesen. Ich bin ein Mann mit reinem Herzen, und meine Worte sind alle wahr. Sie wußten das, als ich bei der Polizei war. Sie sagten: „Afral Khan ist ein Sprecher der Wahrheit, und auf sein Wort kann man vertrauen." Ich bin ein Pathan von Delhi, Sahib — alle Pathans von Delhi sind gute Menschen. Ihr habt Delhi gesehen? Ja, es ist wahr, es gibt viele Gauner unter den Pathans von Delhi. Wie der Sahib weise ist! Nichts ist vor seinen Augen verborgen, und er wird mich zu feinem Boten machen, pnd ich will alle seine Nachrichten geheim und unauffällig besorgen. Nein, Sahib, Gott ist mein Zeuge, daß ich nichts Schlechtes meinte. Ich habe mich lange danach gesehnt, einem wirklichen Sahib zu dienen — einem tugendhaften Sahib. Viele junge Sahibs sind wie losgelassene Teufel. Bei solchen Sahibs würde ich keinen Dienst nehmen — auch wenn alle Mägen meiner kleinen Kinder nach Brot schreien würden.
Warum ich nicht mehr bei der Polizei bin? Ich will wahre Rede sagen. Es kam ein Unheil über die Wache — über Ram Baksh, den Haoil- dar, und Maula Baksh und Jugqut Ram, und Bhirn Singh und Suruj Pul. Rant Baksh sitzt für eine Weile im Gefängnis, und ebenso Maula Baksh.
Es war auf der Wache in Howli, an der Straße, die nach Gokral- Se nun führt, wo viele Räuber sind. Wir waren lauter tapfere Kerle — Rustums. Deshalb hatte man uns auf diese Wache geschickt, die acht Meilen von der nächsten Wache entfernt war. Tag und Nacht paßten wir auf Räuber auf. Warum lacht der Sahib? Nein, ich will ein Geständnis machen. Die Räuber waren zu schlau, und da wir das sahen, machten wir uns weiter keine Arbeit. Es war in der heißen Zeit. Was kann ein Mensch in den heißen Tagen tun? Ist der Sahib, der doch so kräftig ist, — ist er wohl start in der Zeit? Wir machten eine Berein- barung mit den Räubern um des Friedens willen. Der Havildar, der sehr dick war, brachte das zustande. Ho, ho! Sahib, er wird jetzt dünn im Gesängnis beim Teppichknllpsen. Der Havildar sagte: „Macht ihr uns keine Mühe, und wir wollen euch keine Mühe machen. Nach der Ernte schickt uns einen Kerl zum Abliefern fürs Gericht, einen Mann von schwachem Geist, und schafft eine Klage gegen ihn, die wieder zusammen- fälli. So werden wir unsere Ehre wahren." Mit dieser Rede waren die Räuber zufrieden, und mir hatten keine Arbeit auf der Wache und konnten in Frieden Melonen essen und den ganzen Tag auf unseren Pritschen sitzen. Süß wie Zuckerrohr sind die Melonen von Howli.
Nun war da ein Hilfskommissar — ein Unter-Sahib im Distrikt, der hieß Dunkum-Sahib. Aha! Er war streng — so streng, wie der Sahib selber ist, der mir gewiß den Schatten seines Schutzes geben wird. Viele Augen hatte Punkurn-Sahib und flitzte schnell durch den Distrikt. Die Leute nannten ihn den Tiger von Gokral-Seetarum, denn er erschien unerwartet und schlug zu, und noch vor Sonnenuntergang kam er schon über die Tehsildars, dreißig Meilen weiter. Niemand wußte von dem Kommen und Gehen des Punkum-Sahib. Er hatte kein Zelt, und wenn fein Pferd müde war, dann ritt er auf feinem Teufelswagen. Ich weiß nicht, wie er heißt, aber der Sahib saß mitten auf drei silbernen Rädern, die nicht knarrten, und trieb sie mit feinen Seinen und sauste wie ein Noß, das Bohnen gefressen hat — so. Der Schatten einer Krähe auf dem Felde ist nicht lautloser als der Teufelswagen des Pakum-Sahib. Er war hier, er war da, er war weg, und der Bericht war fertig, und es gab Krach. Fragt den Tehfildar von Roheftri, wie der Hllhnerdisbstahl herauskam. Sahib.
