Im Vorfrühling.

Von Hedwig Forstreuter.

Dunkler Ton der Frühlingsstürme

Summt und singt schon nachts ums Haus,

Mondlicht geistert auf den Dächern, Schmale Sichel, schräg gestellt, Segelt sanft durch Himmelsbläue, Wolken ziehen hoch vorbei.

Zwischen Winterlicht und Frühling Ruht das Land ...

Dunkle Schwingen meiner Träume Flattern mit dem Sturm ums Haus, Aufwärts strebend über Dächer, lieber Sichelmond und Feld, Schweben sie durch Himmelsbläue, An der Wolken Kamm vorbei, lieber Wälder bis zum Meer hin. Rufen sie den jungen Frühling In das Land?

Vorfrühling im JRiei).

Von Paul Appel.

Es ist kurz nach Mittag. Eben bin ich, mit der Riedbahn von Darm­stadt her, in Goddelau ausgestiegen. Ein Gespräch im Zug hat mich gehindert, der Landschaft in konzentrierter Weise, wie es eigentlich sein sollte, näher zu kommen. Ich habe die schönen Blicke in die Kiesern- bestänbe zwischen Darmstadt und Griesheim verpatzt, diese Blicke, zwi­schen rüielrosa Stämmen, durch das Schwarzgrün der Kronen in ein silbenzitterndes Blau hinein. Ich habe das Griesheimer Gartenland nicht gesehen und auch nicht die braunschöne Wolsskehler Gemarkung. Und nun stehe ich schon auf der kleinen Chaussee, nach Erfelden zu. Es ist so, als sei ich bisher im Zug wie vor dem Theatervorhang gesessen. Nun hebt sich der Vorhang mit einemmal, und man ist ein bißchen verlegen, auch ein bißchen unzufrieden mit sich, weil Aug und Gefühl der sich aufbreitenden Szene noch nicht gewachsen sind. Aber horch nur! Bleib einen Augenblick stehnl Sind das nicht Rabenschreie? Und jetzt die Finken? Und das grotze Lerchengetön? Im Nu, wie die Sinne den Laut aufnehmen, ist der Einklang vollzogen, die Vögel der Landschaft haben mich gerufen, ich bin aufgeweckt, bin eingeschaltet, kann merken, hören, riechen, sehen.

Es ist nicht der freieste Punkt, auf dem ich gerade stehe, aber er genügt. Ich sehe und fasse die flache Himmelsglocke, die sich weit in den Horizont verschimmert, im Süden grau, im Norden blauviolett. Blicke ich näher im Kreis, tauchen ganze Bilderserien auf: die staubbraunen Aecker, entzückend parzelliert, dort am Altrhein die Kurve der Pappel­allee, dahinter die Kühkopfwaldungen, nach Norden zu die kleinen For­stungen von Wolfskehlen und Dornheim, und überall Fahrzeuge, Tiere und die Menschen dieses Bodens. Aber so klar gesondert sich jedes

einzelne Bild auch bietet, die große flache Glocke führt es aus der Ber-

einzelung ins Ganze zurück: das ist ihr Wille, und das ist ihr Ge­heimnis, aus dem heraus sie jedes ruhige und genaue Blicken mit Ent­

zücken belohnt.

Langsam geh ich voran auf der Chaussee. Ich trotte und halte das Gesicht in die Sonne, wie man den Kopf unter die Pumpe hält. Wie schön das tstl Und wie gut es einem gehen kann, denk ich, wenn man nur merkt, daß es einem gut gehen kannl Die ersten Fuhrwerke kommen mir von Erfelden her entgegen. Die Leute Haben gegessen, und nun muß es weitergehen. Dünger, Eggen, Sämaschinen bringen sie in die Ge­wannen hinein. Die Pferde haben schon leichten Schweiß, feuchtglän­zende Spiegelstellen an Bauch und Schenkel. Langsamer, idyllisch-mild anzusehen, folgen die Kuhfuhrwerke. Die ockrigen Felle der Tiere geben alle Farbe her unter dem hohen Licht.

