gleich mit der Antwort zögerte und lieber weitergespielt hätte Ja ich meine, daß ich manchmal nur deshalb nicht mein Ja rief, damit ich die vertrant« Stimme noch einmal hörte.

Eimsbüttel war um 1890 herum noch der Stadtteil der Vorgarten und der alten und schönen Bäume. ,

Wenn wir am Sonntagnachmittag ausmarschierten: wir mer Jungens so gut es anging, zwei zu Zwei und Hand in Hand voraus, die Eitern Arm In Arm hinternach so patrouillierten wir wohl den Eppen- dorser Weg hinaus beim großen Cohnschen Park vorüber, wo zu ihrer Zeit die Herbstzeitlose zu bewundern war, durch die dunkelgrüne Schatten­allee der Torquiststraße, wo es an heißen Tagen besonders erquickend anließ, die vornehme Emilienstraße längs und durch einen engen Redder mit schiefgesackten alten Weidenstrümpfen, die, nach Regenwetter gespen­stisch phosphoreszierten, in den ländlichen Heuhweg hinein. w

Dann stand unser Vater vor jedem Hohen, borkigen Baum, war es nun eine Eiche oder eine Ulme oder seine geliebte leuchtende Buche, eine Zeitlang still undbetete ihn an" wie meine Mutter es scherzend nannte. Und wo er etwas Besonderes sah, da brach er in laute Ver­wunderung aus und hantierte mit beiden Armen hoch in der Lust herum und rief:Kinder, die Rosen, die Rosen! Seht doch die lieben, lieben roten Rosen!" Und es mochte angehn, daß ihm vor innerer Er- grissenheit die Tränen über die faltigen Backen rannen.

Die Mutter und wir genierten uns dann und schoben den Vater unauffällig weiter. .

Daß in dem Herzen des Stadtoerbannten ine alte freie Bauern- seligkeit urplötzlich wieder aufgebrochen war- das verstanden wir Un­mündigen nicht. Und das verstand unsere Mutter auch nicht.

Und als das Alter ihm immer mühseliger ward, und als die kleinen Lichter der Freude am Wege immer mehr verloschen, da ging der Vater mit der heimlichen Flasche hinüber zum Fuselhöker Wedderm an der Chaussee und trank auf dem dunkeln Flur schon schnell den ersten Schluck und suchte zu vergessen. Das war ein falscher Weg, und er führte schnell bergab. Und 'wir achteten den Vater nicht mehr, wenn er schwankend nach Haufe kam.

Die Terrasse war lang. Und die Kinder waren spottlustig. Und es war eine furchtbare Qual, wenn ich den Vater so kommen sah.

Und einmal lief ich den Jungens voraus ihm entgegen und stützte ihn und sagte laut: dem Vater sei nur die Rangierlokomotive über den Fuß gefahren. Aber sie lachten alle desto lauter, und ich schämte mich.

Trotzdem: wenn in solchen Stunden die verschüttete Selbstherrlichkeit in dem Vater aufbegehrte und er uns Jungen hart , befehligte und auch die Mutter und wir aus Angst und um des Lärmens willen alles taten, was er verlangte, dann schlug mein Innerstes ihm heimlich dennoch entgegen, so sehr ich auch darauf acht gab, daß alle Fenster und Türen der Leute wegen geschlossen waren.

Und schreibe ich nicht meine eigene Selbstherrlichkeit in dieser Stunde, in der ich hier am Schreibtisch hocke, in lausiger Tinte auf billiges Papier?

Sei geruhig, alter toter Vater!

Was heißt das: eines Menschen Leben war reich? Und was heißt das: eines Menschen Leben war arm?

Ganz tief da drinnen, Vater, war *:ine Freude nie tot und wartete immer noch dein Herrgott.

Wenn die seligen Geister im Himmel Schach spielen sollten und warum sollten sie es nicht? es ist ein ruhiges, besinnliches Spiel des gesammelten Geistes, so wirst du sie alle nacheinander und lächelnd matt setzen. Denn das war deine Meisterschaft und deine letzte Freiheit.

Löwenjagd mit Ohm Piet.

Von F. G. Schmidt-Olden.

Sie wissen, daß Raubtiere keinem Menschen etwas zuleide tun. Und ich weiß das natürlich auch! Nur ist es nicht immer sicher, ob es auch gerade der Löwe weih, mit dem ich irgendwo in der Steppe zusammen- gerate..."

Der alte Bur greift nach seiner Doppelflinte über dem Türrahmen, klappt sie auf und pustet eine Wolke von Staub und Spinnenweben aus den Läufen. Dann fährt er fort:Aber wenn so ein Katzenvieh in die Viehherden einbricht, dann ist das das Klingelzeichen!"

