Jahrgang 1958
Montag, den r.März
Nummer (9
SietzenerZamilienblätler
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
HeczlmLW
Aoman von Hans^Äaspar von Zobeltitz
Copyright by deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart
S. Fortsetzung.
Aber in der Nacht, als er in seinem alten, knarrenden Holzbett liegt, denkt er: Irene. Wie er auch oft in Berlin denken muß. Es hat ein Bild von ihr auf seinem Schreibtisch gestanden, eine Liebhaberaufnahme, die sie zwischen ihren beiden Kindern zeigt. Er hatte das Bild mit ihrem Apparat ausgenommen, als sie einmal einen Spaziergang durch den Tiergarten machten, und sie hatte ihm dann einen Abzug geschenkt. Bor niemand hat er das Bild verborgen. Aber als Hilde zum erstenmal in eine Wohnung kam, hat er es in ein Schreibtischschubfach eingeschlossen. Da liegt es jetzt noch, und er schämt sich, wenn er sich daran erinnert.
Er ist sehr einsam gewesen, als Irene Czsh von Berlin fortzog. Er »at viele Briefe an sie geschrieben, aber nur einen abgeschickt: den Bei- Ileidsbrief, nachdem er die Anzeige vom Tode der Gräfinmutter erhalten )atte, und dieser Brief hatte nichts mit all den anderen zu tun. Manchmal hatte er gehofft: eines Tages werde ich ihr all diese Briese geben Tonnen. Jedoch seit er Hilde kennt, denkt er nicht mehr an diese Hoffnung, schreibt auch nicht mehr.
Aber vergessen hat er Irene Czeh nicht.
Wenn er in den letzten Monaten fein Schreibtischschubfach aufschloß, oh er die Rückseite des Bildes; es lag mit dem Glas nach unten, mit lern Metallrücken des Rahmens nach oben. Er wagte nie, es urnzu- irehen. Aber er konnte sich nicht von ihm trennen.
*
Lore Schillings weih feit Tagen, daß Bernd Wallnitz in Dapper ist. dieser Leutnant von Wallnitz reizt sie. Sie hat mit verschiedenen Bekannten Bernds über ihn gesprochen und die unterschiedlichsten Urteile uhört: die einen halten ihn für einen Streber und Leisetreter, die andern ür einen famosen Kerl und wirklich guten Kameraden. Daß er gut aus- feht, weiß sie von Augenschein. Pa — ihr Baier — scheint zu glauben, aß mehr hinter ihm stecke als hinter anderen, sonst hätte er sich nicht I» lange mit ihm unterhalten damals im Winter auf ihrem Ball. Es bmmt aber noch eines bei Lore hinzu: sie hat ihn einmal mit einem fingen Mädel beobachtet, ohne daß er es wissen konnte; sie war mit e nem Motorboot der Werke eines Sonntags auf die Oberspree gefahren — sie selbst, wie sie es gern tat, am Lenkrad —, da war in der Nähe ron Hankels Ablage ein kleines Segelboot vor ihr ausgetaucht, in dem die beiden im Heck nebeneinander sahen, er hatte die Segelleine, sie das Cieuer in der Hand, und sein Arm lag um ihre Schulter: ein richtiges Eiebespaar. Etwas wie Neid war in ihr aufgeftiegen, denn sie hatte feit Ürern siebzehnten Lebensjahr den Glauben an das, was die Menschen Liebe nennen, verloren. Mit siebzehn hatte sie den ersten Heiratsantrag bekommen, und dann hatten sich diese Anträge in einer fast ununterbrochenen Folge wiederholt, in allen Sprachen und von Menschen mit d n verschiedensten Titeln, Prädikaten und Kronen hatte sie Werbungen onhören müssen, eine ekelhafte Kette verlogener Beteuerungen. Und da sihr nun dieser Bernd von Wallnitz, der ihr nie ein Wort der Schmei- ijslei gesagt hatte, ausgerechnet bei Hankels Ablage vor ihr her in einer frnei'amteit, die sie an dieser Stelle lebhaft an Fontanes „Irrungen — Wirru. >n" erinnerte, deren verliebte Stimmungen sie für ein längst »-getanes Märchen hielt.
Jetzt ärgert sie sich, daß dieser Wallnitz Tag um Tag verstreichen lögt, ohne seinen nachbarlichen Besuch zu machen, obgleich er wissen tufj, daß sie in Bleßdorf ist.
Als eine Woche vorüber, läßt sie sich an einem sonnigen Bormittag leir früh den Sandschneider anspannen und fährt allein vom Bleß- dcrfer Hof. Sie versteht mit Pferden umzugehen, hat Reiten gelernt und iff bei den Eltern ihrer englischen Pensionsfreundin in Wales sogar hiiter Hunden galoppiert. Sie lenkt erst in die eigene Forst, schlägt dann 1(er einen Sogen und kommt durch eine Schneise im Königlichen in den Dipperschen Wald. Sie denkt sich: er wird bei dem Wetter nicht im i):uie hocken, sondern sich Vaters Rehbestand für den Abschuß im näch- Stri Jahr ans eh en, denn diese jungen Herren sind alle mehr oder minder xdwütig, eine Leidenschaft, die sie nicht im mindesten teilt oder billigt.
Sie hat sich nicht verrechnet. Als sie an einen Waldrand kommt, k)t sie hundert Schritt abseits Bernd unter einer großen Buche stehen, t bat das Glas vor den Augen und beobachtet einen Sprung Rehe, die •u: der Stoppel die untergesäte Serradella äsen. Sie biegt vom Wege •b fährt auf das Feld und dicht bis aa ihn heran. Erst als die Rehe
flüchtig werden, bemerkt er sie und ihren Wagen. Er zieht seinen alten Jagdfilz und kommt auf sie zu.
