Mein Jahr.
Bon Conrad Ferdinand Meyer.
Nicht vom letzten Schlittengleise Bis zum neuen Flockentraum Zähl ich auf der Lebensreise Den erfüllten Jahrestraum.
Nicht vom ersten frischen Singen,
Das im Wald geboren ist, x
Bis die Zweige wieder klingen, Dauert mir die Jahresfrist.
Von der Kelter bis zur Kelter Dreht sich mir des Jahres Schwung, Nein, in Flammen werd ich älter Und in Flammen wieder jung.
Von dem ersten Blitze Heuer, Der aus dunkler Wolke sprang, Bis zu neuem Himmelsfeuer ' Rechn ich meinen Jahresgang.
Besuch in der kaiserlichen Fechtakademie zu Kioto.
Von Max Dauthendey.
An einem Nachmittage fuhr ich mit einem Rikschawagen zur kaiserlichen Dfchiudschitsu-Schule hinaus, wo das Kämpsen in einem eigens dafür bestimmten japanischen Haus gelehrt wird. Ich erwartete ein paar Kämpfer in einem kleinen Saal zu sehen und wurde erstaunt, als mich der Rikschamann durch ein rotes Shintotor in einen weiten Park suhr. Der Mann kam mir schwerhörig vor, und ich befahl ihm von neuem: zur Fechtakademie zu fahren. Mein Rikschamann nickte und deutete auf ein großes rotes Haus unter grünen Bäumen gelegen, mit einem geschwungenen Dachfirst, der fast in den Himmel ragte. Bald darauf überraschte mich ein Gekläff, ein Geheul, wie von einem raufenden Tierhaufen und ein grelles Gewinsel wie von schnaufenden Bestien. Viele Schreie folgten, als stürzten plötzlich Tierhorden unter Blutspeien und das Maul voll Schaum aus dem Garten hervor, als bissen sich Jaguare und Tiger einander ins Genick, als krähten Hähne, als flögen plappernde Papageien auf, als jagten hufklappernde Pferde mit fliegenden Mähnen vorbei. Ich springe von dem fahrenden Rikjchawagen herunter und fasse den Rikschamann mit energischer Gebärde am Leinwandkragen und sage: „Nein, ich will nicht den Zoologischen Garten besuchen. Ich will zur kaiserlichen Akademie, wo man das Fechten lehrt." Der Rikschamann hört es, läßt sich aber nicht stören. Er will, scheint es mir, nicht aus dem Garten herausfahren, weist mit dem Kopf auf das Haus hinter den Bäumen und sagt: „Das ist der Fechtboden dort, wovon man von weitem die Fechter schon hört." Das Geheul tobte rings um mich. Ich traute mich fast nicht näher heran, denn mein Rikschamann hatte sich sicher geirrt. Wahrscheinlich werde ich eine Tierzähmung zu sehen bekommen, wo Löwen brüllend, durch Pechreisen setzen. Ich konnte meinen Rikschakuli nicht begreifen und mußte nun glauben, daß er im Saka-Rausch mich an einem falschen Tor absetzen wollte. Dann sah ich schon Türflügel offen stehen und drinneir in einem großen gelben Holzsaal, der das ganze Riesenhaus einnahm, tobten auf der ebenen Erde ringende Menschen und stießen die ohrenbetäubenden Riesenlaute aus. Spiegelblank wie in einem Tanzsaal war der Fußboden dieses hohen Raumes, der einem hellen polierten Schrank aus Zedernholz glich. Man sah keinen Stein und kein Eisen, man sah nur zartes gelbes Naturholz bis unters Dach. Kämpfer in altmodischer Rüstung, jeder mit einem großen Holzspeer bewaffnet, mit Drahtmaske und Schwert, und mit Dolch im Gürtel, springen sie einer auf den andern zu. Immer paarweise fegen die Speerstangen gegeneinander. Das ganze Haus ist in allen Fugen in Lärm eingehüllt: Schreie wie von heiseren Hähnen, Gebrüll wie von Tigern und dazwischen das Knirschen und Zischen zusammengebissener Zähne. Die Speere krachen aufeinander und das ununterbrochene Rufen der Kämpfer setzt sich fort, als könnte nichts mehr auf der Welt das Haus von den wütenden Kehlen befreien.