Ich sehe verständnislos zu, wie der alte Afrikaner zwei grobe Schrot­patronen in feine Waffe stopft.Klingelzeichen wozu?"

Zum Menschenfresser", brummt der Bur und wischt mit dem Jacken­ärmel den dicksten Staub von seiner Flinte.Denn bann wird der Bursche steif und alt und kann nicht mehr jagen. Und Pension gibt's für ihn nicht. Jetzt reißt er noch ein Rind oder eine Ziege aber bald muß er an die schwächste und hilfloseste Beute den Menschen. Deshalb muß er heute noch in die ewigen Jagdgründe!"

Der Alte packt feine Flinte und fordert mich mit einem Kopfnicken auf, ihm zu folgen. Draußen stehen die beiden Massaihirten mit unseren Pfer­den. Wir sitzen auf und folgen den beiden Farbigen, die soeben die Nach­richt gebracht haben, daß in der Nacht ein Löwe aus dem Viehkral des Buren ein Rind geraubt hat. Am Hundezwinger pfeift der Farmer gellend auf zwei Fingern. Eine seltsame Meiste kommt angeprescht. Atredales, Burenhunde aus dem Süden und deutsche Schäferhunde umringen uns, aufgeregt blaffend und winselnd.

Bekommen selten geung Arbeit", knurrt der Bur.Erst muß mir ein Löwe oder Leopard ein Stück Vieh reißen, sonst verbietet die Regierung diese Art Jagd. Hat Angst, daß die großen Katzen ausgerottet werden. Auch der Tourist darf ja nur noch zwei Löwen auf seinen Jagdschein schießen..."

Mir wird etwas seltsam zumute bei dieser merkwürdigen Löwenjagd

Sie wollen doch nicht etwa mit Ihrer verrosteten Schrotspritze au Löwen schießen?" frage ich. Der Alte würdigt mich keiner Antwort uni), fetzt seinen Gaul in Galopp.

Sie Massaihirten traben vor Uns her. Mühelos arbeiten die langen ehnigen Beine, und nur der Zopf in ihrem Nacken mit der in der Spitze eingeflochtenen Patronenhülse wippt gleichmäßig auf und nieder. In der Steppe locken die fafanenartigen Frankolinen, und zwei Strauße tanzen unbekümmert ihren morgendlichen Twostep. Immer sechs Schritte voran bann eine Viertelbrehung und wleber sechs Schritte in der neuen Richtung. ~ L ,

Nach einer Weile zeigt sich ein dunkler Klumpen, der hinter einem Termitenhügel hervorragt. Die Ueberrefte des gerissenen Rindes. Ein- geweibe und Weichteile fehlen. Da kann der Löwe nicht wett fein, denn onft hätten Hyänen, Schakale und Geier längst reinen Tisch gemacht. Mit gesträubten Nackenhaaren umkreist die Meute den Kadaver, um dann im Galopp die Löwenfährte aufzunehmen. Durch stachliches Gestrüpp und verfilztes Gras geht die wilde Jagd über einen ausgetrockneten Bach. Ader dann wendet sich die Fährte und führt im Halbkreis zurück. Endlich verschwinden die Hunde in einem dicken Gebüsch. Und bann hören wir Siandlaut unb kurzes, brohenbes Fauchen. Der Farmer schwingt sich aus bem Sattel unb wirft die Zügel einem der Massais zu. Dann faßt er feinen Schießprügel fester unb bringt in bas Gebüsch ein.

Catch him catch'/' höre ich ihn brüllen, und die Hunde antworten jedesmal mit lautem Geheul. Ich reite etwas seitlich vor, bis ich über die Büsche sehen kann.

In blendendem Morgenlicht liegt etwa dreißig Schritt vor mir ein alter Mähnenlöwe unb äugt nach ber Richtung, aus ber bas Brechen und Krachen der Aeste und das anfeuernbe Geschrei bes Farmers tönt. In achtungsvoller Entfernung umkreist heulenb unb kläffend die Meute das mächtige Raubtier.

Plötzlich richtet sich der Löwe mit kurzem Ruck geschmeidig aus. Sprungfertig duckt er sich auf die muskulösen Vorderpranken nieder. Die halbrunden Gehöre liegen eng am Schädel. Die Lefzen sind weit nach oben gezogen und zeigen das furchtbare Gebiß mit den langen gelben Reißzähuen. Und das stöhnende, keuchende Grollen läßt den Gaul unter mir vor wah,.finniger Angst zittern, so daß ich ihn nur mit Muhe am Platze halten kann. t

Als jetzt das Knacken und Prasseln und das Schwanken der Busche am Rande der Lichtung näher kommt, hebe ich atemlos die schwere Pistole. Vielleicht kann ich bei dem nahenden Drama damit dem leicht­sinnigen Jäger zu Hilfe kommen!

