Oer Nöck.
Von August Kopisch.
Es tönt des Nöcken Harfenfchall: Da steht der wilde Wasserfall, Umschwebt mit Schaum und Wogen Den Nöck im Regenbogen.
Die Bäume neigen Sich tief und schweigen, Und atmend horcht die Nachtigall. —
„O Nöck, was». Hilst das Singen dein7 Du kannst ja doch nicht selig seinl Wie kann dein Singen taugen?" Der Nöck erhebt die Augen, Sieht an die Kleinen, Beginnt zu weinen ...
Und senkt sich in die Flut hinein.
Da rauscht und braust der Wasserfall, Hoch fliegt hinweg die Nachtigall, Die Bäume heben mächtig Die Häupter grün und prächtig.
O weh, es haben Die wilden Knaben Den Nöck betrübt im Wasserfall!
„Komm wieder, Nöck, du singst so schön! Wer singt, kann in den Himmel gehn! Du wirst mit deinem Klingen Zum Paradiese dringen!
O komm, es haben Gescherzt die Knaben.
Komm wieder, Nöck, und singe schön!"
Da tönt des Nöcken Harfenschall, Und wieder steht der Wasserfall, Umschwebt mit Schaum und Wogen Den Nöck im Regenbogen.
Die Bäume neigen
Sich tief und schweigen, Und atmend horcht die Nachtigall.
Es spielt der Nöck und singt mit Macht Vom Meer und Erd und Himmelspracht. Mit Singen kann/r lachen Und selig weinen machen! — Der Wald erbebet, Die Sonn entschwebet...
Er singt bis in die Sternennacht!
Blick in die Zukunst.
Eine Geschichte von G e r t L y n ch.
Gebt euch keine Mühe, denn chr werdet es doch nicht erraten, was das lange, schlanke Paket enchält, das Andreas aus der Stadt mit» brachte. Das blanke runde Ding, unter der Hand spottbillig gekauft, ist «in Fernrohr, das man dreimal ausziehen kann und mit dem sich alles beobachten läßt, was in der Bucht und auf dem See draußen los ist.
Es war just das richtige Wetter, die Leistung des Fernrohrs fest- zustellen. Der Dunst, der meist die Ferne verhängte, war gewichen. Steif und durchsichtig stand die Lust über dem See, und die Zacken der B erge ragten scharf in den Himmel.
Andreas sUeg in den Speicher hinauf, nahm den verstaubten Fensterkreis aus der Giebelwand, befestigte das Fernrohr auf dem Dreifuß und richtete es auf das gegenüberliegende Ufer. Das einzelne Haus, mit bloßem Auge gesehen ein weißer Fleck, war jetzt in allen Teilen erkenntlich. Ueber der Brüstung des Erkers hing eine Bettvorlage. Am Fenster standen Zimmerlinden und Gummibäumchen. Neben dem Hause, aus der hellen, geschälten Antennenstange, hockte ein Rabe. Im Garten war ein Mädchen beschäftigt. Der grelle Rock leuchtete. Der Zopf baumelte. Es beugte sich über ein Beet und stach anscheinend Feldsalat. Dann ging es zum Brunnen, zog etwas vom Finger, wahrscheinlich einen Ring, legte diesen auf die Umfassungsmauer und wusch sich die Hände.
Plötzlich hielt das Mädchen aufhorchend inne und eilte davon. Andreas verfolgte es mit dem Rohr zur Gartenpforte, die zur Straße hinausführt. Hier hielt ein kleiner Wohnwagen mit einem Pferdegespann. Der Fahrer, der wohl die Glocke gezogen hatte, lüftete die Mütze und hielt, auf die Pferde weisend, den teeren Eimer hoch
Das Mädchen öffnete das Gatter und ließ den Fremden eintreten. Dieser schritt mit dem Eimer zum Brunnen, während das Mädchen an der offenen Pforte stehenblieb.