Der Gemarkungsteil ist nicht groß, und so kann ich, ohne muh zu ver­späten, warten, bis die Fuhrwerke in den Gewannen angelangt sind. Gleich, int Verlauf von zehn Minuten, erweitert sich das Bild der Landschaft zum Ausdruck einer großen, tätigen Heiterkeit. Die Pflüge gehen und werfen den Boden, der mit seinen Sprüngen wie von Tausenden von Maulwurfsgängen unterwühlt scheint, die Sämaschinen klappern, die Eggen schleifen das Land und zeichnen Muster in den Dodengrund rote die ausgebogten Ränder einer Stickerei. Bescheiden, aus Sicherhen be­scheiden, geht diese Arbeit vor sich, gleichweit entfernt von kleinlicher Geistesart wie von der falschen Pathetik, in der manche mauernmaler zu idealisieren lieben. Ruhe, beinah anmutige Ruhe ist ihr schönstes Kennzeichen. Nur die Jugend bleibt auch hier die Jugend. Em ganz junger Bauer führt die Düng-rschüssel, als übe er strammen Schritt. Wie nach dem Chronometer setzt er den Fuß und überholt den Vater, der die Tiere in der Egge hat.Langsam, Meister", rufe ich ihm zu: er aber zeigt nur die Zähne in dem fast braunlosen, sonnenroten Gestcht, sagtja, ja", und weiter geht sein Exerzieren den Acker hinunter.

Nach Erfelden ifts nun nicht mehr weit. Ich durchguere den Ort, an ballspielenden kleinen Mädchen vorüber, um mtch, vor mir und hinter mir das träg-jubelnde Gegacker der Hühner, das aus den Hofen schallt. Eine Greisin und ein wohl zehn Jahre altes krankes Kind fuhren em- ander und sehen sich ins Gesicht. Ein Junge, mit einer Kappe gefärbt wie überwintertes Gras, fährt Schleifen und Achter auf dem Rad. 2115 ich das Dorf passiert habe und auf den Rheindämmen bin, ist s nach 1 Uhr geworden. Hier ist eine eigene Provinz, die mit dem bauer- kichen Ried nur den Namen gemeinsam hat. Der Wasserarm des 2Lu- rhems prägt das Bild. Aber alles trägt noch den Stempel des Ver­

harrens. Die Klub- und Bootshäuser sind noch geschlossen, Baggei* Schlepper, das weiße Motorboot feiern. Auch sonst ifts wenig belebt Ich sehe drei alte Männer, die zwischen Damm und Ufer in der Sonne sitzen und zwei Anglern zuschauen. Die Bambusruten, die diest halten, strecken sich in einer entzückenden Kurve über den Wasserspiegel. Nun zieht der eine die Angel, der Schwimmer geht hoch und flimmert flamingorosa in der silbrigen Lust. Hat er was erwischt? Nein, nichts marsl Und wieder dehnt sich der Bambusstab über dem Wasserspiegel, und wieder gucken die drei Alten mit zu. Nach ein paar Minuten erscheint ein jüngerer Mann bei ihnen, so um die Vierzig, den rechten Arm in der Binde, drei Finger der Hand dick verbunden.Nun, was ist pas­siert?"Stanzmajchinel" sagt der Jüngere lakonisch, und da er sich von mir beobachtet fühlt, setzt er hinzu: ,Ha, das sind Knochenmühlen, da kann man nichts machen." Verlegen und wissend zugleich lächelt er dabei, und, als habe er schon zuviel geäußert, wendet er sich gleich wieder den anderen zu. Ich gehe weiter den Fluh fang, nach Südwesten. Die Kraft des Wassers treibt mich in geheimer Weise, daß ich rascher ausgreife. Kaum bin ich hundert Schritte entfernt von dem kleinen Hafenbild, nimmt mich schon wieder breiterer Raum auf. Wiesen und Schlammgelände wechselt. Der Schlick liegt fprüngig unter mir und wirkt wie das Fliegerphoto eines Schützengrabensystems. Aus den Sprüngen bringen Sumpfpflanzen hoch, zart wie Suppenkräuter. In dem Wiefenstück pflück ich das erfe Gänse­blümchen des Jahres, und da ich nahebei eine kleine Muschel finde, leg ich's hinein. Nun ifts ein bescheidenes Blumenschiffchen geworden: das will ich dem ersten kleinen Mädchen schenken, das mir begegnet.

Als ich über die tieferen feuchten Stellen nicht weiterkomme, retiriere ich wieder auf den Damm, und von da aus breitet sich mir nun die Landschaft weiter nach Norden zu aus. Links gewinne ich Sicht über die schönen Ausschnitte drüben auf der Kühkopsinsel. Weidenbestände in allen Farbschattierungen, vom zartesten Gelb, wie es die Schwimmfühe neu­geborener Gänschen zeigen, bis zu Blutkorallenrot wechseln mit hübschen Schilffeldern. Das Rohr steht wie Getreide, seine seidigen Büschel haben die Farbe verwitterter Hasenfelle. Rechts, eingekreist von Zwischen- dämmen, liegen große Apfelbaumwiesen. Noch sind sie fern vom Leben; die Stückchen Fruchtholz, auf denen die Blüten sitzen werden, sind ein» geschrumpft wie ein Stückchen zusammengeschobener Darm. Aber nur noch eine Frist von Wochen: und aus den unscheinbaren Verpuppungen färbt sich ein Blütengefilde auf, daß es dem Auge schwer sein wird, die ganze Fülle aufzunehmen.