Drei Türen, jede wie ein Kirchenportal lang und hoch, führen hinaus ins Freie. Rings um den Saal, einen Fuß höher als der Fußboden, laufen Dielen, von wo aus die Kampflehrer den Kampf mit Genuß anfeuern, roo ich mich niedersetze und immer wieder von neuem staunen muß. Denn die Menschen, die vor mir wie wilde Tiere sich gebärden, die sich wie Kampshähne gesträubt anschauen, sind, wenn sie die lackierte schwarze Fechtmaske heben, junge adelige Mädchen, junge Samuraifrauen. Es war mir unmöglich zu glauben, daß dieses Wutschnauben, dieses Hähnekrähen, diese Bestienschreie den Kehlen japanischer Damen entschlüpfen könnten, daß diese Muskeln, die sich vor mir im Speerkampf stählen, Frauenglieder seien. In Staunen versunken betrachte ich die Kämpfer, die immer kampf- trunkener die Speere gegeneinander schlagen. Die eben kaum zu zähmen gewesen waren, nehmen jetzt ihre Masken von den erhitzten Gesichtern, wischen sich den Schweiß ab und reihen sich friedlich unter die Zuschauer ein. Diese kleinen Krieger sind japanische Frauen, mit Arm- und Beinschienen bewaffnet. Ich wollte, meinen Augen gar nicht trauen.
Das Kämpfen geschieht nach alten Kampsregeln. Wenn zwei gewappnete Kämpfer auseinander zugehen, legen sie den Speer vor sich nieder, knien voreinander und berühren mehrere Male mit der Stirn den Boden zum Gruß. Dann springen sie auf und nun schlägt Speer auf Speer. Jeder Schlag wird von einem gewaltigen Geschrei begleitet, von einem Geheul, wodurch sich der Kämpfer gefürchtet machen machen will. Darauf folgt der Anprall, der mit einem Hochsprung wie bei Kampfhähnen geschieht, dann prasselt Speer gegen Speer, und die Armschienen krachen, so daß es klingt, als ob die Kämpfer vor Eifer Blut speien. Noch hat man das Speergehämmer in den Ohren, da hört der Kamps plötzlich auf. Beide Frauen stehen regungslos und halten die Speere voreinander hin. Die eine duckt sich dann, und schnell schießt ein blankes Dolchmesser wie ein Blitz durch die Luft. Die andere, die bedroht wird, scheint wehrlos in die
Knie gesunken, ih, Ende zu erwarten. Dies ist dann der Schluß voni Uebungsspiel. Beide knien nun aus ihre Hände nieder, berühren wieder einige Male mit der Stirn den Boden zum Abschiedsgruß, lüften ihr« Masken und setzen sich unter die Zuschauer ober verlassen mit lässigem Gang die Kampfdiele.
Vor mir hatten sich zwanzig Frauenpaare zugleich gegenüber gestanden, deren Kampfeifer so stark gewesen war, daß ich aus ihretl Schreien alle Tierlaute der Erde zu erkennen meinte.
Dieser Frauenspeerkamps nimmt aber nur die Hälfte des großen Raumes ein. Die andere Hälfte des spiegelglatten Fußbodens ist mit dicken Binsenmatten bedeckt. Dort wird von fast fünfzig Männern zugleich der Kampf des Dschiudschitsu geübt. In losen weißen Hemdjacken und losen weißen Kniehosen kämpften die Paare und überklugen sich rote Akrobaten lautlos auf den Binsenmatten. Nur ein leises Geächze uni) Gestöhne konnte ich vernehmen und den dumpfen Fall' der stürzenden Leiber. Der Lehrer sah dabei, tadelte und lobte, während nebenan auf derselben Diele die Speerweiber schrien und heulten. Die fünfzig Männer, die dort alle zugleich, zwei und zwei, miteinander rangen, waren von allen Altern, Männer, Burschen und Knaben. Es war mit schwer aus den Haufen weißer Gestatten eine einzelne Kampfweise festzustellen. Ich sah nur ein lautloses Gewühl von Gliedmaßen, die sich wie Stricke zu ver-
Zwickeln schienen und nie wieder auseinander gehen wollten.
Mein Blick fiel dann auf den Thron des Mikado, das ist ein poliertet! Holzboden, nur zwei Fuß hock), ohne jeglichen Schmuck. Alle die in den Saal zu einem Uebungskampf kommen, verneigen sich zuerst vor der Thronerhöhung, als ob sie beteten.
Ein hundertfaches Schweigen empfing mich draußen, als Ich nachdenklich wieder in den Park hinaustrat. Ich sah über der Rasenmatte ein Japan aufsteigen, von dem ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte.
Sugenherinnerurgen eines alten Keilers.
Von C. W e i g e l - R ö ß l e r.
