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Vögel gleichzeitig schreien — Dutzende von Malen miterle
Mitunter treffen auf einem solchen engen Pfad zwei aus verschiedener Richtung kommende Tiere zusammen. Da wäre es nun natürlich das Leichteste von der Welt, daß der eine höflich beiseite träte; das aber würde ein Abweichen vom Wege bedeuten und das kommt gar nicht in Frage. Also halten die beiden an, um den Fall auszutragen. Sie find einander vielleicht oben auf einem Felsblock begegnet, in welchem Fall fte einander nicht haben kommen sehen; jeder von ihnen ist zufrieden vor sich hingewatfchelt, auf den Stein gehüpft — und findet sich nun dem andern
Dort ereigneten sich die meisten Schiffbrüche. Heute noch liegt in jenem Teil der Insel ein Stück Metallverschalung von einem gestrandeten Fahrzeug; zwei Pinguine pflegen ihre Brut darin aufzuziehen.
Zweimal war ich auf der Insel, und jedesmal kam ich in Sturmes» Begleitung an. Das erste Mal war 1921; damals wurde das mit Delmotor getriebene Fischerboot, in dem ich fuhr, dreimal zurückgeworfen, bis es uns endlich gelang, in die kleine Bucht einzufahren. Damals hielt ich mich nicht lange auf, nur gerade lange genug, um dem — jetzt erfüllten — Ehrgeiz Genüge zu tun, die Inselbewohner eingehend zu studieren. Und als ich ein Ruderboot zu Wasser lieh, das uns zu dem Verhältnis» mäßig geschützt hinter dem Rifs verankerten Fischerboot zurücktragen ollte, [prang der Sturm plötzlich von neuem aus, so daß wir infolge einer riesigen Woge kenterten und fast ertrunken wären.
Beim Durchblättern meiner Auszeichnungen über jenen ersten Besuch ist es mir interessant zu sehen, daß ich damals vieles, was mir der Eigentümer des Fischerbootes über die Pinguine mitteilte, mit derselben Skepsis beurteilte wie etwa seine Erzählung von einer Seejungfer — , mit Kopf und Brust wie eine Frau, durchsichtigen Augen und einem Fischschwanz" — die angeblich aus den Wogen aufgestiegen war und ihm über den Bootsrand geblickt hatte. Inzwischen aber habe ich mich überzeugt, daß die Lebensweise der Pinguine entschieden viel eigentümlicher ist als alles, was er mir davon erzählt hatte; vielleicht werde ich eines Tages wieder hingehen, um die Naturgeschichte der Meerjung-
Ausweichen zu zwingen.
Nach einer Weile tarnen die Ersten einer viele Hunderte starken Kolonne an. Ein paar Meter von mir machten sie halt, schauten mich an, sahen, daß es unmöglich war, um mich herumzukommen, ohne die Fährte zu verlassen, — und blieben einfach stehen, um zu warten, bis ich ihnen Platz machen würdeI
Merkwürdig ist dabei, daß die weiter hinten Anrückenden gar nicht danach zu fragen schienen, was eigentlich den Aufenthalt verursachte. Die vorderen Reihen hatten den erstaunlichen Anblick meiner sitzenden Person vor sich; die Hinteren aber bis zu mehreren hundert Metern rückwärts jedoch Trennten unmöglich wissen, was ihnen den Weg versperrte. Dennoch blieben sie stehen. Ich entsinne mich gut, daß man im Krieg, wenn so etwas bei einer Marschkolonne vorkam, ziemlich ungeduldig wurde. Diese Pinguine aber, denen die Ursache des Halls doch nicht bekannt sein konnte, legten durchaus keine Ungeduld an den Tag und machten nicht den geringsten Versuch, zur Seite zu treten, um das Hindernis zu umgehen oder auch nur herauszufinden, welcher Art es überhaupt war.
Ich glaube, wenn ich Geduld genug gehabt hätte, faßen die Pinguine und ich einander -itbd) heute gegenüber. Doch nach einer halben Stunde hatte ich genug davon, ich stand auf, zog mich zehn Schritt zurück und fetzte mich von neuem hin. Unverzüglich rückten die Pinguine diese zehn Schritt nach — und blieben dann wieder stehen, um zu warten, bis ich ihnen neuerdings Platz machen würde.
Diese vorbildliche Geduld und Noch lobenswertere Entschlossenheit, sich nicht von dem einmal gewählten Wege abbringen zu lassen, gewannen meine wärmste Billigung. Ich ziehe den Hut vor jedem, sei er Mensch oder Pinguin, der sich durch Hindernisse nicht abschrecken läßt, das zu erlangen, wonach er strebt, und auf dem einmal für richtig befundenen Wege auf fein Ziel loszugehen.
Also tat ich das einzige, was ein Sportsmann in solchem Falle tun konnte: ich gab mich besiegt.
