Oie Liebesprobe. \

Von Paul Ernst.

Violette liebt mit ihrem ganzen Temperament Cinthio, und sie hat sehr viel Temperament. Cinthio sitzt ihr zu Füßen, spielt die Laute, hört mit dem Spiel aus, seufzt und spricht:Der Schnee deines Busens macht den Schnee eifersüchtig, in welchem der Heilige Vater seinen Wein kühlt.' Sie errötet, lacht und sagt:Du schmeichelst, Cinchio, aber das gefällt mir." Die andern Schauspieler erzählen, daß sie des nachts aufsteht, die Oellampe anzündet sie besitzen eine Lampe, die Verschwender! sie neben das Lager stellt und den schlafenden Cinthio verliebt betrachtet, indem sie flüstert:Er ist so schön! Wie bin ich glücklich, daß Cinthio mich liebt!" Sie liebt so, daß nicht nur das ganze Theater über sie spricht, sondern auch das Publikum. Eine verwitwete Contessa, welche ein Lehrgedicht über die Erbsünde gedichtet hat und jedes Jahr die tugend­hafteste Putzmacherin von Rom ausstattet, läßt sie zu sich kommen; die Contessa hatte eigentlich noch einmal heiraten wollen, aber da ließ sich ihr Sohn aus Malice einen langen Bart wachsen, und so ging die Partie wieder zurück. Die Contessa ermahnt sie, tröstet sie, weint; Violette wird so gerührt, daß sie mit weint; die beiden geben sich die Hände, fallen sich in die Arme, küssen sich, schwören, daß sie tugendhaft bleiben wollen. Schluchzend steigt Violette die.breite Marmortreppe hinunter; auf der Straße erwartet sie Cinthio, verlegen an den Nägeln kauend, sie nimmt seinen Arm, trocknet sich mit dem gemeinsamen Taschentuch die Augen und sagt:Du bist ein Verführer, wir haben über meine Sünden ge­weint." Cinthio ist betreten und stottert:Ich bin ein Verführer?" Dann aber steckt er die freie Hand in die Hosentasche, pfeift und macht Violetten auf ein hübsches Mädchen aufmerksam, das vorbeigeht und ihm einen langen schmachtenden Blick zugeworfen hat. Violette reiht sich von ihm los, hält ihre Hände kampfbereit und ruft:Ich kratze vir die Augen aus." Er nimmt schnell die Hand aus der Tasche und lagt:Es war ja doch nur ein Scherz."Solche Scherze liebe ich nicht', erwiderte sie bestimmt, nimmt wieder seinen Arm mit einem Ruck und führt ihn weiter. Er läßt sich führen; dazu kann er nichts, er ist nun einmal ein Mensch, der sich führen läßt.

Solange es ein Theater gibt, ist es noch nie vorgekommen, daß ein Schauspieler einen andern in ein besseres Engagement empföhlen hat. Es soll gelegentlich geschehen sein, daß er ihm ein schlechteres verschaffte. Mezzetin ist der erste, der dieses alte Herkommen bricht. Cinthio kommt nach Hause, geht im Zimmer auf und ab und ruft:Mein Talent kann B hier nicht entwickeln. Ich bekomme keine Rollen. Ich gehe hier fünft*

sch zugrunde. Rom ist für mich ein Capua." Verdrießlich sagt Vio­lette:Der Direktor ist ein Geizhals. Du stehst dych überhaupt noch nicht im Vorschuß. Andern gibt er immer, wenn sie kommen. Aber du bist nur zu anständig. Du hättest mich gehen lassen sollen."Vorschuß! Wer spricht von Vorschuß! Um meine künstlerische Zukunft handelt es sich hier!" erwidert Cinthio.Ich habe einen Antrag nach Palermo. Der Direktor ist hier. Er will gleich abschliehen. Er hat mit Mezzetin ge­sprochen, und Mezzetin hat mich ihm so empfohlen, daß er mich gar nicht ansehen will." , ,

Violette erhebt sich, bindet sich den Rock fest; es ist sehr heiß, und sie hatte es sich etwas luftig gemacht; dann tritt sie still vor ihn hin und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.Was bedeutet das?' fragt Cinthio;der Kontrakt ist fertig, ich brauche nur zu unterschreiben." Der Direktor muh ebenso dumm sein wie du", erwidert Violette.Wenn er einen Künstler bekommen kann, wie ich bin! ..." ruft Cinthio.Wenn Mezzetin dich lobt, so muß er doch einen Grund haben", erwidert ihm nüchtern Violette.Der Grund sind meine Leistungen", antwortet Cinchio; aber da fragt ihn Violette:Mezzetin ist doch ein besserer Schauspieler als du, würdest du denn Mezzetin loben, röenn ein Direktor sich bei dir nach ihm erkundigte?" Cinchio schweigt. .....