„Guten Morgen, Herr von Wallnitz", sagt sie und fügt ehrlich hinzu: „Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, muß der Berg eben zum Propheten kommen. Ich habe Sie nämlich gesucht."
Er tritt erst an das Pferd, greift verständnisvoll in die Fahrtrense, denn der Fuchs tänzelt ein wenig, und der Wagen ist leicht. Er klopft der Stute beruhigend den Hals. Dann erst erwidert er ihren Gruß. »Ich bekenne mich schuldig", fügt er hinzu, „und bitte um Verzeihung. Aber ich hatte bisher noch keine Zeit."
Sie lacht. „Hören Sie, das ist nicht wahr. Ich finde zum Beispiel, daß Sie heute morgen ziemlich zwecklos hier herumstreichen. Ebensogut hätten Sie zu uns kommen können."
»Ich muß widersprechen. Auf Heimatboden umherzustreichen ist nie zwecklos. Aber das können Sie natürlich nicht verstehen. Wenn Sie drüben in Bleßdorf ausgewachsen wären, würden Sie wohl anders urteilen." Er will das eigentlich wie einen Scherz leicht hinsagen, aber es gelingt ihm nicht, die Worte werden ernst, fast grob.
Sie gibt sich nicht geschlagen. „Trotzdem muß ich bei meiner Meinung bleiben. Es hätte sich gehört, daß Sie bei uns vorgesprochen hätten." Auch in ihrem Ton ist Aerger.
Er läßt das Pferd, los und tritt einen Schritt zurück. „So werde ich pflichtschuldigst meinen Besuch heute nachmittag zur üblichen Berliner Teestunde nachholen. Wollen Sie bitte die Güte haben, mich Ihrer verehrten Frau Mutter anzukündigen." Er wartet einen Augenblick und denkt, sie wird nun anfahren, aber es geschieht nichts. Da verbeugt et sich, setzt seinen Filz wieder auf und tritt in den Wald zurück. Er hört noch, daß sie seinen Namen ruft, aber er beachtet es nicht. Er ist verärgert.
Sie wendet den Wagen und fährt auf dem nächsten Weg nach Bleß- dorf. Auch sie ist verstimmt: nicht einmal einen Scherz versteht er, sagt sie sich. Von Bleßdorf aus läßt sie durch den Diener nach Dapper telephonieren: Frau von Schillings bäte den Herrn Leutnant von Wallnitz, heute nicht zum Tee zu kommen.
Zwei Tage später fährt er dann doch nach Bleßdorf hinüber, trifft aber nur die Frau des Hauses. Lore sei leider nach Morgenitz hinüber» geritten, um sich bei Brandts die Zwillinge anzusehen, sagt sie. Allerhand Ächtung, denkt Bernd; von Bleßdorf nach Morgenitz sind gute dreißig Kilometer, hin und zurück also sechzig. Immerhin eine Leistung für eine Dame im Sattel. Ueberdies, stellt er fest, und es ist ihm fast eine Beruhigung, hat der dicke Schrnersow wieder einmal schrecklich übertrieben: natürlich ist in Bleßdorf vieles erneuert, der eine Flügel ist ausgebaut und hat ein neues Dach bekommen, aber sonst ist alles schlicht und einfach geblieben. Wenn etwas aus dem märkischen Rahmen herausfällt, so sind es die neuen Ställe. Ich wünschte, ich könnte Vater auch solche Kästen hinsetzen, muß er denken.
Am Abend vor Bernds Abreise holt der Vater ihn in fein Arbeitszimmer. „Ich habe noch etwas Ernstes mit dir zu besprechen, mein Junge, leider etwas recht Ernstes. Ich wollte dir deinen Urlaub nicht verderben, deshalb habe ich es bis heute verschoben."
Bernd ahnt, um was es sich handelt: Conrad. Wenn Vater so spricht, dreht es sich immer um ihn. Aber diesmal ist es schlimmer, als es je war. Conrad hat neue Schulden gemacht. Es ist dem Vater ein Wechsel über achtzehntausend Mark vorgelegt worden; ein Straßburger Winkelbankier hat ihn an den Getteidehändler ßabanter in Steppen weitergeschoben, und der ist nach Dapper gekommen, um sich zu erkundigen, wie der Herr Baron sich die Einlösung des Papierchens denke; es wäre doch eine Kleinigkeit für den Herrn Baron. Diese Kerle stecken alle unter einer Decke, von Königsberg bis Metz und von Schleswig bis München, weiter noch: über die Grenzen des Reichs hinüber. Der ßabanter hat dem Vater erzählt: seinem Geschäftsfreund in Straßburg wären eine ganze Reihe Wechsel, die Conrad ausgestellt hätte, angeboten worden; da hätte er Conrad noch einmal eine Summe zur Verfügung gestellt und bann alle Wechsel in einem vereint, nachdem er bei ßabanter angefragt hatte, ob der Herr von Wallnitz auf Dapper für achtzehntaufend gut fei, denn Conrad hätte gesagt, daß der Vater für diese Summe geradestehen würde.
„Und was schreibt Conrad, Vater?"
Der alte Wallnitz zieht einen Brief aus der Tasche: „Da — lies den Wisch!"
Bernd liest. Der Brief ist voller Ausflüchte und voll teeren Entschuldigungen: es hätten sich Rechnungen aufgehäuft beim Schneider und beim Schuster, auch im Kasino hätte Conrad Außenstände gehabt, und bann sei er einmal nach Straßburg gefahren, und da wäre gespielt worden, er wüßte selbst nicht, wie er mit hineingerissen worden sei, er hätte wohl zuviel getrunken. Der alte, verfluchte Satz steht natürlich auch da: „Spielschulden sind Ehrenschulden", und endlich die Versicherung: mit