Dis ich die Nordspitze des Kühkopfs, ungefähr in Höhe von Knob- lochsau, erreiche, blaut sich der Himmel auf, schärfere Konturen entwickeln sich, und jedes flenne Ereignis wird von dem Licht in eine tiefer schei­nende Lebens- und Todeswolluft hineingehoben. Da streichen die Grün­spechte am Boden hin und sitzen dann, würmersuchend, wie heraldische Figuren an den Stämmen. Amseln und Meisen fliegen in Schwarzdorn- hecken ein und aus, in heftiger Lust. Ein Winterwiesel, von mir ertappt, drückt sich an den Damm und wittert, den runden festen Schädel hoch­gehoben. Und auch der Tod gibt feine Zutat: eine verendete Maus liegt da, still, rein, hinaufgehoben in notwendige Heiligung. Die Aengelchen sind eingefchrumpft, was da einmal Glanz war, sieht jetzt wie trockenes Gummi aus. Ein Scheinchen Blut klebt an der Schnauze, das Fellchen oberhalb des Brustbeins ist schon zerweht von der beginnenden Ver­wesung und zeigt die schiefergraue Haut. Nur die Pfoten haben noch Wesen vom Leben her. Sie sind schmal beisammen wie die Finger eines Heinen Hündchens, und auf ihnen liegt dasselbe tauende Glimmern wie auf einem schönen Stück Marmor. Ich bücke mich, ich bin mir nicht sehr viel im Augenblick und setze das kleine Llumenschiff, das einem kleinen Mädchen gehören sollte, neben das Leichlein.

Aber der Geist der Andacht kann, soll er je tragend wirken, nicht zurück in dunkleres ©innen, er kennt nur den Weg in die schaffende Freude. So heb ich denn das Herz in eine höher gewonnene Lust und versuche das Ange weiter an dem großen Arsenal dieser tausendfältig bebilderten Welt. Um 4 Uhr komme ich. Skilla pflückend und froh, auf Forsthaus Knoblochsau an. Seit ich ihn kenne, ist mir das ein liebster Ort. Hier sah ich das höchste Gras in dem großen Baumgarten und die wundervollsten Margareten. Geistluft wie aus Goethes Wanderergedicht webt um das Anwesen. Die Gebäulichkeiten sind, wegen Wossergefahr hochsundamentiert, der Dorratsschuppm ruht auf Pfeilern, die Scheunen­auffahrt zeigt schöne Sandsteinroagen in leicht barocker Schweifung, und bei der Treppe des Hauses steht, benfmalartig, eine Zypresse. Auch die Frau, die in dem Wanderergedicht so gütig-hell bewirtet, ift zugegen. Im Flur, neben dem Blumenständer mit feuchtglänzendem Spargel­kraut, steht sie und begrüßt dm Gast: es ist die junge Försterin. Aus meine Bitte bringt sie Brot und Käse, Apfelwein dazu, und geht gleich wieder, in schöner heimlicher Weise die Freude der Gastgeberin mit dem Beruf der Wirtsfrau verbindend.

Ich möchte länger bleiben: gute Menschen sind ja eine Kraft, die man dankbar genießen soll, sooft und solange man kann. Aber ich mochte, eh die Sonne sinkt, das freie Feld im Norden gewinnen. Noch einmal geht's nun durch die Eschenwaldungen. Noch einmal pflücke im Skilla- blüten, die teppichhaft den Weg eingrenzen. Noch einmal steh ich vor efeuumfponnenen Bäumen und nehme mir das Aug voll von dm grünen und blutbraunen Büscheln. Und dann bin ich, zur Abendstunde, wieder in dem Blachfeld des Rieds.

Es ist eine gute Stunde. Noch tiefer hat sich der Himmel verblaut, völlig entbunftet gibt er die weitesten Blicke frei. Die Ferngebirge der Landschaft, Taunus, Odenwald und die rheinhessischen Berge treten vor und fonturieren m mildem Azur das gewaltige Becken. Und vor mir, hinter mir, nach jeder Richtung hin, nichts als Aecker, Aecker, Aecker. im Frühlingsbraun, und über ihnen die feelenoerrocindelnde Stille des kommenden Abends. Willig, in halb schmerzlicher Lust, füg ich mich der bildenden Gewalt der Elemente, nur wünschend, daß neben Wasser, Lust und Erde mir auch das geisterhaltendste, das Feuer, immer gegönnt fein möge. Dann wende ich heimzu, nach Westen. Und nun, als wollte die Natur mir zu dem schönen Tage auch diese kühnste Bitte nicht versagen, glüht vom Rhein her ein 21benbfeuer aus den 21 edem auf.