Es geschah eines Nachts, daß wir in der Wache wie gewöhnlich auf unseren Pritschen schliefen, nachdem wir das Abendbrot gegessen und Tee getrunken hatten. Als wir am Morgen erwachten, war, weiß Gott, von unseren sechs Gewehren keins mehr da. Auch das große Polizeibuch, das der Havildar verwahrte, war weg. Als wir das sahen, waren wir voller Angst und dachten uns, daß die Räuber ehrvergessen bei Nacht gekommen seien und uns in Schande gebracht hätten. Dann sagte Ram Baksh, der Havildar: Seid still! Die Sache ist übel, aber sie kann noch gu! ausgehn. Wir wollen den Tatbestand vervollständigen. Bringt ein Zicklein und meinen Säbel. Hört ihr noch nicht, ihr Esel! Ein Hieb fürs Pferd, dem Manne genügt ein Wort."
Wir von der Wache begriffen rasch, was der Havildar im Sinne hatte, und hatten große Angst, den Dienst zu verlieren; so eilten mir, die Ziege ins Zimmer zu schaffen und aufzupassen, was der Havildar sagte. „Zwanzig Räuber kamen , sagte der Havildar, und wir nahmen eine Worte und sprachen sie ihm nach, wie es die Sitte ist. „Es gab einen großen Kampf", sagte der Havildar, „und keiner von uns kam unverwundet davon. Die Fenstergitter wurden zerbrochen. Suruj Bul, besorge das; und, o ihr Männer, macht schnell mit eurer Arbeit, denn ein Läufer muß mit der Nachricht zum Tiger von Gokral-Seetarun." Darauf lehnte sich Suruj Bul mit seiner Schulter gegen die Gitterstangen der Fenster und brach sie, ich trieb die Stute des Havildar mit einer Peitsche durch die Melonenbeete, bis sie ganz von Hufspuren zertrampelt waren. . .
Nachdem das fertig war, kehrte ich zur Wache zurück, und die Ziege wurde geschlachtet, und einige Teile der Wand wurden mit Feuer ge« schwärzt, und jeder Mann tunkte seine Kleider ein bißchen in das Blut der Ziege. Wißt, o Sahib, die Wunde, die ein Mann sich am eigenen Leibe macht, kann von einem Kenner leicht unterschieden werden von einer Wunde, die ein anderer gemacht hat. Deshalb nahm der Havildar seinen Säbel und hieb den einen von uns sachte auf den Unterarm ins Fett, und den andern ans Bein und einen dritten auf den Rücken der Hand. So machte er es mit uns allen, bis Blut kam; und Suruj Bul, der am eifrigsten war, riß sich viele Haare aus. O Sahib, nie hat es bessere Vorbereitungen gegeben. Ja, ich selbst hätte geschworen, daß es der Wache so gegangen sei, wie wir sagten. Rauch war da und Einbruch und Blut und zertrampelte Erde.
„Reite nun los, Maula Baksh", sagte der Havildar, „nach dem Hause des Unter-Sahib und bring' ihm die Nachricht vom Ueberfall. Und du auch, o Afzal Khan, laufe hin und eile dich, daß du triefst von Schweiß und Staub, wenn du hinkommst. Das Blut auf den Kleidern wird trocknen. Ich bleibe hier und schicke sofort einen Bericht an den Ober- Sahib, und wir wollen einige von den Dorfleuten fangen, die ihr kennt, damit alles für die Ankunft des Ober-Sahib bereit ist."
So ritt also Maula Baksh los, und ich hängte mich an den Steigbügel und rannte mit, und mir kamen in einem üblen Zustand vor den Tiger von Gokral-Seetarun in Bohestri. Unsere Geschichte war lang und ganz genau, Sahib, denn wir nannten sogar die Namen der Räuber und den Ausgang des Kampfes und flehten ihn an, zu kommen. Aber der Tiger rührte sich nicht und lächelte nur, wie die Sahibs lächeln, wenn sie eine Hinterlist int Herzen haben. „Könnt ihr den Bericht beschwören?" sagte er, und wir sagten: „Deine Diener schwören. Das Blut des Kampfes ist kaum getrocknet auf uns. Seht selbst, ob es das Blut von Euer Gnaden Dienern ist ober nicht." Und er sagte: „Ich sehe, ihr habt eure Sache gut gemacht." Aber er dachte nicht dran, nach seinem Pferd ober seinem Teufelswagen zu rufen und durch die Gegend zu sausen wie gewöhnlich. Er sagte: „Erholt euch und eßt Brot, denn ihr seid müde. Ich will warten, bis der Ober-Sahib kommt."