Vierzehntes Kapitel.
Stürme. — Meerpferdchen und Meerjungfrauen. — Krebse. — Walfische. Nächtliches Erdbeben. — Ein gefährlicher Augenblick. — Die Wellenreiter.
Die Insel der Pinguine liegt in einem Meeresgebiet, das feit Generationen den Seeleuten durch seinen gefährlichen Seegang, seine heftigen Stürme und zu gewissen Jahreszeiten durch seine Zyklone und Antizyklone bekannt ist. Vorherrschend ist mehr oder weniger ein Südwestwind, der von diesen Breiten bis zu den .cheulenden Vierzigern"* allmählich von Süden stärker nach Westen abdreht, aus welchem Grunde in den Tagen der Segelschifsahrt der Kurs nach Australien mit Hilse dieser Westwinde um das Kap der Guten Hoffnung führte, während auf der Rückreise Kap Horn umschifft wurde.
Diesen ständigen Südwestwinden ist es zuzuschreiben, daß auf der Westseite der Insel die Seen schwerer sind und die Küste felsiger ist.
* Gemeint sind die Gewässer südlich des 40. Breitengrades (Anmerkung des Ueberfetzers).
gegenüber. .,, . ,
Wenn ich sage: „sie tragen den Fall aus", meine ich damit nicht, daß sie sich laut herumzanken. Zwar rufen die Pinguine einander gelegentlich etwas zu. Wenn das Pinguinweibchen allein auf dem Nest fitzt, schreit es oft um das Männchen heimzurusen, und dieses erkennt die Stimme seiner Gefährtin augenblicklich — mag es auch zwanzig Meter entfernt und durch eine Bodenerhebung von ihr getrennt sein oder mögen andere Vögel gleichzeitig schreien — und kehrt zum Nest zurück. Das habe ich Dutzende von Malen miterlebt. Im allgemeinen aber verständigen sich die Pinguine lautlos miteinander, indem sie dabei den Kops erst auf eine, dann auf die andere Seite legen, wobei sie in ihrem ganzen Gehaben große Aehnlichkell mll ein paar aufgeregten Franzosen zeigen.
Wenn sich zwei Pinguine also in dieser Art auf einem Felsblock begegnen, machen sie zunächst ihren Gefühlen durch lautloses Kinngewackel Lust, und schließlich schubst einer den andern kräftig hinunter, um feinen Marsch ungehindert fortzusetzen. .
Ich hatte leider nicht das Glück zwei ansehnliche Parteien auf einem Pfad zusammenftoßen zu sehen; in diesem Fall wäre zweifellos em heftiger Kamps entbrannt und schließlich die eine Partei gezwungen worden, kehrt zu machen. Zweimal aber stellte ich selber ein Experiment an, um zu sehen was sich bei gesperrtem Pfad begeben würde. Das erstemal spannte ich in geringer Höhe vom Boden, etwa in „Fußknöchelhöhe" für die Pinguine, einen Strick quer über den Pfad. Die Pinguine waren offensichtlich verdutzt und ziemlich ratlos. Zuerst versuchten sie darüber zu steigen, bei der außerordentlichen Kürze ihrer Beine war das aber schwierig. So erfaßte einer den Strick mit dem Schnabel und brachte ihn schließlich in der Mitte etwas in die Höhe, so daß viele darunter durchgehen konnten. Schließlich griffen sie zu viert den Strick an und rissen so lange daran hin und her, bis die Hvlzpflöckchen nachgaben, das Hindernis einstürzte und der Weg wieder frei war.
Das nöchstemal stellte ich etwas mitten im Weg auf, von dem ich sicher war, daß die Pinguine es nicht fortschasfen konnten — nämlich mich selbst. Ich wählte einen ziemlich schmalen Psad und setzte mich mit ausgestreckten Beinen auf den Boden, so daß die gebahnte Fährte vollständig blockiert war. Rechts und links daneben war freier Raum. Diesmal war ich sicher, die Pinguine geschlagen zu haben und sie zum
frauen zu erforschen!
Meerjungfrauen sind, soviel ich mich erinnere, stets untrennbar mit Inseln, Felsen und Wracks verknüpft — und ebenso mit Kämmen und Spiegeln. Die Insel der Pinguine wäre darum ein idealer Aufenthalts- ort für sie. Ich kann genau sagen, in welchem Becken sie leben wurden; das Wasser ist dort seicht und spiegelt die Umgebung prachtvoll wieder; hohe glattgewaschene Felswände umsäumen es auf drei Seiten, die vierte Seite aber steigt ganz sanft an, und dort würden dann die Seejungfern sitzen, den Schwanz im Wasser, und sich bas Haar kämmen und in das Becken hinabblicken, das ihr Antlitz wie ein Spiegel zurückwürfe...
