Jahrgang 1938

Freitag, den 6. Mai

Nummer 35

MehenerZaiiiilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Hey Im Schild

Aoman von ^ono^ofpot von Zobeltitz

<Iopyrigf)t by deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

21. Fortsetzung.

Die letzten Februartage 1920 sind voll Wärme. Die Sonne scheint vom frühen Morgen bis zum späten Abend, die Krume auf dem Acker wird weich, und es riecht nach Frühling.

In Dapper führt Conrad das Regiment. Er hat nun schon eine Be­stellung geleitet und eine Ernte eingebracht. Der Bater hat sich oben im Haus in sein Giebelzimmer zurückgezogen und will nichts mehr von der Arbeit draußen wissen. Alte Bücher hat er sich herausgeholt und liest in ihnen. Aber er rührt keine Zeitung an.Die Politik, die jetzt gemacht wird, verstehe ich doch nicht", sagt er.

Daß Bernd einmal Herr auf Dapper werden sollte, davon.ist nie mehr die Rede. Conrad war eben eines Tages da und hat ganz selbstverständ­lich die Zügel ergriffen. Es gab gar keine Frage und keinen Wider­spruch. Im Herbst ist dann Bernd mit seiner Frau für ein paar Tage nach Dapper gekommen: die beiden sind über die Felder gegangen und durch die . Forst gewandert, aber gesagt hat Bernd nichts, nichts von seinem Sohn und nichts vom Erbe. Conrad und Lexe haben sich gut verstanden, er hat seine Witze mit ihr gemacht, und sie hat dazu gelacht. Wie ein junges^Mädel, hat Conrad denken müssen, und nicht, als ob sie schon fünf Jahre Frau wäre und zwei Kinder hätte. Als dann der Wagen, der Bernd und Lexe zur Heimfahrt an die Bahn brachte, durchs Gattertor gefahren war, ist Conrad mit dem Vater nach oben in die Stube gegangen, deren Fenster in die Wipfel der alten Kastanien sehen. Bernd gefällt mir nicht", hat Conrad gesagt,er hat gar keinen Murr mehr in den Knochen. Und aus der Frau hat er auch nichts gemacht, das ist schade. Da ist viel gutes Material. Aber so wird sie das Kindliche nie loswerden. Gar keine Entwicklung hat sie durchgemacht. Vielleicht ist sie wirklich noch so jung, innerlich, mein' ich. Vielleicht steckt aber auch ganz etwas anderes dahinter."

Tüchtig ist Conrad. Das sieht der Vater, und das sehen selbst die Nachbarn, wenn es ihnen auch schwerfällt, es anzuerkennen, denn er ist anders als sie. Er hat noch nirgends auf den Gütern seinen Besuch ge­macht und sich in der Neumark zurückgemeldet, er kommt nicht an den Stammtisch in der Kreisstadt und hat seine Hasen allein geschossen. Aber er schuftet wie ein Bauer, er packt mit zu, wenn es pflügen oder ernten Heißt, er sitzt selbst auf dem neuen Traktor, den er gekauft hat, und hilft einer Kuh beim Kalben wie ein Schweizer.Weg da", sagt er zu den Knechten, wenn eine Last schwer ist,in Hoboken habe ich ganz andere, -Sachen gestemmt." Die Leute achten ihn und seine Kraft, aber die Nachbarn sagen:Amerika klebt ihm noch an den Aermeln."

