Münster, Bild einer deutschen Stadt.

Von Dr. Hans Pflug.

Unter den deutschen Städten ist kaum eine zweite, die da» eigentliche Wesen einer Stadt, lebendige und allseitige Mitte eines großen Gebiets zu sein, so schön und sinnfällig verkörpert, wie Münster, die alte West­falenhauptstadt und das Herz einer Landschaft, die ihren Namen trägt: Münsterland. Etwas von der behäbig schweren, bewahrenden Kraft dieses Landes der bäuerlichen Einzelhöfe und umbuschten Wasserburgen des Adels ist auch der Stadt eigen, deren Türme wie ein Zinnenkranz über der weiten Ebene stehen, und in der alle Kräfte der Landschaft zufam- mengeströmt sind zu einem einzigartigen baulichen Gebilde, das in seltener Unversehrtheit bis auf unsere Tage erhalten blieö. Jahrhunderte haben daran gebaut, und jede Zeit hat ihr Bestes dazugegeben. So er­wuchs ein Gemeinwesen, das durch die Geschlechterfolgen hin als eine edle Frucht menschlichen Seins, geworden und geformt zugleich, Natur und Kunst zu einem schönen Ganzen vereinigt.

Wie bei vielen mittelalterlichen Gründungen ist das geistliche Wesen Such der Ursprung Münsters: Dom und Haus des Bischofs, Bibliothek und Kloftergarten, Schule und Spital, die aus den großen Ueberliefe- rungen des Abendlandes im Umlauf eine vielseitige kulturelle Tätigkeit entfalteten. Mimigardevord hieß der Ort in der germanischen Vorzeit, bis christliche Mönche dasMonasterium" gründeten, das der Stadt den Namen gab und den steinernen Kern in dem herrlichen romanifch^gotischen Dom, »dessen helles Grau durch die hohen Linden des Domplatzes schim­

mert. Aus dem geistlichen Bereich erwuchsen hier auch die schwersten Nöte, das Wiedertäuserwesen, an das noch die eisernen Käfige gemahnen, in denen die gerichteten Aufrührer zur Abschreckung am Thurm von Lam­berti aufgehängt wurden. Und geistlichen Ursprungs war der erhabenste Augenblick in der Geschichte Münsters, der Friedensschluß von 1648, der dem dreißigjährigen Völkerringen um die Glaubensfragen ein Ende setzte. Noch ist in dem Rathaus der Friedenssaal zu sehen mit den Erinne­rungen an die große Stunde Europas.

Die Friedensboten aber gingen von einem Hause der Bürger aus. Diese hatten sich im Mittelalter neben Adel und Bischof kräftig ent­faltet und in dem gotischen Rathaus mit seinem mächtigen Staffelgiebel und dem zierreichen Renaissancekleinod des Stadtweinhauses Sinnbilder ihrer Macht und zugleich Zeugnisse ihrer Kultur geschaffen. Den stolzen Bllrgergeist Münsters', das einst Hansestadt gewesen war, verkünden auch die stattlichen Patrizierhäuser am Prinzipalmarkt, der prächtigen Hauptstraße; hoch und schmal steigen hier die Giebel über den hellen Fensterreihen auf, unter denen die dunklen Laubengänge sich hinziehen. An Markt- und Festtagen kommen wie seit alters die Bauern aus dem Münsterland, wo die roten Höfe aus dem Gebüsch leuchten, umgeben vom braunen Acker und sattgrüner Weide, über die das gescheckte Vieh geht, das den Wohlstand des Landes begründet hat. Die vom Wind gewürzte Luft gibt allen Farben eine tiefe Leuchtkraft; diese strahlende Buntheit teilt sich an schönen Tagen auch der Stadt mit, wenn ihre Straßen da, fröhliche Gewoge der Menschen erfüllt.

Die feinsten und edelsten Kräfte des Landes strömten in seiner natür­lichen Mitte zusammen. Sie ist nicht nur der Sitz des weltlichen und geistlichen Regiments, ihre Mauern hegen auch die hohe Schule des Landes und manche Stiftung, die dem Wohl der Bürger und Landleute dient. Von besonderer Pracht sind die zahlreichen Kirchen, voran der Dom nfit seinem gewaltigen Gewölbe, daneben die hohe Halle von Lam­berti, dann Ueberwasser und Ludgeri und die kleineren alle bis hin zu der reizvollen Rotunde der Klemenskirche. Künstlerisch sind die weltlichen Bauten nicht von geringerem Rang. Der münsterländische Adel errichtete sich in der Hauptstadt seine großartigen und doch würdig schlichten Paläste, die winters ein reges geselliges und geistiges Leben erfüllte. War doch Münster unter Fürstenberg und der Fürstin G a l l t131 a zeitweise ein zweites Weimar und das Ziel vieler Reisenden von Welt. Was kann sich aber auch dieser adligen Kultur vergleichen, wie sie sich am vornehmsten und eindrucksvollsten im Erbdrostenhof kundgibt, der in enger Straße hinter dem schmiedeeisernen Gitter die architektonische Pracht entfaltet, die ihm Meister S ch l a u n verliehen hat. Mancher andere Adelshof stammt ebenfalls von feiner seinbildenden Hand, wie auch das mächtige Barockschloß, hinter dem sich der idyllische Schloß- garten dehnt mit alten Baumgruppen und lebhaft bunten Beeten zwischen verschlungenen Wegen. Nicht wenige schon haben gefunden, daß es sich in dieser Stadt wohl leben läßt.

