Schlag. Conrad kennt das, er hat genug Nasenstüber im Leben bekommen; sie haben ihn hellhörig gemacht.
Als er in diesen Tagen in der Dämmerung wieder einmal vom Friedhof zum Gattertor des Gutsparks zurückgeht, läuft ihm die Sophie Marzanke über den Weg. Sie ist das letzte Jahr fortgewesen auf einer landwirtschaftlichen Schule, denn der alte Marzanke hat viel für die Ausbildung seiner Tochter getan; sie hat während des Krieges das Lyzeum in Reppen besucht und ein Töchterheim im Harz. Aber sie ist trotzdem ein Bauernmädel im besten Sinne geblieben. Sie ist nicht besonders hübsch, aber ordentlich und sauber, fest und prall. Als Conrad sie jetzt sieht, weiß er, warum er so gern nach Marzankes Hof Ausschau hielt, wenn er äiber den Friedhofszaun blickte.
„Guten Abend, Sophie", sagt er.
„Guten Abend, Herr Baron."
Sie geben sich die Hände und gehen nebeneinander auf das Gutstor zu. Sophie kommt mit, obgleich der väterliche Hof in der Richtung viel weiter nach links liegt. _
„Wo kommst du denn her, Sophie?" Er sagt „Du": das stammt noch aus der Zeit, in der sie als kleines Mädel mit langen dünnen Beinen gern in den großen Birnbaum hinter dem Gutshof stieg; damals, bevor er nach Amerika ging.
„Ich war beim Schulzen", antwortet sie.
„Du hast wohl was mit Wunderlichs Karl?"
„Pah — derl" Es klingt sehr abweisend.
Noch zehn Schritte sind es bis zum Tor. Merkwürdig, denkt Conrad, daß die Sophie bisher nicht geheiratet hat, sie ist doch die beste Partie aus dem Dorse als Vaters einziges Kind. Mitte der Zwanzig muß sie mindestens {ein, eher darüber. Da ist ihr wohl der Krieg dazwischengekommen. -
Dann stehen sie am Gatter: er ist durch die Nebentür schon in das Grundstück eingetreten und stützt sich jetzt mit beiden Ellenbogen aus die Latten, gegen die sie sich mit dem Rücken von außen anlehnt. So sehen sie beide auf den Anger hinaus, dicht nebeneinander. Sie sprechen vom Dors und sehr sachlich von den Feldern, er horcht sie ein wenig aus nach den Schweinen und nach der Kälberwirtschaft, und nach dem, was sie auf der Landwirtschaftsschule gelernt hätte. Sie antwortet, sie erzählt. So vergeht wohl fast eine halbe Stunde; bis es merklich kalt wird. Es ist doch noch Februar.
„Mußt du denn nicht nach Haus, Sophie?" fragt er.
„Die können ruhig mal warten."
Da nimmt er ihren Kopf und gibt ihr einen Kuß mitten auf den Mund.
Das geschieht so schnell und so plötzlich, daß sie sich im ersten Augenblick nicht wehrt. Dann aber reiht sie sich los mit solcher Gewalt, daß er fast das Gleichgewicht verliert.
„Brav so", sagt er und läuft ihr nach, überholt sie und schneidet ihr den Weg zum Haus ab, Äls sie das bemerkt, wendet sie kurz, schlägt einen Haken wie ein Hase und ist gleich darauf aus dem Dorf hinaus, da, wo es zwischen dem Marzankeschen und dem Hackerschen Hof aufs freie Feld geht; sie will ihm wohl von rückwärts zwischen den Scheunen in das väterliche Anwesen entwischen.
Donnerwetter, kann das Mädel laufen, denkt er, das ist eine wahre Freude. Er muß sich richtig anftrengen, um sie zu fassen. Dann aber packt er sie mit eisernem Griff.
„Dumme Göre", sagt er, „stell dich doch nicht so an." Er hat ihr die Hand ins Genick gelegt und schüttelt sie.
„Lassen Sie mich los."
„Red nicht, hör lieber zu. Ich brauch' eine Frau, verstehst du, eine Frau, die mir das Haus in Ordnung hält und den Hof."
„Das ist ja alles Unsinn."
Er preßt die Hand fester um Ihr Genick; ein fester, kräftiger Hals ist das, auf dem man schon einen Kopf stolz und aufrecht tragen kann. Gute Raffe hat die Sophie, Bauernraffe, an der noch nichts verfälscht und weich geworden ist; es macht richtig Freude, sie so zu packen und zu fassen.