Nun ist befohlen, daß der Havildar, der die Wache hat, einen direkten Bericht von allen Räubereien an den Ob^w-Sahib schickt. Um Mittag kam er, ein dicker, alter und sehr strenger Mann; aber wir von der Wache hatten keine Angst vor seinem Zorn, wir fürchteten mehr bas Schweigen bes Tigers von Gokral-Seetarun. Mit ihm kam Ram Baksh, der Hm- vildar, und die anderen und führten zehn Leute aus dem Dorfe Howli vor, lauter übelberüchtigte Kerle vor der Polizei bes Sirkars. Sie kamen als Gefangene mit Eisen an ben Hänben und flehten um Gnabe — Imam Baksh, der Bauer, der dem Havildar seine Frau abgeschlagen hatte, und andere bösartige Spitzbuben, die wir Wachtleute nicht ausstehen konnten. Es war gut gemacht, und der Havildar war stolz. Der Ober-Sahib aber war wütend auf ben Unter-Sahib wegen seines Mangels an Eifer und sogt- „Dam-Dam" nach Art der Engländer und rühmte den Havildar. Nunkum Sahib lag immer noch in seinem langen Stuhl. „Haben die Leute geschworen?" sagte der Uunkum-Sahib. „Jawohl, und zehn Uebel- täter gefangen", sagte der Ober-Sahib. „Und draußen sind noch mehr für Sie. Nehmen Sie Ihr Pferd — reiten Sie und scheren Sie sich im Namen Sirkars!" „Sicher gibt es draußen noch mehr Uebeltäter", sagte Iun- kum-Sahib, „aber ein Pferd ist nicht nötig. Kommt alle mit."
Ich sah die Spur einer Peitsche an der Schläfe des Imam Baksh. Kennen Euer Gnaden die Qual des kalten Strichs? Ich sah auch das Gesicht des Tigers von Gokral-Seetarun, das schlimme Lächeln war drauf, und ich hielt mich zurück für den Fall, daß was passieren könnte. Es war gut, Sahib, baß ich bas tat. Punkum-Sahib sperrte bie Tür von (einem Babezimmer auf und lächelte aufs neue. Drinnen lagen die sechs Gewehre und bas große Polizeibuch der Wache von Howli! Er war bei Nacht auf seinem Teufelswagen gekommen, der lautlos ist wie ein Ghoul, und war zwischen uns herumgegangen, während wir schliefen, und hatte bie Gewehre unb bas Buch weggenommen! Zweimal war er Zur Wache gekommen unb hatte jebesmai brei Gewehre genommen. Die Leber des Havilbar würbe zu Wasser, unb er fiel hin unb streichelte den Staub um bie Stiesel des Uunkurn-Sahib unb schrie: „Habt Erbarmen!"
Unb ich? Sahib, ich bin ein Pathan von Delhi unb ein junger Mann mit kleinen Klnbern. Die Stute bes Havilbar staub im Hof. Ich lief zu (hr unb ritt davon: die schwarze Wut bes Sirkar war hinter mir, unb ich wußte nicht wohin. Bis sie tot umfiel, ritt ich die Fuchssfute, und durch den Segen Goffes, der gewiß mit allen gerechten Menschen ist, entkam ich. Der Havildar aber unb ber Rest sitzt jetzt im Gefängnis.
Ich bin ein Gauner? Wie es Euer ©naben gefällt. Gott wirb aus (Fuer ©naben einen ßorb machen unb ihm eine reiche Memfahlb, so schon wie eine Peri, zum Weibe geben und viele starke Sohne, wenn er Wiener macht. Die Gnade bes Himmels sei über bem bah io! Ja, ich will nur zum Basar gehen unb meine kleinen Kinber zu diesem palastahnllchen Hause bringen und bann — Euer ©naben sind mein Vater unb meine Mutter, und ich, Afzal Khan, fein Sklave.
Dhe, Sirdarji! Nun gehöre ich auch zum Haushalt des Sahib.
Derantwortlich: Dr. HanS Thhrko4 — Druck und Verlag: Drühlfche UniverfitälSdruckerei R. Lange. Gießen.


