Gründe des Widerstandes ihrer Eltern doch nicht, welche eben von Haus aus andere Absichten mit der Tochter hegten und mit ruhiger Milde und Liebe, aber ebenso großer Ausdauer an ihrem Plane festhielten.

So standen die Sachen, als Aglaja, die sich stets nach Hilfe umifah, den Salomon Landolt auf dem beschriebenen kleinen Umwege zum Freunde und Helfer warb, der er auch wurde.

Er begleitete sie getreulich bis zu ihrem Landsitze, den sie aufsuchen wollte, uni) holte sie gegen Abend dort ab, und als sie nach Hause kamen, hatte sie ihn ganz für sich gewonnen. Er liebte und bewunderte ihre Liebe, dergleichen er noch nicht gesehen, wurde sogar für den glück­lichen Geliebten eingenommen und hielt es für Recht und Pflicht und für eine Ehre, der schönen Aglaja zu helfen.

Erst sprach er mit dritten einflußreichen Personen in vertraulicher Weise und wußte die Eltern mit neuen Gesichtspunkten und Ratschlägen zu umgeben; dann sprach er mit Vater und Mutter selbst wiederholt, und bevor ein halbes Jahr verflossen war, hatte er die Wege geebnet und konnte der geistliche Herr die Braut heimführen. Sie hatte dem Freunde sogar den Titel Konsistorialrätin und Hofpredigerin zu danken, da er, um sie gut zu betten, di« erhabensten und gelehrtesten Korre­spondenten Zürichs in Tribulation gesetzt hatte.

Seine herzliche Teilnahme blieb ihr auch noch, als sie vier oder fünf Jahre später als einsame Witwe zurückkehrte; denn leider war der tiefe Glanz der Augen ihres Mannes zum Teil auch die Folge einer hek­tischen Leibesbeschaffenheit und er früh an der verzehrenden Krankheit gestorben. Ebenso verzehrend war freilich der brennende Ehrgeiz des Mannes gewesen, seine unaufhörliche Sorge für irdisches Ansehen, Be­förderung und Auskommen, und Aglaja mußte vor- und nachher nie so viel heftiges Berechnen von Einkünften, Zehnten und Sporteln erleben, wie in den kurzen Jahren ihrer Ehe. Desto gefaßter und ergebener schien sie jetzt ihre Tage zu verbringen.

Dieses waren nun die fünf weiblichen Wesen und alten Liebschaften, welche bei sich zu vereinigen es den Landvogt von Greifensee gelüstete. Zwei oder drei lebten in Zürich, die anderen nicht weit davon, und es kam nur darauf an, sie in der Weise herbeizulocken, daß keine von der anderen wußte und auch jede allein kam, in der Meinung, sie werde be­freundete Gesellschaft finden. Das alles beredete er mit der Frau Marianne und traf die geeigneten Veranstaltungen. Er setzte den letzten Tag des Maimonats für das große Fest an und ließ die Einladungen ergehen, welche sämtlich ohne Arg angenommen wurden, so daß bis dahin die Sache trefflich gelang.

Mit dem ersten Morgengrauen des 31. Mai stieg Landolt auf bte oberste Warte des Schlohturmes und schaute nach dem Wetter aus. Der Himmel war ringsum wolkenlos, die Sterne verglühten, im Osten be­gann es rosig zu werden. Da steckte er die große Herrschaftsfahne mit dem springenden Greifen auf den Wimperg der Burg, uni) hinter die Ringmauer stellte er zwei kleine Kanonen, um mit ihrem Donner die ankommenden Schönen zu begrüßen. Um sicher zu sein, hatte er dafür gesorgt, daß jede mit besonderem Fuhrwerk abgeholt und herbeikutschiert wurde. Die gesamte Dienerschaft mußte sich in den Sonntagsstaat hüllen; das Zierlichste aber war sein Affe Cocco, welcher, für diesen Tag be­sonders abgerichtet, als eisgraues Mütterchen gekleidet, auf einem mäch­tigen Haubenbande die Inschrift trug: Ich bin die Zeit!

