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Siebener ^amilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (938 Montag, den r.Zebruar _________________Nummer U

Oer Lanövogt von Greifensee

Novelle von Gottfried Keller

6. Fortsetzung.

Auch hier erwies er sich brauchbar, indem er mit leichter Hand eine Guns und zwei Hasen zerlegte, worüber Aglaja aufs neue Freude und Beifall äußerte, und zwar wie jemand, dem es willkommen ist, solches tun zu können, obgleich die Gelegenheit davon herrührte, daß der Papa sich an einem Schwärmer die Hand verbrannt hatte und daher nicht selbst tranchierte. Als die Eßlust der munteren Schar gestillt war und Ge­räusch, Gesang, Musik und Tanz das Feld behaupteten, lehnte Aglaja sich zufrieden in ihren Stuhl zurück, vorgebend, daß sie vom Tagewerk nun ausruhen müsse, und es siel ihr leicht, ihren Nachbar neben sich zu bchalten. Sie unterhielten sich, von der lärmenden Herbftsreude ungestört, mit großer Kurzweil und ruhigem Genügen an schlichter Wechselrede. Aglaja sah den Salomon immer wieder mit forschender Freundlichkeit an, und wenn sie bann den Blick sinnend vor sich hin richtete, betrachtete, ec wiederum den reizenden Kopf und die anmutige Gestalt. Kurz und gut, sie wurden in diesen Stunden erklärte gute Freunde, und das liebenswerte Mädchen bat den jungen Mann beim Abschied förmlich, seine Besuche ja doch fleißiger zu wiederholen und einen getreulichen Verkehr, den sie nicht' gern entbehre, mit ihr zu unterhalten.

Sie wußte 'm der Folge denn auch immer neue Botschaft zu senden, etwas auszubitten oder Versprochenes zu erfüllen, das sie sich geschickt hatte ablocken lassen, und Salomon erwog im warmen Herzen, daß er jetzt endlich vor die rechte Schmiede gekommen sei.

Das ist eine", dachte er,die weiß, was sie will, und steuert offen und ehrlich, ohne sich zu zieren, auf das Ziel tos; ob dieses Ziel ein kluges oder unkluges ist, bin ich nicht so töricht zu untersuchen, da es mich selbst angeht. Jeder sehe, wie er zu dem ©einigen kommt!"

So wiegte er sich immer tiefer in einen Traum hinein, der süßer und lieblicher schien, als alle früheren Träume und ein rechtes neues Leben, klar und ruhig, wie der blaue Himmel. Doch scheute er sich mit unbewußter Vorsicht, die Klarheit zu trüben und die Sache zu übereilen, sondern genoß den Winter hindurch diese noch nie erlebte Ruhe in der Leidenschaft mit wachsender Sicherheit und um so inniger, als Aglaja mehr ernster als heiterer Stimmung war und oft sich einem träume­rischen Sinnen hingab, aus welchem sie dann unversehens die Augen auf ihn richtete.

Ei", dachte er,lassen wir das Fischlein auch einmal ein wenig znppeln! Diese Nation hat uns schon genug geplagt!"

Aber im Frühjahr gewann es den Anschein, als ob Aglaja selbst die Sache in die Hand nehmen wolle. Sie äußerte unvermutet den Wunsch, ihre vernachlässigten Reitübungen wieder aufzunehmen, und lenkte es mit geringer Mühe so, daß Landolt als ihr Begleiter und Lehrer aus- envählt wurde. Sie ritten also zusammen auf den schönsten Wegen der Umgebung, auf den Seestraßen und durch die hochgelegenen Gehölze, wobei Aglaja freilich zeigte, daß sie durchaus keines Unterrichtes mehr bedurfte. Desto vertrauter und mannigfacher waren ihre Gespräche, und sie teilten sich mit, was sie freute oder verdroß an der schönen Welt, auf der holperigen Erde.