Fast alles dies ist in dem nicht sehr großen Ring vereinigt, den der einstige Festungswall, heute die lindenbestandene Promenade, um die ältere Stadt zieht. In der Nähe des Aasees, wo ein Stück neues Münster entstanden ist, gibt es einen schönen Blick über Graben und Mauer auf die patinagrünen Dächer des Doms, den dunklen Turmstumpf von Ueberwasser und die feingliebrige Pyramide von Lamberti. Nicht weit davon ist der Zoologische Garten, dessen Schöpfer, der Professor Lan­ds i s, sich selbst ein Denkmal setzen ließ. Er war einer jener Käuze, die mit ihren oft seltsamen tiefgründigen Einfällen das Salz der Erde und das Ergötzen ihrer Mit- und Nachwelt find. Das Münsterland ist reich an solchen Naturen, doch wer kommt darin der barocken Fülle des Barons von Romberg glich, jenes letzten Junkers, der mit seinem Uebermut den ererbten Reichtum unter die Leute brachte und mit seinen Streichen die Stadt in Atem hielt. Bedürfte es noch anderer Beweise, um darzutun, daß diese Stadt sich auch auf das Leben versteht? Wo man für Zeit und Ewigkeit baute, war man dem Dasein in allen seinen Bereichen aufgeschlossen, war kräftig und zupackend in seinen Genüssen. Die guten alten Gasthäuser der Stadt, die kleinen gemütlichen Kaffees, die nicht den Ehrgeiz haben, modern zu sein, sondern noch die Atmosphäre früherer Zeiten hegen, sie haben manches zu bieten, wovon man schon in Büchern gelesen, von dem sich der Besucher aber mit seiner Zunge überzeugen muh, die zarten westfälischen Schinken, schwärzlichen Pum­pernickel, die weichen Stuten (ein Weizengebäck), der guten Getränke nicht zu vergessen, unter denen der klare Korn obenan steht.

Kraftvoll und offen sind die Züge der Stadt und des Landes, breit und wohlhiibig die Gesichter; und das Weftsalentum, das den Deut­schen manchen bedeutenden Kopf schenkte, ist klug und schlagfertig. Eine reiche Vergangenheit spiegelt sich im Bilde der Stadt und wird lebendig auf den Plätzen und in den Straßen, durch die wir schweifen, Fürsten­bergs Denkmal auf dem Domplatz betrachtend, oder das Sentschwert am Rathaus, das alte Zeichen des Marktes; in den. lauschigen Gäßchen mit den sonderbaren Namen wie Krummer Timpen, Katthagen, Bispinghaf, beim alten Buddenturm oder dem launigen Denkmal des Kiepenkerl. In einem jener stillen Winkel steht noch das Häus, das die größte deutsche Dichterin, Annette von Droste-Hülshoff, bewohnte, die wie eine zarte Blume auf diesem kräftigen Boden gewachsen ist.

Der Zauber Münsters liegt in der eigentümlichen Geschlossenheit seines Wesens, die sich in den Bauten nicht weniger kundgibt als in dem Volkstum und der Lage der Stadt in der Landschaft. Sie ist wie ein kostbares Geschmeide, aus dem Erbe der Jahrhunderte geschmiedet, von vornehm-stiller Art, verhalten in ihrem Wesen und doch durch­pulst von einem starken Lebensstrom. Wer Deutschland da kennenlernen will, wo das Land noch im Atem des Meeres liegt, und die Berge der Mitte fern sind, mag nach jener Stadt fahren, die ihrer urwüchsigen bäuerlichen Landschaft vorsteht und dabei dem höheren Dasein nicht abhold war, die sich allseitig ausbildete als ein Gemeinwesen, das jedem, . der seine Schritt nicht zu flüchtig in seine Mauern setzt, von seinen ge­heimen Kräften mitteilt, die aus ewigen Quellen fließen.

Schweine, vom angehenden zum hauenden Keiler und groben kampf- gewohnten, urigen Bossen lebendig in ihm geblieben,

Doch auch für ihn war der Weg zum kapitalen Hauptschwein viel- / geftaltig an Widerwärtigkeit, Gefechten und Leid. Welcher ganze Kerl von einem Jäger hätte sich nicht auch mit jenem Ungetüm von einem hauenden Schweine befaßt, von dem bekannt war, was er an schneidigen und braven Hunden im Lause der Jahre schon ins bessere Jenseits be­förderte! Oder, wem hätte es im Umkreise der Reviere unbekannt bleiben können, wie oft erfolglos auf ihn schon Dampf gemacht Korden war.

