„Gewiß, wenn es Ihre Mutter erlaubt," n
„Die erlaubt es! Sie haben ihr sehr gut gefallen!
Er unterdrückte ein Lächeln, . ... ...
Sie deutete es anders und sagte schnell: „Mir haben Sie natürlich
auch gut gefallen, sehr gut sogar!"
„Auch Sie haben mir gut gefallen, Helga, sagte er, um überhaupt etro“$ßi'rtli4?eni)ann komme ich morgen bestimmt! Auf Wiedersehen!" Sie statte mit ihren langen, überschlanken Beinen in das HaUs zuruck. ^^„Mama", hörte er noch aus dem offenen Fenster, „morgen führt mich Herr Andreas auf seinen Speicher! Ich darf durch das Fernrohr gucken!
So kam es, daß Andreas aus seiner Einsiedelei herausgerissen und im Hause Meller ein gern gesehener Gast rohrbe. Nach zwei Jahren ging er in die Verwandtschaft ein, Helga wurde nämlich eine Andreas und Frau Meller Großmutter.
Auf ein Ei geschrieben.
Von Eduard Mörike.
Ostern ist zwar schon vorbei, Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es fei kein Segen, Wenn im Mai die Hasen legen? Aus der Pfanne, aus dem Schmalz Schmeckt ein Eilein jedenfalls. Und kurzum, mich tät's gaudieren. Dir dies Ei zu präsentieren. Und zugleich tät es mich kitzeln. Dir ein Rätsel draufzukritzeln.
Die Sophisten und die Pfaffen Stritten sich mit viel Geschrei: Was hat Gott zuerst erschaffen, Wohl die Henne? Wohl das Ei? •
Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht: Doch weil noch kein Huhn gewesen, Schatz, so hat's der Has gebracht.
Gang durch Belgrad.
Stadt zwischen Gestern und Morgen.
Von Josef Friedrich Perkonig.
Wie haben einmal seltsame Irrtümer das serbische Land dunkel gemalt. Haben wir nicht immer wieder den großen, schnauzbärtigen Komitatschi mit der langen Flinte sehen wollen, den unheimlichen, ewig unruhigen Wildling? Aber wir wollen es bedenken: westliche Vergangenheit ist eben noch östliche Gegenwart. Ging nicht über Belgrad, über Siidslawien erst die Sonne auf? Das junge, noch unsichere Licht dieser frühen Stunde liegt auf Stadt und Land, schon ein halbes Glänzen und doch noch der letzte Schatten der nahen Dämmerung.
Denn da sind noch die niederen, kleinen türkischen Häuser mit dem flachen Dach, unter dem sich eines der orientalischen Märchen begeben haben tonnte, da ziehen noch krumme, abschüssige Straßen, auf deren grobkugeltgem Pflaster die Hufe des Pferdes, das einen türkischen Aga trug, Funken schlug, da ruft noch ein Muezzin von dem letzten verbliebenen Minarett irgendwo am verschämt fortgerückten Ronde der Stadt. Aber man hat eine fast traurig stimmende Eile, diese alte Stadt zu verändern, bald wird man nicht mehr in dem Hause, an dem noch die Fürstin Ljubica gehalten haben mag, Früchte kaufen können. Die Maler werden trauern, die Dichter und alten Pensionisten, freilich nur lauter Menschen, deren schmerzliche Auflehnung zwar schön und vielleicht auch notwendig ist, die aber nicht gefragt, nicht gehört werden dürfen, wenn man die neue Hauptstadt eines neuen Reiches baut. Der erste Augenaufschlag eines erwachten Volkes zerstört unweigerlich seinen letzten Traum: was noch an seiner Wimper hängt, verflüchtigt sich bald.
Dositej Obradovic, der große, unruhige Wanderer — es scheint, als wollte er auch von dem Sockel im Park vor der Universität am liebsten entfliehen — hätte seine Freude an dem heutigen Belgrad. Ihm, der als erster das Gesicht seines Volkes dem Abendlande zuwandte, wären Lärm der westlich gewordenen Stadt, Geräusch der bauenden Hast ein unablässiger Gesang. Und was für verwunderte Augen würde Fürst Milos machen, der ganz Serbien als ein Bauerngut und die Beamten als dessen Gesinde betrachtete, der, zwanzig Jahre verbannt, nach seiner Wiederkehr als ein fröhlicher, bauernschlauer Tyrann mit seinem aufgebrachten Volke gemeinsam die Kanzleien ausräumte. Ja, die Freiheit schritt seit damals aus einer langen Straße, sie wuchs und wandelte sich, wie eben Irdisches wächst und verwandelt wird, seit Milos im Jahre 1815 vor der Kirche von Takovo die Serben zur Empörung gegen den verhaßten türkischen Herrn aufrief.