Andreas nahm wieder den Brunnen auf das Korn und sah von der Umfassungsmauer, noch ehe der Mann dort anlangte, den Raben auf» Wiegen, der vorher auf dem Antennenmaft saß. Es war schwer, doch 's gelang Andreas, den Vogel im Blickfeld zu behalten. Er flog, bald swher, bald tiefer schwingend, in südöstlicher Richtung davon und landete 'm Zwiebelturm des nahen Schlosses.
Als Andreas das Rohr wieder auf die Gartenpforte richtete, wurden gerade die Pferde getränkt. Dann schüttete der Fahrer den Wasserrest tus und stieg auf den Sitz. Die Pferde zogen an, und der grüne Wagen vackelte weiter ...
Andreas' Blick kehrte zu dem Mädchen zurück, das wieder mit einer Schüssel am Brunnen stand und den Salat spülte. Aus einmal änderte sich das ruhige Bild. Eine Hast kam über das Mädchen. Es untersuchte
den Brunnenstein und die Brunnenmauer. Dann kniete es neben dem Brunnen nieder und tastete immer und immer wieder über den Kies.
Nanu, wunderte sich Andreas, was sucht denn die Kleine so krampfhaft? Da siel chm der Rabe ein, der am Brunnenrand gewesen war. Sollte das Rabenvieh etwa gar —?
Er sah das Mädchen aufstehen und in das Haus rennen. Gleich darauf kam es mit einer älteren Frau, der Mutter sicherlich, wieder heraus. Nun suchten beide den Brunnenplatz ab, eine geschlagene Viertelstunde lang. Einmal drohte das Mädchen in die Richtung, die der grüne Wagen eingeschlagen hatte. Dann gab es zwischen Mutter und Tochter eine erregte Auseinandersetzung, nach den heftigen Bewegungen zu schließen, die dabei ausgeführt wurden. Schließlich verschwanden beide im Hause.
Andreas hatte für heute genug gesehen. Er zog das Rohr ein und beschloß zu handeln. Er hängte die Windjacke um und ging zum See hinunter. Hier mietete er ein Boot und ruderte los.
Die Bucht war nicht breit. Die Wasserfläche war von einer kleinen Vrise gekräuselt. Bald hatte er die halbe Strecke hinter sich. Zeitweilig wandte er den Kopf. Rasch näherte er sich dem anderen Ufer. Er legte an und machte das Boot fest. Nun war es bis zum Schloß nicht mehr weit.
Der Verwalter öffnete. Andreas bat um die Erlaubnis, den Turm zu besteigen, und er bekam sie. Der Verwalter übergab den riesigen Schlüssel, der einem Schürhaken ähnelte, mit den Worten: „Sie kennen sich hier aus, nicht wahr?"
„Hinreichend", Jagte Andreas, „Sie brauchen sich nicht hinaufzubemühen."
Die Steintreppe war mit Fallaub verweht. Die Tür knarrte beim Deffncn. Im Stiegenhaus war dicke Luft. Die Eichenbohlen schwitzten einen herben Ruch aus.
Andreas holte tief Atem, als er die Turmstube erreichte. Die Tischplatte enthielt eine Windrose mit Landschaftskarte und drehbarem Zeiger. Rundum waren Schiebesensterchen. Einige mit Farbenglas, so daß man, ganz nach Belieben, den See rot, gelb und grün sehen konnte. Oberhalb liefen in stumpfen, rechten und spitzen Winkeln die Dachbalken, die mit Namen und Reimen verschmiert waren.
Andreas kletterte im Balkenwerk weiter, durch Staub und Spinnweben. Als er sich auf ein dickes Brett schwang, das über zwei Pfosten gelegt war und einen Stapel von Schieferplatten trug, schoß kreischend und mit schlagenden Flügeln der Rabe hervor und entflog durch die offene Dachluke.
