Ausgabe 
7.10.1938
 
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GietzenerZamilienbliitter

________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Christine von Äkstoiti

Roman von Rolf Brandt

Lopyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlin

5. Fortsetzung.

^rtfüne schloß leise auf. Im gleichen Augenblick flammte bas Licht auf »er Diele. Der Vater in dem alten dunkelblauen Schlafrock und den schwarzen Lackschuhen, die er als Hausschuhe benutzte, stand da.So, kommst du doch nach Hause? Du siehst aus wie eine Kokotte! Wir werden morgen darüber reden! Es ist jetzt vier Uhr!"

Ich habe es gar nicht gemerkt, Papa, sonst wäre ich eher gekommen!" Wir werden morgen darüber sprechen! Sei, bitte, um acht Uhr beim Frühstück! Ich möchte dies erledigen, ehe ich in das Büro gehe!"

Den Gutenachtgruß beantwortete er nicht.

Christine riß die Fensterflügel auf und begann sich auszukleiden. Sie warf das Kleid In die Ecke. Es roch nach Parfüm und nach Rauch, ebenso wie ihre Haare.

Sie wagte nicht, zu baden, weil sie fürchtete, das rinnende Wasser würde den Vater stören und noch zorniger machen.

In ihrem dünnen Nachthemd stand sie da vor dem offenen Fenster. Ganz zart rann eine erste Helligkeit über den östlichen Himmel.

Vater hat ganz recht, es ist ein Skandal! Aber er hat ganz unrecht, denn ich hätte das auch ohne ihn gemerkt! Hier ist man eingeschlossen wie in einem Käfig. Wenn man In dieses Haus tritt, kommt es einem vor, als habe man Essigsäure getrunken. Wie ich diese Unterredung hasse, die nun kommen wird! Er wird sich sonnen in seiner Unfehlbarkeit! Am besten wäre es, ich bliebe hier noch stehen, dann würde ich wahrscheinlich krank, und dann hört alles auf, die Lust, auch einmal zu tanzen, diese unerträgliche Luft, alles fortzuwerfen! Ach, die Männer haben es leichter, die trinken Wein! Die Männer sterben im Krieg und sind dann Helden. Die nehmen sich ein Mädchen und küssen es, und dann sind sie tüchtige Burschen! Alles gut, aber man brauchte ja nicht mit diesem blöden Schweizer in eine Bar zu gehen... Warum soll man eigentlich nicht in einer Var einkehren? Es kommt doch darauf an, daß man rechtzeitig fortgeht. Unverschämt, dieser Engländer! Ach, es liegt daran, daß ich damals nicht über die Elbe kam!

- .Sie ließ die Fenster offen und kramte in dem kleinen weißen Schrank Zwischen den Iungmädchenerinnerungen. Da waren zwei Postkarten von Peter, da war ein einziger Brief von ihm und ein Brief von ihr. Der trug den kurzen VermerkUnbestellbar, da Adreffat vermißt.

In der Nacht, nachdem sie diesen Brief erhalten hatte, war es ihr pl. lich. als habe Peter sie angesehen. Er hatte die guten unb treuen blauen Augen und winkte mit der Hand.

Sie hatte über diesen Traum es war mehr als ein Traum, es war wie eine Erscheinung mit Erika, der Malerkollegin, gesprochen. Die sagte:Wenn er mit der Hand gewinkt hat, dann ist er nicht tot." Woher weißt du das?" hatte Christine gefragt.

Das ist so, dann ist er nicht tot, dann ist er In französischer Ge­fangenschaft."

»Er hatte so traurige Augen, Erika!"

Das hat man auch, wenn man in französischer Gefangenschaft >st , sagte die Freundin.

Da lag nun der Bries, und da lag eine Karte aus Konstantinopel, die hatte der Oberleutnant zur See Meroven geschickt, der mit derSoe­ben" im Sckwarzen Meer herumgondelte, wie er schrieb. ,Hch habe Ihren Not befolgt", stand da.Wir haben tüchtig geschosien und getroffen."

Christine begann zu frösteln.Quatsch!" sagte sie und schloß das Fen­ster.Man kriegt ja doch keine Lungenentzündung, sondern einen Schnupfen!"

. Sie stellte den Wecker auf einhalb acht Uhr. Kaum hatte sie die Decke über sich gezogen, fielen ihr auch die Augen schon zu. Sie schlief fest und traumlos bis zum Morgen.

ceHenriette stellte den Kaffee und die englische Büchsensahne aus den Frühstückstisch. Es war eine der wenigen Konzessionen, die der Hausherr gemacht hatte, daß er erlaubte, echten Kaffe und englische Sahne in den tleinen Blechbüchsen einzukaufen.

Christine erkannt« plötzlich, wie blaß und erschöpft der Vater aussah. ^>>e ging aus ihn zu und stteichelte seine Hand. Aber der Vater zog sie zurück:Laß das, Christine! Du bist nicht mehr jung genug, um nicht

2Boro£ft^9g?fltetrnf?"mit ®trei$e(n tann man !° etwas nicht erledigen!