Von den mehrfachen Liebesgeschichten Salomons mochte das eine oder das andere durchgesickert sein; gewiß war, daß von der Proselpten- direiberei aus das letzte Abenteuer in den Mund der Leute gekommen, chon weil das tragische Ende des Besuches und der feierliche Abzug mit )er Sänfte eine ausreichende Darstellung erforderte.

Hierauf bezog Landolt die Worte Äglajens, als sie bei einem Halt Urtier grünenden Linden, während sie die Pferde verschnaufen ließen, mit teilnahmvoller leiser Stimme zu ihm sagte:

tLiebster Freund, Sie chind gewiß auch schon recht unglücklich ge­wesen!"

Ueberrascht von der plötzlichen Frage, erwiderte er mit einem lachen­den Blicke bloß:O, es macht sich so! Ich kann fast sagen wie Vetter Stille, ich sei auch schon ein paarmal lustig ober unlustig gewesen in meinem ßebep!" Bei sich aber dachte er: Jetzt ist die Zeit da! Jetzt muß es geschehen! Aber sei es nun, daß er die Situation zu Pferde nicht für geeignet hielt, die Liebeserklärung mit den begleitenden Umständen einer solchen zu wagen, oder daß ein letztes Zögern der Vorsicht ihn bestimmte: er setzte die Pferde in raschen Trab, so daß die Unterhaltung abbrach. Ihn so wärmer aber drückte ihm Aglaja beim Abschiede die Hand, und taurn nach 'Hause gelangt, schrieb er ihr in wenigen Zeilen, wie lieb sie ihm sei. Sogleich schrieb sie ihm zurück, seine Heben Worte rühren, er­freuen und ehren sie; er möge sie morgen zu einem langen Spaziergänge abholen, ein schicklicher Vorwand werde sich finden. In aller Frühe kam

noch ein Briefchen, in welchem sie die Form und den Vorwand festsetzte, ein zufälliges Zusammentreffen zweier Besuche in gleicher Gegend, zweck­mäßige Begleitung auf Fußpfaden bei dem schönen Wetter und so weiter.

Landolt kleidete sich sorgfältiger als gewöhnlich, saft wie ein Lace- bämonier, der in die Schlacht geht; er tat sogar ein Paar Granatknöpfe in die Manschetten und nahm ein schlankes Rohr mit silbernem Knaufe zur Hand.

Auch Aglaja war schon im schönsten Sommerstaat, als er kam; sie trug ein weißes, mit Veilchen bedrucktes Kleid und lange Handschuhe vorn feinsten Leder. Der kostbarste Schmuck aber waren ihre Augen, mit welchen sie einen dankbar leuchtenden Blick auf Salomon warf, als sie ihm die Hand gab. Ungeduldig, wie einer, der in großer Angelegen­heit einen bedeutenden Schritt weiter zu kommen hofft, drängte sie zum Aufbruch.

Wie er die seltene Gestalt auf schmalem Pfade vor sich herwandeln sah, pries er in seinem Herzen jene schlanke Agleypflanze, mit ihrem Glocken Haupt, die ihn auf einen so lieblichen Weg geführt hatte. Ein Lusthauch rauschte leise in dem jungen Buchenlaub, unter welchem sie gingen, und regte leicht die Locken auf Aglajas Nacken und Schultern.

Es ist doch eine schöne Sache um die Sprichwörter!" sagte er bei sich selbst:Wer zuletzt lacht, lacht am besten, und Ende gut, alles gut!"

In diesem Augenblick wendete sich Aglaja und trat, da der Weg breiter wurde, neben ihn; sie gab ihm nochmals die Hand, eine schöne Nöte verklärte ihr Gesicht, und mit strahlenden Augen, die sich mit Tränen füllten, sagte sie:

Ich danke Ihnen für Ihre edle Neigung und für Ihr Vertrauen! Es muh und wird Ihnen gut gehen und besser, als wenn ich ausersehen wäre. Sie zu beglücken! So wissen Sie denn, daß ich selbst in einer selig- unseligen Leidenschaft gefangen liege, daß ein heißgeliebter Mann mich wieder liebt, ja, daß ich geliebt bin. Ihnen darf ist es sagen!"