Violette besitzt ein Stück Spiegelglas. Das stellt sie im Fensterbrett auf, besieht sich, ordnet ihr Haar, das etwas struppig aussieht, wirft Cinthio einen schrägen Blick zu und sagt:Weißt du, weshalb Mezzetin dich forthaben will? Weil er in mich verliebt ist!"

Der Schurke!" donnert Cinthio.

Es ist also nicht mehr die Rede von dem Engagement in Palermo.

Liebespaare haben bekanntlich stets irgendwelche besondere Bezie­hungen zu Dingen, Orten oder Menschen, von denen andere Leute nichts wissen; das eine kann etwa das Lachen nicht zurückhalten, weny von einem Sofa die Rede ist, das andere wird öhne Grund rot, wenn man von einer Rasenbank spricht, ober es kichert, wenn man einen Konditor erwähnt. Eine solche Beziehung hatte unser Paar zu der Quelle der Nymphe Egeria. Man weiß, daß diese Quelle weit draußen vor dem Tore liegt und daß man wohl eine Stunde aus einem sehr sonnigen Wege großenteils zwischen hohen Mauern gehen muß, wenn man fie erreichen will. Uns Nordländern erscheint ein solcher Weg ja nicht so schlimm, ein Italiener aber hält ihn für eine fabelhafte Anstrengung. Violette hängt sich also um Cinthios Hals und bettelt:Wir wollen wieder einmal an der Quelle der Nymphe Egeria sitzen, weißt du, wie damals." Cinthio macht ein verlegenes Gesicht; er hat kein Geld für einen Wagen, noch nicht einmal für einen Esel; Violette lacht und sagt schmollend:Du liebst mich eben nicht mehr"; dem guten Cmthio fallt keine weitere Liebesbeteuerung ein, und fo muß er denn versprechen, den Wunsch zu erfüllen. Er hat Probe, Violette findet, er kann nicht ver­langen, daß sie mit ihm in der Mittagsglut auf der schattenlosen Straße wandert; die Straße ist nämlich so gelegt, daß gerade zu Mittag die Mauern nicht einen Fußbreit Schatten geben. Er verlangt das auch nicht und ist damit einverstanden, daß fie am Vormittag geht, Brot, Käse und einen kleinen Fiasco Wein mitnimmt und ihn erwartet.

Die Probe ist für Cinthio sehr unerfreulich; der Direktor behauptet, eher wolle er auf einem Schweinefchwanz Flöte blafen, als ihn ZU einem Schauspieler machen; ein Theaterarbeiter tröstet ihn fteilich und sagt, daß da der Neid mitspreche, bann borgt er ihn um zwei Solbi an; aber Cinthio macht sich jebensalls recht verstimmt auf den Weg.

Die Sonne Brennt unbarmherzig zwischen den hohen Mauern, de- Staub wirbelt durch (eine Fußtritte hoch, die Zunge klebt ihm am Gaumen, der Schweiß dringt ihm durch Hemd und Rock. Seufzenb denkt er daran, wie gut es jetzt die andern haben, welche zu Hause fein können, Rock und Hose ausziehen und sich schön kühl im Hemd auf ihr Bett legen dürfen. Endlich tritt er aus den hohen Mauern heraus, die Campagna liegt vor ihm, er sieht die Bäume, welche die Quelle um­stehen; nun späht er, ob er Biolettens rotes Kleid zwischen den Bäumen erblickt; er sieht nichts, er geht weiter, biegt links ab; da steht er zwischen den Bäumen, vor der Quelle, die leise zwischen alten Topfscherben und den Resten einer Strohmatratze aus der Erde quillt: Violette ist nicht da.

Betrübt setzt er sich auf einen antiken Marmorsarkophag; natürlich wirb es -Violetten boch zu heiß gewesen fein, sie ist offenbar lieber zu Hause geblieben; aber sie hätte ihn boch benachrichtigen können, denn nun hak er auch Hunger! So erquickt er sich benn burch einen Trunk aus ber Quelle unb roanbert traurig seine Straße zurück zu feinem Haus. Wie er ins Zimmer tritt, findet er auch hier Violetten nicht; sie ist offenbar ausgegangen, zu Freunden wahrscheinlich. Er findet auch nichts zu elfen vor; aber er ist so matt, daß ihm das gar nichts ausmacht; er wirst sich auf bas Bett unb schläft.

Er schläft tief unb lange. Als er aufwacht, ist es schon Abenb; vor ihm steht Violette in ihrem roten Kleid, mit glänzenden Augen unb leicht gerötetem Gesicht.Wo warst bu benn?" fragt Cinthio, indem er sich langsam erhebt;ich bin zu ber Quelle gegangen, aber ich habe bich nicht gefunben." Violette muß lachen, sie muß so lachen, daß sie sich aufs Bett fetzen muß. Cinthio sieht sie verwundert an und fragt:Wes­halb lachst bu. benn?" Violette antwortet:Es war mir zu heiß, ich habe Mezzetin getroffen unb bin mit ihm bei Bekannten gewesen."Ja, bas buchte ich mir wohl, baß es bie zu heiß war", sagt Cinthio,ich habe auch recht geschwitzt, es ist boch ein weiter Weg; unb hungrig bin ich nun auch, ich habe boch heute noch nicht gegessen."