Christine segle sich in den Sessel am Fenster. Sie hatte das Gefühl, daß ihr von draußen, wo die Sonne über den kahlen Zweigen glänzte,' Hilfe und Trost käme:Ich habe dir ja gesagt, Vater daß Vrolellor ?°"e"d°ch em kleines Atelierfest gegeben hat, weil er sein Bild an die roe^a [uftia®alr 6 Dertauft i)at ®lr sind ja jung, und wir wurden rin

' flt'LnS Iu.fti8 za fein!" sagte der Oberregierungsrat.

f hatte gemeint, wir Jungen könnten ja nun nicht ein ganzes ßeben lang trauern, weil die Alten den Krieg verloren hätten" »hoben ihn alle zusammen verloren, wir haben mehr verloren auch Khriftinrir"C9' "" sind dabei, uns selbst zu verlieren! Du dich x c."?ati.er hoben getanzt und Bowle getrunken. Aber ich möchte nickt daß du denkst. Ich sei von dem Professor so spät gekommen ..."

Sondern?

in Hn? «u? nLnid)t öeÄeL9en' D<ster, ich bin mit Herrn Dem« noch in eine öar gegangen. Ich bebauere es, und es tut mir leid, daß ich der sche ichr t!"9 3d> werde es auch nicht wieder tun, ich finde es

Oberregjenmg^srat W 5 bort bUebftl" fQgte der

Das kam so", sagte Christine,ich hatte gar kein Gefühl für die steil

:,'X?'»- ä

Nein, ich kann nicht verstehen, daß meine Tochter nachts in eine ?0"zbar geht! Du wirst ja in ganz kurzer Zeit einundzwanzig Jahre, da habe ich auch formell nicht mehr die Verantwortung für dich Ich mnrf mnr^nmcr-ritibenk 1Ur. wo.ch.te ich mir selbst nicht einmal den 93or= JflL w uff en, baß ich deine vielleicht ererbten Neigungen noch

geforbert habe. Ich verbiete dir also, weiter diesen sogenannten Mal- unterrlcht bei Herrn Professor Rottenbach zu nehmen! Der Herr hat nicht

war Offizier. y

»fo schlimmer!" sagte der Oberregierungsrat. ,Zch brauche keinen Bestich zu machen, um zu sehen, wie die Luft sein muß, in der du bort von Parfüm geschminkte Lippen, flackrige Augen, widerlicher Geruch , ^hesitine sprang auf:Was hat das mit Professor Rottenbach zu tun. Ich habe dir ja gesogt, daß ich leider in eine Tanzbar gegangen bin. Du hast recht ich hatte das nicht tun sollen! Auch Rottenbach würde genau so darüber denken wie du!" '

Das kann Ich nicht beurteilen", sagte der Regierungsrat. ,Lch glaube es auch nicht. Wer täglich zwischen nackten Modellen lebt, hat über solche Dinge andere Auffassungen als wir bürgerlichen Menschen."

Ich will aber gar kein bürgerlicher Mensch sein!"

"Du scheinst nicht zu wissen, daß du vor deinem Vater stehst, Chri­stine! sagte der Regierungsrat.Mädchen, geh doch in dich! Was oll aus dir werden? « 1

Eine gute Malerin, Vater, sonst gar nichts!"

Ich nxiß nicht, ob das der Weg zur Kunst fein muß, ob der Weg über Tanzbars und merkwürdige Professoren führt!"

Laß doch, bitte, den Professor aus dem Spiel, Vater!"

_ "Deine Verteidigung ist viel zu lebhaft, deine Verteidigung ist so, daß ich d.r letzt endgültig verbiete, über dieses Thema noch zu sprechen! Du wirst diesen famosen Professor nicht mehr besuchen, solange ich In diesem Haufe hier zu sagen habe! Vielleicht kannst du dich in irgendeiner Schule im Modezeichnen ausbilden, wenn du durchaus zeichnen willst. Hast du mir noch etwas zu sagen?"

,, Ehristine iah ihren Vater lange unb schwrigerck an:Du siehst so schlecht aus, Vater, ich habe dich nicht kränken wollen."

Sie ging auf ihn zu, machte dann kurz kehrt, blieb an der Tür noch einen Augenblick halten und sagte:Vater, du solltest vielleicht einen Arzt fragen, es gibt doch so gute Sanatorien!"

. V'Sorge tfich nicht um mich, ich halte schon durch! Meine Medizin heißt Arbeit! 0

Er schenkte sich Kaffee ein. Seine Hand zitterte, als sie die dünne Tasse hielt.

Lebe wohl!" sagte Christine.

Christin packte ihre paar Sachen in den großen Reisekoffer ihre Bü­cher, ein paar Bilder unb ein paar Kleider. Diesen großen' schweren Koffer würde man nicht unbemerkt die Treppe hinunterbekommen das wußte sie. Einen Wortwechsel mit der alten Henriette wollte sie nicht haben, die wurde sie mit anklagendem Blick unb mit verständnislosen