Und so erzählte sie mit vielen leidenschaftlich bewegten Worten ihre Liebes- und Leidensgeschichte, daß es in Deutschland geschehen sei und einen Geistlichen betreffe.

Ein Pfaff!" sagte Landolt fast tonlos, und erst jetzt stolperte er ein wenig, trotz seines silberbeschlagenen Stabes, und obgleich nicht der kleinste Stein im Wege lag.

O, sagen Sie nicht Pfafs!" rief sie flehentlich;es ist ein wunder­barer Mensch! Sehen Sie her, sehen Sie in dies unergründliche Auge!"

Sie riß das Medaillon aus dem Busen, das sie an einem wohlver­borgenen Schnürchen trug, und zeigte ihm das Bildnis. Es war ein junger Mann in schwarzer Tracht, mit ziemlich regelmäßigen Gesichts­zügen und allerdings großen, dunklen Augen, mit welchen manche Maler Jefum von Nazareth darstellten. Man konnte sie auch schwarze Juno- augen nennen. Landolt aber dachte, indem er das Bild mit bitteren Ge­fühlen, aber starren Blicken betrachtete: es find die Augen einer Kuh!

Als sie es wieder in den weißen Bufen versorgte, war es ihm, als hörte er es dort leise kichern, nach dem Wort: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Die Geschichte, die Aglaja nun zu erzählen sortfuhr, war aber un­gefähr diese: Als halberwachsenes Mädchen schon zu einer blutverwandten Familie in der deutschen Stadt I. gebracht, um dort ausgebildet zu werden, hatte sie im Hause derselben den jungen Geistlichen kennen­gelernt, der ungeachtet [einer Jugend als Kanzelredner bereits in großem Ansehen stand. Er war sehr orthodox und hatte trotzdem einen Anflug damaliger pietistischer Schwärmerei; vom Göttlichen und Seligmachen- den, von unerschöpften Liebesschätzen und der ewigen Heimat der Men­schen sprach er so heißblütig und überzeugt, daß alles dies in [einer Person zugegen und verbürgt schien, und in Verbindung mit den be­strickenden Augen in dem jungen, unerfahrenen Mädchen eine unbe­zwingliche Sehnsucht nach dem Besitze seines Herzens erweckte, welche Sehnsucht durch eine überreiche Phantasie, die alles noch übergülbete und verklärte, zu einer süßbitteren glühenden Leidenschaft verstärkt wurde, die mit den Jahren wuchs, anstatt abzunehmen. Solch eine Leidenschaft, die sich natürlich bald verrät, hätte nicht in einem so schönen Wesen wohnen müssen, wenn sie nicht entschiedene Gegenliebe finden sollte. Allein die verwandte Familie sowohl wie bas elterliche Haus waren einer Verbindung aus mehr als einem Grunde abgeneigt, und je ernster der Seelenzustand der anmutigen Aglaja wurde, desto ernster wurden auch die Schwierigkeiten, die sich ihrem Sehnen und Wünschen entgegen« türmten, so daß sie zuletzt gewaltsam herausgerissen und nach Hause geholt wurde.

Da sie aber von tiefgründigem Charakter war, hielt sie nur um so beharrlicher an ihrer Neigung fest; sie wechselte "Briefe mit dem Ge­liebten, äußerlich ruhig, innen aber von nie ruhender Hoffnung bewegt, die aufs neue mächtig aufflammte, als der junge Priester, der einen großen Herren begleitete, auf einer Schweizerreise sie zu sehen Gelegen­heit sand und selbst in ihrem Hause Zutritt erhielt. Allein so geborgen seine Stellung und Zukunft schien, änderten sich die Dinge und die