Immer noch entsteht dieser neu gewordene Staat: was sind wenige Jahre für einen so schwierigen geschichtlichen Prozeß? Belgrad ist der Kern des Kraftfeldes, um den sich, wie kosmische Rebel zum Stern, die Figuren verdichten, die, teils schon von Legenden umrankt. In die heldische Erinnerung der Ration eingehen werden. Hier ist große Historie noch in lebenden Gestalten menschlich nahe. Erscheinungen, die später
«llnmal in ihren Denkmälern dauern werden, Generäle Politiker, Dichter und Zeitungsschreiber gehen, umvaunt, bestaunt und verdammt, mit irdischen Schwächen behaftet, als Zeitgenossen durch die Stadt, die sich bald anschicken wird, sie in Galerien, leeren Hallen und Gedenkfeiern zu verewigen. Ein Volk, das ein halbes Jahrtausend hindurch immer wieder aus dem Joche eines gewaltsamen Herrn, wie es der Turke war, auszubrechen versuchte, muß seine Helden nicht erst mühsam wählen, eine treue Uebertieferung bewahrt ihre Namen auch drunten im tieferen ßctnbc.
Dies ist in Belgrad für den Empfindsamen ein Bewegendes: daß er an den Schultern der Zeit ruht. Noch leben Greise, die den Jubel der endlichen Erlösung als einen nicht mehr schweigenden Nachhall in den Ohren haben: und das war 1867, als der letzte osmanische Soldat serbische Erde verließ; noch sitzen die jüngsten Freiheitsdichter in einer Kafana beim rauchenden schwarzen Kaffee, noch kann man ehemaligen Freischärlern begegnen, die sich, düster den Feldzügen nachhangend, m den Frieden nur schwer und widerwillig fügen. Kaum ist der Staat in seiner Schmelzglut erstarrt.
Alle die Männer, die in Gasthäusern mit sonderbaren Namen, wie „Zu den zwei Damaszenersäbeln", „Zu den drei Hüten", „Zu den sieben bloßfüßigen Kellnern , gerne gut essen und viel trinken, sie haben genug Krieg gehabt. Es gibt nicht wenige, die kamen überhaupt nicht mehr aus der Uniform, es fehlte nicht viel und sie wären Obersten der Reserve geworden. An den Wirtshaustischen, wo Offiziere, Minister, frühere Abgeordnete, manche von ihnen den Hut auf dem Kopf, wie es zu einem Bauernlande gehört, neben ganz einfachen Leuten fitzen, kommt man den Belgradern sehr bald nahe. Sie sind heiter, freundlich und bespötteln sich selbst nicht ungern. Sie sind glücklich, wenn man ein ihnen Gehöriges bewundert und schön und eigenartig nennt.
Das echte Belgrad ist auch bei dir, klein« schmucklose Stube des jungen „Aradin", wo der Wirt mit den roten Wangen und den weißen Haaren eigenhändig Truthahn und gefüllte Wachteln aufträgt und wo man den goldgelben Wein von Smedrovo trinkt; Belgrad ist dort, wo hohe Beamte, Dichter, Gelehrte, Menschen, di« in westlicheren Städten den Zusammenhang mit der uralten Seele ihres Volkes schon fast verloren hatten, zu den Melodien der serbischen Volkslieder, die ihnen Zigeuner geigen, wieder die alten Texte singen.