Da erhebt sich Violette, mit beiben Hänben packt sie ben erschrockenen Cinthio vorn an ber Jacke, schüttelt ihn, ihre Augen sprühen, ihr Gesicht ist vor Zorn hochrot, unb sie schreit:Ich habe bich schwitzen lassen, ich habe bich warten lassen, ich habe dich hungern lassen, ich bin inzwischen mit Mezzetin zusammengewesen, von bem ich bir gesagt habe, baß er in mich verliebt ist, unb bu bist nicht wütenb, bu holst nicht ben Stock aus ber Ecke unb schlägst mich, baß ich vierzehn Tage nicht ausstehen kann? Geh! Du liebst mich nicht! Du bist eine Bestie!" Hier schleudert sie ihn von sich, daß er stolpernd auf bas Bett niedersinkt, dann schreitet sie zur Tür, und indem sie die Tür öffnet, ruft fie ihm noch zu:Ich gehe zu Mezzetin."

Mein Vater.

Von Hermann Claudius.

Was heißt bas: eines Menschen Leben war reich? Und was heißt bas: eines Menschen Leben war arm?

Mein Baier war bis zum 40. Lebensjahre ein kleiner Bauer im Holsteinischen. Der Hof brannte ab. Danach mühte mein Vater sich zum Bahnmeister an der AltonaKieler Privateisenbahn herauf unb gewann wieder wenige Jahre einer beschränkten Herrenseligkeit. Bis er als KOjähriger in zweiter junger Ehe und mit kleinen Kindern durch Schuld und Schicksal zum gehetzten Bürohilfsboten herabsank.

Er war ein Zwillingskind gewesen, mein Vater damals zu Sahms im Lauenburgifchen, 1825, als dem Pastor Johannes Claudius, auf dem noch das Helle Licht des väterlichen Ruhmes lag, von feiner zarten Ehefrau in derselben Nacht eine gesunde Tochter von fast neun Pfund und ein zages Knäblein von kaum dem halben Gewichte geboren wirb.

Der alte Dorfarzt meinte, bas Knäblein werde nach sieden Stunden sterben, benn es lag regungslos. Es starb nicht. Der alte Arzt setzte ihm erstaunt sieben Tage Frist. Es blieb am Leben. Aber am neunten Tage starb bie gewichtigere Schwester. Das Söhnlein kam auch über bas siebente Jahr hinweg, wiewohl es schmal und feberig blieb. Es ward ein sehr bewegter Jüngling und ward Mann unb Greis unb starb mit 77 Jahren, nachdem dieser Mensch, der August Hermann hieß, zehn Kinder gezeugt hatte: zwei Mädchen und acht Knaben, von denen zwar zwei Knaben und ein Mädchen früh verstorben.

Mein Vater war von fpitteliger Gestalt, aber warf sich gern in die Brust. Er hatte einen winzigen Kops unb ein schmales Gesicht, aber eine Giebelnase, bie scharf vorsprang und geroaltig wirkte.

Wieviele unzählige Male habe ich bei dieser Giebelnase den Vater zu zeichnen angefangen, wenn er nach bem fonntäglichen Mittagessen in ber Sofaecke eingenickt war unb die kalt gewordene lange Pfeife ihm noch lofe in ber Hand lehnte.

Solange ich zurückbenken kann, ist mein Vater der alte Mann gewesen mit grauen Haaren unb müben Füßen. Solange seine natürliche Macht als Erwachsener bem Kinde gegenüber ausreichte, hat er mich und meine Brüder nach feiner Weife, bie ber Ruhe bedürftig war, beschäftigt. Er brachte uns Bleistifte und bunte Kreiden mit unb ganze Stapel weißen Papiers. Er malte einem jeden von uns hunbertundein Dinge, die es gab ober nicht gab, in feiner sterotypen Art aus bem Handgelenk hm. Und wir malten alles eifrig nach, ich besonders. Meine Brust ist heute noch schmal davon. Ader baß ber Vater einmal mit uns burch alle Stuben tollte und laßt es immer nur brei enge Kämmerlein gewesen fein, wie meine eigenen Kinber es mit mir hundertmal bis zur prustenden Erschöpfung getan haben: das kannten wir nicht.

Darum als wir erst heraus hatten, daß die Erwachsenen auch bloß Menschen waren, brach sich unsere Natur Bahn, und wir gingen unsere eigenen Wege. Dennoch: wenn der Alte uns im Abenddäminern mit seiner bärtigen Baßstimme aus bem Stubenfenfter vom Spielen herausrieft Arniann! Matten! Luten Min Paul!" so weiß ich noch heute, welch Nestgesühl mich bei diesem Rufen ber Vaterstimme überrieselte, ob ich