„Au", sagt sie.
„Den Mund halten sollst du. In vier Wochen wird geheiratet. Keine Widerredei Verstanden?"
„Aber wenn ich nicht will?"
„Nicht wollen? So was gibt's bei mir gar nicht." Er läßt sie los. „So, nun lauf doch weg."
Sie blfibt stehen.
„So lauf doch", sagt er noch einmal.
Sie rührt sich nicht vom Fleck.
Da nimmt er wieder ihren Kops und küßt sie wieder. Und sie läßt es sich gefallen.
.Hast du mich lieb, Sophie?" fragt er nach einer Weile.
„Ja", antwortet sie.
„Seit wann denn?"
„Seit eben." ♦
Anfang Marz wird Bernd zu seinem Direktor gerufen. „Sie müssen der Firma einen Gefallen tun, Herr von Wallnitz, und morgen abend die beiden Holländer, mit denen wir heute vormittag verhandelten, durch Berlin führen. Sie sind zwar keine besondere Klasie, aber es ist wichtig für uns. daß wir den Auftrag hereinbekommen. Solche Leute müssen sehen, daß in Berlin noch etwas los Ist Also: Theater, zwei, drei elegante Restaurants, barfn noch ein Nachtlokal. Was es kostet, ist ganz gleichgültig. Sie kennen sicher genug Stellen, an denen Betrieb ist, und Sie wissen, um was es sich für uns dreht. Zwilchen ein paar Flaschen Sekt läßt sich manches leichter besprechen."
Bernd liegt der Auftrag gar nicht, er will sich weigern, aber es heißt: „Wir legen Wert daraus, daß gerade Sie es machen Die Herren haben den besten Eindruck von Ihnen gewonnen. Sie sind ein eleganter Mann.
Sie haben den Namen. So was imponiert. Also ziehen Sie sich den Smoking an und bummeln Sie mal eine Nacht durch auf Kosten der Firma. Das ist doch nicht so schwer."
,Sie haben den Namen.' Der Schlag sitzt. Er trifft ganz anders, als er gemeint war.
„Es ist also Befehl der Firma, Herr Direktor?
„Wenn Sie es durchaus fo auffaffen wollen: ja." —
Notz ist feit jenem Abend mit den Baliikumern nicht in der Hohen- zollernstraße gewesen, über vier Wochen nicht. Bernd hat auf ihn gewartet, er hat kein Wort vergessen von dem Gespräch jener Nacht, er hatte Lexe beobachtet, ohne jede Eifersucht beobachtet; gewiß: sie hat einige Male nach Notz gefragt, aber nie anders, als sie noch anderen Menschen fragt, die in Irenes Haus kommen. Es ist wohl doch Unsinn, was Notz da geschwatzt hat in seiner trunkenen Stimmung. Nun schämt er sich gewiß seiner Worte. Am besten: man baut ihm eine Brücke.
So ruft Bernd ihn an. „Du mußt mir helfen, Notz ...
Notz hat sofort fein sicheres Lachen am Telephon; er ist unverändert.
„Natürlich komme ich mit, Käpten", sagt er. „Ich werde den Leutchen schon einheizen." Und er entwirft gleich ein Programm. „Auf Kosten der Firma, das mach' ich gern. Wird deinen Leuten erhebliche Lappen kosten. Wenn Notz so etwas deichselt, wird es erstklassig, aber teuer.“ Er hat eben das, was Bernd fehlt: etwas leichtnehmen können und etwas Leichtes mitnehmen können, ganz gleich, wie die Zeit ist.
Die Holländer find Menschen von dem Schlag, dem ein Bummel durch das nächtliche Berlin Spaß macht.
Als sie nach dem Theater — sie haben sich eine der jetzt üblichen Revuen angeseyen mit eindeutigen Chansons und vielen Balletts halbnackter Frauen — in einem der großen Hotels essen, sagt Wallnitz zu einem von ihnen: „Fanden Sie diese Revue schön? Ich fand sie ekelhaft.“
Der Holländer häuft sich den Kaviar, den Notz bestellt hat, auf fein Röstbrot, läßt den Bissen mit großem Behagen über die Zunge gleiten und trinkt ein Glas Sekt nach. „Warum ekelhaft?“ fragt er. „Ich sehe so was ganz gern. Hübfche Frauen, die die Beine werfen, weshalb nicht? Es ist jetzt überall das gleiche. Kommen Sie mal nach Paris oder nach London, da können Sie was erleben. Und felbft in unserem braven Amsterdam fangen sie schon mit solchen Sachen an. Was wollen Sie? Der Krieg ist vorbei. Erst war das Sterben an der Reihe, jetzt ist das Leben dran."