Doch bevor ich etwas mehr Gewißheit über ihr Vorhandensein habe, darf ich nicht über die Meerjungfrauen schreiben. Und das ist auch gar nicht notig, denn die Insel beherbergt allerorten Geschöpfe genug, die es an Eigenart und Romantik durchaus mit ihnen aufnehmen können.
Da sind zum Beispiel die Seepferdchen — diese unglaubhaften Schup- pentiere, die wir erstaunt im Aquarium zu betrachten pflegen und die uns immer so unwirklich Vorkommen. Um wieviel merkwürdiger noch erscheinen sie, wenn man sie wie ich im offnen Meer nahe der Pinguininsel sieht! ... , ,
Dann ist da der Polyp, der sich in Felstümpeln aufhalt und manchmal nur ein paar Zoll weit zu greifen vermag, oft aber auch erheblich größer wird. Ich muß bekennen, daß er ein Geschöpf ist, das ich nicht liebe. In der Art, wie er seine Greiser ausstreckt, um alles, was in feinen Bereich kommt, zu umklammern, liegt etwas Unheimliches. Und grausig wie ein Albdruck ist die Borstellung, daß in der Nähe von Durban einmal ein — glücklicherweise toter — Polyp gesunden wurde, der zwöls Meter lange und mannsdicke Fangarme hatte. Schon ein kleiner Polyp reißt einen sich sträubenden Pinguin hinunter — welche Stärke muß dieser Riese gehabt haben, als er noch den Meeresgrund beherrschte!
Auch Krebse gibt es an den Rändern der Pinguininsel, und zwar nicht die kleine Art, wie sie immer in den bretonischen Gasthöfen serviert zu werden pflegt, sondern Geschöpfe nahezu von der Größe der Pinguine, die wie riefenhafte und bösartige Hummern aussehen. Dann sind da Delphine und Tümmler. Und Walfische.
Von Fischern in jenen Gewässern wurde mir erzählt, die Walfische schlängen die Pinguine „immer gleich ein ganzes Maulvoll auf einmal" hinunter und schätzten diese nahrhafte Speise sehr. Darum suchten sie die Insel auf. Es mag sich so verhalten, wenn ich auch geneigt bin, e5 zu bezweifeln, da ja bekanntlich die Schlingfähigkeit des Wals nicht übermäßig groß ist.
Fest steht jedenfalls das eine: daß es ungeheuer viele Walfische in diesem Meeresgebiet gibt. Ich habe sie in fünfhundert Meter Entfernung von der Jnselküste „blasen" sehen. Und an der sturmgepeitschten West- lüfte liegen die mehr oder weniger vollständigen Skelette von vier solchen Ungetümen. Ein riesiger Flossenknochen ragt einem Denkmal gleich dort auf, und daneben liegen mehrere Schädel, die die stets erfindungsreichen Pinguine sich als Unterschlupf zunutze gemacht haben.
Natürlich werden die Wale bei Sturm an Land gespült, und ich bedauerte sehr, daß während meines Inselaufenthaltes nichts so Großes und Aufregendes ankam.
An Aufregung anderer Art fehlte es uns hingegen nicht.
Eines Nachts saß ich vor meinem Zelt, weil mich der Mißklang des Pinguingeschreis wieder einmal nicht schlafen lieh. Ich weih noch, wie seltsam ich es sand, daß die Tiere sich von ihrem eigenen scheußlichen Lärm nicht stören ließen, obwohl ich mit Hilfe meines Grammophons herausgefunden hatte, daß wirtliche Musik sie sichtlich über die bloße Neugier hinaus feffelte.
Plötzlich verspürte ich, wie ich fo dasaß und eine finstere Wolke be- trachtete, ein deutliches Beben der Erde — und im Augenblick war das ganze Pinguingeschrei verstummt. Fast zehn Minuten lang ertönte fein Laut. Man konnte sich vorstellen, daß all die Tausende von Pinguinen sich gleich afrikanischen Eingeborenen angesichts einer solchen Naturerscheinung schreckexsüllt zur Erde geworfen hatten. Endlich rief einer fein Weibchen und allmählich setzte das Konzert von neuem ein.
Ein aufregender Zwischenfall, der mich selber in Mitleidenschaft zog, trug sich einmal zu, als ich mich auf der Jagd nach Photos bei sehr stürmischem Wetter auf ein Felsriff hinauswagte, das nur wenige Fuß aus dem Wasser ragte. Es lag in jenem Teil der Insel, den ich mit der Küste oon Cornwall verglichen habe: zu beiden Seiten des Riffs kochte buchstäblich der Brandungsgischt. In diesem Wasser konnte es unmöglich ein Lebewesen aushalten. Ich selbst bin ein recht kräftiger Schwimmer, dort aber wäre ich augenblirfs gegen den Felsen geschleudert worden, hätte das Bewußtsein verloren und wäre ertrunken. (Forts, folgt.)