Die Landwirtschaft verdient in dieser Zeit viel: und Conrad hat von drüben das Gefühl für Konjunktur mitgebracht, er läßt sich jedoch nicht von den Phantasiezahlen der absinkenden Mark zu falschen Rechiiungen verlocken wie sein Nachbar auf Grunfcld, der in den Wirbel der Speku­lation hineingerät und glaubt, plötzlich auch etwas von Bankgeschäften verstehen zu müssen So kommt der Tag, an dem jener am Zusammen­brechen ist. Da greift Conrad zu, zielsicher und willensstark, und bringt das Gut an sich und mit ihm den Boden, der Dapper seit fast zwei Jahr- dunderten gefehlt hat. Auf den Gütern ringsum wird ihm dies Zupacken verübelt. Aber die Bauern sagen:Donnerwetter, der versteht es!" Er sitzt mit ihnen im Krug und gibt eine Lage zum besten.Sehen Sie sich man vor, Marzanke", ruft er und lacht,daß ich mir Ihren Hof nicht auch noch schnappe." Die anderen lachen mit, aber da kippt er seinen Korn Hinunter, haut auf den Tisch und sagt:Oder sonst was."

Oft geht Conrad hinüber auf den Friedhof, der mitten im Dorf rund im die kleine Kirche liegt. Er findet: dort ist es nicht so einsam wie in Daus und Garten: er kann über den Friedhosszaun sehen, etwa zum ssarrhaus hinüber, wo die Frau Pastor am Samstagnachmittag immer >as Küchenfenster aufmacht, um den Dunst von dem Rotkohl herauszu- bften, den es am Sonntag zum Schweinebraten geben soll, oder zum schulhaus, vor dem die Frau Lehrer Wäsche an die Leinen steckt, oder iänüber zum Hof des Bauern Marzanke. Das ist ein schöner Hof, nur < seine Aecker zum Teil mitten in das Gutsland schneiden, ist ärger- Ich: der Großvater Wallnitz hat sie dem Großvater Marzanka ver­tust, als er in einer Geldklemme war und der Bauer Taler im Strumpf Wie. Das haben sie ja meist. Conrad wartet, ob auch bei Marzankes n Fenster ausgemacht oder Wäsche aufgehängt wird; aber das nur nebenhin.

Die Hauptsache sind ihm die Gedanken; die besten, meint er, kommen auf dem Friedhof zu ihm. Er staun Rücksprache halten mit allen, die da liegen; das ist eine lange Reihe von Wallnigen, deren Gräber wohlaus­gerichtet in preußischer Ordnung nebeneinander geschichtet sind, Hügel bei Hügel; zu Häupten jedes Toten hebt sich ein schlichtes Marmorkreuz, das Namen, Rang und Stand, Geburts- und Todestag kündet. Ein Kreuz gleicht dem anderen, nur daß die ältesten von Sonne, Sturm und Regen schon zernagt sind, man muß scharfe Augen haben, wenn man die Schriftzeilen lesen will, etwa die jenes Bernhard von Wallnitz, Herrn auf Dapper, Kgl. Preußischen Obristlieutenants, gefallen bei Soor am 30. September 1745. Es läßt sich gut mit ihnen reden, weil sie dem Heimatboden noch näher find als er selbst. Aller Urgroßvater", kann er fugen,was würdest du denn im nächsten Jahr aufs Feld am Busch- graben geben, Kartoffeln oder Hafer?" Oder er kann sie auch beschimp­fen, weil sie manches 'nertan haben, was besser beim Gut geblieben wäre. Sie antworten nicht mehr, aber die Reihe ihrer Kreuze mahnt: Wir haben das Land doch gehalten, halte du es weiter.

Ja, Conrad liebt den Weg über den Anger vom ßattentor des Guts- purkes zur kleinen Friedhofspforte, die sich in ihren rostigen Angeln seit seiner Kindheit mit dem gleichen quietschenden Ton dreht. Er kann da drüben auch über die Lebenden nachdenken, wenn er lange genug mit den Toten gesprochen hat. Heber Bernd zum Beispiel.Du bist immer zu weich gewesen, mein Junge, deshalb siehst du jetzt auch so käsig aus und bist nicht Fisch, nicht Vogel, nicht mehr Offizier und noch nicht Kaufmann. Und das wird kaum besser werden mit dir, leider. Kaufmann ist nichts für uns, und die Großstadt schon gar nichts. Wenn wir den bunten Rock ausziehen oder von der Scholle 'runtermüssen, gehen wir meistenteils kaputt. Adel ohne Schwert und ohne Boden halt sich, noch eine Generation oder höchstens noch zwei, dann stirbt er aus zwischen den fremden Häusern, denn er braucht sein eigen Haus und seine eigene Scholle zum Dasein. Sieh dich um, Bernd, und du wirst mir recht geben müssen. Ich werde mal mit dir darüber sprechen, in allem Ernst. Kauf dir einen Bauernhof und fang von vorne an, damit dein Junge den Fuß auf den Spaten stellen lernt und die verfluchte Weichheit los wird, die dir im Blut steckt."