Im Innern des Hauses stand die Frau Marianne als Haushof- meisterin bereit in einer verjährten, reichen Tracht mit katholisch-tiro­lischem Pomp; ihr war zur Seite ein schöner vierzehnjähriger Knabe, welchen der Landvogt eigens ausgesucht und in das Gewand einer reizenden Zofe gekleidet hatte, die zur Bedienung der Damen be­stimmt wäre.

Gegen neun Uhr erdröhnte der erste Kanonenschuß; man sah zwischen den Bäumen und Hecken gemächlich eine Kutsche daherfahren, tn welcher Figura Leu sah Als der Wagen vor dem Schloßtore hielt, sprang der Affe mit einem großen, duftigen Strauße von Rosen hinauf und drückte ihr denselben mit possierlichen Gebärden in die Hände. Den Rebus augenblicklich verstehend, nahm sie den Cocco samt den Rosen auf den Arm und rief im Aussteigen erfreut und voll Heiterkeit, indem der Land- oogt, den Degen an der Seite und den Hut in der Hand, ihr grüßend den Arm bot: ,,Was gibt es denn alles bei Ihnen, was bedeutet die Fahne auf dem Dache, die Kanone, und die Zeit, die Rosen bringt?"

Da sie ganz schuldlos und ihm die liebste war, so weihte er sie in das Geheimnis ein, und anvertraute ihr, daß heute alle fünf Bewußten hier Zusammentreffen würden. Sie errötete zuerst. Als sie aber ein wenig nachgedacht, lächelte sie nicht unfein.Sie sind ein Schelm und ein Possen­reißer!" sagte sie;nehmen Sie sich in acht, wir »erben Sie ans Kreuz schlagen und Ihren Assen braten, samt -feinen Rosen, singe aux roses! nicht wahr, Cocco, kleiner Landvogt?"

Kaum hatte er sie in die Wohnung hinaufgeführt, wo sie von Frau Marianne und dem Zofenknaben sogleich bedient wurde, so donnerte bas Geschütz von neuem, und es fuhren zwei Wagen gleichzeitig vor. Es waren Wendelgard und Salome, der Kapitän und der Distelfink, welche ankamen und sich schon auf dem Wege gegenseitig gewundert hatten, wer in der andern stets in Sicht fahrenden Kutsche sein möge. Diese zwei Damen wußten voneinander und ihren einstmaligen Beziehungen zum Landvogt; sie betrachteten sich schnell mit neugierigen Blicken, wur- ben aber bald abgezogen durch Cocco, der mit neuen Rosen gehüpft tarn, und Landolt, der sie, an jedem Arm eine, ins Haus führte.

Dort batte inzwischen Frau Marianne ihr erstes Examen mit Figura eben beendigt; da sie dieselbe unschuldig wußte, so verhielt sie sich gnädig und menschlich gegen sie; desto feuriger funkelten aber ihre Augen, als Salome und Wendelgard eintraten. Die Flügel ihrer Hakennase und die Oberlippe, auf welcher ein schwärzlicher Schnurrbart lag, zitterten leiden­schaftlich den zwei schönen Frauen entgegen, die einst vom Landvogt abgefallen waren, und es bedurfte eines strengen Blickes des Herrn, um die treue Haushälterin im Zaume zu halten und sie zu einem leidlich höflichen Benehmen zu zwingen.

Auch die Aglaja, die nun anlangte uni auf gleiche Weife empfangen

wurde, wie ihre Vorgängerinnen, mußte eine sehr kritische Besichtigung aushalten, da noch nicht entschieden war, ob die Tat, die sie an öanbolten getan, um einen Helfer in der Not zu gewinnen, verzeihlich oder un­verzeihlich sei. Die Alte lieh sie jedoch mit einem heimlichen Murren passieren, in Betracht, daß Aglaja immerhin einer echten Liebe fähig ge­wesen und nach der ersten Neigung geheiratet habe.

Kaum eines Blickes aber würdigte sie die Grasmücke, deren Ankunft die letzten Kanonenschüsse verkündigten. Was sollte sie mit einer Fliege, die gewagt hatte, mit dem Herrn Landvogt anzubinden, und sich dann doch vor ihm scheute?