Es bot sich ein seltsamer Anblick. Andreas schnippste überrascht mit den Fingern. Er hatte die Schatzkammer des Raben entdeckt. Auf dem Brett waren die tollsten Dinge verstreut: Ein glitzernder Scherben von einer Bierflasche, der glasierte Henkel einer Kaffeetasse, der blanke Schlüssel einer Oelsardinenbüchse, ein Fetzen Silberpapier, ein Perlmutterknopf und — Andreas griff frohlockend zu — ein goldener Ring mit einer kunstvoll gefaßten echten Perle! Der Ring trug die Gravierung „Der Zukunft". Andreas hielt das Kleinod lange zwischen zwei Fingern und machte sich seine Gedanken, wer oder was mit „Der Zukunft" gemeint sei. Dann steckte er den Fund in die Tasche und begann den Abstieg. Unten, wo er den Schlüssel abgab, saß der zahme Rabe am Küchenfenster und wetzte den Schnabel am Rand eines Blumentopfs.
*
„Mutter", sagte Helga zwischen Tür und Angel, „draußen steht ein Herr, der uns beide in einer dringenden Angelegenheit sprechen möchte.
„Uns beide?", verwunderte sich Frau Meller. Sie ließ bitten.
„Mein Name ist Andreas", sagte dieser. „Ich wohne drüben am anderen Ufer und bin eigens herübergerudert, um Sie zu fragen, ob Sie seit andershalb Stunden etwas vermissen."
Mutter und Tochter sahen sich betroffen an. „3a", fagte Frau Meller, „wir oermiffen einen Ring!"
„Mit einer Perle?" fragte Andreas.
„3a!" riefen Mutter und Tochter wie aus einem Munde.
„Und wie lautet die 3nschrift des Ringes?"
„Der Zukunft", erwiderte Helga.
Andreas griff in die Tasche. „Hier bringe ich 3hnen den Ring zurück!" trumpfte er auf, indem er den Schmuck überreichte.
„Gott sei Dank!" seufzte Helga erleichtert. Sie steckte den Ring an den Finger, haschte mit beiden Händen Andreas' Rechte und schüttelte sie: „Vielen, vielen Dank!"
Frau Meller schob einen Stuhl zurecht. „Bitte, nehmen Sie doch Platz", sagte sie. Auch ich danke Ihnen! Sie haben uns einen unschätzbaren Dienst geleistet! Und nun spannen Sie uns nicht länger auf die Folter, erzählen Sie!"
Andreas berichtete ausführlich den Hergang.
,/Durcf) Ihr schnelles Handeln haben Sie auch einen Unschuldigen von einem schlimmen Verdacht befreit", sagte Frau Meller. „Ich hatte gerade vor, zur Gendarmerie zu gehen und nach dem Fahrer des Iahr- marktwagens fahnden zu lassen."
„3d) ahnte es", antwortet Andreas.
Er wurde zum Essen eingeladen. Frau Meller und ihre Tochter überhäuften ihn mit Aufmerksamkeiten. Er erfuhr, daß der Ring ein Geschenk von Helgas Onkel fei. Die Widmung „Der Zukunft" galt Helgas eigener Zukunft. Sie war jetzt siebzehn Jahre alt. Ihr Vater war gestorben. „Sie ist noch das reine Kind", sagte die Mutter, als Helga draußen war.
Andreas fühlte sich so behaglich, daß er das gastliche Haus erst nach Stunden verließ. „Wenn es 3hnen bei uns gefällt", sagte Frau Meller", „dann besuchen Sie uns recht bald wieder. Sie sind jederzeit herzlich willkommen!"
Er horte die Aufrichtigkeit dieser Worte am Ton.
Helga geleitete ihn zur Gartentür. „3d) habe noch eine Bitte, Herr Andreas", gestand sie zögernd.
„Heraus damit!" ermunterte er.
,,3d) möchte furchtbar gern einen Blick durch Ihr Fernrohr tun!" „Wenn es weiter nichts ist — selbstverständlich!"
„Gleich morgen? Dars ich?"