Mit markerschütterndem Gebrüll springt der gereizte Löwe auf den Alten zu. Sofort sitzen aber die wie toll heulenden Hunde dem Raubtier in den Hinterpranken und auf zehn Schritt (Entfernung schießt der kaltblütige Bur. Ein mächtiger Satz nach vorwärts bringt den Löwen bis dicht an den Schützen ein Prankenhieb läßt einen unvorsichtigen Hund durch die Stift wirbeln unb bann wirft bie zweite Schrotlabung ben stolzen König ber Tiere steif unb leblos auf die Seite. Kläffend und heulend stürzt die Meute über den toten Löwen unb zerrt unb reißt roütenb an der dunklen Mähne ...

Merkwürdig kein Gefühl stolzer Jägerfreude steigt in mir auf. Eher eine leise Traurigkeit über das rühmlose Ende des tapferen Räubers. Und der Bur wirkt auch nicht wie ein stolzer Löwenjäger, als er jetzt geschäftsmäßig feinen Massais Anweisungen über das Streifen der Decke gibt und dabei am entblößten Unterarm bie Länge ber Mähne mißt. Fünfzehn Psunb sollten bafür herausspringen" murmelt er kritisch. Aber Bestie war eine gute Kuh und mindestens ihre acht Pfund wert"

Umständlich rechnet er mir auf dem Heimritt den vermutlichen Gewinn vor und zählt an seinen knorrigen Fingern die Verlustpfunde nach rück­wärts ab. Endlich ist er zufrieden und geht auf meine Einwände ein. Wieso unweidmännisch unb unsportlich' Weil ber Löwe keine Chance hat?"

Er lacht gutmütig unb zieht seinem ftolpernben Gaul nachbrücklich unb gewissenhaft zwei Hiebe über den glänzenden Schenkel. Dann klemmt ei­ben dicken Knüppel, den er als Reitgerte benutzt, unter ben Arm unb spuckt zufrieden einen Strahl braunen Tabaksaftes auf die staubige Steppe. Keine Chance hat! Soll er auch nicht, wenn er mein Vieh anrührt!"

Das leberfarbige Gesicht bes Alten ist unbewegt. Er hat keine Ahnung, daß er soeben ber schönen afrikanischen Tierwelt bas unerbitt­liche Todesurteil gesprochen hat. Denn überall nimmt bie fortschreitenbe Zivilisation ben Tieren ihre ßebensbebingungen ...

Noch immer tanzen bie beiden Strauße in der fotlnenflimmernben Steppe. Zebras unb Hartebeester galoppieren in übermütigen Sprüngen über bas braune Steppengras. Einsilbig reiten wir dem Farmhaus zu.

Nach dem Mittagessen sitzen wir beim_9oppje Kaffee", unb ber Far­mer rutscht unruhig auf feinem klobigen Stuhl hin unb her. Das Stirnen« Eell liegt, sauber geschabt und eingesalzen, auf der VerLnda. Endlich rückt er Bur mit feinem Anliegen heraus:

Wenn das Fell noch heute in die Stabt zum Hänbler kommt, spare ich viel Arbeit. Und so ein Tourist kann ja feine Jagdtrophäe gar nicht frisch genug bekommen. Sicher wartet schon einer mit Schmerzen daraus unb ba bachte ich, für Sie ist bas auf Ihrer Teufelsmaschine ein Katzensprung und für mich vier Tagereisen!"

Ich hole lachend mein Motorrad aus bem Schuppen. Und als bald darauf der Motor knatternd unb fauchend anfpringt, zeige ich einladend auf die zufarnmengerollte Samenbeete hinter meinem Sitz:Steigen Sie auf, Ohm Piet. In einer halben Stunbe sind wir auf guter Straße unb können aufbrehen. Dann können wir heute abenb noch ins King gehen..."

Der Alte wehrt erschrocken ab.Ich werde mich hüten, meine Knochen so einer Maschine anzuvertrauen! Dazu bin ich viel zu ängstlich..."

Er pafft aufgeregt dicke graue unb wenig wohlriechenbe Wolken aus seiner schmierigen Pfeife vor sich hin. Unb fein Brummen über ben neumodischen Seichtsinn klingt mir noch in den Ohren, als am Abend die Lichter Nairobis v»r mir aufblitzen ...

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühlfche UnivrrfitätSdruckeretR. Lange, Gießen.