Auch er hatte feine „gute Kinderstube", der alte griesgrämige Grobian, der kapitale Basse, der den pilzsuchenden Weibern und Kindern und den ahnungslos dahingehenden Slusflüglern als schreckhafter Waldteufel, den Sonntagsjägern aber als flüchtige Traumgestatt jagdlicher Hoffnungen zufällig einmal erschien. Keiner noch indes hat ihn bisher auf die Schwarte legen können. Es war das Glück feines vierschrötigen, wilden Aussehens, haß denen bei seinem Anblicke das Staunen meist näher lag als das Schießen, wenn sich der ungeheuerlich schwarze Klumpen mit zornigem Grunzen, Pottern und Brechen vor ihren Büchsen noch immer rechtzeitig in Sicherheit brachte.
Da, wo das undurchdringliche, große Fichtendickicht auf unwegsamen, schwankenden Moorboden zum Seeufer auslief, hatte er in der Obhut 'der wachsamen Mutter mit der unruhigen Sippschaft feiner Brüder und Schwestern die ersten Wochen frühester Kindheit verbracht.
Allein — „was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten"! DaS galt auch für ihn schon am massigen, milchstrotzenden Gesäuge der duldsamen Mutter. Wie immer sie es anstellte, sich den hungrigen Mäulern ihrer Kleinen zu überlassen — immer zapfte er da, wo die Milch am reichlichsten quoll. Kein Wunder, wenn er unter all den acht Geschwistern zusehends bald der stattttchste war. Zugleich aber auch der zappligste und frechste von ihnen — das Sorgenkind der alten Bache. Wußte sie auch noch so geschickt jegliche Gefahr ihrem krabbelnden Nachwuchse fernzu- halten, so konnte sie es doch nicht immer verhindern, daß ihr der früh erwachte Tatendrang des Kleinen mancherlei zu schaffen machte. Früher als die anderen ratfelte er sich aus dem Lager davon, und Schmalzbacke fiel in ein seichtes 'Wasserloch, aus dem ihn die scheltende Alte quiekend und zappelnd herciushotte. Ein andermal, — es war an einem sonnenhellen frühen Sommermorgen — war die Mutter mit ihnen höher hinaufgezogen zum lichteren Hochwalde,, um ihnen weitere Anleitungen in der Handhabung ihres Gebreches (Rüssel) beim Suchen nach Erdmast, Gewürm und Bucheln zu geben. Lustig ahmten sie der Mutter nach, Laub und Humus zu heben. ,
Wieder war es Schmalzbacke, der sich in seinem jugenblidjen lieber- mut weiter von der trippelnden Gefellschast bis an einen Ort entfernt hatte, wo sich der hochstämmige Wald in allerlei Buschwerk und Boden- kraut verplemperte: fein ängstliches Geschrei brachte die alte Bache außer Rand und Band. Wie der leibhaftige Gottseibeiuns war sie in grenzen- loser Aufregung und Wut mit hochgesträubten Rückenborsten und zornfunkelnden Lichtern herangefaust, um ihn zu schützen. Noch ehe der rote Waldschrat seine blitzenden Haken (Reißzähne) tiefer in seine zarte, hell- gestreifte Schwarte hauen konnte, hieb ihn die unheimlich hlafende Bache in die Luft daß der Fuchsrüde weitab im Gebüsch landete und hinkend flüchtig wurde. Unglaublich schnell war das Verhängnis über den Frisch- ling hereingebrochen. Wie hätte er auch, der noch so Lebensunerfahrene, darauf achten sollen, daß sich zwischen Schachtelhalmen und Strauchwerk ein schlankes rotes Etwas ruckweise auf ihn zufchlich. Und zumal bei so köstlichen, ihm bisher noch völlig unbekannten leckeren Delikatessen, die er im Erdneste eines brütenden Vogels sand. Welch ein Genuß nach all den Tagen einförmigen Fraßes an quabbligen Maden, Larven und Käfern, die er aus Mutters freigelegten Erdfurchen schnappte.
Da durfte auch sie ihm nicht grollen, wenn er im panischen Schrecken beim Ansprunge des roten Räubers plötzlich jämmerlich zu klagen und schreien begann. So wie damals hatte er die fürsorgliche Alte nie wieder gesehen! Zornig funkelten ihre Lichter, und geifernd knirschte und wetzte sie mit ihrem mächtigen Gebreche, daß er wie seine Geschwister sich beinahe fürchteten. Dann aber mahnte sie alle mit unwirschem Rülpsen augenblicklich zum Ausbruch ins Lager. _ „ .
Dieser teuflische Ueberfall und die paar Schrammen an seiner Drossel (Hals und Kehle) waren ihm, dem heute fast sagenhaften starken Keiler, die stischeste und bemerkenswerteste Erinnerung an seine I^nst so ungetrübte, frohe Kinderzeit. Der Haß gegen das schleichende, rote Gelichter im Walde aber war durch all die Jahre feines Werdegangs vom zarten Frischling zum sürwitzigen Ueberläufer, von diesem zum angehenden