Er sieht wieder zu Marzankes Hof hinüber und fährt in seinem Selbstgespräch fort:Das mit der Weichheit in uns muh überhaupt auf- hören. Mich hat sie in der Jugend schlapp gemacht, damals, als ich die Finger nicht von den verfluchten Karten taffen konnte; und du haft dich dein ganzes Leben mit ihr 'rumgekeilt. Bei mir war es der Leichtsinn. Bei dir war es das Herz. Wenn wir immer erst stark werden fallen, wenn uns ein Krieg in die Lehre nimmt, .so ist das. ein zu kostspieliges Vergnügen. Und dir hat selbst der Krieg nichts genutzt. Wir brauchen eine andere Auffrischung, eine unmittelbar aus dem Blut heraus Die Czehs waren auch schon müde und die Eilslebens ganz und gar, und mit Mutters Familie ist es nicht viel besser. Auch da muß etwas ge­schehen."

Dann gibt es noch ein Kapitel, über das er viel nachdenkt, das han­delt vom öabanter in Reppen und feiner Verwandtschaft und Freund­schaft, die ihm seinerzeit in Straßburg die Wechsel über den Tisch ge­schoben haben.Unterschreiben Sie doch das Papierchen, Herr Leutnant, was kann es Ihnen schon schaden? Der Herr Baron Vater ist doch ein großer Herr, was machen dem die paar Mark? Lassen Sie doch einen armen Jüd auch mal was verdienen."

Da war noch eine Rechnung zu begleichen, die ging weit üher seinen eigenen Fall hinaus, sie ging das ganze Volk an; sie trug auch Er­innerungen an Neuyork in sich, wo die Labanters gleichfalls hinter allem Elend steckten und wie in Deutschland auf der einen Seite hetzten und auf der anderen das Geld in ihre Säcke strömen ließen. In Berlin führten die Leute jetzt das ganz große Wort. Das mußte ihnen gelegt werden. Aber Conrad weiß noch nicht, wie er an diese Rechnung heran­kommen kann.

Wenn er vom Friedhof zum Gutshaus zurückkehrt, ist ihm stets wohler zumute, er hat sich mit sich selbst freigesprochen. Es ist bann etwas von der Wut vom Herzen herunter, die ihn packt, wenn er die Zeitungen lieft. Er fährt nicht mehr nach Berlin und nach Frankfurt höchstens, wenn er zur Steuer muß, die dem Landwirt besonders scharf im Nacken sitzt. Die Herren in Berlin möchten den Bauern nur allzugern kleinkriegen, weil er ihnen mit seinem vaterländischen Denken nicht in ihren internationalen Kram paßt, und da es ihnen nicht gelingt, ihn ge­sinnungsmäßig zum Lumpen zu machen, versuchen sie ihn wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Eine feine Taktik.

Und nun ist dieser Februar da mit seinen verführerisch schönen Tagen, die einem ins Blut gehen, als fei es schon Frühling. Der Winterroggen will sich bereits ins frische Grün verfärben, und an den Büschen setzen überall die Knospen dick an. Man könnt« sich von Herzen freuen, wenn nicht die Angst vor den Märzfrösten wäre. Aus Allzugutes folgt ja meist ein