So wie nicht der Konaks' neue Paläste und junger Reichtum allein Belgrad sind, sondern neben ihnen die alten Stadtteile, verschämte Häuser und gestrige Armut, so sind Belgrad auch nicht nur die kleinen, pariserisch eleganten Frauen, denen der Mund wie eine purpurne Wunde im Gesicht glüht, die hochgewachsenen, dunkelhaarigen Ptänner, Belgrad ist ein seltsames Gemisch, seine Straße ist ein Bilderbuch. Abgesandte ferner Landschaften des weiten Reiches, schreiten stolz die hageren Männer in der verwirrenden Stadt, Mazedonier, Bosnjaken, Dalmatiner, in buntem, nach der strengen Regel ihres Stammes geschnittenem Kleid. Serbische Bauern mit der spitzen schwarzen Mütze, mit den Lederopanken, die in einem aufgeschwungenen Schnabel enden, kommen auf den Markt. Zerrissene und gestickte Albanesen, Holzarbeiter, wohl auch Handlanger drunten im Savehafen, wo sich Schuppen und Kähne fast über Nacht mehren, gehen, Säge und Axt auf der Schulter, etwas wie Hochmut in hem kühn gehauenen Gesicht,'in Schöcken zur Arbeit ober lungern auf einem Platz. Und nicht umsonst hat General Wrangel eine russische Armee hier zerstreut; so empfing Belgrad auch Anteil an Asien. Und nun schauen vom Kalimegdan, zu dem einst drüben in dem weiß leuchtenden Semlin Prinz Eugen die Faust hob, ehe er die Brücke schlagen ließ, auch mongolische Augen hinunter auf Save und Donau.
Drunten im Süden, schon in bläulichen Dunst getaucht, steht der Berg A^ola. Heldengesänge kreisen um ihn; überhaupt: welcher Gipset wäre hier verwaist, wo jeder Brocken Erde Blut in sich gesogen hat? Guslaren fingen noch die Lieder, aber viele von ihnen sind schon vergessen, unter ihnen vielleicht schönere als der „Morlakische Klagegesang der edlen Frauen von Asan Aga", den Goethe nachgedichtet hat. Als er damit „die scheue und wilde Muse des serbischen Volksliedes an der Hand in den Saal der Weltliteratur einführte , da kannte er nicht einmal die Lage des Amselfeldes. Er hat dies und manches andere über Serbien erst von Karadzic erfahren.
Als dieser kluge und gesunde Serbe — viele, die aus dem starken Bauernlande kommen, haben die robuste Natur des unverwüstlichen Fürsten Milos, der noch als achtzigjähriger Greis ohne Beschwerden eine rohe Hammelniere frühstücken konnte — durch Goethe, Wilhelm von Humboldt und Jakob Grimm beinahe eine literarische Mode Deutschlands wurde, als er, Mitglied der Berliner königlichen Akademie der Wissenschaften und anderer gelehrter Gesellschaften, in jener die Würde eines Ehrendoktors empfing, da hatte er daheim bereits die tiefen Quellen des Volkstums entdeckt und das frische starke Volksserbisch zur neuen Sprache feiner Heimat gemacht. Dieser serbische Luther, der für feine Spvach- schopsung anfangs in seinem Lande verfehmt, schlug die erste Brücke von Serbien zu Deutschland hin. Und Goethe ging als Erster darüber...
Noch bestimmt das Gegenständliche das Gesicht des jungen Reiches, der jungen Stadt. Wie einst der serbische Bauer mit der Linken die Waffe sortschob und mit der Rechten wieder nach dem Pflug griff, so berühren sich hier heroisches Gestern und idyllisches Morgen. Es ist mehr als nur der wehmütige Seufzer eines alternden, immer unruhig gewesenen und nun endlich feiernden Wanderers, es ist auch noch für heute ein Sinnbild, wenn der große Dositej Obradovic, der ewige Bummler, 1810 in einem Brief schreibt: „Mein Weinberg hat zu gedeihen begonnen und anitzt wird mein Faßwerk voll Weines fein. Meine Zuber find voll Käse und Fett, die Mulden in der Speisekammer fließen von Milch über, die mit dickem Rahm bedeckt ist. Die ßämmlein Hüpfen auf meinem Hof umher und längs der Mauer blühen Linden, unter denen die Nachbarskinder Flöte spielen. Kleine Mädchen, die einen blondhaarig, die andern schwarzäugig, tanzen freudig umher. Ich habe auch eine kleine gescheckte Kuh und ein geschecktes Kalb, wahre Wunder für meine Augen..."
Dernntwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühlfche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.