Konnte es da ausbleiben, daß man ihm ehrgeiziger als sonst einem feiner Sippe nachstellte mit Hatz und Trieb, Sitz und Pursch? So wurde der alte Basse ganz von selbst zum Objekt heißen Wettbewerbs unter den Männern der Grünen Gilde. Tod und Gefahr warteten seiner hundert­fältig auf Weg und Steg, in Busch und Feld. Wars auch oft knapp für ihn zugegangen, so war er verhältnismäßig gut dabei weggekommen wenn auch nicht immer mit heiler Schwarte. Das eine Mal erwischte es ihn nach einerNeuen" im Winter vor vier Jahren, als der mutige Kämpe im Trieb-von einem halben Dutzend schneidiger Hunde gestellt, kein Vor- und Rückwärts mehr hatte und von feinen schnittigen spannen­langen Gewehren notgedrungen Gebrauch machen mußte. Nun, das tat er kampfgeübt und gründlich. Erst als die zuckenden Leiber der hitzigsten Backer den zerstampften Kampfplatz rot um ihn färbten und eine knappe Gefechispause für ihn gekommen war, brachten ihm feine stämmigen, schnellen Läuse die Rettung durch den Rückwechsel. Da aber durchschlug ihm in voller Fahrt beim Durchbruch durch die Treiberkette die erste Kugel den hinteren Lauf. Und auch den einen Teller (Ohr) hatten ihm die Hunde zerfetzt wie ein Ahornblatt. Wochenlang suchte er im kühlen Schnee und Eiswasser Linderung des beißenden Schmerzes, vergaß bei aller Qual die nahenden Freuden des Hochzeitsfestes und verließ verbittert und enttäuscht seinen heimatlichen Bergwald. Lahmend wanderte er nach eingetretener Vernarbung weit ab und zog talwärts Groll und^unver- söhnlichen Haß gegen alle Menschlichkeit im Herzen.

Doch auch hier blieb er nicht lange unbemerkt. Denn wo der Basse seine Wechsel zog und brach, da sah es trostlos aus, und weder der rück­sichtsvolle und wildliebende Forstmann, noch der an Wildschaden ge­wöhnte Bauer konnten für die Güte seiner gründlichen Kulturarbeiten Verständnis aufbringen. Für halbe Arbeit war der Seiler nicht! Und da gefchahs zur Sommerzeit, als die Milch in den Hafer schoß und der Keiler allnächtlich schmatzend und klatschend seiner Vorliebe für diesen billigen und vegetarischen Stoss reichlich Genüge tat.

Das Vollmondlicht mochte in jener Nacht seiner Völlerei ein plötz­liches Ende. Langsam wechselte er dem nahe Walde zu, wo es bei seinem gesetzten Alter vorsichtig und ratsam schien, sich im Schlagschatten der Bäume unterzustellen. Da plötzlich erstarrte er: Witterung Gefahr! MitRuff" undWuff" wirft er sich herum und vertraut sich wie oft in seinem bedrohten Leden der Stärke und Schnelligkeit seiner Läuse an. Die beiden Bauern imHalbstock" der Randbuche waren aus dem Posten. Doch die waren nur Schießer mit rostigen Schrotspritzen keine Jäger, denen es jederzeit eisernes Gebot ist, ein hauendes Vierzentnerschwein mit Schildern, so dick wie eine Hand, nicht mit Schrot anzubleien wie einen Hasen. Um den Bassen prasselte und hagelte es und mehrfach zwickte ihm auch seine wetterfeste Schwarte, doch seinem Leben taten diese lächerlichen Körner alle nichts. Schlimm wars freilich mit dem Stechen im rechten Lichte (Auge). Das lief aus und der alte Haudegen blieb darauf fortan blind.

Wie immer, wenn es einmal hart auf hart gegangen und er Linde­rung irgendwelcher Art bedurfte, trieb ihn fein Sehnen ins Bad, das Junten im Bruche zwifchen Erlen- und Weidenbeständen lag, und in dem sich alle Jahrgänge feiner Sippe das tägliche Rendezvous gaben. Hier hatte kühles Grundwaffer und balfamifcher Moorboden schon so manche Wunde heilen helfen. Der tot auch feiner arg mitgenommenen Schwarte gut und für das brennende Gesicht war die kalte Flut mehr als Labfal. Und gewiß würde ihm die Zeit und die ihm eigene kernige Gesundheit auch über den häßlichen Schabernack der Nacht wieder glücklich hinweg- helsen. So schob er sich ganz vorn, wo der Bruch für die Schwächeren unzu- Sänglidj war, tief in den Morast ein und verträumte bald behaglich das hmerzliche Erlebnis, bas ja doch nicht das letzte für ihn fein follie.

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