Der Landvogt merkte gleich, daß die zarte Grasmücke, die so schon saft zitterte und nicht wußte, wie sich wenden unter den Prachtgestalten, ver­loren war vor der alten Husarin, und befahl sie mit wenigen heimlichen Worten in den hesonderen Schutz der Figura, die sich sofort chrer an- nahm. Im übrigen geschah jetzt ein großes Vorstellen und Begrüßen; die Figura Leu ausgenommen, sahen sich die hübschen Frauen gegen­seitig und übers Kreuz an und wußten nicht, woran sie waren; denn natürlich kannten sie sich alle vom Sehen und Hörensagen schon, ab- gesehn von der Schwägerschaft zwischen Wendelgard und Figura. Doch verbreitete letztere so gut wie des Landoogts glückliche Stimmung sogleich einen heiteren, vergnügten Ton; auch wurde keiner müßigen Spannung Raum gelassen, vielmehr ein leichtes Frühstück herumgeboten, in Tee und süßem Wein mit Gebäck bestehend Frau Marianne besorgte das (Ein- schenken, der Knabe trug die Tassen und Gläschen herum, und die Damen betrachteten alles neugierig, besonders die vermeintliche junge Zofe, die ihnen etwas verdächtig erschien. Dann beguckten sie fjerum- gehend die Wände rings, die Einrichtung des Zimmers und wiederum eine die andere, während Landolt eine nach der anderen höflich vertraut ansprach und mit zufriedenem Auge prüfte und verglich, bis sie endlich über ihre Lage klar wurden und merkten, daß sie in einen Hinterhalt geraten waren. Sie fingen wechselweise an zu erraten und zu lächeln, endlick) zu lachen, ohne daß jedoch der Grund und das offene Geheimnis ausgesprochen wurde; denn der Landvogt dämpfte unversehens die Fröh­lichkeit mit der feierlich ernsten Entschuldigung, daß er jetzo eine kurze Stund« seinem Amte leben und als Richter einige Fälle abwandeln müsse. Da es alles leichter« Sachen und kleine Chestrettigkeiten seien, meinte er, würde es die Damen vielleicht unterhalten, den Verhandlungen beizuwohnen. Sie nahmen die Einladung dankbar an, und er führte sie demgemäß in die große Amtsstube, wo sie auf Stühlen zu beiden Seiten seines Richterstuhles Platz nahmen, gleich Geschworenen, während der Schreiber an seinem Tischchen vor ihnen in der Mitt« saß, (Forts, folgt.)

Großmutter.

Bon Friedrich Hebbel.

Mit Ehrfurcht stand ich einst vor dir In einer ernsten Stunde, Den Segen, fromm, erbat ich mir Von beinern heil'gen Munde.

Du sahst nicht mehr, du hörtest kaum. Kalt waren deine Hände,

Und sprachst du, war's, als ob im Traum Ein Toter Worte fände.

Du strichst die Locken mir zurück. Dann frugft du manche Sachen Und batest mich, dein letztes Glück 5m Alter noch zu machen. Sie sagten mir, du wärest tot! - Dumpf riefst du's aus und weintest;

Da ward mir klar in deiner Not, Daß du den Vater meintest.

Von feinem Leben sprachst du nun, Als roärs mein eignes Leben; Ich sah ihn in der Wiege ruh'n, Mit Wonne dich daneben;

Ich gab durch manches schöne Jahr Gerührt ihm das Geleite;

Ich sah ihn endlich am Altar, An meiner Mutter Seite.

Manch schlichtes Glück erfreute ihn, Ich wurde ihm geboren;

Mein Bruder dann; jetzt aber schien Der Faden dir verloren.

Du stocktest plötzlich, brachest ab Und frugft, was nun gekommen; Ich dachte an sein frühes Grab, Doch schwieg ich, tief beklommen.

Du schluchztest, aufgetaut und weich, Als bättft du nichts vergessen, Und doch begännest du zugleich. Von einer Frucht zu essen.

Den Stuhl zum Ofen schobst du bann, Dich wieder einsam wähnend. Und fingest laut zu beten an, Dein Haupt vornüber lehnend.. Ich aber sah von fern die Zeit Auch mein schon dunkel harren, Wo mir die Welt nichts weiter beut, Als Gräber aufzufcharren. Und, weil dem schlotternden Gebein Sich noch versagt das Bette, Ich, selbst verglüht, in Gottes Sein Mich still hinüber rette.