Sie essen viel und gut. „Bei den Holländern scheint die Liebe durch den Magen zu gehen", sagt Notz.
Dann läßt er eine Autodrvschke vorfahren und ruft dem Chauffeur zu: „Mascotte". — „Js jut", brummt der. Er hat einen zerschlissenen feldgrauen Mantel an, aus dessen Schulternähten die Achselklappen getrennt sind, aber die alten Knöpfe mit dem preußischen Königsadler sitzen noch auf dem Stoff; die zerquetschte Soldatenmütze ohne Kokarden hat er tief ins Genick geschoben.
Als sie in der Behrenstraße vor dem hellerleuchteten Portal halten, drängen sich Bettler an den Wagen, sie bieten Streichhölzer, Zeitungen und Schuhsenkel an, manche halten auch nur die geöffnete Hand hin; sie haben Stelzen unter den Knien oder Krücken unter den Achseln, sie schütteln sich und zucken, wie es Verschüttete tun, .sie krächzen: „Kriegsbeschädigt, schwer kriegsbeschädigt, Herrl" und tragen Lumpen der Röcke, die norm Feinde ein Ehrenkleid waren. Ein Hüne von Pförtner mit feistem Gesicht und dickem Bauch treibt sie auseinander, und sie kuschen und ducken sich vor feinem leuchtend roten, goldbetreßten Rock und feinem mannshohen Stab mit der blitzenden Messingkugel an der Spitze. „Weg da. Bitte sehr, meine Herren, treten sie ein." — In einem Atemzuge flucht er und ist höflich.
Bernd zieht den Mantel enger um sich und schlägt den Kragen hoch; er schämt sich der weihen Hemdbrust, die doch noch hervorleuchtet. Und das Gefühl der Scham bleibt in ihm, als er mit den anderen die breiten teppichbelegten Stufen hinaufschreitet. Draußen, wo die zerlumpten Menschen stehen, war es bitter kalt, hier in diesem Treppenhaus ist es überwärm. Ein Dunst von Parfüm und Zigarettenrauch schlägt ihm entgegen und Fetzen von Tanzmusik. Auf einer Zeitung, die unten feilgehalten wurde, stand als Schlagzeile: „Schüsse im Ruhrgebiet. Drei Tote .
„Frische Rosen, mein Herr, schöne Nelken.“
„Danke.“ Bernd sagt es scharf.
Pagen in hellblauen Jacken, Tellerkäppis auf den pomadisierten Köpfen, nehmen ihnen die Mäntel ab. Die Holländer treten vor einen Spiegel und ziehen sich die Krawatten zurecht.
Notz nimmt Wallnitz beifeite. ,Zch will dir mal was sagen, Käpten, jetzt setze aber ein anderes Gesicht auf. Sonst streike ich nämlich, versiehst du. Hier wird getanzt und Betrieb gemacht. Du tust gerade so, als ob das eine Schande wäre. Jedes zu seiner Zeit, mein Lieber. Wir beide haben unsere Pflicht draußen lange und ausgiebig genug getan und fchusten jetzt wieder. Da können wir auch mal saufen und luftig fein."
Der Saal — ganz in Rot und Gold gehalten und strahlend erleuchtet — ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Eine Kapelle in weißen Fräcken sitzt auf halbhoher Empore hinter einem dicksäuligen Gitter in mißverstandenem modernem Barockstil und handhabt Schlagzeug und Saxophon. Auf dem Parkett drängen sich die Paare, die Herren sind durchweg im Frack oder Smoking, die Damen in großen Abendkleidern; man tanzt Foxtrott, die neueste Errungenschaft, frisch von Amerika eingeführt: man preßt die Leiber aneinander, wackelt Im Takt, springt und rast.
ckvie Holländer lachen. „Ich fag's ja, überall dasselbe. Die ganze Welt ist verrückt geworden."
Ein Geschäftsführer geleitet sie, ein freier Tisch wird gesunden, zwei Kellner Mrten herbei, der eine reicht die Wein-, der andere die Spe'^n- karte. „Wir haben schon gegessen", sagt Notz, dann wirft er einen Blick aus die Liste. „Eine 215."
(Fortsetzung folgt.)


